"Wir drohen, Boualem Sansal zu vergessen. Nach und nach akzeptieren wir die absurden und ungerechten Entscheidungen des Regimes in Algier", fürchtet Sansals marokkanischer Kollege und Freund Tahar Ben Jelloun in Le Point. Aber er will die Hoffnung nicht aufgeben: "Im Moment schweigen fast alle. Wir warten. Vielleicht gelingt es den diplomatischen Instanzen, diesen Mann, den wir so sehr vermissen, zu befreien. Vielleicht kommt seinen Kerkermeistern ein Funken Vernunft, und sie erkennen endlich ihren Fehler."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: In der FRspricht Michael Hesse mit dem Präsidenten der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft HansWißkirchen über HeinrichundThomasMann, über die jener auch ein Buch geschrieben hat. Bei den LeipzigerLiteraturtagen diskutierten Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler über Osteuropa, berichtet Anna Hoffmeister in der taz. In der Welt spricht Mara Delius mit dem italienischen Journalisten und Schriftsteller AlainElkann, von dessen zahlreichen Interviews mit Prominenten gerade bei Assouline eine Auswahl erschienen ist.
Besprochen werden unter anderem Piet de Moors "Gunzenhausen. Das Leben des J. D. Salinger, von ihm selbst erzählt" (taz), ChloeMichelleHowarths Debütroman "Sunburn" (ZeitOnline), VerenaStauffers Gedichtband "Kiki Beach" (Freitag) und BergsveinnBirgissons "Die Insel Kolbeinsey" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
David Hugendick wünscht sich in der Zeit, dass die Gegenwartsliteratur von ihrer Lust an der Apokalypse auch mal wieder etwas wegkommt. "Es schockiert nicht mehr, es ängstelt nur. Aber vielleicht sind die Geschmacksnerven auch allmählich taub geworden. Die trendigen Todeszonen und dekorativen Apokalypsenszenarien der Literatur stehen ja inzwischen in unweigerlicher Nachbarschaft zu medialen Angstlustproduktionen. ... Womöglich können die Romane den Erzeugnissen allgemeiner Gegenwartshypochondrie gar keinen produktiven Schrecken mehr hinzufügen, wenn inzwischen in jedem kleinen Schattenwurf der Zeitläufte eine düstere Vorahnung entdeckt wird und man überall eh mit dem Schlimmsten rechnet. ... Man ist ja bestens versorgt. Und vielleicht hat die Wirklichkeit manche ihrer kulturellen Reflexionen auch schon überholt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Außerdem: Felix Stephan hält in der SZ weniger als wenig von dem kürzlich im Dlf geäußerten Vorschlag, mit einem eigens zugeschnittenen literarischen Angebot junge Männer von Nicht-Lesern zu Lesern und damit zu empathiebefähigten Menschen zu machen: "Der wiederkehrende Gedanke, dass Literatur erstens in der Lage und zweitens in der Pflicht sei, die Bevölkerung je nach Lage zu Härte oder Empfindsamkeit zu erziehen, gehört in Demokratiekrisen offenkundig zu den zuverlässigsten Anzeichen fortgeschrittener Ratlosigkeit." Im Zeit-Gespräch denkt Elisabeth von Thadden mit Robert Macfarlane über das Wesen von Flüssen nach, worüber der Nature-Writer gerade auch einen Essay veröffentlicht hat. Der Journalist LorenzHemickerspricht in der FR über seine nun auch als Buch vorliegenden Recherchen darüber, dass sein Großvater im Zweiten Weltkrieg an einem Massaker in Osteuropa beteiligt war.
Besprochen werden unter anderem SebastianHaffners "Abschied" (online nachgereicht von der Welt), WiktorRemisows "Permafrost" (NZZ), DmitrijKapitelmans "Russische Spezialitäten" (NZZ), HansUlrichGumbrechts Essay "Leben der Stimme" (NZZ), WaltraudSeidlhofers Lyrikband "stille flaneure" (FR), JacquesTardis Comic "Du rififi à Ménilmontant!" (FAZ.net), EmmanuelCarrères Biografie des SF-AutorsPhilipK. Dick (FAZ) und StephenKings "Kein Zurück" (SZ, Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der auf Polit-Thriller spezialisierte Bestseller-AutorFrederickForsyth ist im Alter von 86 Jahren gestorben. So einen "wird es nie mehr geben", seufzt Matthias Heine in der Welt, "schon allein, weil solche Karrieren heute nicht mehr in coolen Jets beginnen." Viele Jahre als Journalist für Reuters und die BBC, aber auch als Zuträger für den britischen Geheimdienst MI6 tätig, verarbeitete Forsyth seine Erfahrungen in seinem Debüt- und Duchbruchroman "Der Schakal", in dem ein britischer Auftragsmörder Charles de Gaulle ermorden soll. "Großartig daran ist die totale menschliche Leerstelle im Zentrum: Der Schakal bleibt bis zuletzt ein Geheimnis. Selbst das wenige, was die Polizisten über ihn herausgefunden haben, entpuppt sich am Ende auch noch als falsch. Seine Psyche wird ausschließlich durch die kalte Rationalität definiert, mit der seine Tat plant und schon im Vorfeld mehrere nötige Morde begeht. Diese reine Funktionalität ... lässt ihn viel bedrohlicher psychopathisch wirken als jedes Psychopathengekaspere, mit dem solche Figuren von schwächeren Autoren gezeichnet werden."
Forsyths "Erbe wirkt merkwürdig aktuell in einer Zeit, deren Skrupellosigkeit in vielfacher Hinsicht die Romanvorlagen übertrifft", denkt sich Dominic Johnson in der taz. "Forsyth hat den politischen Thriller neu erfunden, als Überhöhung der Realität. ... Seine Sprache ist verständlich, präziseunddirekt, so wie man es als Journalist lernt." Sein "Schlüsselerlebnis war der Biafra-Krieg in Nigeria ab 1967, dessen Militärregime mit Unterstützung der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien und auch der Sowjetunion den Sezessionsstaat 'Biafra' des Igbo-Volkes brutal zerschlug, um den Preis einer Hungersnot mit über einer Million Toten. Forsyth schrieb darüber 1969 sein Buchdebüt 'The Biafra Story': kein Roman, sondern eine Anklageschrift, in der er zum Schluss kam, in Biafra finde ein Genozid statt und die damalige britische Labour-Regierung leiste hierfür Beihilfe. Das verhallte ungehört, seinen Job war er los, aus der Not wuchs dann 'The Day of the Jackal'. Es war der Sprung zum Erfolg."
"Die meisten Romane Forsyths sind aus der Zeit vor den digitalen Medien, durch die das Agenten- und Politbusiness gewaltig verändert wurde", hält Fritz Göttler in der SZ fest. "Wie bei seinem Kollegen John Le Carré ... zählt auch bei Forsyth: Präsenz, raffinierte Tarnung, körperlicher Einsatz. Die wesenlose neue Welt sah der vom Brexit überzeugte Schriftsteller in der Europäischen Union am Werk - fremdeBürokraten, die abstrakteRegeln und Vorschriften bestimmen, die, so sah es Forsyth, von 'einem Pseudoparlament mit überbezahlten Mitgliedern abgenickt werden'. Das erinnerte ihn stark an die alte DDR." Als junger Mann war Forsyth auch selbst "ein echter Draufgänger", staunt Hannes Hintermeier in der FAZ. "Die New York Times berichtet, 1974 habe Forsyth in Hamburg über illegalen Waffenhandel recherchiert. Als er eine Warnung bekam, er sei aufgeflogen, habe er sich seinen Verfolger entzogen, indem er auf einen abfahrenden Zug aufsprang. Autoren aus solchem Holz sind rare Exemplare."
Besprochen werden unter anderem AlexanderSollochsHarry-Rowohlt-Biografie (taz), IsabelKreitz' Comic "Die letzte Einstellung" über die Produktion des letzten Durchhaltefilms der Nationalsozialisten (FD, SZ), FabioAndinas "Sechzehn Monate" (NZZ), OliverHilmes' historische Darstellung "Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte" (FR) und SebastianPeters' Biografie "Hitlers Fotograf HeinrichHoffmann" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Zum 150. Geburtstag von Thomas Mann hat SZ-Kritiker Larissa Beham dessen Enkel Frido Mann in Lübeck besucht. Frido Mann hält die "demokratische Tradition der Weltbürgerfamilie Mann" aufrecht, erzählt Beham, so hat er seinem Großvater zum Geburtstag das Buch "Um der Güte und Liebe willen" gewidmet, erzählt Beham, in dem er "den Versuch unternimmt, den gespaltenen Gesellschaften weltweit, der Verfolgung Andersdenkender, Gedanken zu einem neuen und anderen Miteinander entgegenzusetzen." Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung einer Thomas Mann Ausstellung im St.-Annen-Museum in Lübeck "sagte Frido Mann ein paar unerwartete Worte dazu, wie sein Großvater wohl die Gegenwart gesehen hätte. Bis zur Wahl von George W. Bush, bis zur Jahrtausendwende hätte sein Großvater die Jetztzeit 'noch knapp verstanden'. Aber 'was gerade in den USA passiert', in Russland, der Ukraine, und 'was da in Israel passiert, im Gazastreifen', hätte bei ihm nur Kopfschütteln erzeugt. 'Das wäre für einen Geist wie ihn nicht mehr erfassbar, weil das so wahnsinnig ist, was da läuft.'" In der FAZ teilt Thomas Sparr Eindrücke von den Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag von Thomas Mann in Lübeck.
Weitere Artikel: Die Feuilletons, unter anderem Tagesspiegel, Standard und SZ, melden, dass der britische Schriftsteller Frederick Forsyth im Alter von 86 Jahren verstorben ist. In der FAZ berichtet Yelizaveta Landenberger weiter über den Skandal um den Schweizer Preis für russischsprachige Literatur "Dar": dem auf der diesjährigen Shortlist stehenden Schriftsteller Denis Besnossow wurde Mithilfe bei Propaganda-Maßnahmen des Regimes vorgeworfen (unser Resümee).
Besprochen werden unter anderen Melara Mvogdobos Roman "Großmütter" (FR), Ulrich Specks Sachbuch "Der Wille zur Weltmacht. Wie Russland und China die freiheitliche Ordnung attackieren" (FAZ) und Isabel Kreitz' Graphic Novel "Die letzte Einstellung" (tsp), Margaret Goldsmith' erstmals auf Deutsch erscheinender Berlin-Roman "Good-Bye für heute" aus dem Jahr 1920 (tsp). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Mehr als 700 Bibliotheken sind laut PEN im Krieg beschädigt oder zerstört worden, und doch ist überall Widerstandsgeist zu spüren, wenn in Kyjiw derzeit mit der Book Arsenal die größte Buchmesse der Ukraine stattfindet, staunt Jens Uthoff in der taz. "Everything is Translation" haben die Kuratorinnen, die OsteuropahistorikerinMarci Shore und die ukrainische Verlegerin und SchriftstellerinOksana Forostyna als Motto ausgewählt, abgelauscht haben sie es einem Gespräch mit dem ebenfalls eingeladenen ukrainischen Psychoanalytiker und Kulturwissenschaftler Jurko Prochasko. Der erklärt, der Angriffskrieg habe der Ukraine neue "Übersetzungsaufgaben" gestellt. "'Wir sind davon ausgegangen, dass ein Angriffskrieg einer Großmacht auf ein Land, das den Krieg mit nichts provoziert hatte, dass eine solche himmelschreiende Ungerechtigkeit eindeutig bewertet werden würde', sagt er. 'Wir haben aber festgestellt, dass die Möglichkeiten der Relativierung sehr flexibel sind. Die Ukraine muss sich also ständig erklären, in Echtzeit und live.' Alles in der Ukraine sei durchdrungen vom Krieg, so Prochasko. 'Es gibt keine Stelle in der Seele, die frei wäre vom Krieg.'"
Für die FAS ist Claudia Dathe, Übersetzerin aus dem Ukrainischen und Russischen, zur Buchmesse nach Kyjiw gereist, wo sie im Luftschutzkeller mit der ukrainischen Autorin Oksana Stomina ins Gespräch kommt. Die will von ihr wissen, wie sie das Slangvokabular des Krieges übersetze, zum Beispiel: "zakobsonyty - einen russischen Soldaten ins Jenseits schicken, wo er sich die Musik des Schlagerstars Josif Kobson anhören kann, der als Putin-Anhänger die Aggression gegen die Ukraine seit 2014 öffentlichkeitswirksam unterstützt hatte, bevor er 2018 starb. Oksana und ich stellen fest, dass diese Wahrnehmungen und Gefühle, die Verzweiflung, der Schmerz über die Verluste und auch der schwarze Humor, der sich in diesen markanten Wörtern kondensiert, unübersetzbar sind. Unfassbar und unübersetzbar bleibt nicht nur das Geschehen an sich - die Angriffe, die Grausamkeit, das Sterben - , sondern auch die Formen, die die Menschen in der Ukraine finden, um das Geschehene zu verarbeiten und Wege zum Weiterleben zu finden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Am Pfingstmontag wird die Lyrikerin Dagmara Kraus den Oskar-Pastior-Preis erhalten. Perlentaucherin Marie Luise Knott würdigt in ihrer Tagtigall vorab das Werk der großen Sprachwerkerin, die 1986 mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland kam und gehüllt in "das Gewand der Polyphonie" auch in ihrem jüngsten Gedichtband "liedvoll, deutschyzno" lustvoll mit den Sprachen spielt: "Jede Sprache hat je spezifische Lautkonstellationen, die sich im Mund der Sprechenden je verschieden formen. Mit der Mischung der Sprache entsteht auch ein Mischmundraum, in dem neben dem Mehr an Mundmuskeln auch ein Mehr an 'Denkmuskeln' trainert wird. So verändert sich der Gang in die Welt. 'çatodas' lautet der Titel eines der Gedichte im genannten Band. 'Çatodas' klingt wie eine Figur aus einem Kinderbuch: Kennen Sie das kleine Çatodas ? Die kleine Schwester von 'Zeberaffe diederdase'? Alles erfunden. Tatsächlich ist çatodas ein Mischwortwesen, welches schlicht 'dasdasdas' meint und aus dem französischen ça, dem polnischen to und dem deutschen das zusammengesetzt ist." In der FAS berichtet Nikolai Klimeniouk von diversen Skandalen beim Schweizer Preis für russischsprachige Literatur "Dar", der 2024 von dem Schriftsteller Michail Schischkin und einer Gruppe Schweizer Slawisten gegründet und von einer Reihe russischsprachiger Literaten und Intellektueller unterstützt wurde: Die ukrainische Dichterin Maria Galina wies ihn zurück, unter den Mitgründern finden sich einige Mitglieder, die zumindest zeitweise Putin nahestanden und schließlich warf die russische Dichterin Galina Rymbu ihrem auf der Shortlist vertretenen Kollegen Denis Besnossow vor, stellvertretender Direktor der Russischen Zentralen Kinderbibliothek, er sei an Indoktrinationsmaßnahmen für ukrainische Kinder beteiligt gewesen.
Weitere Artikel: Die FAZ bringt die leicht gekürzte Rede, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Thomas Manns 150. Geburtstag in Lübeck gehalten hat. Im taz-Gespräch mit Marcus Wolf beklagt die Autorin Carla Kaspari, die mit "Das Ende ist beruhigend" gerade eine Dystopie über die Klimakatastrophe veröffentlicht hat, dass die Klimakrise viel zu wenig stattfindet. Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ geht der Germanist Markus Steinmayr einem eigenwilligen Phänomen in der jüngsten Literatur nach: Autofiktionale und autosoziografische Figuren, die ausgiebig über ihre Lektüren informieren.
Besprochen werden unter anderem Philippe Sands' "Die Verschwundenen von Londres 38" (taz), Juan S. Guses Roman "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (FAS), Hans Wißkirchens "Zeit der Magier" über Heinrich und Thomas Mann (FAZ) und Robert Cohens Erzählung "Anna Seghers im Garten von Jorge Amado" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Thomas Manns "Doktor Faustus":
"Ich bin ein Bergmann in der Seele Schacht Und steige still und furchtlos dunkelwärts Und seh' des Leidens kostbar Edelerz Mit scheuem Schimmer leuchten durch die Nacht . . ."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Am heutigen 6. Juni hätte Thomas Mann seinen 150. Geburtstag gefeiert. Die Neuerscheinungen über Mann sind zahllos - hochgelobt wird aber vor allem Tilmann Lahmesgroße Biografie, die sich stark auf Manns Homosexualität konzentriert. Mann war ein Homosexueller, der sein Begehren mit Heterosexualität als "Therapie" bekämpfte, erzählt der Literaturwissenschaftler im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Er selbst spricht in den Tagebüchern von einer 'Galerie' seiner Lieben. ... Alles Männer. Und dann all das Leid an der ehelichen Sexualität. Er begehrte seine Frau nicht. Er bemühte sich sehr, hatte ja sogar sechs Kinder mit ihr. Aber oft funktionierte es nicht. Das Geschlechtliche sei 'ein boshaftes Element', schimpft er im Tagebuch. Das wurde dann beim Druck alles herausgestrichen. Nebenbei: Man sucht dort vergeblich nach einer Frau, die ihn interessiert hätte. Das ist so in seinen Briefen, in den Tagebüchern, selbst im Werk. Zeigen Sie mir eine bedeutende Frauenfigur bei Thomas Mann, bei der man spürt: Da hat ein Autor mit echter innerer Anteilnahme geschrieben."
Bestellen Sie bei eichendorff21!taz-Kritiker Dirk Knipphals greift derweil lieber zu Manns, gerade vom S. Fischer-Verlag unter dem Titel "Deutsche Hörer" neu edierten Rundfunk-Ansprachen, die auch heute wachrütteln könnten, ist er überzeugt: "Den Fake News und den auf Massensuggestion ausgerichteten Inszenierungen der Nazis hält er ein Setzen auf Demokratie und eine kämpferische Vernunft entgegen. Es lohnt sich unbedingt, auch heute noch tiefer in diese Radioansprachen einzusteigen. Man wird viele Argumente finden, die sich auch in der gegenwärtigen Lage mit einer erstarkten AfD gut verwenden lassen. Vollends aktuell klingt etwa, was Thomas Mann über Freiheit schreibt: 'Der deutsche Freiheitsbegriff war immer nur nach außen gerichtet; er meinte das Recht, deutsch zu sein, nur deutsch und nichts anderes.' ... Und noch weiter: 'Ein vertrotzter Individualismus nach außen, im Verhältnis zur Welt, zu Europa, zur Zivilisation, vertrug er sich im Inneren mit einem befremdenden Maß von Unfreiheit, Unmündigkeit, dumpfer Untertänigkeit.'"
Nicht nur die FAZ pflegte bis in die Achtziger hinein ein eher "vergiftetes" Verhältnis zu Thomas Mann, erinnert Andreas Platthaus auf Seite 1 der FAZ. In Deutschland verzieh man ihm lange nicht, dass er den "Irrationalismus als Auslöser der deutschen Verbrechen" identifizierte, so Platthaus, der gerade jetzt zu Mann-Lektüre rät: "In Zeiten eines höchst angespannten Verhältnisses zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten bietet die Erinnerung an einen Exponenten deutscher Kultur, der in den USA Zuflucht und eine neue Heimat fand, sowohl eine Leitschnur bezüglich des heute notwendigen Verhaltens angesichts von staatlicher Willkür als auch eine Mahnung zur Zurückhaltung bei allzu rascher Gleichsetzung eines totalitären Systems mit einer zwar taumelnden, aber noch existierenden Demokratie."
Mehr zu Thomas Mann: Die FR bringt außerdem ein großes Thomas-Mann-Glossar. Besprochen werden die Ausstellung "Meine Zeit - Thomas Mann und die Demokratie" im St.-Annen-Museum Lübeck (FAZ, Tsp), Tilmann Lahmes Mann-Biografie, der Briefwechsel zwischen Thomas Mann & Katia Mann, der unter dem Titel "Liebes Fräulein Herz" erschienen ist und Michael Maars "Das Blaubartzimmer" über Thomas Mann und die Schuld (SZ), mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: Nach achteinhalb Jahrzehnten Forschungsarbeit ist die 43-bändige Schiller-Nationalausgabe fertig, die nicht nur Werke des Dichters in allen Fassungen, sondern Briefe und Lebenszeugnisse enthält. Im Welt-Gespräch mit Matthias Heine erzählt Christoph Hain, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, warum die Arbeit so lange dauerte: "Er starb schon 1805, und dann ging ja sofort ein regelrechter Auflösungsprozess des Nachlasses los. Die Handschriften wurden vereinzelt. Man hat kleine Schnipsel als Andenken verteilt." Ebenfalls in der Welt erzählt Jens Ulrich Eckhard die Geschichte des DDR-Schriftstellers Reinhard O. Hahn, der 1991 die Novelle "Ausgedient" schrieb, in der ein Stasi-Major seine Geschichte erzählt, und der selbst durch eine Verwechslung in einer Akte der nach der Wende gegründeten Robert-Havemann-Gesellschaft als Stasi-Spitzel geführt wurde. Der amerikanische Schriftsteller Edmund White, der mit Werken wie "The Joy of Gay Sex" zum Wegbereiter der queeren Literatur wurde, ist im Alter von 85 Jahren gestorben, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ verkündet Karen Krüger, dass das Kunsthistorische Institut in Florenz mit der in den 1920er Jahren von Filippo Serlupi Crescenzi begründeten, mehr als 13.000 Bücher aus fünf Jahrhunderten umfassenden Biblioteca Serlupiana die größte Schenkung seiner Geschichte erhält.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Einen "Hauch von Angst" vor einer Okkupation der Russenspürt Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) überall beim Literaturfestival HeadRead im estnischen Tallinn. Ziel vieler estnischer Künstler sei es daher, "Nachgeborenen, die keine Okkupationserfahrung haben, vermitteln, was es heiße, unter einer fremden Macht zu leben", erzählt etwa der Dichter Indrek Koff. "Russland … ist über seine kommunistische Vergangenheit hinaus eine imperiale Macht geblieben, die Verbrechen ohne Strafe begeht und Strafen ohne Verbrechen verhängt", warnt auch die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, die letztes Jahr das Buch "Putins Krieg gegen die Frauen" veröffentlichte, das die Entmenschlichung in Russland dokumentiert: "Die Verrohung spiegelt sich im Stolz einer russischen Mutter auf ihren Sohn, dessen Freude an der Folterung von Feinden sie teilt: Das zeige, dass sie aus demselben Holz geschnitzt seien. Oder sie artikuliert sich in den Worten einer Ehefrau, die es ihrem Mann erlaubt, an der Front ukrainische Frauen zu vergewaltigen - vorausgesetzt, er benutze ein Kondom."
Weitere Artikel: Für die Zeit spricht Anna-Elisa Jakob mit dem französischen, in Syrien geborenen Zeichner und Regisseur Riad Sattouf, der in seinen "Esther"-Comics neun Jahre lang ein Mädchen bis zur Volljährigkeit beim Aufwachsen in Paris porträtiert hat. FAZ-Kritiker Jannis Koltermann gratuliert dem Sachbuchautor Uwe Wittstock zum Siebzigsten. Lars von Törne interviewt im Tagesspiegel den Berliner Comicautor Flix, der mit "Man of Kruppstahl" eine Superman-Geschichte zum Band "Superman: The World" beisteuert.
Besprochen werden unter anderem die Lyriktage Frankfurt (FR), Milica Vučkovićs Roman "Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen" (NZZ), Tillman Lahmes Thomas-Mann-Biografie (Zeit), Milan Babićs "Geoökonomie. Anatomie der neuen Weltordnung" (SZ), Ocean Vuongs Roman "Der Kaiser der Freude" (FR) und Jean-Baptiste Andreas Roman "Was ich von ihr weiß" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Das NewYork der Sechziger- und Siebzigerjahre war der ideale Nährboden für das rastlos-neugierige, alles aufsaugende Leben von SusanSontag - für eine große Sontag-Ausstellung "wurde New York daher ins Münchner Literaturhaus geholt", schreibt Viola Schenz in der NZZ. "Die Vitrinen ziehen sich durch Straßenschluchten, umrahmt von riesigen Häuserzeilenfotos. Sie lassen sinnlich Sontags Rastlosigkeit nachempfinden, ihre Neugier, ihre Reiselust, ihre Sammelleidenschaft. Sie sammelte alles - Kunst, Souvenirs, Porträts, Kitsch, Bücher sowieso, Liebhaber und Liebhaberinnen. ... Eine fast panische Angst, im Leben etwas zu versäumen, eine unstillbare Lust auf Inspiration trieb sie von vormittags bis nachts durch Kinos, Galerien, Theater, Klubs, Konzerte und in ihre Stammrestaurants. Kurz vor Mitternacht ging es noch in eine Buchhandlung, Amphetamine hielten sie bis in den Morgen wach. Schlafen empfand sie als Lebenszeit raubende Zumutung. Zu einer Zeit, in der die Konventionen Frauen empfahlen, sich Familie, Haushalt und einem adretten Aussehen zu widmen, stand Sontag an Rednerpulten, saß auf Podien, protestierte gegen den Vietnamkrieg."
"Paradoxerweise war es die Fatwa, die SalmanRushdieim Iran zur Legende machte", erinnert sich Omiz Rezaee in einem lesenswerten, aber leider verpaywallten Text auf Zeit Online. "In dieser verborgenen Lesekultur, an einem Ort, wo kaum jemand ein einfaches Gespräch auf Englisch führen konnte, fragte sich niemand, wie man Rushdies dichte, allegorische Prosa verstehen solle. Es ging nicht ums Verstehen. Es ging ums Besitzen. Um das Berühren der verbotenen Frucht. ... Während sich im Westen ein internationales Komitee zur Verteidigung Rushdies formierte, blieb es im Iran still. Nicht aus Zustimmung, sondern aus Not. ... Jeder Text, der die Fatwa nicht erwähnte, galt als unvollständig. Und jede Erwähnung ohne Widerspruch als Zustimmung. Ein klassisches Dilemma: Schweigen oder Verrat. Also schwiegen sie. Schriftsteller, Dichter, Übersetzer trafen sich, diskutierten - und entschieden sich für die französische Variante des Widerstands, wie [der prominente Intellektuelle] Faraj Sarkohi sagt: le silence comme protestation. Das Schweigen als kollektiver Schutzschild. Ein bewusstes Nichtsagen, das lauter war als jedes Wort. Die Sicherheitsdienste verstanden, was geschah."
Weiteres: udith von Sternburg (FR) und Florian Balke (FAZ) resümieren die FrankfurterLyriktage. Auf der Antiquariatsmesse Salon du livres rares & arts graphiques in Paris stehen nun FranzKafkasNotizen seiner Hebräischübungen zum Verkauf, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Arno Widmann erinnert in der FR an ThomasMann, der vor 150 Jahren geboren wurde. Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den LyrikerEduardMörike, der vor 150 Jahren gestorben ist. JBesprochen wird unter anderem Elisa Hovens "Dunkle Momente" (FAZ).
Kamel Daoud hat eine Reise nach Italien abgesagt, weil er eine Auslieferung durch Italien nach Algerien fürchtet, berichtet das französisch-algerische Magazin rupture-mag.fr: "Kamel Daoud war zur 'Milanesiana', einem der wichtigsten Kulturfestivals Italiens, eingeladen und sollte mit dem Flugzeug nach Mailand reisen. Er sagte die Reise jedoch aus Angst ab, bei seiner Ankunft am Flughafen festgenommen, einem Richter vorgeführt und nach Algerien ausgeliefert zu werden." Der Autor hatte durch den Roman "Houris" im letzten Jahr den Zorn der algerischen Behörden auf sich gezogen. Der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Roman thematisiert das "Schwarze Jahrzehnt" mit seinen Zehntausenden, von Muslimbrüdern und dem Regime zu verantwortenden Toten, über das in Algerien nicht gesprochen werden darf (unsere Resümees).
Zuerst berichtet hatte der Corriere della Sera. Die Gefahr sei konkret, "da in den Computern der italienischen Polizei ein Haftbefehl gegen ihn aus Algerien registriert ist und er, sobald er italienischen Boden betritt - beispielsweise bei der Ankunft in Linate nach einem Flug aus Paris -, festgenommen und einem Richter vorgeführt werden könnte".
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Perlentaucherstellt Angela Schader in ihrem "Vorwort" den amerikanischen Autor Jamil Jan Kochai vor, dessen Erzählband "Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" gerade auf Deutsch veröffentlicht wurde. Kochais Eltern waren aus Afghanistan geflohen, wo sein Bruder erschossen worden war: "In der Nacht von Wataks Tod wurden noch sechs weitere Familienmitglieder ermordet. Die Hinterbliebenen flohen zunächst ins pakistanische Peshawar, dann in die USA. Dort wird Jamil Jan aufwachsen, als gläubiger Muslim, zugleich aber als Kind seiner Zeit. Besessen von Shooter-Games wie 'Call of Duty' oder 'Metal Gear'. So lässt er auch jene Teile der Erfolgsserien nicht aus, die in der Heimat seiner Eltern spielen. 'Ich sehe immer noch das Bild dieser Welle afghanischer Kämpfer', wird er sich später erinnern, 'alle in traditioneller afghanischer Kleidung, und du mähst sie einfach nieder.' Solche Innenspannungen haben das Leben des Heranwachsenden geprägt."
Der SchriftstellerWilfriedMeichtryblickt für die NZZ darauf, wie seine Kollegen aus dem 18. und 19. Jahrhundert auf das Schweizer Kanton Wallis blickten, wo sich vor wenigen Tagen die Naturkatastrophe von Blatten abgespielt hat. Besprochen werden JoanDidions "Notes to John" (NZZ), Uketsus japanischer Krimi "Hen Na E" (Presse), JuliaFrieses Roman "delulu" (ZeitOnline), Martin Meyers "Menschenkunde. 33 Stationen aus dem täglichen Leben" (NZZ) und Sebastian Haffners "Abschied" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Die Journalistin und Romanistin Sigrid Brinkmann verweist in tachles.ch auf die antisemitischen Aspekte der Inhaftierung Boualem Sansals durch das algerische Regime. Sansal wurde es in Algerien sehr übel genommen, dass er nach Israel gereist war und sich dort mit Schriftstellern wie David Grossman traf, die das Gespräch mit palästinensischen Intellektuellen suchten. Sansal hat auch in seinem Roman "Das Dorf des Deutschen" von 2008 auf jene islamistisch-faschistischen Kontinuitäten hingewiesen, die bis heute mit aller Kraf verdrängt werden. "Bei den Recherchen für seinen Roman fand er heraus, dass muslimisch-arabische Bataillone an der Seite der Nationalsozialisten gekämpft hatten und sich auch nach der Kapitulation Deutschlands keinesfalls von der menschenverachtenden, rassistischen Ideologie lossagten. Das mit der Ausschleusung ehemaliger SS-Angehöriger aus Europa beauftragte Fluchthilfe-Netzwerk Odessa wurde, so Sansal, nicht nur von Südamerikanern, sondern auch von Ägyptern und Syrern kontaktiert, die Führungskader zum Aufbau ihrer Armeen brauchten. Radikaler Islamismus und Nationalsozialismus bilden für Sansal auch in der Gegenwart ein Brüderpaar."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Dieser Roman ist ein Abschied", sagtMarlene Streeruwitz über ihren New-York-Roman "Auflösungen" in einem ziemlich epischen Standard-Gespräch gegenüber Mia Eidlhuber. Denn das nur noch zu bizarren Preisen bewohnbare New York ist nicht mehr, was es war. Das Buch "beschreibt, wie Manhattan als Zuhause nicht mehr funktioniert. Auch für mich nicht mehr. Ich habe ich mich immer für die Zukunft interessiert - und die hat selten in Wien stattgefunden. Seit den Siebzigern war New York für mich die schönere Welt der Kultur als Wien. Wien war immer ausschließender, in New York war es egalitärer." Auch eine spezifische New Yorker Flanierkultur ist abhanden gekommen: "Das viele Gehen, das immer wieder Stillhalten und das viele Überlegen. Aber dieser Genius Loci, der ist jetzt zerstört. ... Früher war das mitreißendeEnergie auf der Straße, aber die gibt es nicht mehr. Es ist nicht mehr das New York, das mich inspiriert hat. Und deshalb die Frank-O'Hara-Zitate. Die kommen aus dem Aufbruch in den Sechzigerjahren in New York, und es ist dieses kulturell führende New York, das nun in einen Immobilienstandort der Superklasse verwandelt ist."
Weitere Artikel: Der Standarddokumentiert die Rede, mit der der BüchnerpreisträgerOswaldEgger am 3. Juni das in Wien stattfindendeInternationalePoesiefestivalErichFried eröffnen wird. Roman Bucheli erinnert in der NZZ (online vom Samstag nachgereicht) daran, wie ThomasMann sich 1936 - eben in der NZZ - öffentlich gegen die Nazis bekannte. Außerdem durchleuchtet Mann-Forscher Dieter Borchmeyer in der NZZ (ebenfalls online nachgereicht) Manns "Doktor Faustus". Roger Abrahams erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" an eine Nacht, die nicht im Sinne Casanovas verlief. NZZ und Welt präsentieren ihre bestenSachbücherdesMonats, der Standard gibt Sachbuch-Tipps.
Besprochen werden unter anderem RieQudans japanischer Science-Fiction-Roman "Tokyo Sympathy Tower" (NZZ), SebastianHaffners "Abschied" (FR), RaoulSchrotts "Atlas der Sternenbilder" (FR), RobertMacfarlanes Essay "Sind Flüsse Lebewesen?" (Welt), DanielClowes' Comic "Monica" (JungleWorld), MartinSuters "Wut und Liebe" (Standard), TorUlvens "Grabbeigaben" (NZZ) und neue Kriminalromane, darunter JoeThomas' "White Riot" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.