Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2025 - Literatur

David Hinzmann erklärt in Frankfurter Allgemeine Quarterly, was es mit der in Norwegen idyllisch im Wald gelegenen, von der schottischen Künstlerin Katie Paterson konzipierten Future Library auf sich hat, in der seit 2014 jedes Jahr eine Autorin oder ein Autor einen eigens dafür verfassten Text hinterlegt und sich dazu verpflichtet, sämtliche weiteren Kopien des Textes zu vernichten, sodass im Jahr 2114 nach 100 Jahren strikter Geheimhaltung eine große Offenlegung stattfinden kann (unsere Resümees dazu aus den letzten Jahren). Zur jährlichen Übergabe-Zeremonie kommen mittlerweile einige hundert Menschen, erfahren wir. "Paterson hat für sich und ihre Zeitgenossen etwas geschaffen, das unsere eigene Sterblichkeit überdauert. In diesem Sinne ist die Future Library ein Ersatzangebot für die transzendental Obdachlosen unserer säkularisierten Welt. Die Handover Ceremony der Future Library ist die Fortführung von kirchlichen Bräuchen unter weltlichen Vorzeichen. ... Dass sich diese neue Art von Gemeinschaft abermals um eine Schrift versammelt, ist vielleicht nur eine Koinzidenz. Sympathisch ist es allemal. Schließlich ist der Inhalt der Bücher unbekannt. Unter den Manuskripten könnten sich auch Einkaufszettel, Gebrauchsanweisungen oder Pamphlete befinden."

Weiteres: Der Schriftsteller Daniel de Roulet besteht, nachdem Recherchen der Welt seine Täterschaft jüngst in Zweifel zogen, auch weiterhin darauf, in den Siebzigern ein Feriendomizil von Axel Springer in Brand gesteckt zu haben, wie er es 2006 in einem Buch beschrieben hat, berichtet Roman Bucheli in der NZZ.

Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (FR), Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (NZZ), eine in New York und im Netz stattfindende Ausstellung über Bücher, die es nur in Büchern gibt (FR), Thomas Pigors "La Groete - Sag nicht Kleinkunst" (online nachgereicht von der FAZ), Cheon Myeong-kwans "Eine Bumerangfamilie" (FAZ) und Maja Lundeas "Für immer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
 
Und die FAZ bringt ein Gedicht von Durs Grünbein zu Trumps Amtseinführung:

"Ein Goldenes Zeitalter versprach
der neue Präsident (der alte)
und blickte finster in die Rotunde ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.01.2025 - Literatur

Marie Schmidt erinnert in der SZ an die Lyrikerin Mascha Kaléko, die vor 50 Jahren gestorben ist und die aktuell mit einigen Wiederveröffentlichungen wiederentdeckt wird (etwa auch in dieser "Langen Nacht" beim Dlf Kultur). Vor den Nazis musste sie einst fliehen, in der wirtschaftswunderbaren Bundesrepublik weigerte sie sich, von einstigen Nazi-Parteigängern Auszeichnungen anzunehmen. "Über die Sehnsucht nach Orten, die es nicht mehr gibt, und das Pendeln zwischen den Ländern, Sprachen, Erinnerungen und neuen Realitäten hat Mascha Kaléko die leichtesten, herzzerreißendsten Gedichte geschrieben, die es in deutscher Sprache gibt. ... Diese traurigen, bissigen, melancholischen Exil-Gedichte gerade jetzt zu lesen, hat wieder einen besonders bitteren Beigeschmack in einem politischen Moment, in dem über Migranten geredet wird, als seien sie Verfügungsmasse, als seien Schlagworte von 'Rückführung', 'Aberkennung der Staatsbürgerschaft' und anscheinend 'sicheren Herkunftsländern' unvermeidlicher Teil des politischen Wettbewerbs."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels liest für den Tagesspiegel weiterhin aufmerksam den Instagram-Account von Rainald Goetz, der auf der Plattform kürzlich auch über Sinn, Zweck und Möglichkeiten seiner Unternehmung dort nachgedacht hat. Nadine A. Brügger porträtiert für die NZZ den Autor Daniel Glattauer. Marc Reichwein gratuliert in der Welt dem Lyriker Eugen Gomringer zum hundertsten Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Felix K. Nesis "Die Leute von Oetimu" (Presse), José Maria Eça de Queirós' "Die Maias. Episoden aus dem romantischen Leben" (NZZ), Kai Sinas "'Was gut ist und was böse'. Thomas Mann als politischer Aktivist" (FAZ) und Jean Hanff Korelitz' "Die Nachzüglerin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2025 - Literatur

"Wenn der Wind weht, spüre ich, wie die Panik in mir zu pochen beginnt", schreibt in der SZ der Schriftsteller T.C. Boyle, der in den kalifornischen Wäldern lebt, allerdings so weit weg von Los Angeles, dass er von den verheerenden Bränden verschont geblieben ist. Dieser Wind ist einer, "der die Seele verätzt und Schlimmstes ankündigt. Ich meine windgetriebenes Feuer. ... Unser Haus, Frank Lloyd Wrights erster Entwurf für ein kalifornisches Haus (1909), ist ganz aus Mammutbaumholz gebaut, es steht in einem Hain aus Eichen, Eukalyptus und schwarzer Akazie, und wartet nur darauf zu brennen. Ich könnte umziehen. Ich sollte umziehen. Aber ich kann nicht. Ich liebe diesen Ort, ich liebe das Grundstück, ich liebe die Berge und das Meer, das nur wenige Blocks entfernt liegt. Wie die vernichteten Häuser meiner Freunde ist dieses Haus meine physische Autobiografie, oder zumindest ein großer Teil davon nach zweiunddreißig Jahren hier, und ich hoffe, dass das Schlimmste nicht eintritt."

Weitere Artikel: In der SZ stimmt Alexander Menden auf das heute beginnende Lyrikfestival Poetica in Köln ein. Kevin Gensheimer spricht für die Berliner Zeitung mit der Schauspielerin Anne Ratte-Polle. die neben anderen bei einer Berliner Veranstaltungsreihe aus Peter Weiss' Roman "Die Ästhetik des Widerstands" lesen wird. Roman Bucheli (NZZ), Björn Hayer (FR), Michael Lentz (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ) gratulieren dem Lyriker Eugen Gomringer zum 100. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (Jungle World), Armin Fuhrers Biografie über Anita Berber (NZZ), Barbara Tilgs 'He, Obstdiebin!'. Zeichnungen zu Peter Handkes Erzählung "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" (Standard), Daniel Glattauers "In einem Zug" (TA) und neue Hörbücher, darunter Christoph Cierpkas und Joe Whites Audible-Hörspielbearbeitung von George Orwells "1984", die nicht zu verwechseln ist mit der aktuellen Dlf-Bearbeitung des Romans (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Wulf Segebrecht über Eugen Gomringers "literatur im kindli":

"zu meiner vaterstadt war ich geladen
nach zürich an der limmat sanften fluss
lob zu empfangen war mein dankbar muss ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2025 - Literatur

Susanne Romanowski freut sich in der FAS, dass der internationale Popstar Dua Lipa auf Social Media mit Service95 einen monatlichen Buchclub veranstaltet, bei dem literarische Hochkaräter wie vor kurzem etwa die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zu Gast sind - und mit solchen Buchclubs ist Dua Lipa auf Social Media auch nicht alleine. "So bildet sich in den progressiven, popkulturell und weiblich dominierten Sphären des Internets ein neuer Kanon heraus, der Wert legt auf Stimmen aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Der das Lesen feiert und womöglich einen Einstieg in experimentellere Werke."



Die italienische Gegenwartsliteratur befasst sich auffallend häufig mit der Mussolini-Zeit, stellt Francesca Polistina im "Literarischen Leben" der FAZ fest - allen voran natürlich Antonio Scuratis großer, auch auf Deutsch vorliegender Romanzyklus "M" über den italienischen Diktator, aber auch Bestseller wie Francesca Giannones Roman "La Portalettere", der allerdings eher auf Nostalgie abzielt. Ein neues Phänomen sind im italienischen Faschismus angesiedelte Romane zwar nicht, insbesondere die Resistenza wurde häufig literarisch gewürdigt. "Nun scheint sich aber die heutige Literatur weniger mit klassischen Partisanengeschichten wie bei Fenoglio und den anderen zu beschäftigen, dafür vermehrt mit unbequemen, aber unausweichlichen Fragen, die lange Zeit nur marginal waren: Wer waren die Täter, und was ist aus ihnen geworden? Warum wurde das faschistische Regime von der Bevölkerung so stark unterstützt? Und was ist mit den Frauen, deren Biografien jahrzehntelang literarisch nur am Rande auftauchten? ... Steht also Italien, achtzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, vor der entscheidenden Aufarbeitung des Faschismus? Eher immer noch nicht, und es ist auch fraglich, ob das nach so langer Zeit überhaupt möglich sein wird."

Außerdem: In Joan Didions Essays aus den Sechzigern stößt Mara Delius (WamS) auf Vorahnungen der großen Katastrophe, die nun über Los Angeles hereingebrochen ist, und fragt sich: "Entsteht in dieser permanenten Naherwartung einer Katastrophe die interessanteste Kultur?" Andreas Breitenstein (NZZ) und Gerhard Zeillinger (Standard) schreiben zum Tod des Schriftstellers Martin Pollack. Andreas Platthaus erinnert sich in "Bilder und Zeiten" wehmütig an Aufenthalte im von den aktuellen kalifornischen Waldbränden bedrohten Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades. Der Schauspieler Benno Fürmann verrät der Literarischen Welt (online nachgereicht), welche Bücher ihn geprägt haben.

Besprochen werden unter anderem eine New Yorker (und Online-) Ausstellung über nicht-existierende Bücher, die es nur in anderen Büchern gibt (Welt), Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (FAZ) und Robert Pursches "Umkämpftes Nachleben. Walter Benjamins Archive 1940-1990" (in "Bilder und Zeiten" der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2025 - Literatur

Michael Wurmitzer stellt im Standard Julia Kospach vor, die neue Programmkuratorin der Buch Wien. Wiebke Hüster erinnert in der FAZ an den Dichter und Naturkundler John Clare. Besprochen werden unter anderem Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (Presse, SZ), Daniel Clowes Comic "Monica" (Intellectures), Anna Langfus' "Gepäck aus Sand" (FR), Aljoscha Jelineks und Blackiis Manga "Children of Grimm" (Tsp) und Rachel Cusks "Parade" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Stichwörter: Manga

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2025 - Literatur

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In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" legt uns Tilman Spreckelsen Eugène Ionescos Erzählung "Die Nashörner" von 1957 ans Herz, in der nach und nach Nashörner in einer kleine Stadt Einzug halten und diese allmählich erodieren. "Wo sonst menschenähnliche Tiere humane Eigenschaften zur Kenntlichkeit bringen, beschreibt der Autor den Einbruch einer antizivilisatorischen Gewalt, die alle Regeln des menschlichen Miteinanders unter der Körperlichkeit der Rhinozerosse begräbt und die Menschen herausfordert. Und das als schleichender Prozess." Eine Allegorie, für die Ionesco aus seiner Biografie schöpft, hatte er doch "in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts erleben müssen, wie sich die rumänische Gesellschaft immer stärker für totalitäre Ideen öffnete."

Weitere Artikel: Die Comicautorin und Filmemacherin Marjane Satrapi hat die Aufnahme in die französische Ehrenlegion abgelehnt, weil sie mit dem zu laschen Kurs der französischen Regierung gegenüber Iran nicht einverstanden ist, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Ich "spüre eine herzzerreißende Trauer", schreibt die in Potsdam und Los Angeles lebende Schriftstellerin Zaia Alexander in einem literarischen Essay für die FAZ, wenn sie von Deutschland aus die Brände in Kalifornien verfolgt. Berlin setzt trotz Sparkurs seine Comicförderung fort, atmet Lars von Törne im Tagesspiegel auf.

Besprochen werden unter anderem Hannah Brinkmanns Comic "Zeit heilt keine Wunden" (taz), Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (Presse), Ursula Krechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (TA, Zeit), Charles Nodiers "Jean Sbogar" (NZZ), neue Lieferungen aus der Werkausgabe Wolfgang Koeppen (Welt), Sebastian Barrys "Jenseits aller Zeit" (FR), Paul Lynchs "Das Lied des Propheten" (FAZ) und Elke Schmitters "Alles, was ich über Liebe weiß, steht in diesem Buch" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2025 - Literatur

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Sven Jachmann gehen im Tagesspiegel die Augen über, wenn er "Das Ei des Kolumbus" liest. Underground-Regisseur Wenzel Storch und Titanic-Humorist Gerhard Henschel haben dafür Ministranten-Fotoromane der Fünfziger- bis Achtzigerjahre geplündert, das Material collagiert und teilweise neu betextet. Neben dem aus dem Nationalsozialismus als Schmuggelware hinübergeretteten Ideologieschrott aus der Welt der edlen Reinblütigkeit, zieht einem im Material die Art, "wie sich der lüstern-verträumte Bilderkomplex den 'Knaben' und 'Buben' annähert, von denen augenscheinlich keiner älter als höchstens zwölf ist, die Schuhe aus. Allerorten körperliche Ertüchtigungen, die Anlass bieten, Gesäße und angespannte Oberkörper der Jungen in den Fokus zu rücken. ... Bei allem bizarren Humor, mit dem sich weniger satirisch-aufklärerisch denn absurd-süffisant durchs Material gewühlt wird, ist dieses Buch auch eine Kulturgeschichte von ganz oben. ... Was läuft in einer Kultur eigentlich falsch, die diese mal subkutane, dann wieder offenkundige, so oder so andauernde Sexualisierung der Knabenkörper nicht bemerken wollte?"

Weitere Artikel: Hubert Spiegel hat für die FAZ die Feierlichkeiten zum Besitzerwechsel der Essener Buchhandlung Proust besucht, deren alte Besitzer zwar in Rente gehen, ihren Laden aber weiterreichen konnten. Wilfried Hippen berichtet in der taz überaus begeistert von seinem Besuch in den Studios der Hörspielschmiede Ohrenkneifer, die neben eigenen Stoffen auf die Umsetzung gemeinfreier Romane setzen.

Besprochen werden unter anderem Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (Welt), Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (NZZ), Tommie Goerz' Krimi "Im Schnee" (FAZ) und Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.01.2025 - Literatur

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T.C. Boyle gehört zu den US-Autoren, die in ihren Romanen seit vielen Jahren vor den Folgen von Umweltzerstörung und menschgemachten Klimawandels warnen. Insbesondere unter den Eindrücken der Großbrände in Los Angeles ist der in Südkalifornien lebende Schriftsteller nicht gerade zuversichtlich, gesteht er im Gespräch mit dem ZeitMagazin: "Mein Roman 'Ein Freund der Erde' erschien im Jahr 2000. Die Geschichte spielt im Jahr 2025. Was ich darin in Bezug auf Pandemien, Brände und Überschwemmungen vorausgesagt habe, ist jetzt eingetreten. Als das Buch herauskam, gab es eine Menge Diskussionen. Werden wir solche Katastrophen wirklich erleben? Sind fossile Brennstoffe wirklich das Problem? Und natürlich sagten die Rechten und die Vertreter der Ölkonzerne über die Erderwärmung: 'Ach, das sind nur saisonale Schwankungen.' Aber heute wird kaum jemand, außer vielleicht Trump und seine Günstlinge, noch leugnen, was da wirklich geschieht. Natürlich werden sie nun alles noch viel schlimmer machen. ... Wir sind also dem Untergang geweiht."

Außerdem: Aldo Keel widmet sich in der NZZ dem Niederschlag der Kolonialgeschichte Grönlands in der Literaturgeschichte. Linda Stift sieht für die Presse aktuelle österreichische Literaturzeitschriften durch.

Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (Standard), Juri Felsens "Getäuscht" (NZZ), eine Neuausgabe von Yukio Mishimas "Der Held der See" (NZZ), Bruno Coelhos "Die Insel" (FR), Michael Weins "Menschen der Erde" (taz) und Marianne Gareis' Neuübersetzung von José Maria Eça de Queirós' "Die Maias" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.01.2025 - Literatur

Im Dlf unterhält sich Dirk Fuhrig ausführlich mit François Zimeray, dem Anwalt des inhaftierten algerischen Schriftstellers Boualem Sansal (mehr hier): Eine Anklageschrift mit konkreten Vorwürfen gibt es auch weiterhin nicht, erfahren wir - und Zimeray wird auch weiterhin nicht zu seinem Mandanten vorgelassen. Mara Delius zeigt sich im online nachgereichten Kommentar aus der WamS irritiert davon, dass das Auswärtige Amt den Vorschlag Israels abgelehnt hat, bei der Frankfurter Buchmesse mit gemeinsamen Aktivitäten 60 Jahre gemeinsame diplomatische Beziehungen zu feiern: "Angesichts des Nichthandelns der Politik wäre es wohl an der Zeit, Israel möglichst bald zum Gastland der Buchmesse zu machen." Im Bücherpodcast der FAZ spricht Elena Witzeck mit Tijan Sila über dessen Roman "Radio Sarajevo". René Aguigah spricht im Dlf Kultur mit Josef Vogl ausführlich über Gilles Deleuze und dessen Texte über Literatur. Elke Schlinsog erinnert im Literaturfeature für Dlf Kultur an die Gedichte von Mascha Kaléko.

Besprochen werden unter anderem Daniel Glattauers "In einem Zug" (FR), Katja Lewinas "Was ist schon für immer" (online nachgereicht von der FAZ), Ulrich Stadlers "Der ewige Verschwinder. Eine Kulturgeschichte des Flohs" (NZZ) und Marlen Hobracks "Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Combrink über Max Kommerells "Erinnerte Landschaften":

"Man meint, jetzt müßte müd die See sein,
Die große See, an deren Rand
Der dunkle Ball des Lichtes stand ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.01.2025 - Literatur

"Wer Alice Munro heute liest, wird ganz Neues erkennen", stellt Aurelie von Blazekovic in der SZ nach Lektüre dieser aktuellen Reportage im New Yorker fest, die die bereits im vergangenen Jahr laut gewordenen Vorwürfe gegen die Nobelpreisträgerin - sie habe eine Tochter vor den sexuellen Übergriffen ihres Ehemanns nicht nur nicht beschützt, sondern ganz im Gegenteil zu ihm gehalten - nochmals unterfüttert, konkretisiert und plastisch macht. "Mit diesem Wissen nun stellen sich neue Fragen zu ihrem Werk. Neben der Enttäuschung natürlich, die sich breitmacht, wenn man einen Künstler, eine Künstlerin so sehr schätzt, dass man vergisst, dass sich größte Brillanz und größte Verfehlungen leider nicht ausschließen." Da ist "die magnetische Stille, die Tiefe in Munros Schreiben, in der, so die Schwedische Akademie, 'der größte Schmerz unausgedrückt bleibt'. Dieses Passive, Erstarrte ihrer Figuren, die den Dingen zunächst mal ausgesetzt und ausgeliefert sind. Beschreibt Munro eine konsequent weibliche Rolle in einer patriarchalen Welt? Oder gewährt sie auch einen Einblick in die Psychologie von Mittäterinnen? ... Erklärungen für Munros Verhalten finden sich in diesen Geschichten nicht, eine Ahnung dieses Seelenlebens in einer luziden Sprache und Erzählform, das aber schon."

Der Medienwissenschaftler Alexander Gutzmer durchstreift für das "Literarische Leben" der FAZ New York mit New-York-Romanen unterm Arm, um die Metropole, aber vor allem das zerrüttete Verhältnis zwischen dieser und ihrem Sohn Donald Trump besser zu verstehen. Paul Austers in den Achtzigern entstandene New-York-Trilogie, die einst das literarische Bild der Stadt in der Welt prägte, taugt eigentlich nur noch für nostalgische Lektüren, stellt er fest. Sind Austers "postmodern sinnsuchende Detektivfiguren noch Embleme unserer Zeit? Welcher urbane Typus würde sie ersetzen? Der polternde Social-Media-Aktivist vielleicht? Die vegane Verkäuferin mit lila Haaren, die vor der Columbia University ... an einem der Dutzenden Salatstände das Modegemüse Grünkohl verkauft? Oder die Polizistin, die vor dem Trump Tower mit professionell-resolutem Gesichtsausdruck arglose Touristen aus China wegscheucht? ... Vielleicht ist es auch der New Yorker Donald Trump selbst. Die Geschäftsstrategien des Bald-wieder-Präsidenten sind von einer metropolenbezogenen Ambivalenz gekennzeichnet. Einerseits die demonstrativen Pressekonferenzen in seiner golfoptimierten Provinz in Florida, andererseits die Obsessivität, mit der er New York seinen vulgärästhetischen Stempel aufdrückt."

Volker Weidermann erzählt auf Zeit Online die Geschichte der aktuell von den verheerenden Bränden in Los Angeles bislang offenbar weitgehend verschonten Villa Auroa und des Thomas-Mann-Hauses, letzteres zur Nazizeit "der symbolische Regierungssitz des Teils der deutschen Kultur, den die Nazis in Deutschland für undeutsch erklärt hatten. ... Die deutsche Kultur weiter Teile des 20. Jahrhunderts, auf die wir heute so stolz sind, ist eine Flüchtlingskultur. Ist eine - durch Glück, durch menschenfreundliche Regierungen, durch heldenhaft agierende Menschen - gerettete Kultur. Und der Hügel von Pacific Palisades, der in Flammen steht oder nur noch ein grauer Ascherest ist aus Gebäudegerippen und verkohlten Palmen, der ist ein Symbol jener kühnen, heute märchenhaft erscheinenden Rettungsbereitschaft eines Landes."

Weitere Artikel: Hendrik Feindt liest für "Bilder und Zeiten" der FAZ Stefan Zweigs letztes Romanfragment, mit dem auch die Salzburger Ausgabe zu Zweigs Werk endet. Marc Zitzmann blickt für "Bilder und Zeiten" auf die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon. Matthias Heine fühlt sich in der WamS von den Territorialansprüchen, die Donald Trump auf Grönland erheben will, an Carl Barks' Donald-Duck-Comicklassiker "Der Goldene Helm" von 1952 erinnert.

Besprochen werden Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (Presse), Barbra Streisands Memoiren (taz), Leonardo Paduras "Anständige Leute" (taz), Hans-Ulrich Jörges' "Der Kobaltkanzler" (FR), Maria Stepanovas "der absprung" (NZZ), Anne Cathrine Bomanns "Rosa" (Presse), Sarah Pines' "Der Drahtzieher" (FAZ) und die fünfzehnbändige "Handliche Bibliothek der Romantik" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.