Im Kino

Entglamourter Killer

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
10.06.2008. In John Dahls Mafiakomödie "You Kill Me" begegnet ein Auftragskiller mit Alkoholproblem am Sarg ihres Stiefvaters der Frau fürs Leben. Im jüngsten Werk aus der Apatow-Komödienfabrik "Nie mehr Sex mit der Ex" gibt es einen echten Penis und - eher als Beiwerk - leichtbekleidete Frauen auf Hawaii.

"You Kill Me": Auftragskiller mit Alkoholproblem in Mafiakomödienskript mit Klischeeproblem. Buffalo im Staate New York ist der Ort. Hier steckten neulich schon "Die Geschwister Savage" ihren Vater schlechten Gewissens ins Heim. Unglamouröse Mafiafiguren, da hört man gleich "Die Sopranos" trapsen. Hier gibt es eine Polenmafiavariation und statt Psychotherapie die Anonymen Alkoholiker.

So geht es los: Frank Falenczyk (Ben Kingsley) verschläft einen Auftrag, das rächt sich später gewaltig. Seine polnischen Freunde schicken ihn, da hilft kein Widerspruch, zur Ausnüchterung ins kalifornische San Francisco. Ein Mann namens Dave (Bill Pullman) passt auf ihn auf. Er verschafft ihm auch einen Job als Leichenrekonstruktionsgehilfe. Hier trapst "Six Feet Under", es sieht auch alles sehr ähnlich aus wie bei Fisher & Diaz. Das Drehbuch, ist zu lesen, macht schon eine Weile in Hollywood die Runde und an manchen Stellen riecht es nicht mehr so gut.

Gedreht wurde der Film aus Kostengründen weder in Buffalo noch - mit Ausnahme eines Drehtags - in San Francisco, sondern in Winnipeg, Manitoba, der kanadischen Stadt, der jüngst Guy Maddin ein eigenwilliges Denkmal gesetzt hat. Der Ort und überhaupt bedenklich vieles ist dem Film einfach egal, solange die Stimmung stimmt. Zum Stimmen der Stimmung gehört mal spanisch, mal polnisch klingende Melancholiemusik. Sie geht recht bald auf die Nerven.


Bei den AA-Sitzungen macht Falenczyk die Bekanntschaft eines unfrohen Schwulen aus der Wes-Anderson-Schule (Luke Wilson): Alkoholismuskomödie mit Schwulenklischeeproblem. Beim Leichenbestatten macht Falenczyk die Bekanntschaft einer zur Trauer wenig gestimmten schönen Stieftochter namens Laurel Pearson: Liebesgeschichte mit Plausiblitätsproblem. Tea Leoni als Laurel reißt, herb aber herzlich, immerhin manches raus. Frank gesteht ihr beim ersten Date seinen Alkoholismus, später offenbart er ihr auch seine Tätigkeit im Killer-Gewerbe. Vor allem an letzterer zeigt sie mehr als nur höfliches Interesse.

Der Film sucht seine Komik im lakonisch vorgeführten Kontrast von unmenschlicher Untat und allzumenschlichen Schwächen. In der Entglamourung des Auftragskillergenres jagt er Pointen und will zuletzt doch wieder Chic. John Dahl, sollte man meinen, wäre für all das der richtige Mann. Er hat in den neunziger Jahren wirklich böse Noir-Stücke gedreht hat ("Red Rock West", "Last Seduction"), bei denen Ton und Timing stimmten. In "You Kill Me" dagegen wird an Oberflächen herumpoliert, bis hier und da etwas glänzt: eine Dialog, eine Einstellung, auch mal ein Scherz. Der Rest ist eine Mischung aus auch nach Entglamourung übrig bleibendem Restbestand an Zynismus, doofen Klischees und ärgerlichen Witzen auf Kosten von Dicken und Unglücklichen.

Ekkehard Knörer

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Am Anfang ist der Penis. Aufdringlich unaufdringlich setzt "Nie wieder Sex mit der Ex" Jason Segels Geschlechtsteil ins Bild. Schuss / Gegenschuss mit Penis: Das ist in Hollywood nach wie vor eine Seltenheit. Produzent Judd Apatow, ohne den im Komödiengenre zur Zeit nichts zu gehen scheint, pitcht sein neuestes Werk denn auch als "der Film mit dem Penis".

In der entsprechenden Szene macht Sarah Marshall (Kristen Bell) mit ihrem langjährigen Freund Peter Bretter (Jason Segel) Schluss. Der Hauptgrund dafür ist Aldous Snow (Russell Brand), ein britischer Popsänger mit wilden Locken und dezidiert europäischer Sexualmoral, doch das erfährt Peter erst einige Wochen später, als er auf der Flucht vor den Erinnerungen nach Hawaii flüchtet und dort zufällig im selben Hotel landet wie Aldous und und seine blonde Ex.

Der größte Teil des Films, der im Original weit weniger unbeholfen "Forgetting Sarah Marshall" betitelt ist, spielt dann auf Hawaii. Vor bonbonbuntem Postkartenhintergrund stolpert Peter anfangs noch reichlich unbeholfen um das verliebte Paar herum, langsam aber sicher richtet sich seine Aufmerksamkeit aber auf die brünette Rezeptionistin Rachel Jansen (Mila Kunis) und bald nimmt eine romantische Komödie genau den Lauf, den man von ihr erwartet.

Reichlich schematisch ist diese Haupthandlung auch, weil sich "Nie wieder Sex mit der Ex" nur für ein Geschlecht interessiert. Wie in fast allen Apatow-Filmen sind die Frauenfiguren - vorsichtig ausgedrückt - nicht sonderlich interessant. Kristen Bell etwa wurde durch die vielschichtig angelegte Titelrolle der großartigen Detektivserie "Veronica Mars" bekannt. "Nie wieder Sex mit der Ex" greift diese Figur zwar als intertextuellen Verweis auf - Sarah Marshall ist im Film Hauptdarstellerin eines trashigen CSI-Verschnitts -, weiß selbst mit Kristen Bell aber nicht viel anzufangen. Fast schon peinlich ist eine Szene, in der Bell und Kunis über Männerzugriffsrechte verhandeln und sich dabei in jämmerlichen Klischees verstricken.


Interessanter ist, was um die Haupthandlung herum passiert. In "Nie wieder Sex mit der Ex" geht es zuerst um dieselbe Form neurotischer Männlichkeit, die Apatows Filme mittlerweile seit einigen Jahren in verschiedene Richtungen ausführen. Auf Hawaii hat diese Männlichkeit vielleicht ihre zwangsläufige Heimat gefunden: Das Wetter ist schön, die Frauen haben wenig an und wirklich arbeiten müssen nur die wenigsten - oder besser: nur die anderen. Freigestellt von den Zwängen der klassischen Arbeits- und Familienwelt können die Männer ihren Neurosen und Fetischen freien Lauf lassen. So hängen denn die Apatow-Regulars hauptsächlich am Strand ab: Jonah Hill aus "Superbad" gibt einen Kellner mit vagen musikalischen Ambitionen, Paul Rudd ist ein Surflehrer und Möchtegern-Sunnyboy, dem die Dauerhitze das Gehirn bereits ordentlich vernebelt hat.

Einige wunderschöne Szenen gelingen an diesen Stränden, aber richtig gut funktioniert "Nie wieder Sex mit der Ex", zweifellos eine der schwächeren Apatow-Produktionen, selten. Kehrt der Film zur zentralen Romanze zurück, wird es oft entsetzlich zäh und das Dracula-Puppenmusical, das Peter Bretter als Teil seiner Beziehungstherapie komponieren darf, ist gleich in mehrfacher Hinsicht gruslig. Dafür hat ganz am Ende Jason Segels Penis gleich noch einen Auftritt.

Lukas Foerster

You Kill Me. USA 2007 - Regie: John Dahl - Darsteller: Ben Kingsley, Tea Leoni, Luke Wilson, Dennis Farina, Philip Baker Hall, Bill Pullman, Marcus Thomas, Scott Heindl, Aron Tager, Jayne Eastwood, Aaron Hughes, Devin McCracken

Nie wieder Sex mit der Ex. USA 2008 - Originaltitel: Forgetting Sarah Marshall - Regie: Nicholas Stoller - Darsteller: Jason Segel, Kristen Bell, Russell Brand, Mila Kunis, Paul Rudd, Bill Hader, Jonah Hill, Kala Alexander, Liz Cackowski, Maria Thayer, Davon McDonald