Heute in den Feuilletons

Defloration des Unwegsamkeitsmythos

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2009. Was werden die Skandinavier mit der eisfreien Arktis anfangen?, fragt der dänische Autor Jens Christian Gröndahl in der NZZ. Die Welt bringt eine Rede von Necla Kelek über die Muslime und den Holocaust. In der FR spricht der Schriftsteller Irvin D. Yalom über Freud, Nietzsche und den Tod. Alle Zeitungen kommentieren den endgültigen Ausstieg Joachim Unselds aus dem Suhrkamp Verlag. Viel besprochen: der neue Roman Katharina Hackers, die Suhrkamp ebenfalls verlässt.

Welt, 21.11.2009

Die Welt druckt die Rede, die Necla Kelek am 9. November in der Frankfurter Paulskirche zum Gedenken an die "Reichskristallnacht" gehalten hat. Wie sehr sind Immigranten aus der Türkei gehalten deutscher Ereignisse zu gedenken, fragt sie - und verweist als Antwort auf den Ursprung aller Völkermorde im 20. Jahrhundert, an dem beide Länder Verantwortung tragen: "Das deutsche Kaiserreich setzte im Ersten Weltkrieg ganz auf 'die islamische Karte'. Den Heiligen Krieg der Muslime wollte Wilhelm als 'letzten Trumpf' einsetzen. Im Schatten des Ersten Weltkriegs wurden 1915 die Armenier aus Anatolien vertrieben und ermordet. Es waren bis zu 1,4 Millionen Menschen. Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz hatte die Deportation der 'unzuverlässigen' Armenier in die mesopotamische Wüste empfohlen, weil er sie als Bedrohung im Rücken der eigenen Truppen sah."

Besprochen werden in der Literarischen Welt Botho Strauß' neuer Prosaband "Vom Aufenthalt" (mehr hier), Katharina Hackers Roman "Alix, Anton und die anderen" und Mark Mazowers große Studie "Hitlers Imperium - Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus" (recht skeptisch gelesen von Götz Aly). Außerdem liest Walter Laqueur noch einmal Edward Saids neu aufgelegten postkolonialistischen und inzwischen arg gealterten Klassiker "Orientalismus".

Im Feuilleton schreibt Uwe Wittstock über die neuen Entwicklungen im Hause Suhrkamp nach dem Rückzug des letzten Unseld und dem Streit mit Katharina Hacker, die nun zu Fischer geht. Paul Badde berichtet über einen Appell italienischer Intellektueller an den Papst. Und Hildegard Stausberg hat in Brasilien einen Film (Website und Trailer) über das Leben des Präsidenten Lula gesehen.

Weitere Medien, 21.11.2009

Zeit das FAZ-Abo abzubestellen. Frank Schirrmacher zitiert im Bild-Interview zu seinem neuen Buch Payback die Studie einer amerikanischen Wissenschaftlerin: "Menschen, die für zwei Wochen von allen aktuellen Informationen abgeschieden waren, wurden nachweislich gesünder."
Stichwörter: Frank Schirrmacher

FR, 21.11.2009

Julia Kospach unterhält sich mit dem Schriftsteller und Psychotherapeuten Irvin D. Yalom über Freud, Nietzsche, den Tod - und seine Anfänge: "Ich bin im russischen Immigrantenmilieu meiner Eltern in Washington D.C. aufgewachsen. Dort wusste man nicht viel über Berufe. Zwei Dinge kamen für mich in Frage: Geschäftsmann oder Arzt. Auch weil die größtenteils farbige Nachbarschaft für einen kleinen, jüdischen Jungen wie mich ein gefährliches Pflaster war, hielt ich mich vor allem drinnen auf und wurde zu einem leidenschaftlichen Leser. Und die Medizin schien mir bedeutend näher an Tolstoj und Dostojewski als die Geschäftswelt. "

Weitere Artikel: Claus-Jürgen Göpfert kommentiert den durch die Auszahlung des Gesellschafters Joachim Unseld nun möglichen Neuanfang beim Suhrkamp Verlag. Martin Eich mag nicht recht glauben, dass der rechtsextreme kroatische Musiker Marko Perkovic - Songauszug: "Sie haben unsere Träume verkauft, die Söhne Judas, pures Gold warfen sie in den Dreck." - eine Audienz beim Papst bekam. In einer Times Mager von Hans-Jürgen Linke geht's um Dunkle Energie. In ihrer US-Kolumne trifft Marcia Pally in einer US-Bank auf schockierende Geldwechselinkompetenz.

Besprochen werden ein Gossip-Konzert in Offenbach, ein Abend mit Choreografien von Benjamin Millepied und Bücher zur Frankfurter Botticelli-Ausstellung (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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TAZ, 21.11.2009

Autor Stephan Wackwitz liest Mark McGurls bisher nur in den USA erschienenes Buch "The Program Era", das die amerikanische Nachkriegs-Literatur unterm Paradigma des Creative Writing neu sortiert. Wackwitz ist begeistert und sieht auch gleich Anwendungsmöglichkeiten für die deutsche Gegenwartsliteratur: "Der Universitätsmaoismus meiner Jugend war das bildungssoziologische Analogon von Carvers 'Würdest du bitte endlich still sein, bitte'. Und das elaborierte dekonstruktivistische Distinktionsgetöse unserer jungen Lacan-Schüler und Derrida-Adepten ist die deutsche Parallele zu David Foster Wallace' maximalistischem Großwerk 'Unendlicher Spaß'. Übrigens werden die beiden akademischen Distinktionsfraktionen bei uns derzeit durch die Antipoden Judith Hermann und Dietmar Dath auch literarisch eingeholt."

Weitere Artikel: Christian Semler erinnert sich an die "friedliche Revolution" von 1989, und daran, wie der Westen das "Geschenk", das darin lag, ausschlug. Bert Rebhandl unterhält sich mit der Schauspielerin Corinna Harfouch über die DDR, die Erinnerung daran, aber auch über ihren neuen Film "This is Love". Zur Titelgeschichte über Gentrifizierung denkt Georg Seeßlen über Getto, Peripherie und Zombiefizierung nach. In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne befasst sich Andreas Fanizadeh mit Frank Schirrmachers "Payback".

Besprochen werden nur Bücher, darunter Wolfgang Sofskys jüngstes Anthropologicum "Das Buch der Laster" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 21.11.2009

In diesem Sommer befuhren erstmals zwei Frachter ohne Unterstützung von Eisbrechern die Nordostpassage. Der dänische Schriftsteller Jens Christian Gröndahl denkt darüber nach, was das für die Skandinavier bedeutet: "Die emsige Sommerfahrt der beiden Frachter ist beinahe eine Defloration des Unwegsamkeitsmythos des Nordens und lässt die Skandinavier mit der entfremdeten und heimatlosen Empfindung zurück, dass die Erde erst jetzt wirklich rund geworden ist."

Weitere Artikel: In der Stilkolumne erklärt die Schriftstellerin Nora Gomringer: "Nun, meine Mutter ist meine Stil-Ikone." Andreas Breitenstein ließ sich in Zürich von Gerhard Schulze auf einen "soziologischer Bewusstseinstrip" mitnehmen. Joachim Güntner prophezeit dem Suhrkamp Verlag nach dem Ausscheiden Joachim Unselds eine Stärkung des letzten verbliebenen Mitgesellschafters, der Medienholding AG Winterthur.

In Literatur und Kunst zeichnet der Sammler Ueli Sigg ein schönes Porträt des Künstlers Ai Weiwei, der gerade eine große, von Birgit Sonna besprochene Retrospektive in München zeigt. Hier der Anfang: "Eines Tages, in hoffentlich noch ferner Zukunft, wird unausweichlich Gott vor WW treten (Gott ist der große, weißhaarige Mann mit dem Rauschebart – so viel zu WWs Handen, denn der hat zeitlebens jegliche selbsternannte Autorität ignoriert). Und Er wird zu WW sagen: 'Nun hat deine Kunst wirklich jedermann konfus gemacht – deine Zeit ist abgelaufen!'"

Außerdem: Stefana Sabin stellt den Wilnaer Dichter Abraham Sutzkever vor, dem der Ammann Verlag eine neue Werkausgabe gewidmet hat. Besprochen werden Bücher, darunter eine Kulturgeografie der Alpen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 21.11.2009

Tobias Kniebe nimmt Einblick in die ausaufernde Materialsammlung zu Stanley Kubricks nie gedrehtem Napoleon-Film: "Kubricks Treatment liest sich da noch ganz unentschieden. Es will alles. Er beginnt wirklich mit der Geburt, er endet mit Napoleons Tod auf St. Helena. Er verzeichnet alle Highlights und alle großen Errungenschaften dieses monumentalen Lebens, vom Sturm auf Toulon bis zum Code Civil. Im Grunde schreibt er eine 100-teilige Vorabendserie, oft mit seinem sehr speziellen, bösen Humor gewürzt: 'In dieser Nacht ging Napoleon mit romantischen Gedanken an Josephine zu Bett. Josephine ging mit Barras zu Bett.' Man liest es und denkt sich bei vielen dieser Pointen: Wie zum Teufel will er das zeigen?"

Johannes Boie unterhält sich mit dem Technikdenker Derrick de Kerckhove, Inhaber des alten McLuhan-Lehrstuhls in Toronto, über die "digitale Zukunft". De Kerckhove verspricht immerhin: "Das Internet wird zum Heilmittel unseres von der Industrialisierung zerstörten Planeten werden."

Weitere Artikel: Erleichtert zeigt sich Thomas Steinfeld, dass die Suhrkamp-"Seifenoper" mit dem Verkauf von Joachim Unselds Anteilen nun zu einem mutmaßlich glücklichen Ende gekommen ist. Ira Mazzoni schildert, wie die Stadt Altenburg ihren historischen Kern durch Um- und Neugestaltung gefährdet. Durch "Sätze wie Sperrholzwucherungen" der Bologna-Prüfungsordnung Germanistik an der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität hat sich Alex Rühle gequält. Robert Probst verabschiedet das nach 25 Jahren in den Ruhestand gehende Periodikum "Dachauer Hefte", das in unregelmäßigen Sonderausgaben aber weiter erscheinen soll. Klaus Brill schickt Nachrichten aus Prag.

Für den Aufmacher der SZ am Wochenende berichtet Gerhard Matzig von einem Baustellenbesuch bei den Stadien für die WM 2010 in Südafrika und stellt fest: von drohendem Scheitern keine Spur. Ann-Kathrin Eckardt hat eine große Reportage über Intersexuelle in Deutschland verfasst. Wie es dazu kam, dass die Arbeit zum Zentrum menschlicher Selbstbestimmung geworden ist, versucht Burkhard Müller zu klären. Auf der Historienseite geht es um Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion. Vorabgedruckt wird Peter Hennings Erzählung "Hallo, ich bin hier oben". Gabriela Herpell unterhält sich mit dem Countertenor Philippe Jaroussky über "Bestimmung".

Besprochen werden die Forced-Entertainment-Performance "Void Story" zum Beginn des Münchner Spielart-Festivals, eine Tim-Burton-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, Tom Waits' neues Live-Album, Matthias Glasners Film "This Is Love" und Bücher, darunter Katharina Hackers neuer Roman "Alix, Anton und die anderen" (Meike Feissmann hält sich in der Schilderung des Streites zwischen Hacker und Suhrkamp streng an die Version des Verlags, mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 21.11.2009

Friederike Böge schickt eine nicht sehr hoffnungsfrohe Reportage aus Kundus, wo sie auch den obersten Richter von Kundus traf, Sayed Faruq Omar, einen ehemaligen Milizenchef von Gulbuddin Hekmatyar. "In den achtziger Jahren hatte er nach Pakistan fliehen müssen, als sein Bruder wegen Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe vom kommunistischen Geheimdienst verhaftet worden war. In Pakistan traf er dann Hekmatyar, der ihm half, weil er wie Omar aus Imam Sahib kam, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Kundus. Er finanzierte ihm ein Jurastudium in Saudi Arabien. Doch als er nach zwei Jahren zurückkehrte, musste er auf einmal kämpfen lernen. 'Wir wurden auf einen Workshop des pakistanischen Geheimdienstes geschickt', sagt Omar, 'und konnte wählen zwischen Kursen für Minen legen, Panzerfaust und Kalaschnikow schießen.'"

Weitere Artikel: Felicitas von Lovenberg begrüßt es, dass Joachim Unseld den Suhrkamp Verlag "loslässt". Hannes Hintermeier findet es eigentlich ganz in Ordnung, dass Hessen eine Liste über ungeeignete Lehrer führt. "Anrührend schlicht" ist das Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs auf dem Frankfurter Jüdischen Friedhof, lobt Dieter Bartetzko. Albert Camus soll ins Pantheon umziehen, meldet Jürg Altwegg. In der Leitglosse zeigt sich Jürgen Dollase unzufrieden mit dem neuen Gault Millau. An Johanna Maiers Restaurant im Hotel Hubertus hat er dagegen kaum was auszusetzen. Niklas Maak schreibt zum Tod von Jeanne Claude.

Besprochen werden ein Marilyn-Manson-Konzert in Köln, Aufführungen des "Philoktet", einmal nach Heiner Müller, einmal nach Sophokles, in Paris, ein Schumann-Konzert von Martha Argerich und Charles Dutoit in Berlin und Bücher, darunter Katharina Hackers Roman "Alix, Anton und die anderen" und David Grossmanns Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um CDs von Devendra Banhart, dem Paquito Quintet D'Rivera, Soul-Jazz-Funk von Sa-Ra und Shafiq Husayn, Jan Dismas Zelenkas "Missa Motiva", Offenbachs "Les Contes d'Hoffmann" und zwei Kassandra-Opern von Gerhard Stäbler und Michael Jarrell.

In Bilder und Zeiten porträtiert Dietmar Dath den britischen Komponisten Cornelius Cardew (1936-81, hier Musikausschnitte bei Youtube). Kerstin Holm beschreibt den absurden Prozess um Michail Chodorkowskijs - natürlich abschlägig beschiedenen - Antrag auf Haftbefreiung. Andreas Platthaus hat einen Ortstermin in Vladimir Nabokovs Suite im Hotel Montreux Palace. Und die Schauspielerin Fanny Ardant sagt im Interview: "Ich war noch nie eifersüchtig. Ich verabscheue Heuchelei. Und während die meisten Leute Untreue für eine Sünde halten, die reihenweise Ehen zerstört, fand ich schon immer, dass ein Seitensprung auch eine Art Vitaminspritze für eine Beziehung sein kann."

In der Frankfurter Anthologie stellt Frieder von Ammon ein Gedicht von Friederike Mayröcker vor:

"wird welken wie Gras - auch meine Hand und die Pupille
wird welken wie Gras - mein Fusz und mein Haar mein stillstes Wort
wird welken wie Gras ..."