Auf der einen Seite Posts oder Likes solcher Posts von in Deutschland tätigen Künstlern und Kuratoren (darunter Emily Jacir, Jumana Manna, Edwin Nasr und die Ruangrupa-Mitglieder Reza Afisina und Iswanto Hartono - alle bestens vernetzt in der deutschen Kunstszene), die die Anschläge auf Israel feiern, auf der anderen Seite "ohrenbetäubendes Schweigen" in den deutschen Galerien und Kunstinstitutionen: In der Welt ist Boris Pofalla fassungslos: "Die Kunstwelt, das zeigte sich schon in der trotzigapologetischen Reaktion auf die Documenta fifteen, hat sich in den letzten zehn Jahren noch jedem antiisraelischen Klischee bereitwillig geöffnet, sie hat Antisemiten in ihre Institutionen gelassen und Propaganda für bedeutsam ausgegeben. Sie hat der Menschenverachtung Freiräume gewährt und für all das hat sie Fördergelder und Respekt eingefordert. Nicht zuletzt europäische Ausstellungshäuser haben so massiv zur Legitimierung von Israelhass beigetragen. Die israelische Kunstkritikerin Hili Perlson spricht in diesem Zusammenhang von einer 'langsamen Dehumanisierung' ihrer Landsleute."
"Toi Moko" - so nennt man die mit Tätowierungen verzierten Köpfe der Maori, für die europäische und amerikanische Sammler einst viel Geld zahlten. Für die taz hat Urs Wälterlein mit Te Herekiekie, Chef der Gruppe für die Repatriierung von Kulturgütern am neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa in Wellington, über das Ritual und die Versuche der Rückführung der Artefakte gesprochen: "Nach dem Ende einer Schlacht gehörte es vielerorts zur Tradition, den Besiegten den Kopf abzuschneiden." Die Häupter wurden "geräuchert und in der Sonne getrocknet und als Kriegstrophäen zur Schau gestellt - 'als Zeichen des Spottes'. Aber auch die Köpfe wichtiger Familienangehöriger seien auf diese Art konserviert worden. Der mit Haut überzogene Schädel wies noch die Tätowierung auf, die eine Identifizierung als Individuum ermöglichte. Damit konnte ein Verstorbener Mitglied seiner Gemeinschaft bleiben. (...) Die Köpfe hatten aber auch eine andere Funktion: Sie waren Handelsobjekte. Nicht nur im Austausch zwischen verschiedenen Māori-Stämmen. 'Genauso wie Kulturgüter wie Schnitzereien aus Jade oder Holz oder fein geflochtene Gewänder und Netze waren sie eine heiß begehrte Sammlerware für Europäer und Nordamerikaner'".
Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken der rumänischen Künstlerin Larisa Sitar im Berliner Kunstverein OST (FR).
Niko Pirosmani: "Eisenbahnzug in Kachetien". Georgisches Nationalmuseum Tbilissi @ Infinitart Foundation
Nur wenig weiß man über den Maler Niko Pirosmani, selbst in seinem Heimatland Georgien, erzählt Tilman Spreckelsen in der FAZ. Aber das Interesse an seiner Kunst wurde seit seinem Tod 1918 immer größer, jetzt zeigt die Fondation Beyeler eine Werkschau Pirosmanis und Spreckelsen erkennt ein "Maximum an künstlerischer Originalität" in den Bildern dieses Außenseiters, der in Armut lebte und starb und sein Handwerk als Schildermaler für Wirtshäuser erlernte: "Auch die Jahre zwischen 1890 und 1893, die er als Bremser für die Transkaukasische Eisenbahn verbrachte und zwischen dem Schwarzen Meer und Baku hin und her fuhr, hatten Einfluss auf sein Werk, am deutlichsten vielleicht in einem hier leider nicht gezeigten Bild der Bahnhofsgegend von Batumi. Dafür ist der prächtige 'Eisenbahnzug in Kachetien' zu sehen, eine Lokomotive mit vier Waggons, leuchtende Fenster, Silhouetten der Reisenden, im Hintergrund der Vordergrund und vorne überdimensionierte Weinschläuche, Fässer und Amphoren in einer sonst fast leergeräumten flächigen Ebene - selbst die Schienen hinter dem letzten Wagen sind vom Untergrund verschluckt, während der Lokschornstein Feuer und Rauch in den Himmel spuckt. Wie oft im Werk Pirosmanis sind die Protagonisten ganz Bewegung, was hinter ihnen liegt, ist nicht mehr von Bedeutung."
Weitere Artikel: Lutz Mauersberger begibt sich für die Berliner Zeitung auf Spurensuche nach der jüdischen Malerin Eugenie Fuchs, die im KZ Auschwitz ermordet wurde. Und Ulrich Seidler stellt die Fotografen Sven Johne und Falk Haberkorn vor, die in kommunalen Archiven nach Spuren des Industriecrashs nach dem Ende der DDR gesucht und keine gefunden haben.
Besprochen werden Julian Röders Fotoprojekt "Berlin nach 89" (BlZ) sowie die Ausstellungen "Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bonner Kunsthalle (Zeit online, FR, SZ), "Digital Dada" sowie "Staub & Pioniere" im Kunstverein Wolfsburg (taz), "Ocular Witness - Schweinebewusstsein" im Sprengel-Museum Hannover (SZ), die letzte Ausstellung von Barbara Müller-Kageler in der Galerie Knauber (Tsp) und "Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Künstlerische Zeugnisse von Krieg und Repression" im Brücke-Museum und Schinkel-Pavillon in Berlin (die zur Überraschung von SZ-Kritiker Kito Nedo den Ukrainekrieg ausblendet).
Boris Pofalla trifft für die Welt die britische Künstlerin Sarah Lucas kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Tate Britain zum Frühstück mit Spaghetti Bolognese und Spiegeleier auf Schinken mit Fritten. "Sarah Lucas' Ansatz ist ein britisch-trockener Arbeiterklassenfeminismus, der nicht nach Hörsaal, sondern nach Bier und Zigaretten riecht und zu lässig ist, um seine Referenzen auszustellen - die es allerdings sehr wohl gibt. Andrea DworkinsBücher, erzählt sie, haben die Kunststudentin politisiert. Die amerikanische radikale Feministin schrieb gegen Pornografie im Besonderen und Männer im Allgemeinen an. Ihr Furor geht Lucas ab, ihre Kunst ist ambivalenter und definiert Sexualität nicht als per se negativ. ... In der Tate hat Lucas Dutzende sogenannte Bunnies versammelt, langbeinige Wesen mit spinderdürren Beinen und schlaffen Brüsten (manchmal gleich Dutzende auf einmal). Die Bunnies sind ihr Markenzeichen, sie bestanden ursprünglich aus mit Textil gefüllten Netzstrümpfen und Unterwäsche. Die neueren sind bunter und im Material dauerhafter, schlingen ihre langen Extremitäten aber weiterhin um Stuhlbeine, wirken mal eingesunken und mal lasziv, mal erschöpft und dann wieder aufgekratzt. Jedes Bunny ist anders, das versteht man erst in der Ansammlung so richtig."
Weitere Artikel: In der NZZstellt Philipp Meier das Künstlerpaar Silvia Gertsch und Xerxes Ach vor. In monopol berichtet K. Erik Franzen über ein Gespräch des Kurators Hans Ulrich Obrist mit Katharina Grosse im Münchner Haus der Kunst. Taliban gibt es nicht nur in der muslimischen Welt, das steht fest: Ein amerikanischer Tourist hat zwei antike römische Skulpturen im Israel Museum in Jerusalem zerschmettert, meldetHyperallergic: "Der Mann bezeichnete die Skulpturen als 'götzendienerisch und im Widerspruch zur Thora', erklärte die israelische Polizei."
Besprochen wird die Schau "Alles auf einmal: Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bundeskunsthalle Bonn (taz), Marion Kollbachs Film über den Maler Philip Guston (monopol), Joachim Bosses Performance "Diktat" im Napoleon Komplex, Berlin (monopol) und eine kapitalismuskritische Ausstellung des Künstlerduos Famed im Chemnitzer Museum Gunzenhauser (monopol).
Willi Sitte: Pferd mit Schlange, 1957. Bild: Galerie Schwind. "Die Göttin der Gerechtigkeit ist eine alte, abgekämpfte Lady, mit Falten der Desillusion und Enttäuschung in den Mundwinkeln. Und manchmal hat sie Sehstörungen und trägt Scheuklappen. Aber sie ist auch langmütig. Und zäh. Darum verschafft sie jetzt endlich der Kunst aus DDR-Zeit und vielen seit 33 Jahren entstandenen Werken der jüngeren Ost-Generation gebührenden Respekt und fälligen Erfolg", freut sich Ingeborg Ruthe in der FR über die Versteigerung von DDR-Kunst im Kunstauktionshaus Leipzig, die morgen beginnt. Ein lange schwelender Streit um vermeintliche "Minderwertigkeit" und "ideologische Kontamination" scheint langsam beigelegt zu werden, freut sich die Kritikerin besonders im Fall Willi Sitte. "Die Ostdeutsche Galerie Regensburg stellt ab 7. Oktober ein Hauptwerk des als 'Staatsmaler' umstrittenen Sitte, einst Präsident des DDR-Künstlerverbandes, in den Fokus: sein an Picassos 'Guernica' geschultes 'Stürzendes Pferd mit Schlange' von 1957, eine Studie für das Gemälde 'Lidice' in Erinnerung an das SS-Massaker 1942 in der tschechischen Gemeinde. Wegen dessen kubistischer Stilistik jedoch wurde der Antifaschist und Kommunist Sitte von stalinistischen Kulturwächtern scharf als 'Formalist' gemaßregelt, der im 'westlichen' Stil dem 'Sozialistischen Realismus' sträflich zuwider malen würde. Ein Fakt, der beim Sitte-Bashing geflissentlich übersehen wurde. ... Sitte glaubte an den Sozialismus und hat sich tragisch geirrt, aber er nahm sich kein Sowjet-Pathos zum Vorbild, sondern Sinnlichkeitsmaler wie Lovis Corinth und Lucian Freud."
Eric Keller: Kulturhaus 6, 2023. Bild: Galerie Poll. Auch in der Kunst von Eric Keller spielt die DDR eine wichtige Rolle, weiß Ingeborg Ruthe, die, diesmal für die Berliner Zeitung, dessen Ausstellung "Ginstergrund" in der Galerie Poll besucht hat: "Leicht surreal wirken die wie eingefrorenen Szenen. Sie lassen fast an Film-Stills denken, die keine lineare Handlung erzählen, nur enigmatische Mitteilungen. Ganz vage bloß angedeutet sind Dinge, Naturerscheinungen, Figuren in den aus dünner Öl-Lasur auf Holztafeln gesetzten Schichten. Ins diesige Grau scheinen jedoch alle Farben dieser Welt eingesickert zu sein." Ein anregendes Rätsel: "Als die DDR unterging, war Eric Keller vier Jahre alt. Nun, nach mehr als 30 Jahren, malte er die Überbleibsel, die Relikte; taucht sie als Fragen, auf die es keine Antworten gibt, in die Farben des Ungefähren, Ungewissen."
Weitere Artikel: Peter Ackermann streift für die NZZ auf den Spuren Renoirs über die Insel Guernsey. Die FAZ hält es für unwahrscheinlich, dass Banksy sich im Laufe eines Prozesses um Urheberrechtsfragen enttarnen muss.
Besprochen werden die Tove-Jansson-Retrospektive in den "Houses of Tove Jansson" in Paris (Tsp) und die Ausstellung "In anderen Räumen. Environments von Künstlerinnen 1956-1976" im Münchner Haus der Kunst (FAZ).
Brancusi, Ausstellungsansicht. Bild: Nationalmuseum in Temeswar
Wie sehr Constantin Brancusis Skulpturen von rumänischer Folklore, Traditionen und den Märchen des Landes geprägt waren, erkennt FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Ausstellung "Rumänische Ursprünge und universelle Perspektiven" im Nationalmuseum der diesjährigen europäischen Kulturhauptstadt Temeswar: "Neben dem Kuss treiben Brancuşi Vögel als ikonische Form gewordene Bewegung am längsten um - über zwei Jahrzehnte. Die majestätische 'Maïastra' reckt ihren Kopf gen Himmel und plustert ihren Bronzeleib auf, in dem sich der gesamte Saal und die Betrachter spiegeln. Nicht nur der hohe Steinsockel - wie immer von Brancuşi selbst gefertigt und als ebenso wichtiger Teil der Skulptur empfunden - spielt mit seinen Voluten auf ein rumänisches Kapitell der Romanik an. Auch die 'Maïastra' ist eine Prinzessin der Märchenwelt Rumäniens und erinnert zugleich an die vergoldeten Wetterhähne mittelalterlicher Kirchtürme, die am Ostermorgen als Erste die Auferstehungsbotschaft in die Welt krähen."
Bild: Alfred Stevens: Le Bain. Musée d'Orsay. Foto: RMN-Grand Palais / Tony Querrec. Wo, wenn nicht in der Schweiz, der Uhrennation schlechthin, sollte eine Ausstellung über Zeit stattfinden? Das Kunsthaus Zürich widmet sich dem Thema nun in sechs Kapiteln "Von Dürer bis Bonvicini", aber in der SZ ist Kito Nedo nicht ganz überzeugt vom Konzept: So richtig zusammen gehen Kunst und Uhrmacherei in der Ausstellung nicht, meint er. Ein paar Entdeckungen macht er dennoch: "Zu den Paradestücken der Schau gehören eine Reihe von Datumsbildern aus der 'Today-Serie', die der in New York lebende japanische Konzeptkünstler On Kawara Mitte der Sechziger zu malen begann und knapp fünf Jahrzehnte lang fortführte. On Kawara produzierte in seinem Atelier und auf Reisen in einer akribisch festgelegten mehrstündigen Prozedur fast jeden Tag mindestens eine kleinformatige monochrome Leinwand, auf die er das Entstehungsdatum in weißer Farbe mittig setzte. Wurde er nicht bis Mitternacht mit einem Bild fertig, vernichtete er es."
Außerdem: Für die NZZtrifft sich Andreas Schreiner mit dem Anwalt Randol Schönberg, der einst die Herausgabe von Klimt-Gemälden aus Österreich einklagte, mit "Fioretta" aktuell eine Dokumentation über Ahnenforschung gedreht hat und im Kunsthaus Zürich einen Vortrag halten wollte. Das Kunsthaus lehnte ab, man sei zu "beschäftigt". Schönberg glaubt: "Allein durch das Wort Restitution ist man so verängstigt - man will nicht einmal eine gute Geschichte über das Kunsthaus hören."
Weitere Artikel: Sophie Jung berichtet in der taz vom Avantgardekunstfestival steirischer herbst in Graz. Hannes Hintermeier stellt in der FAZ die Pläne für das Salzkammergut vor, das 2024 Europäische Kulturhauptstadt sein wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Gertie Fröhlich - Schattenpionierin" im Wiener MAK (Zeit Online), die Ausstellung "Tizian 1508. Die Anfänge einer glanzvollen Laufbahn" in der Accademia in Venedig (Tagesspiegel), eine Philip-Guston-Schau in der Londoner Tate Modern (Guardian) und die Ausstellung "House of Kal" am neuen Standort der NGBK in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße 11/13 (taz).
Charlotte Jansen unterhält sich für den Guardian mit der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, deren Ausstellung mit dem sprechenden Titel "The Fury" kommenden Samstag in der Goodman Gallery in London eröffnet. "Es ist ein scharfer Angriff auf die iranische Regierung, ein durchdringender Protest dagegen, dass der Körper der Frauen als Schlachtfeld für nationale Politik und persönliche Wünsche benutzt wird", schreibt Jansen. "Wenn Neshat spricht, ist ihr Ton sanft, aber ihre Worte sind entschlossen. 'In einem Land, das Frauen unterdrückt und zum Schweigen bringt, haben Frauen so viel Macht. Ihre Körper sind wie Messer! Man kann die Energie der Frauen nicht unterdrücken. Wir stehen im Zentrum des politischen Diskurses.'" Und das zeigt auch der 15-minütige Film, der im Zentrum der Ausstellung steht, so Jansen, "eine stark stilisierte Fiktion, die wieder in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Im Mittelpunkt steht eine weibliche Protagonistin, gespielt von der iranisch-amerikanischen Schauspielerin Sheila Vand, die in dem Oscar-prämierten Film 'Argo' mitspielte. Diese Frau wurde inhaftiert und vergewaltigt - und kämpft nun mit den Auswirkungen ihrer Erlebnisse." Die Musik ist eine Version des Liebeslieds "Holm" (Traum), eigentlich aus einem Film von 1968, "es wurde jedoch zur Hymne der Freiheitsbewegung Woman Life Freedom, nachdem die 16-jährige Demonstrantin Nika Shakarami bei den letztjährigen Protesten in Teheran brutal ermordet worden war".
Hier der Trailer:
Besprochen werden eine Ausstellung zu Deutschlands erster Kunsthändlerin, "Grete Ring. Kunsthändlerin der Moderne", in der Liebermann-Villa in Berlin (Tsp) und eine Ausstellung der Künstler, die auf der Shortlist für den Prix Pictet Human standen, im V&A in London (Guardian).
Nicht als "nihilistischer Rasenmäher", sondern als "revolutionäre Bewegung" erscheint die Postmoderne in der Ausstellung "Anything Goes. Alles auf einmal. Die Postmoderne, 1967-1992" in der Bundeskunsthalle Bonn für FAS-Kritiker Johannes Franzen. Humor spielte dabei eine wesentliche Rolle, so Franzen: "Überhaupt werden Ironie und Camp...als die bestimmenden Faktoren postmoderner Ästhetik stark inszeniert. Diese Ästhetik hat einige triumphal scheußliche Möbel, Kleidungsstücke und Küchenutensilien hervorgebracht. Insbesondere die schrillen und zumindest vom Aussehen her nicht gerade bequemen Sessel wie Alessandro Mendinis 'Poltrona di Proust' oder Peter Shires 'Bel Air' fallen ins Auge, aber auch Kleider mit verwirrenden Mustern und breiten Schulterpolstern oder ein klobig-futuristisches Teeservice von Hans Hollein. Hier wird die überbordende Spielfreude der Zeit deutlich - eine Tendenz zur Überfrachtung und Übersteigerung, die in einem angenehmen Kontrast zum heute herrschenden Minimalismus des liberalen Bürgertums steht." Auch Welt-Kritiker Marcus Woeller konstatiert: "Ohne Ironiebegabung kommt man in der Postmoderne nicht weit" und plädiert dafür, ihr im Angesicht "modernistischer Einfalt" eine zweite Chance zu geben.
Weitere Artikel: Der politische weit rechts stehende Journalist und TV-Moderator Pietrangelo Buttafuoco wird neuer Präsident der Kunst-Biennale in Venedig. "Kein gutes Omen" für die italienische Kunstszene, kommentiert Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.
Besprochen werden die Ausstellung "Ach was. Loriot zum Hundertsten." im Caricatura Museum Frankfurt (FAZ, SZ), Gregor Schneiders Ausstellung "Homeless" in der Galerie Konrad Fischer in Berlin (tsp), die Ausstellung "Grete Ring. Kunsthänderlin der Moderne" in der Liebermann-Villa am Wannsee (tsp) und die Ausstellung "Jasper Johns - der Künstler als Sammler" im Kunstmuseum Basel (WamS).
Reliqiue des Hl. Erectus, 1978. Bild: Belvedere. Im Standardfreut sich Katharina Rustler über die erste Soloausstellung, die der immerhin nun 80-jährigen Renate Bertlmann im Wiener Belvedere zuteilwird. Empfindsamen Besuchern, die von derart feministischer Kunst verstört werden könnten, wird vorsichtshalber eine Triggerwarnung mitgegeben: "Die Warnung gibt es ganz zu Recht, denn so manche Arbeiten von Bertlmann sind wahrlich keine leichte Kost. Die meisten aber sind mit herrlicher Ironie gespickt. Dass es von Penissen, Vulven, Brüsten und Sextoys nur so wimmelt, muss wohl nicht dazugesagt werden. So brachte die Künstlerin mit der Performance 'Die schwangere Braut mit dem Klingelbeutel', die sie 1978 in Düsseldorf aufführte, bereits einige ihrer zentralen Motive zusammen: Als schwangere Braut verkleidet fuhr sie in einem Rollstuhl umher und sammelte vom Publikum Spenden für die Reliquie des Hl. Erectus ein. Dieses Heiligenbild huldigte einem pompösen erigierten Penis. Der Klingelbeutel erinnerte an ein überdimensionales Kondom samt Brustwarze. Das Gesicht der Künstlerin verbarg sich hinter einer irritierenden Schnullermaske." Der patriarchalen katholischen Kirche setzt sie ihre eigenen Dogmen entgegen, "ihre Dreifaltigkeit lautete: Pornografie, Ironie, Utopie."
Le Concert, 1955. Bild: arthur.io/Annemarie Vandeput. Eine rund zweihundert Werke umfassende Retrospektive zum Werk des früh durch Suizid gestorbenen Nicolas de Staël im Musée d'Art Moderne in Paris zeigt FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarthdessen "faszinierenden Kampf mit Farbe und Motiv", der sich durch die verschiedenen Werkphasen zieht. "Die Gemälde von 1946 und 1947 erscheinen mit ihren verästelten, pastosen Farbbalken wie dunkle Netze, in denen sich Licht und Farbe verfangen oder mit obskuren Kräften zu kämpfen scheinen. Bald darauf werden die Farbfelder größer, die Gemälde atmen wie abstrakte Landschaften. De Staël arbeitete vornehmlich mit Malmesser und Spachtel, schichtete Farben übereinander, sodass zwischen den Formen leuchtende Farbstrukturen sichtbar werden." Einzig das späte Schaffen kommt ihr zu kurz, sie vermisst das letzte Meisterwerk "Le Concert", denn damit "war Nicolas de Staël am Endpunkt seiner Malerei angekommen. Es hätte auch ein Neuanfang werden können."
Im Städtischen Museum Braunschweig widmet sich die Retrospektive "Lette Valeska. Stars ohne Glamour" nun endlich einer Fotografin, die nach ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland in Hollywood späte Karriere gemacht hat, freut sich Bettina Maria Brosowsky in der taz. "Sie stellt ihre Protagonisten in die Natur oder einen Architekturkontext, lässt sie sich aus dem Fenster lehnen, mit Kind oder Hund interagieren, sie schaut ihnen zu Hause zu: beim Lesen, in der Küche oder gar dem Anziehen. Das war neu, war kein bewusster 'Stil' und holte selbst entrückte Stars auf ein menschliches Maß herunter - sicherlich: gutes Marketing."
Es regnet Preise: Anna Boghiguian darf sich über den Wolfgang-Hahn-Preis der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig freuen (FR, FAZ, monopol). Mariechen Danz erhält den Kunstpreis des Energieunternehmens Gasag und der Berlinischen Galerie, nachdem die ursprüngliche Kandidatin Emilija Skarnulyte den Preis wegen der Verstrickungen der Energiebranche in den Ukrainekrieg abgelehnt hatte (monopol).
In der tazfragt sich Peter Kropmanns, ob der Ankauf von Auguste Herbins 1907 entstandenem Porträt des Schriftstellers Erich Mühsam durch die Neue Nationalgalerie wirklich an der Provenienz scheitern musste: "Seine Historie kann für die politisch problematischen Jahre 1940 bis 1944 nicht lückenlos nachgewiesen werden. In dieser Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich, als Juden verfolgt und enteignet wurden, florierte der dortige Kunstmarkt. Auf Beschlagnahme-Listen oder Auktionskatalogen konnte das Mühsam-Porträt aber nicht nachgewiesen werden. Das Bild befand sich in diesen Jahren an einem unbekannten Ort. Durch diese Provenienzlücke wird das Kunstwerk heute jedoch sozusagen unter Generalverdacht gestellt, es könnte ja das Risiko einer zukünftigen Restitutionsforderung geben. Deswegen wurde das Mühsam-Porträt von Herbin nicht von der Neuen Nationalgalerie aufgekauft." Bedauerlich, findet Kropmanns. "Der Schriftsteller Erich Mühsam verdient es, dass in dieser Sache eine Lösung gefunden wird."
Besprochen wird die Ausstellung "Picasso/Beckmann" im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal ("Am Ende bleibt so weniger der Eindruck, einem Dialog, sondern zwei parallelen Monologen beigewohnt zu haben, von denen einer ungleich variantenreicher und interessanter ist als der andere", meint Alexander Menden in der SZ).