"Wer
Alice Munro heute liest, wird ganz Neues erkennen", stellt Aurelie von Blazekovic in der
SZ nach Lektüre
dieser aktuellen Reportage im
New Yorker fest, die die bereits im vergangenen Jahr laut gewordenen Vorwürfe gegen die
Nobelpreisträgerin - sie habe eine Tochter vor den sexuellen Übergriffen ihres Ehemanns nicht nur nicht beschützt, sondern ganz im Gegenteil zu ihm gehalten - nochmals unterfüttert, konkretisiert und plastisch macht. "Mit diesem Wissen nun stellen sich neue Fragen zu ihrem Werk. Neben der Enttäuschung natürlich, die sich breitmacht, wenn man einen Künstler, eine Künstlerin so sehr schätzt, dass man vergisst, dass sich
größte Brillanz und
größte Verfehlungen leider nicht ausschließen." Da ist "die
magnetische Stille, die Tiefe in Munros Schreiben, in der, so die Schwedische Akademie, 'der größte Schmerz unausgedrückt bleibt'. Dieses
Passive,
Erstarrte ihrer Figuren, die den Dingen zunächst mal ausgesetzt und ausgeliefert sind. Beschreibt Munro eine
konsequent weibliche Rolle in einer patriarchalen Welt? Oder gewährt sie auch einen Einblick in die Psychologie von Mittäterinnen? ... Erklärungen für Munros Verhalten finden sich in diesen Geschichten nicht, eine Ahnung dieses
Seelenlebens in einer luziden Sprache und Erzählform, das aber schon."
Der Medienwissenschaftler Alexander Gutzmer durchstreift für das "Literarische Leben" der
FAZ New York mit New-York-Romanen unterm Arm, um die Metropole, aber vor allem das zerrüttete Verhältnis zwischen dieser und ihrem Sohn Donald Trump besser zu verstehen.
Paul Austers in den Achtzigern entstandene New-York-Trilogie, die einst das literarische Bild der Stadt in der Welt prägte, taugt eigentlich nur noch für nostalgische Lektüren, stellt er fest. Sind Austers "postmodern sinnsuchende Detektivfiguren noch Embleme unserer Zeit? Welcher
urbane Typus würde sie ersetzen? Der polternde Social-Media-Aktivist vielleicht? Die vegane Verkäuferin mit lila Haaren, die vor der Columbia University ... an einem der Dutzenden Salatstände das Modegemüse Grünkohl verkauft? Oder die Polizistin, die vor dem Trump Tower mit professionell-resolutem Gesichtsausdruck arglose Touristen aus China wegscheucht? ... Vielleicht ist es auch der New Yorker Donald Trump selbst. Die Geschäftsstrategien des Bald-wieder-Präsidenten sind von einer
metropolenbezogenen Ambivalenz gekennzeichnet. Einerseits die demonstrativen Pressekonferenzen in seiner golfoptimierten Provinz in Florida, andererseits die
Obsessivität, mit der er New York seinen
vulgärästhetischen Stempel aufdrückt."
Volker Weidermann erzählt auf
Zeit Online die Geschichte der aktuell von den verheerenden Bränden in Los Angeles bislang offenbar weitgehend verschonten
Villa Auroa und des Thomas-Mann-Hauses, letzteres zur Nazizeit "der symbolische Regierungssitz des Teils der deutschen Kultur, den die Nazis in Deutschland für undeutsch erklärt hatten. ... Die deutsche Kultur weiter Teile des 20. Jahrhunderts, auf die wir heute so stolz sind, ist eine Flüchtlingskultur. Ist eine - durch Glück, durch menschenfreundliche Regierungen, durch heldenhaft agierende Menschen - gerettete Kultur. Und der Hügel von Pacific Palisades, der in Flammen steht oder
nur noch ein grauer Ascherest ist aus Gebäudegerippen und verkohlten Palmen, der ist ein Symbol jener kühnen, heute märchenhaft erscheinenden Rettungsbereitschaft eines Landes."
Weitere Artikel: Hendrik Feindt liest für "Bilder und Zeiten" der
FAZ Stefan Zweigs letztes Romanfragment, mit dem auch die Salzburger Ausgabe zu Zweigs Werk endet. Marc Zitzmann blickt für "Bilder und Zeiten" auf die Memoiren des
Herzogs von Saint-
Simon. Matthias Heine
fühlt sich in der
WamS von den Territorialansprüchen, die
Donald Trump auf
Grönland erheben will, an
Carl Barks' Donald-Duck-Comicklassiker "Der Goldene Helm" von 1952 erinnert.
Besprochen werden
Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (
Presse),
Barbra Streisands Memoiren (
taz),
Leonardo Paduras "Anständige Leute" (
taz),
Hans-
Ulrich Jörges' "Der Kobaltkanzler" (
FR),
Maria Stepanovas "der absprung" (
NZZ),
Anne Cathrine Bomanns "Rosa" (
Presse),
Sarah Pines' "Der Drahtzieher" (
FAZ) und die fünfzehnbändige "Handliche Bibliothek der Romantik" (
FAZ). Mehr in unserer
Bücherschau ab 14 Uhr.