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Im Kino

Eine Art Sündenfall

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Jochen Werner
18.09.2013. Ein Cruising-Spot wird in Alain Guiraudies "Der Fremde am See" zur veritablen homosexuellen Heterotopie. Mit sagenhafter Gelassenheit entwirft David Twohy in "Riddick" ein kleines, fieses B-Movie jenseits aller Zielgruppenoptimierung.


Die Kultur des schwulen Cruising ist längst eine verschüttete, und wer heute unverbindlichen gleichgeschlechtlichen Sex ausüben will, der drückt sich längst nicht mehr in nächtlichen Parks oder an versteckten Seeufern herum, sondern tippt auf Displays herum und schaut auf Bildschirme. Schade eigentlich, so meint man jedenfalls, wenn man Alain Guiraudies "Der Fremde am See" sieht. Zeichnet doch der französische Regisseur, der für seinen neuesten Film die Queer Palm in Cannes gewann, den während der gesamten Spielzeit niemals verlassenen Cruising-Spot an einem idyllischen Waldsee als eine veritable homosexuelle Heterotopie.

Die Tage dort haben etwas Gleichförmiges, das doch immer wieder in sich verschoben ist. Jeder Tag beginnt mit der gleichen Einstellung: ein Blick von schräg oben auf einen kleinen Parkplatz, inmitten des Waldes. Franck, der Protagonist von "Der Fremde am See", der, bei dem wir stets bleiben und durch dessen Augen wir das Geschehen ziemlich konsequent wahrnehmen, fährt dort jeden Tag vor, lässt sein Auto stehen und betritt das beinahe magische Territorium. Die Autos jedoch, die bereits dort geparkt sind, ergeben jeden Tag andere Muster, neue Konstellationen - und spiegeln darin das freie, von Begierde und Zufall gelenkte Zusammenfinden und Auseinanderdriften der Männer am See.

Einmal fragt einer, ob es dort auch Frauen gäbe: "Geile Weiber, du weißt schon." Franck schaut ihn verblüfft und etwas spöttisch an und legt ihm nahe, dass er wohl am falschen Ort ist; wirklich undenkbar wäre das in den eigenwilligen Welten von Alain Guiraudies Kino dennoch nicht. Sexuelle Befreiung meint wirkliche Freiheit, Freiheit von allen Hemmungen - jung oder alt, dick oder athletisch, hässlich oder attraktiv, Mann oder Frau, alles das tat oft wenig zur Sache in Guiraudies Filmen, in denen es sich schöner lebte, weil alle füreinander Lust zu empfinden und sich gegenseitig Lust zu bereiten willens und imstande waren. Der Schritt an den See markiert vielleicht eine Art Sündenfall.



Das Element des Phantastischen nämlich, das für Guiraudies Kino bislang so prägend war - zahlreiche seiner Filme spielten in anachronistischen und gleichzeitig seltsam gegenwärtigen, prosaischen Fantasy-Welten - ist in "Der Fremde am See" abwesend. Zumindest beinahe: Ein riesenhafter Wels, so hört man gelegentlich die Männer am Ufer miteinander halbspöttisch tratschen, treibe im See ein Unwesen - fünf Meter lang, vielleicht gar zehn. Zwar ist dieser nie zu sehen, aber das waren die mysteriösen "Ounaye" in Guiraudies halblangem Hauptwerk "Du soleil pour les gueux" auch nicht. Ein Märchenland kann im idiosynkratischen Kosmos dieses Filmemachers durchaus in einer schlichten, flachen Wiesenlandschaft erstehen - und ein Alptraum kann in die Idylle am Ufer des sonnenbeglitzerten Sees jederzeit einbrechen. Auch wenn er hier schleichend, unter der Maske einer Liebesgeschichte, in die Routinen des losen Zusammen- und Auseinanderstrebens eindringt.

Das Begehren ist schon in dem Moment vergiftet, in dem es sich fokussiert, in dem es sich auf eine konkrete Person richtet statt frei zwischen den Körpern zu flottieren. Hier spaltet es sich auf: zwischen Franck und dem Außenseiter Henri, der stets abseits der Szenerie sitzt und so gar nicht mit den dort präsenten Schönheitsidealen zur Deckung kommt, entwickelt sich eine Art Freundschaft, die vielleicht eine Liebe sein könnte. Wenn nicht das ungezügelte Begehren wäre, das Franck dem mysteriösen Michel entgegenbringt, der anfangs noch einen Freund hatte, dann nicht mehr und der vielleicht ein Mörder ist. Nein, der bestimmt ein Mörder ist: der Film lässt wenig Raum für Zweifel, aber Franck will das nicht so genau wissen und wir vielleicht auch nicht.

Natürlich gibt es vor der Wahrheit und dem Einbruch von Gewalt und Grauen auch in Alain Guiraudies Zauberwelt kein Entkommen. Die Leiche des jungen, schönen, toten Mannes wird gefunden, ein Kommissar beginnt unter den Schwulen des Seeufers zu ermitteln, Franck deckt Michel und wird doch allmählich argwöhnisch. Die junge Liebe, die vielleicht doch nur eine flüchtige Affäre war, birgt Abgründigkeiten und Reibungsflächen, und am Ende, wenn "Der Fremde am See" in ein furchterregendes, alptraumartiges Nachtdunkel taumelt, wird es nicht bei einer Leiche geblieben sein.

Jochen Werner

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Dass mir der Film gefallen wird, wusste ich schon fast bei der ersten Einstellung: Urzeitvögel kreisen am Himmel, einer davon - nicht allzu perfekt digital animiert - gleitet mit der Kamera nach unten, lässt sich auf einem Felsen nieder. Mit diesem B-Movie-Ungetüm blickt der Film auf seine Welt, auf die Hauptfigur, den Söldner Riddick (Vin Diesel), der auf einem unwirtsamen Planeten gestrandet ist, am Anfang platt auf dem Boden liegt, sich dann aufrappelt, in eine wüste Welt hinausschaut, die er ohne seine dunkle Brille nur schemenhaft erkennen kann. Und in der er sich erst einmal gegen diverse Weltraumbestien behaupten muss, vor allem gegen eine skorpionartige, die auf dem Grund eines Teiches lebt und die nur durch jene Kombination aus totaler Enthemmung und fast ballettartiger Körperbeherrschung zu bezwingen ist, die den Actionantihelden Riddick auszeichnet.

Nur aus dem stiernackigen Vin Diesel, hässlichem Urvieh und ein paar Steinbrocken besteht der Film zunächst; denkbar weit weg ist das alles von jenen überproduzierten Blockbustern, die das Kino in den letzten Monaten wöchentlich heimgesucht haben, von jenen filmischen Monstren mit ihren Westentaschen-Mythologien, Kindheitstraumata und am soziodemografischen Reißbrett zusammengestellten Figurenensembles. David Twohys Film ist das perfekte Gegengift: lean and mean, an postmodernem Augenzwinkern ebenso wenig interessiert wie an Christopher-Nolan-Schiksalsschwere, ein gut gemachter B-Film fern jeder Zielgruppenoptimierung. Gut, pro forma ist auch "Riddick" Teil eines Franchises: 2000 tauchte der Söldner erstmals auf, im gut beleumundeten "Pitch Black", 2004 ein zweites Mal, im ganz und gar nicht gut beleumundeten "The Chronicles of Riddick". Dass fast zehn Jahre später ein dritter Film folgt, ist dem Vernehmen nach mehr Vin Diesels Vanitas als irgendetwas sonst geschuldet.

Sei's drum. Man kann "Riddick" problemlos für sich selbst genießen, die back story beschränkt sich (nun gut: fast) auf vier nackte Frauen, die cool, herausfordernd und ein wenig wie von oben herab in Richtung Kinozuschauer blickend zum tableau vivant drapiert beieinander liegen; und fortan, so könnte man sich das vorstellen, wie dezent gelangweilte und nicht unbedingt wohlwollende, eher spöttische Göttinnen über dem Film wachen. In der Gegenwart des Films geht es erstens ums Überleben, zweitens darum, den Handlungshorizont ein wenig zu erweitern: erst mal den Tieren entkommen, dann vielleicht gleich ganz dem Planeten. Irgendwann gelangt Riddick zu einer verlassenen Forschungsstation, von der aus er, damit es weiter-, beziehungsweise erst richtig los geht, einen Hilferuf in Richtung All schickt, wohlwissend, dass die Empfänger ihm nicht allzu gewogen sein werden. Anders ausgedrückt: Weil Vin Diesel langweilig ist, telefoniert er sich sein nächstes B-Movie herbei.



Es finden sich bald zwei Gruppen ein: Zunächst ein paar Kopfgeldjägern, angeführt von einem großartig derangierten Jordi Mollà, dann ein Team tougher Militärs, unter ihnen Katee Sackhoff (Starbucks aus "Battlestar Galactica"!), die einzige Frau, die eine größere Rolle im Film hat - und gegenüber der sich die meisten Männer in der Welt von "Riddick" nur auf zweierlei Weise verhalten zu können scheinen: entweder drohen sie ernsthaft mit Vergewaltigung (Mollà). Oder nicht ganz so ernsthaft (Diesel). Hartgekocht ist sie natürlich trotzdem und sowieso: "Where you just perving on me in the shower?" Finstere Typen in einer finsteren Welt, getaucht in gelblich-braune Farben.

In fast jedem guten kommerziellen Film ist ein noch besserer versteckt, der nicht ganz ans Tageslicht darf, weil er allein eben nicht kommerziell wäre - der andererseits nicht einmal als Rumpfversion existieren dürfte, wenn es den ganzen Quatsch drumherum nicht geben würde. Im Fall von "Riddick" ist der noch bessere Film der (lange) Mittelteil, der in und um die Forschungsstation spielt. In einer cleveren Wendung verschwindet Diesel fast ganz von der Leinwand, wird vom Gejagten zum gespenstischen Jäger (zu einer unnatürlichen Naturgewalt), der den auf engem Raum miteinander ungut auskommenden Kopfgeldjägern und Soldaten von Außen, aus dem Off des Bildes, zusetzt. An John-Carpenter-Klassiker wie "Assault on Precinct 13" oder "The Thing" erinnert der Film da: klaustrophobisches Spannungs- und Eliminierungskino voller düsterem Esprit, ein Film, in dem man es irgendwann ganz normal findet, dass die besonders Unglücklichen nicht von einer, sondern gleich von zwei Eisenfallen zerfleischt werden.

Am Ende meint man dann regelrecht fühlen zu können, wie Twohy der Film entgleitet, wie er die Kontrolle über die Welt, die er vorher so souverän handhabt, vielleicht auch die Kontrolle über seinen nicht unbedingt für seine Bescheidenheit bekannten Star Diesel verliert. Doch noch in den finalen Zerfaserungen, die vermutlich vor allem ein weiteres Sequel vorbereiten sollen, behält der Film eine sagenhafte Gelassenheit: Da müssen wir jetzt noch durch, dann steigen wir in unsere Raumschiffe und fliegen weiter, zum nächsten Abenteuer. Hoffentlich müssen wir nicht wieder neun Jahre warten.

Lukas Foerster

Der Fremde am See - Frankreich 2013 - Originaltitel: L'inconnu du lac - Regie: Alain Guiraudie - Darsteller: Pierre Deladonchamps, Christophe Paou, Patrick d'Assumçao, Jérôme Chappatte, Mathieu Vervisch, Gilbert Traina - Laufzeit: 97 Minuten.

Riddick - USA 2013 - Regie: David Twohy - Darsteller: Vin Diesel, Jordi Mollà, Matt Nable, Katee Sackhoff, Dave Bautista, Bokeem Woodbine, Raoul Trujillo - Laufzeit: 119 Minuten.
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