Vorworte
Afghanistan, heilloses Land?
Über Bücher, die kommen. Von Angela Schader
02.06.2025. Aufgewachsen ist er in den USA, aber von Afghanistan, der Heimat seiner Eltern, kommt Jamil Jan Kochai nicht los. Mit vollen Händen greift er in die Reservoirs der beiden Kulturen, die ihn geprägt haben, und formt so die eigene Familiengeschichte wie auch das Schicksal des heimgesuchten Landes eigenwillig aus. Mehr noch als in seinem Debütroman kommt dieses Potenzial im nun auf Deutsch erscheinenden Erzählband zum Tragen.
In der Nacht von Wataks Tod wurden noch sechs weitere Familienmitglieder ermordet. Die Hinterbliebenen flohen zunächst ins pakistanische Peshawar, dann in die USA. Dort wird Jamil Jan aufwachsen, als gläubiger Muslim, zugleich aber als Kind seiner Zeit. Besessen von Shooter-Games wie "Call of Duty" oder "Metal Gear". So lässt er auch jene Teile der Erfolgsserien nicht aus, die in der Heimat seiner Eltern spielen. "Ich sehe immer noch das Bild dieser Welle afghanischer Kämpfer", wird er sich später erinnern, "alle in traditioneller afghanischer Kleidung, und du mähst sie einfach nieder."
Solche Innenspannungen haben das Leben des Heranwachsenden geprägt. Schon seine Eltern trugen sie auf ihre Art aus. Der Vater, um 1960 in der Provinz Logar im Osten Afghanistans geboren, nahm nach der sowjetischen Invasion von 1979 am bewaffneten Kampf der Mujaheddin teil, sah, wie die Landschaft vom Krieg grausam umgepflügt wurde, verlor Freunde, Nachbarn, Angehörige, unter ihnen auch den besonders geliebten Watak. Er habe immer das Gefühl gehabt, im Schatten dieser Tragödien zu leben, erinnert sich Jamil Jan Kochai 2022 in einem Interview mit der Chicago Review of Books, aber zugleich habe er die Eltern und ihre Generation dafür bewundert, wie sie diese Last trugen und ihr Bestes taten, sie nicht an ihre Kinder weiterzugeben. "Mehr noch", fährt er fort, "wenn ich mich an meine Verwandten erinnere, dann vor allem daran, wie lustig sie alle sind. Und wenn ich solche Momente der Zärtlichkeit im Licht jener großen Tragödien betrachte, dann geht es immer auch irgendwie um Humor."
Jamil Jan Kochai kam 1992 in einem Flüchtlingslager in Peshawar zur Welt. Sein Vater war damals schon in Amerika eingebürgert, wünschte sich aber eine Lebensgefährtin aus seiner Heimatregion; er reiste zurück nach Pakistan, spürte dort im Lager tatsächlich eine einstige Nachbarsfamilie auf, fand Gefallen an einer der Töchter. Das Paar heiratete, kurz nach der Geburt des Kindes konnte die junge Ehefrau ihrem Mann in die USA folgen.
Keine zehn Jahre später holte die Gewaltgeschichte Afghanistans dort den Jungen ein - nicht mehr als Schlagschatten der Familienschicksale, sondern in Gestalt des Feuersturms, den der Terror von 9/11 entfachte. 2019 blickte Kochai in einem in der Los Angeles Times erschienenen Beitrag auf jene Tage zurück: "Ich stand auf dem geteerten Platz vor meiner Grundschule in West Sacramento und versicherte meinem besten Freund, dass Afghanistan mit dem Anschlag aufs World Trade Center nichts zu tun hatte. Ich war neun Jahre alt. Ich wusste nichts von Osama bin Laden, Al-Qaida oder den Taliban. Ich wusste hingegen, dass ich in der Provinz Logar in Afghanistan gewesen war und dass die Menschen dort sehr liebenswert, sehr warmherzig und eines solchen Zerstörungswerks nicht fähig waren. 'Das waren nicht wir', sagte ich meinem Freund. Aber offenbar war es so."
Mit dem Krieg und der sich lange hinziehenden Fahndung nach bin Laden kamen dann die scherzhaft vorgetragenen, aber mit einem Schuss Gift gewürzten Fragen der Gleichaltrigen: "Wo ist dein Großvater?" "Wo ist dein Onkel?" "Wo ist dein Paps?" Gemeint war immer bin Laden, den er, so schreibt Kochai, mehr gehasst habe als irgendwen sonst. Aber mit der Zeit, mit der zunehmenden Ausgrenzung und den Schikanen, denen afghanische Immigranten in den USA ausgesetzt waren, kamen auch die eigenen Fragen. War Al-Qaida einfach ein Monster, oder gab es Gründe - Armut etwa, oder die eigene Kriegserfahrung - für die Gewalttaten der Gruppe? Und zunehmend begann sich der Junge an der eigenen, afghanisch-amerikanischen Identität zu reiben: "Statt als einendes Element zu wirken, schien der Bindestrich nun vielmehr eine Art Kluft, einen Bruch zu enthüllen, worin die ganze Gewalt und Widersprüchlichkeit der amerikanischen Kriegsführung eingelagert war."
Schon auf der High School motivierte ein Lehrer Jamil Jan Kochai zum Besuch eines Creative-Writing-Kurses, der dann auch die Richtung für seine Zukunft vorgab. Er studierte Literatur an der California State University in Sacramento, zwei weitere Abschlüsse in Creative-Writing-Programmen folgten. Mittlerweile unterrichtet er dieses Fach selbst und hat mit zwei Büchern Präsenz markiert. 2019 erschien der Roman "99 Nights in Logar", der es unter die Finalisten für den PEN/Hemingway Award für Debütwerke schaffte, 2022 die Erzählsammlung "The Haunting of Hajji Hotak and Other Stories", die demnächst bei Luchterhand auf Deutsch erscheint. Werner Löcher-Lawrence, der zuvor schon den Roman übersetzte, hat sich auch der Stories angenommen und bewegt sich souverän auf diesem abwechslungsreichen, mitunter herausfordernden literarischen Spielfeld.
Kochais Familiengeschichte ist der Steinbruch für einen Großteil seines bisherigen Schaffens. Der Schauplatz Afghanistan dominiert, obwohl der Schriftsteller selbst die Heimat seiner Eltern nur bei Familienbesuchen kennengelernt hatte. Der erste fand 1999 statt, vertiefte Eindrücke brachte ein dreimonatiger Aufenthalt im Jahr 2005, der dann den Rahmen für "99 Nächte in Logar" setzen sollte. Die folgenden Besuche waren von der erneut zunehmenden Gewalt im Land überschattet: 2012, liest man im Essay in der Los Angeles Times, "patrouillierten tagsüber Milizen der Regierung auf den Straßen, nachts übernahmen die Taliban die Kontrolle im Dorf". 2017 reichte es gerade noch für eine Spitzkehre: ein Gebet beim Mahnmal an Wataks Todesstätte, eins auf dem Friedhof, wo zwei ebenfalls ermordete Brüder der Mutter begraben lagen. "Rein, beten, wieder raus. Die menschenleeren Pfade in Logar und der Wind, der in den Obstgärten heulte, gaben mir das Gefühl, in einer Erinnerung zu leben."
Auf diesem brüchigen Boden ist Kochais Erzählen angesiedelt - einerseits. Andererseits treibt dieser selbe Grund üppige, manchmal fast zu wild auswuchernde Ranken und Blüten hervor. Der Roman wie auch der Erzählband bespielen die Klaviatur vom knapp gefassten Faktischen bis zu phantastischen Szenarien, in die sich auch märchenhafte Elemente aus Volksglauben und -kultur einschreiben. Da und dort verwendet der Autor Wörter aus dem Paschto oder Arabischen, die im Original nicht durch ein Glossar aufgeschlüsselt werden; die deutsche Ausgabe reicht dieses pflichtbewusst nach, was wohl Kochais Intention verletzt. Die Annahme liegt nahe, dass er den Lesern so zumindest eine Kostprobe der Erfahrung von Migranten vermitteln wollte, die sich in einem fremden sprachlichen Umfeld zurechtfinden müssen.
Insbesondere im Erzählband tritt zur erzählerischen auch formale Experimentierlust. Da modelliert etwa "Berufsrisiken" die Biografie des Vaters im trockenen, abgehackten Duktus der bei Stellenbewerbungen üblichen Lebensläufe - die über gut 12 Seiten laufende Story "Genug!" oder das kürzere Prosastück "Eine Vorahnung, rückblickend betrachtet" hingegen sind in einen einzigen Satz gefasst. Die Genregrenzen zerfließen: Während in den Roman immer wieder mit speziellen Titeln gekennzeichnete "Geschichten" eingelassen sind, die sich mal stärker, mal weniger von der Haupthandlung abheben, werden umgekehrt Bezüge zwischen manchen der Stories im Erzählband gesetzt. So kreist "Eine Vorahnung, rückblickend betrachtet" um den Mord an den Brüdern von Kochais Mutter, und das Motiv wird in der "Geschichte von Dullys Wandlung" nochmals aufscheinen.
Dieser hybride Ansatz entstand aus der Krise, die Kochai bei der Arbeit an seinem Roman erlebte. Er habe sich zunächst an den erlernten, konventionellen Parametern des Genres orientiert, erzählt er in der Chicago Review of Books, und dann gespürt, wie diese Form sich gegen die eigene Intention sperrte: "Ich wollte all die oralen Geschichten einbringen, die ich zeit meines Lebens gehört hatte, Geschichten über die sowjetische Besatzung, über den Weg meiner Familie von Logar nach Peshawar, Alabama, Kalifornien, und vieles mehr" - und damit sei er direkt in eine zutiefst verstörende Schreibblockade gelaufen. Die Lektüre von "Tausendundeine Nacht" habe ihm dann den Weg aus dem Debakel gewiesen: "Ich beschloss, dass ich die Charaktere im Roman ganz einfach ihre eigene Geschichte erzählen lassen würde."
Die Figuren in "99 Nächte in Logar" sind zum Teil an die Familienkonstellation des Autors angelehnt. Die Handlung spielt 2005, Marwand, der Ich-Erzähler, ist wie Kochai in Kalifornien aufgewachsen und mit Vater, Mutter und Geschwistern zu Besuch in der Heimat der Eltern. Er zählt zwölf Jahre, wie Kochai bei seinem ersten längeren Aufenthalt in Logar, und man darf vermuten, dass auch andere Personen von damaligen Begegnungen inspiriert, aber ins Fiktionale transformiert sind. So wird Watak im Roman von sowjetischen Soldaten erschossen, während seine Mörder faktisch afghanische Kommunisten waren. Das im Roman wie den Erzählungen öfters erwähnte Mahnmal für Watak jedoch - ein Steinhaufen mit einer schlichten, improvisierten Flagge -, existiert wirklich: Der Schriftsteller hat solchen Stätten einen eigenen Beitrag in der New York Times gewidmet.
Das Kerngeschehen des Romans aber hebt zunehmend vom Boden der Realität ab. Es kreist um einen Wachhund namens Budabasch, den Marwand bei einem früheren Besuch bis aufs Blut gequält hat, ohne dass sich das Tier zur Wehr setzte; nun will er sich mit dem Hund aussöhnen, aber der hat nicht vergessen und fetzt eine Fingerspitze von der dargebotenen Hand. Marwand glaubt daraufhin, Budabasch als Mutanten oder Dämon zu erkennen, und sagt ihm den Dschihad an. So wird der Hund zunächst weiteren unerquicklichen Experimenten unterzogen, die der Protagonist gemeinsam mit seinen kleinen Brüdern Gwora und Mirwais ins Werk setzt; als der Geplagte nach Monatsfrist die Flucht ergreift, nimmt Marwand in Gesellschaft seiner ungefähr gleichaltrigen, ortskundigen Cousins Gul, Dawood und Zia die Verfolgung auf.
Es fällt auf, dass die Dämonisierung des Hundes mit aller Selbstverständlichkeit in die Romanhandlung eingeht, während die naheliegende, natürliche Ursache für sein Ressentiment kaum eines Wortes gewürdigt wird; das darf hiesige Leserinnen irritieren, ist aber im Interesse der Story. Denn die Jagd nach Budabasch wird zunächst Gul und Dawood, später auch den Protagonisten ins Labyrinth eines kriegsverwüsteten Dorfes führen, dessen Mauern plötzlich ungemütlich zusammenrücken und den Himmel verfinstern können, dessen Gassen sich in Schlamm verwandeln und am Ende in ein nachtschwarzes Höhlensystem führen. Dort landet Marwand schließlich, auf allen Vieren kriechend und am Boden menschliche Knochen, Waffen, Lumpen ertastend. Er rafft von den Gebeinen zusammen, was er in seinen Kleidern bergen kann - vergebliche Liebesmüh. Es werden immer mehr, ein grausiger Bodensatz der Kriege und Konflikte, die über Logar gezogen sind. Am Schluss erklimmt er einen riesigen Knochenhaufen, auf dem, schwer atmend, Budabasch liegt. Der Hund packt Marwands Arm, und wie Scheherazade in "1001 Nacht" will sich der Junge mit einer Erzählung loskaufen: Es ist eine bittere Summa der Gewaltgeschichte unserer Spezies, aber zugleich eine kecke Variation der auch in den Koran eingegangenen biblischen Episode vom Sündenfall. Und sie tut ihre Wirkung: Der Hund gibt Marwand frei, allerdings so jäh, dass dieser abrutscht, die hoch gehäuften Gebeine mit sich reißt und damit gleich die nächste quasi-biblische Katastrophe über das heillose Land bringt.
Diese Expedition ins Reich des Todes umrahmt Kochai mit versöhnlicheren Motiven: der übers Kreuz laufenden, doppelten Liebesgeschichte zwischen jungen Leuten aus der Sippe von Marwands Mutter und aus einer sozial niedriger gestellten Familie, oder den mal liebevoll, mal witzig gezeichneten Charakterbildern der weiteren Verwandtschaft; mit den Auftritten des wandelbaren Diebes Jawed oder der schlagfertigen Nomadin Zarghoona und ihrer vier Cousinen. Es gibt freilich auch Episoden, die ausufern oder denen es schlicht an Sinn und Überzeugungskraft fehlt - etwa die rätselhafte "Seekrankheit", die Marwand nach einem feuchten Traum überkommt, die dann ohne ersichtlichen Grund die ganze Familie ergreift und sich schließlich ebenso willkürlich wieder legt.
Was Jamil Jan Kochai in seiner Familiengeschichte wie auch in den zwei so unterschiedlichen kulturellen Reservoirs findet, aus denen er schöpft, ist ein embarras de richesse im wahrsten Sinn des Wortes - eine Fülle, die auch beschwerend wirken kann. Das wird im Roman und stellenweise auch in den Erzählungen spürbar; insgesamt aber kommen im kürzeren Format das literarische Können und der Erfindungsgeist, mit denen der Autor sein Kernthema angeht und variiert, stärker zum Tragen. Das zeigt sich insbesondere in den sieben Texten, in denen - mal realitätsnah, mal stärker verfremdet - die Hauptfiguren seines Ensembles zum Einsatz kommen.
Wenn die bereits erwähnte Story "Berufsrisiken" als stilistisch trocken charakterisiert wurde, mag der Begriff, obwohl zutreffend, täuschen. Denn gerade durch die weitgehend aufs Faktische zurückgebundene Prosa entfaltet der Text Dichte und Wucht, vermag auf gut 25 Seiten eine Lebensgeschichte von unerhörter Spannweite zu fassen. In diesem sprachlichen Umfeld genügen zudem minimale Gesten, um Akzente im Lokalkolorit zu setzen oder emotionale Schwingungen auszulösen. Bei "Genug!" dagegen kündigt schon der Titel den heftigen Wellengang der Gefühle an, der hier gerade aus der Hilflosigkeit der Sprecherin resultiert. In der Familienkonstellation wäre sie die Großmutter väterlicherseits: Watak wird als ihr jüngerer Sohn genannt, der ältere, bei dem sie nun in den USA lebt, ist mithin eines der literarischen Nachbilder von Kochais Vater. Er erscheint hier allerdings nicht in dem positiven Licht, das die Figur sonst umgibt; die alte Frau, gesundheitlich angeschlagen und in Amerika nie heimisch geworden, fühlt sich von ihm dominiert und bedrängt. Der Bewusstseinsstrom, in den Kochai ihre Klage fasst, wirkt aber nie wehleidig, umso mehr, als er durch die Verwendung der dritten Person behutsam auf Distanz gerückt wird. So entsteht auch hier auf knappem Raum ein ganzes Lebensbild; und das erschreckende Ende fängt der Schriftsteller mit berührender Zartheit auf.
Eine überraschende Volte beschließt auch die Titelgeschichte, die das Familienensemble für einmal von außen zeigt. Der Sprecher in "Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" ist ein amerikanischer Geheimdienstler, der - wie es den Kochais tatsächlich widerfuhr - die afghanischen Immigranten überwacht. Er tut's nach bestem Wissen und Gewissen und mit wachsendem Interesse, doch ohne eines Verdachtsmoments habhaft zu werden; so führt die Heimsuchung der Familie durch den heimlichen Lauscher am Ende ganz woanders hin, als das Szenario erwarten ließe.
Mit "Warten auf Gulbuddin" und "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain spielen" rückt die junge Generation in den Blick. Die erstgenannte Story spielt zwar an einem befrachteten Ort - Wataks Gedenkstätte -, aber wer sich beim Titel an Beckett erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Die Basis für die zweite legt eine Episode der im Titel genannten Computerspiel-Serie: "The Phantom Pain" handelt teilweise im Kontext des sowjetisch-afghanischen Krieges und ist als Open-World-Game angelegt, das dem Spieler vermehrte Bewegungsfreiheit gestattet. Dieses reale Substrat dehnt Kochai dahingehend aus, dass er den Ich-Erzähler Mirwais - der in "99 Nächte in Logar" und "Warten auf Gulbuddin" als Marwands jüngster Bruder auftritt - kurzerhand aus dem Spielszenario ausbüxen lässt. Mirwais beschließt, die darin vorgegebene Mission zurückzustellen und macht sich stattdessen nach Logar auf. Und während er in die Spielwelt eindringt, die dem Afghanistan, das er von seinen Besuchen her kennt, immer gespenstischer ähnelt, nimmt auch die eigene Mission Kontur an: Er will Watak und dessen Bruder (d.h. seinen künftigen Vater) vor dem Zugriff der Russen retten. Auch diese Reise endet, wie einst Marwands Suche nach Budabasch, im Dunkel - einem, das "so tief ist, dass dein Spiegelbild auf dem Bildschirm vor dir aufscheint".
Auf anderem Weg führt "Zurück an den Absender" ins Herz der Finsternis - eine der in Afghanistan angesiedelten, aber außerhalb des Familienkontexts handelnden Erzählungen im Band. Es ist eine in dortige Verhältnisse eingebettete Variante der Frankenstein-Geschichte, zugleich grausamer und tröstlicher als das Original, die Kochai mit einem spannungsvollen erzählerischen Balanceakt in der Schwebe hält. Dieses Augenmaß hätte man sich auch in zwei weiteren der ganz in phantastische Szenarien abhebenden Afghanistan-Stories gewünscht: "Die Parabel von den Ziegen" wartet zwar am Anfang mit einer eindrücklichen Lektion auf, indem die mörderische Bilanz eines amerikanischen Bombenabwurfs exakt aufgerechnet wird, der Fortgang der Geschichte aber wirkt forciert und wenig schlüssig. Auch "Die Geschichte von Dullys Wandlung", mit rund 70 Seiten die längste im Band, überspannt trotz einprägsamer Momente den Bogen.
Es ist denn auch keine imaginative Parforce-Tour, auf die Jamil Jan Kochai - so liest man in der Chicago Review of Books - besonders stolz ist, sondern das stille Kammerspiel "Bakhtawara und Miriam". Die Titelfiguren leben Haus an Haus, sind Freundinnen geworden, ohne einander je richtig gesehen zu haben; sie kommunizieren durch ein kleines Loch in der Wand, denn Miriam, vom eigenen Ehemann durch einen Säureangriff entstellt, will sich fremden Blicken nicht mehr aussetzen. Auch Bakhtawara ist gewohnt, ganz im Schatten ihrer flamboyanten Schwester zu leben; doch als diese kurz vor der arrangierten Hochzeit abhaut, avanciert sie - als Ersatz-Braut - unverhofft zur Retterin der Familienehre. Es bedeutet ihr wenig. Die Aussteuer, das Brautgewand, den Schmuck kauft Bakhtawara lust- und wahllos zusammen, mit dem Gefühl, "dass alles, was sie anfasste, ganz gleich, wie makellos poliert es war, ihre Finger mit Staub beschmutzte". An einem Kleid aber ist ihr gelegen: Es ist Miriam zugedacht, die sie zu ihrer Hochzeitsfeier gebeten hat. Die Schneiderin muss es, ohne Maß nehmen zu können, auf gut Glück fertigen - wie durch ein Wunder passt es perfekt. Ein Happy End? Ja, es gibt eines. Aber nicht für Miriam.
Jamil Jan Kochai: Die Heimsuchungen des Hadschi HotakErzählungen
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence.
Luchterhand Literaturverlag bei Penguin, München 2025. 288 Seiten, gebunden, 22 Euro.
Erscheint am 11. Juni 2025
zur Leseprobe
(bestellen bei eichendorff21)
Mehr Infos beim Luchterhand Literaturverlag
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