Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2025 - Literatur

Gestern fand in Algier der Berufungsprozess für Boualem Sansal statt. Es lief so, wie solche Regimes es machen, schreibt Bertrand Lassalle in Le Point, "ein Berufungsprozess am Morgen, ohne Anwälte und mit einer Anklage nach stalinistischem Muster. Zehn Jahre Haft fordert der Staatsanwalt für Boualem Sansal, doppelt so viel wie im ersten Prozess. Die Resonanz war weltweit." Es hatte Vorzeichen gegeben. So ist eigens ein neuer französischer Anwalt für Sansal ernannt worden - der erste hatte wegen seiner jüdischen Herkunft nicht gefallen - , und nun hat dieser neue Anwalt wieder kein Visum bekommen. Lassalle berichtet von dem Prozess: "Bezüglich seiner strittigen Äußerung über die Grenze zu Marokko wies Sansal die Anschuldigung zurück und erklärte, dass die Grenzen seit der Unabhängigkeit festgeschrieben seien, dass es sich bei seinen Äußerungen jedoch um historische Tatsachen handele. 'Warum sind Sie nach Israel gereist?', fragte die Richterin daraufhin. 'Ich bin Schriftsteller, es war eine Buchmesse', entgegnete Sansal. 'Haben Sie nichts anderes als Abwertendes zu Algerien zu schreiben?', fragte die Richterin. 'Sie haben nicht über meine Bücher zu urteilen", entgegnete der Schriftsteller, der sich kämpferisch und zuversichtlich zeigte." Der Nationalfeiertag steht bevor. Man hofft nun auf eine Amnestie durch den Präsidenten.

Gerrit Bartels sieht im Tagesspiegel gespannt der Eröffnung des Bachmann-Wettlesens heute Abend in Klagenfurt entgegen und hierbei besonders der Eröffnungsrede der aus Teheran stammenden Schriftstellerin Nava Ebrahimi. Dass derweil die Stadt selbst den Empfang des Bürgermeisters aus Finanzgründen abgesagt hat, wohl aber die Finanzierung wenigstens bis inklusive nächstes Jahr zugesagt hat, stimmt ihn leise skeptisch, was die Zukunft der Veranstaltung betrifft. Wie ja auch der Wettbewerb selbst seit Helga Schuberts Erfolg im Jahr 2020 zusehends seine Funktion als Karrieremacher im Betrieb verloren hat: "Bei Nava Ebrahimi, obwohl ebenfalls eine nicht ganz unbekannte Autorin mit ihrem Erfolgsroman 'Sechzehn Wörter', ist das nach ihrem Sieg 2021 schon anders gewesen. Auch für die nachfolgenden Bachmann-Preis-Gewinnerinnen Ana Marwan, Valeria Gordeev und Tijan Sila liegt der literarische Superstardom in weiter Ferne. Das aber spricht keineswegs gegen ihre Literatur, sondern ist nur der Ausdruck einer enorm veränderten Aufmerksamkeitsökonomie, gegen die es selbst der Wettbewerbscharakter des Bachmann-Lesens schwer hat."

Außerdem: Jens Ulrich Eckhard arbeitet sich für die Welt durch diverse Schreib-Ratgeber. Außerdem empfiehlt die Presse Bücher für den Sommer.

Besprochen werden unter anderem Barbi Markovićs "Stehlen, Schimpfen, Spielen" (NZZ), Szczepan Twardochs "Die Nulllinie" (TA), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (Standard), Anna Weidenholzers Erzählungsband "Hier treibt mein Kartoffelherz" (taz), Katharina Köllers "Wild wuchern" (Zeit Online), Kate Atkinsons "Nacht über Soho" (FR) und Arno Franks "Ginsterburg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2025 - Literatur

Besprochen werden unter anderem Andreas Maiers "Der Teufel" (NZZ), Alex Aßmanns "Im Gefängnis frei. Andreas Baader, der Brandstifter-Prozess und die politische Gewalt" (FR), Svealena Kutschkes "Gespensterfische" (FR), Charlotte Brandis "Fischtage" (Jungle World), Tom Hillenbrands Thriller "Thanatopia" (FR), Esther Kinskys Lyrikband "Heim.Statt" (FAZ) und eine Ausstellung über den Unternehmer und Verleger Salmon Schocken im Jüdischen Museum in Berlin (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2025 - Literatur

Anders als viele meinen, war Putin auch um 2000 keineswegs liberal, schon 2002 ließ er im großen Stil Bücher verbieten, schreibt der im Exil lebende Schriftsteller Viktor Jerofejew in der FAZ. Heutzutage ist Putin nur einfach noch autoritärer geworden und hat die Invasion der Ukraine dazu genutzt, seine Macht vollends autokratisch umzubauen. Und erneut sind dabei Bücher im Visier: Im Mai 2025 gab es erneut von Buchgroßhändlern durchgereichte Anweisungen, welche Bücher aus dem Sortiment zu nehmen und zu vernichten seien, darunter auch Bücher von Jerofejew selbst. "Nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur. ... Verleger, Verkäufer in Buchläden, Bibliothekare riskieren Repressionen bis hin zu Strafverfahren und Haft. Als schädliche Bücher gelten alle Werke, in denen das Thema LGBT erwähnt wird - das kommt alles in die Tonne. Als schädliche Bücher gelten jene Bücher, die auf die eine oder andere Weise die Handlungen der Herrschenden im Kreml und in der Armee im Besonderen infrage stellen. Als schädliche Bücher gelten auch jene Texte, die die kulturelle Geschichte Russlands frei interpretieren."

Gertrud Leutenegger ist im Alter von 76 Jahre gestorben. Jahrzehntelang war sie Suhrkamp-Autorin, 2015 sogar gleichzeitig für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert, schreibt Sieglinde Geisel in der FAZ. Der große Durchbruch im Betrieb war der Schweizer Schriftstellerin indessen, trotz zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Bachmannpreis 1978, nicht vergönnt. Ihre "lyrisch gefärbte Prosa erwies sich als nicht marktgängig. Kaum je wird die Erzählung von einer Handlung vorangetrieben, denn letztlich handelt es sich um Bewusstseinsromane. In ihrer Prosa begegnet man einem staunenden, forschenden Ich. Diese Erzählerin, der nichts selbstverständlich ist, erscheint über das gesamte Werk hinweg als eine in vieler Hinsicht durchgängige Figur." Ihr "Schreibprojekt war eins der Extreme, wenn auch unter Tarnung. ... Sie habe den Roman neu erfinden wollen: schlanker, luzider, politischer. Es lohnt sich, ihr Werk unter diesem Blickwinkel noch einmal neu zu lesen."

"Ihr Werk wollte von einer Nichtigkeit des Ichs nichts wissen", schreibt Paul Jandl in der NZZ. Leutenegger "war keine Autorin der Eindeutigkeit. Ihre Literatur war voller Kippbilder. 'Ein Gleiten, ein Verlagern ist alles', heißt es einmal bei ihr. Stilistisch hat sie diesen Effekt virtuos beherrscht. An ihren atmosphärischen Bildern, die immer auch Skizzen von Seelenzuständen waren, konnte man lange hängenbleiben und eine Kunst bewundern, die heute fast schon altmodisch genau wirkt. ... Für Gertrud Leutenegger hat sich die Wirklichkeit nie zu einem geschlossenen System geformt. Ihre Romane und ihre kurze Prosa waren offen für die Wirklichkeiten des Lesers." Philipp Theisohn würdigt im Buchjahr Leutenbergers "Kunst der leisen Worte, die Schärfe ihres Blicks, der die phantastischen Urgründe der Wirklichkeit so sacht zu bergen wusste".

Weitere Artikel: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Buch", befiehlt die Schriftstellerin Eva Menasse in einem Essay für den Standard über Lesen, Leseverhalten und KI. Heike Holdinghausen resümiert in der taz das Nature Writing Festival in Hamburg. Ein online namentlich nicht erwähnter Autor berichtet (online nachgereicht) in der Zeit von seiner Reise nach Radebeul zu Karl Mays Villa ShatterhandMikael Ross' mittlerweile mehrfach ausgezeichneter Comic "Der verkehrte Himmel" ist nun auch beim Comicfestival München mit dem Peng-Preis ausgezeichnet worden, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.

Besprochen werden unter anderem Ulli Lusts mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneter Comic "Die Frau als Mensch" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (online nachgereicht von der Zeit), Didi Drobnas "Ostblockherz" (Standard), Armin Thurnhers Lyrikband "Sieben Flüsse" (Standard), Uwe Wittstocks "Karl Marx in Algier" (NZZ), Jiří Hájíčeks "370 m über NN" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (SZ) sowie neue Kinderbücher, darunter Sigrid Zeevaerts "Nuria" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Robert Schöller über Heinrich von Veldekes "Ein Lindenlied":

"So manchem Herzen fügte der kalte Winter Leid zu.
Der Wald und auch die Wiese
haben es mit ihrem grünen Kleid überwunden ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2025 - Literatur

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In der FAZ stellt Paul Ingendaay die spanische Schriftstellerin Sara Mesa vor, deren Roman "Die Familie" über einen Familientyrann gerade hierzulande erschienen ist: "Nicht nur die Fairness ihres Blicks zeichnet Sara Mesas Romane aus, die Fähigkeit, im Täter auch das Opfer zu sehen, in der Übertretung die Getriebenheit, in der Verfehlung die seelische Not. Ihre Bücher haben auch einen sehr langen Filterprozess durchlaufen, so dass sie schlank und frei von Schlacken vor uns liegen. Der Roman 'Die Familie' wirkt, als sei er aus einem Material von vielen Hundert Seiten herausgeschlagen, und wahrscheinlich hätten andere Schriftsteller ein viel epischeres Werk daraus gemacht. 'Das Buch ist intelligenter als die Autorin', sagt Mesa dazu. 'Die Form weiß etwas, was ich nicht weiß.' In der Verdichtung liegt das Geheimnis ihrer Bücher." Auch die Perlentaucher Lukas Pazzini und Benita Berthmann haben in der ersten Folge ihres Podcasts "Bücherbrief Live" über das Buch und die seelischen Verstrickungen der Familie diskutiert.

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Thomas David unterhält sich für die FAS, mit Rachel Kushner über ihren neuen Roman "See der Schöpfung" und über Donald Trump. Sie hat keinen Zweifel daran, dass die USA bereits in den Faschismus abgerutscht sind: "Ich war am vorigen Donnerstag mit dem Auto unterwegs und habe einen riesigen SUV voller maskierter bewaffneter Männer gesehen. Der Wagen hatte keine Nummernschilder, und ich war mir sicher, dass es sich um die ICE handelte. Die ICE ist so was wie der KGB geworden: keine Abzeichen, keine Identität, keine Rechenschaftspflicht. Die Leute, die früher im Heimatschutzministerium für die Überwachung zuständig waren, sind ohnehin alle entlassen worden. Menschen werden von den Straßen entführt."

Weitere Artikel: Anna Prizkau besucht für die FAS Serhij Zhadans Band "Sobaky" (Hunde) und andere Künstler und Bekannte in Kiew. In "Bilder und Zeiten" (FAZ) empfiehlt Leander Berger den Schweizer Autor C. F. Ramuz (1878 bis 1947). Und Martin Mulsow liest Agostino Steucos Werk "De perenni philosophia" von 1540, das nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

Besprochen werden "Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung", eine Anthologie ukrainischer Literatur des Ersten Weltkriegs (FR), Michael Thumanns Reportage "Eisiges Schweigen flussabwärts" (NZZ), Herbert Kapfers Roman "Der Planet diskreter Liebe" (taz), Slata Roschals Gedichtband "Ich brauche einen Waffenschein …" (taz), Ulf Erdmann Zieglers "Es gibt kein Zurück" (taz), Birgit Weyhes Graphic Novel "Schweigen" (SZ), Elin Anna Labbas Roman "Das Echo der Sommer" (FAZ), Isabella Hammads Roman "Enter Ghost" (FAZ), Alfred Brendels "Naivität und Ironie" (FAZ) und Band 43 der Schiller-Nationalausgabe (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2025 - Literatur

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Quirin Knospe unterhält sich für die taz mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel über ihr gemeinsames Buch "Muslimisch-jüdisches Abendbrot": "Worum es uns gerade mit Blick auf die Nahost-Debatte geht, ist, zunächst etwas gegen die Polarisierung zu tun. Wir sehen noch immer, dass es Menschen sehr stark unter Druck setzt, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Viele Menschen positionieren sich eher ideologisch und haben häufig keinen persönlichen Bezug zu Israel oder Palästina. Da spielt Projektion eine ganz große Rolle", sagt Cheema.

Weiteres: Nils Minkmar spaziert mit Patrick Modianos Romanen für die SZ durch Paris. Besprochen wird u.a. Andrey Gurkovs Band "Für Russland ist Europa der Feind" (NZZ, mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2025 - Literatur

Besprochen wird Ulli Lusts eben mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneter Comic "Die Frau als Mensch" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2025 - Literatur

"Ach, schon wieder?" Mit dieser Lakonie nahm Elfriede Jelinek gestern gegenüber der Agentur AFP zur Kenntnis, dass sie nun schon zweimal binnen kurzer Zeit gestorben sein muss. Dies zumindest behauptete gestern Mittag ein ganzer Strauß an Medien, denen es mit der Eilmeldung gar nicht schnell genug gehen konnte, nachdem ein Witzbold namens Tommaso Debenedetti auf einem gefakten Rowohlt-Twitteraccount eine entsprechende Nachricht abgesetzt hatte. Schon im letzten Jahr machte eine solche Fake-Meldung die Runde. Debenedetti ist auf solche virale Pranks spezialisiert und allzu oft fallen Redaktionen, die nicht mehr wissen, dass man spektakuläre Meldungen gegenprüfen sollte, auf ihn herein, berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. "Für ihn ein Spaß, wie er in Interviews verlautbaren ließ. Aber auch eine Form von Aufklärung, wie er der ARD 2018 erklärte: 'Es ist auch ein Mittel, um die Presse, die Journalisten auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen und vor den Risiken ihres Berufes zu warnen.'"

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Weitere Artikel: Tania Martini (FAZ) und Felix Stephan (SZ) freuen sich, dass der Deutsche Sachbuchpreis in diesem Jahr an Ulli Lust geht und damit zum ersten Mal in der Geschichte des Preises ein Comic ("Die Frau als Mensch") ausgezeichnet wird. Nadine A. Brügger berichtet in der NZZ, dass in Zürich und Berlin Literaturveranstaltungen mit Bezug zu Israel oder zur jüdischen Geschichte in Europa abgesagt wurden - zum einen aus Sicherheitsbedenken, zum anderen aber auch, weil viele Teilnehmer aus Israel wegen des aufgrund des Israel-Iran-Kriegs geschlossenen Luftraums über Israel nicht ausreisen können. Yelizaveta Landenberger erzählt in der FAZ von ihrer Begegnung mit der rumänisch-moldauischen Dichterin Moni Stănilă beim Poesiefestival Berlin.

Besprochen werden unter anderem Isabel Kreitz' Comic "Die letzte Einstellung" über Erich Kästner und den letzten Progapagandafilm der Nationalsozialisten (Intellectures), Alexander Keppels Erzählband "Unzone" (Standard), Alex Schulmans Autobiografie "Vergiss mich" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (Zeit) und Todd Kontjes "Global Germany Circa 1800. A Revisionist Literary History" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2025 - Literatur

Ilo Toerkell unterhält sich für die taz mit der Kinderbuchautorin Zilan Sarah Kößler, die mit "Jina. Das Mädchen, das Leben heißt" ein Buch über die Lage kurdischer Frauen in Iran verfasst hat. Das Buch basiert auf Jina Mahsa Amini, die 2022 von Handlangern des iranischen Regimes ermordet wurde. Sie "kam aus einer kurdischen Familie", unterstreicht Kößler, und wie viele Kurden auch, durfte sie ihren kurdischen Namen Jina nicht tragen. Dennoch "wurde in den Medien oft von Mahsa Amini, der Iranerin, gesprochen, dabei ignoriert diese Art von Berichterstattung die Lebensrealität von Kurdinnen. In Iran, Syrien, Irak und der Türkei gibt es Tausende Jinas, die ihren Namen nicht tragen und ihre Kultur nicht leben dürfen. ... Sie werden nicht nur als Frauen unterdrückt, sondern auch weil sie kurdisch sind. Seit dem Mord an Jina ist das internationale Interesse an der Situation der Frauen in Iran gewachsen. Aber wenn sich dabei nur auf iranischen Feminismus bezogen wird und die Unterdrückung von Minderheiten nicht mitgedacht wird, ist das nur die halbe Geschichte."

Außerdem: Bei einem Raketenangriff Israels auf Teheran ist auch die junge Lyrikerin Parnia Abbassi ums Leben gekommen, berichtet Yasmin Müller in der NZZ. Paul Ingendaay erinnert in der FAZ daran, dass heute vor 75 Jahren die ersten Taschenbücher in Deutschland erschienen sind. Die Agenturen melden, dass der Schriftsteller und Filmemacher Michael Bergmann gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Ričardas Gavelis' "Vilnius Poker" (Intellectures), Stephen Kings "Kein zurück" (Welt), Katharina Hackers "Handbuch für Traurigkeiten" mit Minutenessays (Standard), Liz Moores "Der Gott des Waldes" (FR), Hasso Spodes "Traum Zeit Reise" über die Geschichte des Tourismus (Standard), Martina Behms "Hier draußen" (FAZ) und Christoph Heins "Das Narrenschiff" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2025 - Literatur

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Im Tagesspiegel ist Lars von Törne gespannt, ob Ulli Lust am Dienstag die erste Comiczeichnerin sein wird, die (für einen Comic "Die Frau als Mensch") mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wird. Julia Hubernagel berichtet in der taz von den Literaturtagen des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Der Schriftsteller Franzobel will mit einem Essay im Standard der allgemeinen Orientierungslosigkeit entgegen treten, damit wir alle wieder auf eine bessere Welt hoffen können. Sonja Zekri fasst in der SZ die Gründe dafür zusammen, warum der vor kurzem eingerichtete "Dar"-Exilpreis für Literatur auf Russisch quasi im Nu gescheitert ist.

Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (online nachgereicht von der Welt), Wolfgang Englers "Brüche. Ein ostdeutsches Leben" (taz), Lídia Jorges "Erbarmen" (NZZ),  Paul Maars Novelle "Lorna" (FR) und neue Hörbücher, darunter die Lesung von Katharina Zorns und Jasna Fritzi Bauers Roman "else" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2025 - Literatur

Die FAZ dokumentiert die Rede, mit der Martina Hefter Anfang des Monats die Lyriktage Frankfurt eröffnet hat. Im Abgleich mit Gedichten anderer Autorinnen mit früheren eigenen Gedichten fragt die Lyrikerin und Buchpreisgewinnerin nach dem Verhältnis zwischen Lyrik und sich verdüsternder Gegenwart. Ihr eigenes Gedicht "Essay" etwa findet sie heute missraten und den "launig-sarkastischen Ton", in dem sie sich darin darüber auslässt, was Lyrik gegen die Unbill der Zeit überhaupt ausrichten kann, unangemessen. "Ich kann diese Frage nicht beantworten. ... Ich weiß nur, dass ich auf keinen Fall jemals wieder in dieser launig-sarkastischen-irgendwas Verkünstelung ein Gedicht schreiben möchte. Die Zeiten, in denen das sinnvoll oder notwendig war, hat es eigentlich nie gegeben. Ich möchte ernsthaft und ohne Umwege etwas sagen." Aber "ich finde gut, dass ich so etwas Weiches gemacht habe wie Schreiben. Jetzt, wo ich das Gefühl habe, nicht nur in der Politik will man Härte zeigen. ... Ich bleibe bei meiner weichen, einfachen Radikalität. Und es ist eine Crux, dass sich in diese Sätze schon wieder so eine leicht überpoetische Färbung einschleicht, also zum Beispiel: Ein guter, weicher Mensch will ich sein, der weiche Texte schreibt. Vielleicht wäre 'ernsthaft' das bessere Wort?"

Dass immer mehr junge Menschen - oder etwas präziser gesagt: immer mehr Jungs - immer weniger lesen, beschäftigt Rico Bandle in der NZZ, insbesondere nach einem Twitter-Schlagabtausch zwischen dem Publizisten Matt Ridley, dem Historiker Niall Ferguson und dem Ökonomen Gene Epstein. Zwischen den Positionen - stattdessen werden anspruchsvollere Serien und Podcasts konsumiert, sagen die einen, die anderen befürchten indessen einen epidemieartigen Empathieverfall - kann sich Badle nicht recht entscheiden. Nur so viel: "Wird Lesen und Schreiben also bald etwas für Liebhaber und Nostalgiker, so wie Kutschenfahren? Und wenn ja: Ist das schlimm? Die kurze Auseinandersetzung zwischen Matt Ridley oder Niall Ferguson behandelte eine der großen kulturellen Fragen unserer Zeit. Der gegenwärtige Wandel ist wie ein großes Menschenexperiment. Mit offenem Ausgang."

Besprochen werden unter anderem Alexander Sollochs Biografie über Harry Rowohlt (taz), Patricia Holland Moritz' "Drei Sommer lang Paris" (taz), Jiří Hájíčeks "370m über NN" (taz), Herbert Kapfers "Planet diskreter Liebe" (Freitag), Tan Twang Engs "Das Haus der Türen" (FAZ), Oliver Sacks' Briefe (WamS) und Juan S. Guses Reportage "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" über Männer, die trotz Reichtum ein bescheidenes Leben führen (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Christian Morgensterns "Das Knie":

"Ein Knie geht einsam durch die Welt.        
Es ist ein Knie, sonst nichts ..."
Stichwörter: Hefter, Martina, Lyrik