Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3684 Presseschau-Absätze - Seite 35 von 369

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.01.2025 - Literatur

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Der österreichische Schriftsteller Wolf Haas erklärt im Standard-Gespräch mit Michael Wurmitzer, warum er sich in seinem neuem Roman "Wackelkontakt" für eine Hauptfigur im Zeugenschutzprogramm entschieden hat: Er findet es interessant, "in einer falschen Identität mit sich selbst zu leben. Wir leben ja alle in einer falschen Identität mit uns selbst. ... Man ist dominiert von Vorstellungen von sich selbst, wer man ist und welche Geschichte man angeblich hat und was einem wichtig ist. Das Authentische ist eine populäre Idee unserer Zeit. Demgegenüber ist jemand, der im Zeugenschutz lebt, eine schöne Gegenthese. Ich möchte fast sagen, ich beneide den, der im Zeugenschutz lebt, der ist sich wenigstens dauernd dessen bewusst, dass er nicht der ist, der er angeblich ist. Irgendwann habe ich das im Freundeskreis gesagt, dass es für mich komisch ist, wenn mich Leute kennenlernen und sagen: Ah, das ist der Wolf Haas! Weil ich den ja selber gern einmal kennenlernen würde. Dass eine mediale Identität falsch ist, ist ja ein langweiliges Beispiel. Interessant ist, dass auch die persönliche, private, intime Identität ein Konstrukt ist." Die Literarische Welt hat Marc Reichweins Besprechung des Romans online nachgereicht.

Weitere Artikel: Christian Schröder freut sich im Tagesspiegel, dass die "makellosen" Thriller des 2010 verstorbenen Autors Pascal Garnier endlich auch auf Deutsch erscheinen. Und Andreas Platthaus freut sich auf FAZ.net über das von Comichistoriker Andreas Knigge besorgte Comeback der vor einem Jahr eingestellten Zeitschrift Comixene.

Besprochen werden unter anderem Mikolaj Lozinskis "Stramer" (NZZ) und neue Sachbücher, darunter Peter Scholz' "Lucullus. Herrschen und Genießen in der späten römischen Republik" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Stichwörter: Haas, Wolf, Identität

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.01.2025 - Literatur

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In der Zeit spricht der US-Comiczeichner Craig Thompson mit Katrin Hörnlein über seinen neuen, autobiografischen Comic "Ginsengwurzeln", der von seiner Kindheit auf der Farm seiner religiösen Familie im Kernland der USA handelt. Begonnen hatte er mit der Arbeit daran, nachdem Trump 2016 US-Präsident wurde. "Ich lebte damals in Los Angeles, inmitten einer kleinen liberalen Kulturelite. Nach der Wahl wollten alle von mir eine Erklärung, weil ich aus einem dieser Arbeitermilieus im Mittleren Westen stamme, die Trump an die Macht brachten. Damals wurden seine Anhänger meist als gewalttätige weiße Rassisten dargestellt, aber ich wusste, dass auch viele gutherzige Menschen für ihn gestimmt und dass sie echte Sorgen hatten. Ich wollte das besser verstehen und mich mit meinen eigenen Wurzeln in der Arbeiterklasse auseinandersetzen. ... Als Kind und Jugendlicher wollte ich immer nur von dort weg. Aber ich fühle mich auch in dem, was man die kulturelle Elite nennt, ziemlich deplatziert. In diesen Kreisen herrscht eine gewisse Vergesslichkeit gegenüber dem Leben der übrigen Amerikaner und den finanziellen Realitäten dieser Menschen."

Außerdem bringt die Zeit heute einen Schwerpunkt zu Thomas Mann, dessen Geburtstag sich 2025 zum 150. Mal jährt: Adam Soboczynski denkt darüber nach, warum Thomas Mann "der letzte deutschsprachige Klassiker" ist, "der noch außerhalb von Liebhaberkreisen, von Universität und Schule gelesen wird" und "dessen Figuren lebendig geblieben sind". Volker Weidermann besteigt den "Zauberberg". Iris Radisch findet das Frauenbild in Manns Romanen problematisch. Florian Illies, Daniel Kehlmann, Thea Dorn, Mithu Sanyal und Juli Zeh widmen sich in kürzeren Texten jeweils einem Roman.

Weiteres: In Los Angeles sind auch die Villa Aurora und das Thomas-Mann-Haus von den massiven Waldbränden bedroht, meldet die FAZ. Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (NZZ), Wolf Haas' "Wackelkontakt" (FR), Bernard-Henri Lévys "Nuit blanche" (NZZ), Monika Zeiners "Villa Sternbald oder Die Unschärfe der Jahre" (taz), der Briefwechsel von Hubert Fichte und Peter Ladiges (taz), Linn Strømsborgs "Verdammt wütend" (NZZ), Mikael Ross' Comic "Der verkehrte Himmel" (Zeit) und Dora Kaprálovás "Winterbuch der Liebe" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.01.2025 - Literatur

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"Hier betritt man eine Terra incognita der Literatur", schreibt Sigrid Löffler in der SZ über "Europas Hunde", für den Alhierd Bacharevič mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird. In seiner Heimat Belarus wurde der Roman konfisziert und die Exemplare "von einem Traktor in einem Feld untergepflügt", erfahren wir. Außerdem ist es zum großen Teil in einer eigens entwickelten Sprache verfasst. Um was gehts? "In Belarus, gleichsam im literarischen Hinterhof Europas, brodelt es. Davon handelt dieser Roman. Seine Themen sind der nationale Niedergang des Landes, das Versagen seiner kulturellen Eliten, der Verlust seiner Eigenständigkeit und Sprache und seine finale Einverleibung in das tyrannische russische Imperium, das Belarus einer umfassenden Russifizierung unterwirft und seine nationale Identität auslöscht. Das macht 'Europas Hunde' zu einem pessimistischen, in Teilen dystopischen Roman. ... Bacharevič sucht darin umfassend abzubilden, was die weißrussische Intelligenzija heute denkt, wünscht, fürchtet, träumt und albträumt und was für eine Zukunft sie fantasiert, im Grübeln über die eigene prekäre kulturelle und sprachliche Identität."

Besprochen werden unter anderem Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (FR, SZ), Simone Buchholz' "Nach uns der Himmel" (FR), eine Neuausgabe von George R. Stewarts "Sturm" (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (Standard) und Jeffrey Fords "Das Schattenjahr" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.01.2025 - Literatur

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Maximilian Mengeringhaus hat für den Tagesspiegel im brandenburgischen Wittenberge den überaus engagierten Kleinverlag Carcosa des Übersetzers Hans Riffel besucht, der sich mit viel Leidenschaft übersehenen Klassikern der Phantastik widmet und damit zeigt, "was für literarische Raketen in diesen fernen Gefilden weiterhin unter dem ästhetischen Radar fliegen" - etwa in Form zweier "schier wahnwitziger Großprojekte", namentlich Ursula K. Le Guins "Immer nach Hause" und Alan Moores Behemoth-Roman "Jerusalem". Von letzterem "beträgt die erste Auflage stattliche 4000 Exemplare, dafür braucht man Courage, aber 'bei dem Buch geht's nicht anders'. Immerhin reden wir von Alan Moore: 'Der erfolgreichste und beste Comicautor der Welt. Der eine riesige Leserschaft hat. Entweder scheitern wir an dem Buch oder finanzieren damit die nächsten drei Programme. Das ist die Flughöhe dieses Werkes. Aber ich muss doch von einem Alan Moore mindestens 2000 verkaufen!'"

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Liv Strömquists neuer Comic "Das Orakel spricht" handelt von den Versprechungen der Selbstoptimierungsindustrie. An sich zu arbeiten findet sie dabei überhaupt nicht verwerflich, sagt die Comiczeichnerin im taz-Gespräch gegenüber Ilo Toerkell. Aber "wir sollten diese Themen nicht individualisieren und depolitisieren. Wenn das passiert, wird die Verantwortung für strukturelle Probleme auf Individuen übertragen - eine sehr effiziente Strategie, um Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. Zum Beispiel werden für Stressbewältigung oft Ratschläge gegeben wie Meditation oder Spaziergänge, aber selten wird über politische Lösungen wie kürzere Arbeitstage, Grundeinkommen oder die Verringerung von Einkommensungleichheit gesprochen. Der Fokus auf individuelle Lösungen lenkt von der Notwendigkeit struktureller Veränderungen ab."

Weitere Artikel: Die Presse kündigt an, welcher Autorinnen und Autoren sie im neuen Jahr anlässlich von Geburts- und Todestagen zu gedenken gedenkt. Heribert Prantl schreibt in der SZ zum Tod des Verlegers Hans Dieter Beck.

Besprochen werden Wolf Haas' "Wackelkontakt" (NZZ, FAZ), Walburga Hülks Biografie über Victor Hugo (online nachgereicht von der Welt, SZ), Alexander Kluges und Anselm Kiefers Gesprächsband "Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben" (taz), Ulla Lenzes "Das Wohlbefinden" (taz), Ottmar Ettes "Mein Name sei Amo" (Tell), Paula Hawkins' "Die blaue Stunde" (FR), Hua Hsus Memoir "Stay true" (Standard), Thomas Strässles "Fluchtnovelle" (FR) und Petra Reskis "All'italiana" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.01.2025 - Literatur

Irritierend findet es der israelische Schriftsteller Ron Segal in der NZZ, dass das deutsche Außenministerium den Vorschlag Israels, zur Feier von 60 Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern einen gemeinsamen Stand an der Frankfurter Buchmesse auszurichten, ohne nähere Angabe von Gründen abgelehnt hat. "Es ist noch zu früh, um festzustellen, ob es sich bei der jetzigen Weigerung um ein 'stilles Embargo' gegen Israel oder einfach um die Gleichgültigkeit der Bürokratie handelt. So oder so sind die Schriftsteller, die an dem Jahrestag teilgenommen hätten, sowie ihre Leser und Zuhörer auf der Messe direkt betroffen. In Israel vergeht keine Woche ohne Demonstrationen gegen den Krieg, gegen die Regierung und für eine Vereinbarung zur Freilassung der israelischen Geiseln, die sich noch immer in der Gewalt der Hamas in Gaza befinden. Schriftsteller, unter ihnen ich, erheben ihre Stimme in allen verfügbaren Medien, um die Regierung und Netanyahu selbst zu kritisieren. Warum sollte man diese Stimmen nicht aufgreifen und ihnen auf der Frankfurter Buchmesse eine öffentliche Bühne geben?"

Dass man skeptisch darauf reagiert, wenn in der deutschen Verlagswelt künftig ein KI-Angebot namens Demandsens Manuskripte auf ihren Marktwert hin durchanalysiert, findet Adrian Lobe in der Welt zwar nachvollziehbar, die Alarmglocken schrillen ihm dann aber doch zu laut. Denn erstens, "Data-Mining-Techniken sind nicht neu". Und zweitens "kann so ein Werkzeug eine Chance sein, den hermetischen Literaturbetrieb mit seinen Gatekeepern aufzubrechen und neue Autoren zu Wort kommen lassen. Das Manuskript wird ja von der KI zumindest einmal gescannt und nicht beiseitegelegt. Vielleicht ist das literarische Urteil einer Maschine auch gerechter als das der strengen Rezensenten." Andererseits "besteht mit diesen Analysewerkzeugen auch die Gefahr, dass an den Bedürfnissen des Lesers vorbeiproduziert wird. Wer will schon die recycelten Plots der Erfolgsbücher von gestern lesen?"

"Jeder Versuch, einen lebendigen literarischen Text durch errechenbare Wortkombinationen nachzuahmen, ist eine Leugnung dessen, was Literaturübersetzen ausmacht", schreibt die auf Übertragungen vom Französischen ins Deutsche spezialisierte Übersetzerin Nicola Denis in der FAS zu KI als Übersetzungstool. "Das Übersetzen, auch und gerade das literarische, ist ein Metier, bei dem Empathie und Alterität im Vordergrund stehen. Es geht darum, die Fremdartigkeit wahrzunehmen und in der Zielsprache erfahrbar zu machen. Es gilt, genau hinzuhören, permanent Entscheidungen - semantischer, stilistischer, rhythmischer Art - zu treffen, Optionen zu verwerfen." Maschinell erstellte Übersetzungen müssen eingehend nachbearbeitet werden. Doch "versteht man das Übersetzen als Akt der Alterität, als ernst gemeinte Grenzerweiterung in einem sprachimmanenten, aber auch interkulturellen Kontext, liegt auf der Hand, dass eine empathische Beziehung zwischen Menschen und ihren geistigen Schöpfungen wünschenswerter, ja nachhaltiger ist als das zehrende Misstrauen gegenüber einer simulierenden Maschine."

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Weitere Artikel: David Hinzmann spricht für die FAS mit dem US-Schriftsteller Tommy Orange, selbst ein Cheyenne, der mit seinem Roman "Verlorene Sterne" die Gewaltgeschichte einer Cheyenne-Familie erzählt. In der FAZ-Serie "Pflichtlektüre für Demokraten" legt uns der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner Thomas Manns 1930 erschienene Novelle "Mario und der Zauberer" ans Herz, die "vor Radikalisierung warnt, Entlarvung manipulativer Zustände fordert" und außerdem zeigt, "dass Mehrheiten irren können, sich fehlleiten und Illusionen ausliefern". Matthias Heine (Welt) sieht die Folgen des Klimawandels nur allzu deutlich, wenn er Erich Kästners 1955 verfasstes Gedicht über den Januar mit den tatsächlichen Januaren der letzten Jahre abgleicht. Jan Wilm (NZZ) und Jan Wiele (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schriftsteller David Loge. Judith von Sternburg schreibt in der FR zum Tod des Verlegers Hans Dieter Beck.

Besprochen werden unter anderem Noëlle Krögers Comic "Meute" (taz), die deutsche Neuausgabe von George R. Stewarts "Sturm" (online nahcgereicht von der FAS), Giulia Caminitos "Das große A" (Standard), Felix K. Nesis "Die Leute von Oetimu" (FR), Hasnain Kazims "Deutschlandtour" (FR), Giacomo Leopardis "Zibaldone" (Standard), Bücher von Lothar Müller und Jan Mohnhaupt über Spinnen (online nachgereicht von der FAZ) und neue Krimis, darunter Tim O'Briens "America Fantastica" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Jean de Bourgois' "Icke":

"Ick sitze da un esse Klops.
Uff eemal klopp's ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.01.2025 - Literatur

Für die Seite Drei der SZ porträtiert Hilmar Klute den Schriftsteller und Essayisten Eliot Weinberger, den wir schon seit vielen Jahren gerne in unseren Magazinrundschauen zitieren und erwähnen. Aktuell hat er in der London Review of Books den himmelschreienden Wahnwitz der Ereignisse in den USA rund um Trumps Wiederwahl in einem collagiertenden Prosagedicht auf den Punkt gebracht. Aber auch wenn Weinberger ein scharfer Beobachter und Kritiker der US-Gegenwart ist, finden sich in seinen Essays "kein Alarmismus, keine Apokalypsen und keine Resignation. ... Die Haltbarkeit von Weinbergers Texten hat einen guten Grund: Sie sind an der Wahrheit entlang geschrieben und verzichten auf empfindsame Zeitzeugenelegien." Seine "Poesie ist eine Poesie der Tatsachen. Ob er über bedeutende reine Engel wie Raziel und Michael schreibt oder über schmutzige kleine Teufel wie Richard Riordan, Pete Hegseth und Matt Gaetz - Weinbergers Sprache bleibt die des Chronisten, der angesichts der Ungeheuerlichkeiten dessen, was er hört und sieht, nur auf zweierlei achten muss: dass seine Worte wahr sind und die Melodie seiner Texte die Struktur einer Bachfuge hat. Es ist die Klarheit des Denkens und Schreibens, die Weinberger gegen das Chaos stellt. ... Es gibt kein Ich in diesen Texten."

Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler ärgert sich in der taz beim Rückblick auf das Kafkajahr 2024 darüber, wie sehr Kafka - allerdings immer schon, nicht nur aktuell - ins Feld der großen Literatur einsortiert wird, wo der Schriftsteller doch eigentlich eine kleine Literatur im Sinn hatte: "Das Problem gerade jener Kafka-Lektüren, die diesen Autor so bekannt und beliebt gemacht haben, liegt darin, dass sie im Grunde immer schon, wie vage auch immer, verstanden zu haben meinen, was das Genie uns Deepes sagen will. Sie halten seine 'kleine' Literatur für eine 'große' und verpassen damit genau das, was Kafka besonders macht - besonders, aber eben auch typisch für seine Zeit. Was unter dem übermächtigen Kafka-Massiv begraben bleibt, ist das weite Feld der originellen avantgardistischen Kurzprosa, die in den 1910er und 20er Jahren im Umfeld des Expressionismus entstand und erscheinen konnte."

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Weitere Artikel: Für die WamS spricht Marc Reichwein mit der Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter über deren demnächst erscheinende Rilke-Biografie. Paul Jandl blickt für die NZZ mit irritierend neutraler Chronistenhaltung darauf, wie die junge Literaturwissenschaftlerin Ally Louks von einem enthemmten Social-Media-Meute gemobbt wurde, bloß weil sie es gewagt hatte, sich online über den Abschluss ihrer Dissertation über Gerüche in der Gegenwartsliteratur zu freuen. Peter Praschl erzählt in der WamS von seinem Besuch im Silent Book Club im Bode Museum in Berlin, bei dem man sich zum schweigsamen Lesen in mitgebrachten Büchern verabredet, um im Anschluss - sofern man möchte - darüber zu reden. Die FAZ meldet den Tod des britischen Schriftstellers David Lodge.

Besprochen werden unter anderem Heinz Strunks "Zauberberg 2" (taz), Walburga Hülks Biografie über Victor Hugo (NZZ, LitWelt), ein Band mit Uwe Johnsons in den Sechzigern für den Tagesspiegel verfassten Kritiken zum DDR-Fernsehen (FAZ), Wilhelm Bodes Essay "Waldendzeit" (taz), Susan Taubes' "Klage um Julia und andere Geschichten" (taz), Paula Fürstenbergs "Weltalltage" (FAZ), Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (LitWelt) und Wolf Haas' "Wackelkontakt" (SZ, LitWelt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2025 - Literatur

Sandra Kegel hält es in der FAZ für eine verpasste Chance, dass das Auswärtige Amt anlässlich von sechzig Jahren diplomatischer Beziehungen zu Israel kein Interesse an einem gemeinsamen Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat: "Dabei hätte gerade die Einladung von Literaten und Intellektuellen, die sich seit Jahren kritisch mit Netanjahu und seiner Politik auseinandersetzen, der israelischen Gegenöffentlichkeit eine starke Stimme gegeben."

Weitere Artikel: Marc Reichwein verkündet in der Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf Platz Eins: Carlo Levis "Die doppelte Nacht. Eine Deutschlandreise im Jahr 1958". Besprochen werden unter anderem Daniel Clowes' Comic "Monica" (NZZ), Katerina Gordejewas "Nimm meinen Schmerz. Geschichten aus dem Krieg" (NZZ), Res Strehles Biografie über Harald Naegeli (online nachgereich von der FAZ), Katherine Blakes "Not Your Darling" (Presse) und Nancy Mitfords "Schöne Bescherung auf Compton Bobbin" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2025 - Literatur

Rainald Goetz' Medien-Comeback auf Instagram (wir berichteten) ist "eine kleine Sensation", schreibt Andreas Rosenfelder in der Welt: "Was ist das, versuchte Wahlbeeinflussung, lyrische Propaganda, Clickbait für die literarische Fanbase? Oder ein fortlaufender Kommentar zur Krise der Medien?"

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Weitere Artikel: Wer wissen will, wie es zu Hitler kommen konnte, muss Sebastian Haffners "Geschichte eines Deutschen" lesen, schreibt Hannes Hintermeier in der FAZ-Serie "Pflichtlektüre für Demokraten". Marie Schmidt denkt in der SZ angesichts des Thomas-Mann-Jahrs 2025 (150. Geburtstag, sowie 70. Todestag) darüber nach, was einem solche Gedenkjahre (insbesondere in der Häufung, wie 2025 eines darstellt) überhaupt noch sagen. Kai Spanke gratuliert in der FAZ dem Biografen Rüdiger Safranski zum 80. Geburtstag. Jeremy Adler blickt für die FAZ zurück auf die Publikationen des Kafka-Jahres 2024. Helenke Slancaar liest für den Standard Star-Autobiografien.

Besprochen werden unter anderem Anna Burns' "Größtenteils heldenhaft" (FR), Volker Kutschers Krimi "Rath" (taz), Dora Kaprálovás "Winterbuch der Liebe" (Presse), Anne Tylers "Drei Tage im Juni" (Presse) und die von Nicoletta Giacon herausgegebene Korrespondenz zwischen Gerty und Hugo von Hofmannsthal (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.12.2024 - Literatur

Die Gerüchte über eine mögliche Freilassung Boualem Sansals im Rahmen einer präsidialen Neujahrsamnestie haben sich bisher leider nicht bewahrheitet. Das französische Unterstützerkomitee gibt seiner Besorgnis Ausdruck und ruft den französischen Präsidenten dringend zum Handeln auf: "Alles deutete darauf hin, dass der algerische Präsident die Gelegenheit nutzen würde, um eine nie da gewesene Krise in den französisch-algerischen Beziehungen zu überwinden. Im Gegenteil scheinen sich die algerischen Behörden bewusst dafür entschieden zu haben, die Spannungen zwischen unseren beiden Ländern auf die Spitze zu treiben. Nach der unrechtmäßigen Verweigerung des Visums für den französischen Anwalt, der Boualem Sansal beistehen sollte, und nach einer Ablehnung des französischen Antrags auf einen elementaren konsularischen Schutz, die beispiellos ist, geht das algerische Regime einen Schritt weiter und riskiert eine irreversible Schädigung der Gesundheit unseres Mitbürgers. Diese Situation ist nicht nur ungerecht und inakzeptabel, sondern gefährdet auch sein Leben."

In der Zeit nimmt Rainer Moritz schon einmal seinen anstehenden Abschied als Leiter des Literaturhauses Hamburg vorweg und schreibt von einem gewissen "Zorn auf diejenigen, die Freiräume für die Kultur schaffen sollten und mehr und mehr deren Vermarktbarkeit zum Maßstab nehmen". Aber "Literatur ist anstrengend, provozierend und oft schwer zu verdauen. Und wer sich nun daranmacht, nicht nur historische Texte nach unseren selbstgerechten Maßstäben zu glätten und überall Triggerwarnungen zu setzen, hat von Literatur nichts verstanden. Diese schafft keine Wohlfühloasen und dient, wenn sie ihrem Namen gerecht wird, nicht der bloßen Unterhaltung. Literatur tut oft weh, und sie hat per se keine Vorbildfunktion für gesellschaftliches Wohlverhalten." Wer daran "festhält, stößt seit Längerem auf Widerstände".

Weitere Artikel: Jan Wiele schaut für die FAZ auf die Entwicklung des Berlinromans in den letzten Jahren, der allmählich - analog zur beobachtbaren Flucht vieler Leute in den Speckgürtel - "seine Grenzen sprengt und zum Brandenburgroman wird". Roman Bucheli blickt für die NZZ zurück auf Thomas Manns vor 100 Jahren erschienenen "Zauberberg". Im Tagesspiegel gratuliert Gregor Dotzauer Rüdiger Safranski, dem "erfolgreichsten geistesgeschichtlichen Biografen der Republik", zum 80. Geburtstag. In der SZ empfiehlt Marie Schmidt mit Ljuba Arnautovics "Erste Töchter", Anna Burns' "Größtenteils heldenhaft", Maylis de Kerangals "Weiter nach Osten" und Ulrike Edschmids "Die letzte Patientin" vier kurze Romane von Frauen für einen Winternachmittag.

Besprochen werden Ulrich Rüdenauers "Abseits" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrike Haidachers "Malibu Orange" (Presse)  und Can Xues "Schattenvolk" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2024 - Literatur

Am Wochenende waren die sozialen Medien voller Gerüchte, dass Boualem Sansal zu den etwa 2.400 Begünstigten der Neujahrsamnestie des algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune  gehören würde. Aber bisher haben sich die Gerüchte nicht bestätigt (obwohl sie auch nicht verstummen, mehr hier in Mondafrique). Stattdessen hat Tebboune den Schrifsteller in seiner Neujahrsansprache scharf attackiert, berichtet Rachel Binhas  in Marianne: "Vor dem Parlament griff der algerische Präsident den 80-jährigen Mann an. Die Tirade war heftig: 'Da ist ein Betrüger, dessen Identität und Vater unbekannt sind, der es wagt zu sagen, dass ein Teil Algeriens das Eigentum eines anderen Landes war.' Der Autor des 'Eids der Barbaren' (Gallimard, 1999) zahlt insbesondere für die historischen Grenzkonflikte zwischen Marokko und Algerien. Unter diesen Umständen ist es schwer zu glauben, dass der Literat zu den Gefangenen gehört, die von dieser 'Befriedungsmaßnahme' profitieren."

Die Initiativen für Boualem Sansal lassen unterdessen nicht nach. In Frankreich bildet sich eine Gruppe von Autoren und Universitätsleuten, die eine Internetseite für Sansal hochziehen wollen: Wenn Sansal gehindert wird, seine Fragen zu stellen, so ist es am Publikum, über sie zu debattieren, so die Idee. Im Aufruf der Gruppe, der in L'Express veröffentlicht wurde, heißt es: "Es wurden vielleicht zu viele geostrategische Überlegungen angestellt und nicht genug über sein Werk gesprochen. In seinem Roman 'Dis-moi le Paradis' erklärt einer der beiden Erzähler, Tarik: 'Der Leser wird suchen, das ist sein Beitrag zu unserer Befreiung. Zu irgendetwas müssen Freunde ja gut sein'. Tatsächlich versteht Boualem Sansal seine Romane auch als Räume, als Übungsfeld für die demokratische Praxis. Um diese Utopie zu verwirklichen, bittet er immer wieder um die Hilfe des gutwilligen Lesers: des 'klugen Lesers, der sein Wissen vertiefen will, um sich seines Urteils zu versichern', des Lesers, der sich nach einer 'echten Debatte' sehnt, ohne vor 'den Einschüchterungen der einen oder anderen Seite' zurückzuschrecken ('Governing in the Name of Allah')." Unterzeichnen lässt sich der Aufruf hier. Die Gruppe stellt auch ein Plakat zur Verfügung, das - ähnlich wie in der deutschen Initiative - von Buchhändlern ausgehängt werden kann:

Plakat des Appells "Littérature et liberté".


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Weitere Artikel: "Der verkehrte Himmel" von Mikael Ross ist laut Tagesspiegel-Jury der beste Comic des Jahres. Die taz veröffentlicht Muri Daridas beim Berliner Open Mike mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Erzählung "Neue Leichen braucht das Land". Jörg Wimalasena empfiehlt in der Welt die grotesken Kriminalromane von John Swartzwelder, der früher schon die Drehbücher zu mit den besten "Simpsons"-Folgen geschrieben hat und ansonsten die Öffentlichkeit scheut wie sonst nur Thomas Pynchon Kameras. Gerade in Zeiten wie diesen ist John Miltons "Paradise Lost" brandaktuell, findet Hannes Stein in der Welt: "Hier wird gezeigt, wie autokratische Herrschaft funktioniert." Die Schriftstellerin Jane S. Wonda klärt Manfred Rebhandl vom Standard im Gespräch über die Eigenheiten des "Dark Romance"-Genres auf, bei dem erotische Fantasien mit Schuften und Scheusalen im Vordergrund stehen.

Besprochen werden unter anderem Olga Tokarczuks "E.E." (Standard), Roman Ehrlichs "Videotime" (NZZ), Eva Illouz' "Explosive Moderne" (online nachgereicht von der FAZ), Tore Renbergs "Die Lungenschwimmprobe" (NZZ), Thea Sternheims "Die Pariser Jahre. Aus den Tagebüchern 1932 -1949" (online nachgereicht von der FAZ), Phillip B. Williams' "Ours. Die Stadt" (FR), David Wagners "Verkin" (Standard), Günther Wessels "Alfred Wegener. Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker" (NZZ),  und Daniela Seels Lyrikband "Nach Eden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hubert Spiegel über Sebastian Brants "Von unnützen Büchern":

"Man hat mir den Platz des Vortänzers gegeben,
weil ich ohne jeden Nutzen viel Bücher besitze,
die ich nicht lese und nicht verstehe ..."