Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2023 - Film

Trotz "Berlin Babylon"-Erfolg: Sky stellt die Produktion deutscher fiktiver Formate ein, meldet Joachim Huber im Tagesspiegel: Ist das "eine Solonummer oder ein Fanal für die gesamte Produktions- und Kreativbranche in Deutschland? Von der Goldgräberstimmung ist wenig übrig, Katzenjammer heißt der Soundtrack." Matthias Heine erzählt in der WamS von seiner Begegnung mit Francois Ozon, dessen neuer Film "Mein fabelhaftes Verbrechen" demnächst anläuft (hier die Besprechung im Filmdienst). Bernadette Conrad porträtiert für die Berliner Zeitung ein Paar aus Berlin, das in Sachsen-Anhalt ein Kino gekauft und wiederaufgebaut hat. Philipp Bovermann schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Alan Arkin. Artechock liefert Kurzkritiken vom Filmfest München.

Besprochen werden James Mangolds "Indiana Jones und das Rad des Schicksals" (Artechock, unsere Kritik), die Serien "Jury Duty" (Freitag) und "The Crowded Room" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2023 - Film

"20.000 Arten von Bienen" von Estibaliz Urresola Solaguren

Mit ihrem Film "20.000 Arten von Bienen" über ein Kind, das seine Trans-Identität entdeckt, ist Estibaliz Urresola Solaguren derzeit der absolute Liebling der Kritik (hier unser Resümee, dort die Berlinale-Kritik von Perlentaucher Thierry Chervel). Im Filmdienst spricht die Regisseurin unter anderem über die Dreharbeiten - und darüber, dass in Spanien immer mehr Frauen Filme drehen: "Das ist das Resultat langer Arbeit, besonders von Pionierinnen wie etwa Icíar Bollaín. Die haben sich in einer vollkommen männlichen Filmwelt behaupten müssen. ... Heute bemühen sich staatliche Stellen oder auch die Filmschulen darum, Frauen und Frauenprojekten den Zugang zur Filmindustrie zu erleichtern. So ist ein kreatives Ökosystem entstanden, in dem weibliche Talente wachsen und blühen können. Aber es ist immer noch so, dass Frauen, die ihren ersten Film machen, im Durchschnitt viel älter sind als ihre männlichen Kollegen. Wir sind etwa 37 oder 38 Jahre alt, wenn wir unseren Debütfilm fertig haben. Woher kommt das? Wir müssen anscheinend immer noch viel mehr und über einen viel längeren Zeitraum beweisen, dass wir etwas taugen, bevor man uns ein Projekt anvertraut."

Außerdem: Der Branchenverband HDF Kino beklagt sich über explodierende Kosten, die nötige Investitionen behindern könnten, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Jörg Seewald bringt in der FAZ Updates vom Filmfest München. Kristina Thomas berichtet im Tagesspiegel vom Queeren Filmfestival in Kiew.

Besprochen werden Marion Desseigne Ravels Debüt "Besties" über zwei Mädchen in den Banlieues (Tsp), Lars Kraumes RomCom "Die Unschärferelation der Liebe" (Welt) und die letzte Staffel von "Jack Ryan" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2023 - Film

Anders leben, schon vor hundert Jahren: "Eldorado" wirft einen Blick in die Geschichte queerer Lebensentwürfe und deren Unterdrückung (Netflix)

Die Netflix-Doku "Eldorado - alles, was die Nazis hassen" wirft einen Blick auf den legendären Nachtclub der Berliner Zwanziger- und Dreißigerjahre gleichen Namens, in dem queeres Leben sich ausleben konnte - Nazis und andern Deutschnationalen war das Etablissement natürlich verhasst. Warum haben solche Stoffe gerade Konjunktur, fragt sich Heike Huppertz in der FAZ. "Der 'Tanz auf dem Vulkan', der Wendepunkt, die Bedrohung der damals jungen Demokratie, die weltwirtschaftlichen und weltgeschichtlichen Verwerfungen bieten anscheinend Anlass für Analogien zur Gegenwart. Freilich auch für Kurzschlüsse. 'Eldorado - Alles, was die Nazis hassen' dagegen ist sorgfältig in Darstellung und Analyse und stellt im Exposé fest: Es finde sich 'kaum ein anderer Zeitpunkt in der Geschichte, wo Freiheit und Unterdrückung so nah zusammenliegen'. ... In neunzig Minuten, die überborden vor Quellenmaterial, Dokumenten, Einschätzungen von Experten und biografischen Darstellungen, setzt diese Gleichzeitigkeit der Vernichtungsideologie der Nazis und der Verfolgung queeren Lebens den Ton."

Harrison Ford ist wieder da als Indiana Jones. Könnte aber auch Jack Ryan sein.

Es hat schon seinen Grund, dass der neue "Indiana Jones"-Film, für den Harrison Ford mit 80 nochmal den Schlapphut aufsetzt, von Zeitreisen handelt, schreibt Perlentaucher Patrick Holzapfel: Der Film ist ja selber eine Sehnsuchtsreise in die Vergangenheit und steht damit exemplarisch für den Zustand der Filmindustrie selbst. "Man erstickt in Selbstreferentialität" und das "trägt auch zum allgemeinen Gefühl der Irrelevanz eines Mediums bei, das den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Man schaut und vergisst. Ob es den Film gibt oder nicht, ob er von gestern oder heute ist, spielt keine Rolle. Letztlich existiert er, damit sich alle an die alten Indiana-Jones-Filme erinnern können. Die Feuilletons überschlugen sich dementsprechend mit Rekapitulationen der ursprünglichen Trilogie. Das Kino kreiert keine Mythen mehr, es verwaltet die bereits erzählten." Weitere Besprechungen in FR und Welt, mehr zum Film bereits hier.

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren über ihren (im Tagesspiegel besprochenen) Film "20.000 Arten von Bienen", der von einem achtjährigen Kind handelt, das seine Trans-Identität entdeckt (mehr dazu bereits hier). Andreas Busche wirft für den Tagesspiegel einen kurzen Blick auf die von Prigoschin produzierten Kriegsfilme, die wohl vor allem als Rekrutierungs-PR dienen sollen (mehr dazu bereits hier). Frankreich streitet darüber, ob Léonor Serraille als weiße Filmemacherin wirklich die richtige ist, um das Drama "Un petit frère" über eine afrikanische Familie in Frankreich zu inszenieren, meldet Matthias Lerf im Tages-Anzeiger. In der Kracauer-Essayreihe des Filmdiensts versenkt sich Morticia Zschiesche noch einmal in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now". Bert Rebhandl empfiehlt dem Wiener Publikum eine Tati-Retrospektive im Gartenbaukino.

Besprochen werden Kamila Andinis "Before, Now & Then" über das Indonesien der Fünfziger (Perlentaucher, taz), Marion Desseigne Ravels Filmdebüt "Besties" über junge Frauen in den Banlieues (ZeitOnline), die sechste Staffel der Science-Fiction-Serie "Black Mirror" (NZZ) und Lars Kraumes RomCom "Die Unschärferelation der Liebe" (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2023 - Film

Sieht geduldig hin: "20.000 Arten von Bienen" von Estibalz Urresola Solaguren

Die Filmkritik ist hingerissen von Estibaliz Urresola Solagurens spanisch-baskischem "20.000 Arten von Bienen", in dem ein achtjähriger Junge seine Trans-Identität entdeckt. Die junge Sofía Otero bekam für diese Darstellung im Februar den Silbernen Bären der Berlinale als beste Schauspielerin. In dem Film "geht es gleich auf mehreren Ebenen um Verwandlungen und Offenbarungen diesseits und jenseits von Grenzen, und es geht ums Geraderücken des Verdrehten und Falschen", schreibt Cosima Lutz in der Welt. "Elegant öffnet der Film das Thema Transsexualität damit hin zu universellen Erfahrungen" und das "ohne die fragile Leichtigkeit eines Kindheitssommers mit Bedeutungen zu überfrachten. Alles strömt in großer Selbstverständlichkeit ineinander." Auch Marian Wilhelm freut sich im Standard über diese gelassene Selbsverständlichkeit, mit der der Film sein Thema anpackt. Der Silberne Bär für Otero müsste eigentlich ein Regiepreis sein, findet Andreas Kilb in der FAZ: "Wer genau hinschaut, sieht das Wunder an Geduld und Aufmerksamkeit, das in den Bildern steckt, die kleinen Momente von Wahrheit, die sich zu einem großen Mosaik ergänzen. Estibaliz Urresola Solaguren hat das geduldige Hinsehen als Dokumentarfilmerin gelernt. In ihrem Spielfilmdebüt stellt sie es in den Dienst der Fiktion." Im Perlentaucher hatte Thierry Chervel den Film bei seiner Berlinale-Aufführung besprochen.

Susan Vahabzadeh schaut für die SZ die im Netz kursierenden Kriegs-Propagandafilme, hinter denen vermutlich Jewgenij Prigoschin und dessen Wagner-Gruppe stecken, darunter etwa "The Best in Hell". Der Film "sieht, mit seinen Explosionen und rasanten Kamerafahrten, aus wie eine professionelle Großproduktion aus Hollywood - ein moderner Kriegsfilm im Stil des Irakkriegsdramas 'The Outpost', bloß mit mehr Satellitenbildern und weniger Handlung. Was hier ganz bestimmt nicht im Mittelpunkt steht: die Menschen, die man sieht. Frühere Produktionen aus der Reihe muten eher an wie Actionfilme aus den Achtzigern. ... Meistens geht es so: Panzer mäht Baum um, Granate zerstört Hauswand, Verletzter mit halb explodiertem Gesicht torkelt aus Gebüsch, dazu Dialoge vom Feinsten: '7896!' - 'Korrigiere: 7895!' -'Feuer!'"

Außerdem: Susanne Gottlieb porträtiert im Standard die Schauspielerin Phoebe Waller-Bridge, die im neuen (in taz und Standard besprochenen) "Indiana Jones"-Abenteuer an der Seite von Harrison Ford zu sehen ist (mehr zum neuen Indy-Film bereits hier). Vom Pumuckl gibt es neue Folgen, meldet Max Sprick in der NZZ, wobei die charakteristische Stimme von Hans Clarin mittels K.I. über die Stimme des Kabarettisten Maximilian Schafroth gelegt wird. Maria Wiesner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schauspieler Julian Sands. Besprochen werden Lars Kraumes romantische Komödie "Die Unschärferelation der Liebe" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2023 - Film

Überaffirmativ zur Kenntlichkeit verzerrt: The Weeknd und Lily-Rose Depp in "The Idol" (HBO)

Schon seit Monaten kündigt sich Sam Levinsons HBO-Serie "The Idol" als Skandalaufreger der Saison an. Darin spielt Lily-Rose Depp den von der Branche nach Strich und Faden drangsalierten und ausgebeuteten, aufstrebenden Teenie-Star Jocelyn nach Britney-Spears-Art. Daneben gibt der Popstar The Weeknd einen Nachtclubbesitzer als sardonisch-düstere Gestalt. Chris Schinke zeigt sich in der Jungle World trotz einiger Schwächen von der Serie fasziniert: "Zu tief scheinen die Phänomene, die den Kulturbetrieb derzeit umtreiben, die Serie zu prägen. All die Obsessionen mit Schönheit, Ruhm, Prominenz, Sex, Konsum und Social Media werden hier satirisch verhandelt. Nicht im Modus negativer Kritik, sondern vielmehr in einer durchgehend überaffirmativ anmutenden Ästhetik, die ihren Gegenstand bis zur Kenntlichkeit verzerrt und in satte, betörende Bilder übersetzt. Als Grundgefühl der Serie bleibt eine gewisse Abgestumpftheit zurück, eine numbness, die ihren Ausdruck auch in Jocelyns leerem, gleichgültigem Gesichtsausdruck findet, während sie eine Zigarette nach der anderen wegraucht. Sam Levinsons 'The Idol' ist keine Serie, die gemocht werden will. Darin steckt vielleicht ihre größte Anziehungskraft."

NZZ-Kritiker Daniel Haas vermisst die Haltung: "Die Serie zitiert in notorisch-koketter Weise die pathologischen Evergreens der Entertainmentgeschichte. ... Fragt sich nur, ob die Serie nicht selbst in jene Falle tappt, die sie den Unrechtsverhältnissen und deren Akteuren stellen will. Aus welcher Perspektive wird 'The Idol' eigentlich erzählt? Wie ist die moralische Agenda verfasst, die jede schlüssige (Film-)Narration implizit bewegen und lenken muss? Bekommen wir Jocelyns Entwicklungsroman zu sehen, der den Wandel vom Medienopfer zum Sinn- und Schaffenssouverän über die eigenen Werke nachzeichnet? Oder doch wieder die Krankengeschichte eines Talents, die die Grausamkeit des Business glamourös bestätigt?"

Weiteres: Kurt Sagatz plaudert für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Tom Wlaschiha. Besprochen werden James Mangolds "Indiana Jones und das Rad des Schicksals" (Tsp, mehr dazu hier), die auf Disney+ gezeigte Serie "About Sasha" über eine intersexuelle Jugendliche (eine der "sehenswertesten und erstaunlichsten Serie der vergangenen (mindestens) anderthalb Jahre", schwärmt Patrick Heidmann in der taz), Tuki Jencquels "Jackie the Wolf" (Filmdienst), Kamila Andinis "Before, Now & Then" (Filmdienst) und der auf Netflix gezeigte Animationsfilm "Nimona" nach dem gleichnamigen Comic (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2023 - Film

"The Padilla Affair" läuft beim Filmfest München

Pavel Girouds beim Filmfest München gezeigter Dokumentarfilm "The Padilla Affair" zeigt das fünfzig Jahre unter Verschluss gehaltene und wohl auf klandestinem Wege außer Landes geschaffte Filmmaterial, das während der Haft und Vernehmung Heberto Padillas in Kuba 1971 entstanden ist, welche schließlich in eine öffentliche "Selbstkritik" des Schriftstellers mündete. Wahrscheinlich ist das brisante Material für Fidel Castro entstanden, schreibt Marie Pohl in der SZ. "Der Abend soll zeigen, wie die kubanische Revolution einen vorlauten Schriftsteller bekehrt, einen gefährlichen Wilden zähmt, einen Verlorenen zur Besinnung bringt, einen Verblendeten durch sorgsame Einzelgespräche in Einzelhaft zur Erleuchtung führt. 'Als Castro das Filmmaterial sah, dachte er sich wahrscheinlich, das schadet mir mehr, als dass es mir nützt,' sagt Pavel Giroud am Telefon. ... So kann man nun mitansehen, wie Padilla beim Sprechen immer mehr ins Schwitzen gerät, wie er sich biegt, windet, krümmt wie ein geschundenes Tier, und krampfhaft die Revolution verteidigt in einer Art Performance, die darauf ausgerichtet ist, dass man seine Übertreibungen als eine Art Code versteht, eine Geheimsprache, mit der er eigentlich um Hilfe fleht."

Außerdem: Cosima Lutz denkt in einem Filmdienst-Essay über Filme über Trans-Menschen nach. Marius Nobach freut sich im Filmdienst auf die Stummfilmtage Bonn im August. Andreas Scheiner erinnert in der NZZ an Timothy Wiseaus vor 20 Jahren veröffentlichtes Drama "The Room", das mit seinen unfreiwillig skurrilen Eigenheiten und grenzenlos ins Kraut geschossenen Ambitionen zum Kultfilm der "so bad it's good"-Meute avanciert ist.

Besprochen werden die ZDF-Serie "Der Schatten" (FAZ), die auf Disney+ gezeigte Serie "Marie Antoinette" (taz), die Marvel-Serie "Secret Invasion" mit Samuel L. Jackson (Zeit) und Stephen Frears' beim Filmfest München gezeigtes Archäologinnendrama "The Lost King" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2023 - Film

Ikone aus und in den Achtzigern: Harrison Ford als Indiana Jones

Kommenden Donnerstag erscheint der neue Indiana-Jones-Film. Es ist Teil 5 der Reihe, der mittlerweile 80-jährige Harrison Ford wird mitunter einer radikalen Digital-Botox-Kur unterzogen, um wieder wie er selbst in den Achtzigern (des 20. Jahrhunderts wohlgemerkt) auszusehen. Die Regie führte erstmals nicht Steven Spielberg, sondern Hollywood-Routinier James Mangold. Bei all der Sause, die den legendären Archäologen von den Vierzigern in die Sechziger und dann bis in die Antike verschlägt, stellt Jan Küveler von der Welt "erstaunt fest, wie viel uns die Actionfilmreihe darüber erzählt, wie die Zeit vergeht und wir uns selbst historisch werden. ... Paradoxerweise betont gerade die Technologie von George Lucas' Special-Effects-Firma Industrial Light and Magic, die das Gesicht des Recken zu Beginn digital verjüngt hat, die Kluft, die die Jahre geschlagen haben." Filmdienst-Kritiker Rüdiger Suchsland hat merklich viel Freude an der "Spirale der Verrücktheit", in die ihn dieser Film mit seinen "magisch-ungesehenen Bildern" zieht: "Es ist ein Kino, das nie belehren oder alles richtig machen will, das mutig und keineswegs beflissen ist und den Jahrmarktscharakter des Mediums gegen seine postmodernen Verächter verteidigt, womit es seinem Idealismus treu bleibt und weder neokonservativen oder traditionalistischen Versuchungen nachgibt."

In einem flankierenden Filmdienst-Essay zeigt sich Lucas Barwenczik hingegen genervt vom nostalgischen Bohei, das um die Indiana-Jones-Filme veranstaltet wird: "Das Kino ist in Teilen zu einer geriatrischen Kunstform verknöchert. ... Die verzweifelt an die Kindheit geklammerte Popkultur akzeptiert kaum noch neue Helden. ... Man kann sich auch zu sehr am Poptimismus der Gegenwart berauschen." Ebenfalls keinen Spaß hatte NZZ-Kritiker Andreas Scheiner: "Die Spezialeffekte sind für so eine Großproduktion erstaunlich krumm. Genießen kann man nichts. Die Raserei reißt nie ab. ... Hollywood hat ADHS."

Außerdem: Im filmischen wie literarischen Western hat sich in den letzten Jahren einiges getan, versichert Oliver Pöttgen im 54books-Essay. Im Filmdienst schreibt Jutta Brückner einen Nachruf auf den Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden die marxistische Amazon-Serie "I'm a Virgo" (Tsp, mehr dazu hier), die Verfilmung des Take-That-Musicals "Greatest Days" (NZZ), die auf Sky gezeigte, queere Serie "Somebody, Somewhere" (taz), der neue Pixar-Film "Elemental" (TA) sowie die Serien "The Dry" (Tsp, FAZ) und "The Crowded Room" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2023 - Film

Riesensache: Boots Rileys kapitalismuskritische Serie "I'm a Virgo"

Der als kapitalismuskritisch bislang eher nicht verdächtige Amazon-Konzern zeigt die neue, kapitalismuskritische Serie "I'm a Virgo" des kommunistischen Rappers und Aktivisten Boots Riley. Caspar Shaller von der taz ficht dieser Widerspruch nicht an, er freut sich darüber, "dass ein linker Kulturmacher eine große Bühne bekommt. Und es geht dann auch um die ganz großen Dinge: Rassismus, Kapitalismus, Polizeistaat, Liebe, supersize Burger." Auch der Protagonist, ein fünf Meter großer schwarzer Junge, der die "Abgründe, die sich im Leben der Schwarzen Arbeiterklasse auftun", erkundet, ist definitiv supersize. "Riley verwebt dabei gekonnt Mietrechtskämpfe, die horrenden Kosten des US-Gesundheitssystems oder die schwierige Entscheidung, zwischen legal wenig oder gesetzeswidrig bisschen mehr Knete zu machen, mit der Geschichte einiger hipper junger Leute, die durch die Stadt turnen. Sogar Monologe über Kommunismus und warum der cool ist, sind relativ harmonisch in die Szenen eingebettet."

Auch Arabella Wintermayr staunt auf ZeitOnline: "So eine allumfassende Systemkritik" hat es bei den Streamern noch nicht gegeben. Doch leider verzettele sich Riley in Nebenschauplätzen. Erst am Ende gelingt es ihm, "seine großen Ideen in einem noch größeren Ganzen aufgehen zu lassen. Und sei es nur durch einen wenig galant eingeflochtenen Monolog einer Aktivistin", der "auch in einem Marx-Lesebuch stehen könnte. Einer, der dafür aber umso effektvoller inszeniert ist und direkt einer Brecht-Aufführung entlehnt sein könnte."

Besprochen werden Christoph Hochhäuslers Thriller "Bis ans Ende der Nacht" (SZ, mehr dazu bereits hier), die zweite Staffel der "Sex and the City"-Nachfolgeserie "And Just Like That" (Tsp, Welt), der Pixar-Film "Elementals" (Standard, Welt), die auf Netflix gezeigte Polizeiserie "Schlafende Hunde" mit Max Riemelt (FAZ), die TrueCrime-Serie "Das Licht im Flur" (Tsp), Franck Duboscs Komödie "Die Rumba-Therapie" (SZ) und Maryam Keshavarz' "The Persian Version", der heute das Filmfest München eröffnet (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2023 - Film

Undurchsichtiges Spiel: Timocin Ziegler und Thea Ehre schmusen "bis ans Ende der Nacht"

Die Feuilletons besprechen Christoph Hochhäuslers Noir-Thriller "Bis ans Ende der Nacht", in dem der schwule Cop Robert (Timocin Ziegler) als verdeckter Ermittler seinen Ex-Lover Lennart als Lockvogel einzuschleusen versucht, aber damit klarkommen muss, dass Lennart seit einer Haftstrafe Leni heißt und eine Frau ist (Thea Ehre). Perlentaucherin Stefanie Diekmann hat hier und da zwar Probleme mit dem Film und dessen Anhäufung von "generischem Material". Doch "das Geschenk, das Christoph Hochhäusler den Zuschauer:innen seines Films macht, ist neben der Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider (choreografisch, eigenständig, der Erzählung immer nur zum Teil verpflichtet) die Besetzung. Die Anmut und Gelassenheit von Thea Ehre, die auf der Berlinale einen Silbernen Bären erhielt. (Warum den für die beste Nebenrolle, bleibt das Geheimnis der Jury). Die Erschöpfung der Figuren von Timocin Ziegler (Robert) und Michael Sideris (Victor). Die harsche, wache Intelligenz von Ioana Iacob (Nic), die im deutschsprachigen Kino der letzten Jahre häufiger gecastet wurde, aber immer noch nicht angemessen sichtbar ist."

Katja Nicodemus ist in der Zeit von diesem Noir sehr begeistert: Hochhäusler "holt dieses Genre der Nachtschwärmer, verlorenen Existenzen und urbanen Irrlichter ins deutsche Kino" und dreht es "weiter, erweitert ihn zur nachtdunklen condition humaine. Hier ist das ganze Leben ein Undercover-Einsatz in eigener Sache." In der FAS (aber heute online) dankt Peter Körte, trotz kleinerer Einwände, dem Filmemacher für dieses in Deutschland gewagte Unternehmen, den Sonntagabendkrimi-Standard hinter sich zu lassen und "nicht nur ein weiteres graues Beamtenfernsehspiel" vorzulegen, sondern Noir und Genre zu umarmen: "Neben Dominik Graf scheint er im deutschen Kino fast der Einzige zu sein, der die Tradition von Polizeifilm, Noir oder Gangsterepos nicht für museal hält. ... 'Bis ans Ende der Nacht' ist ein Film mit einem weiten Möglichkeitshorizont."

Als einer der wenigen Kritiker spricht Daniel Kothenschulte von der FR die eigenwillige Musikauswahl des Films an: "Unterlegt ist das fast nur bei Kunstlicht spielende Drama von Schlagerplatten aus den 40ern (von Zarah Leander und Evelyn Künnecke), 60ern und 70ern (Esther Ofarim, Howard Carpendale, Hildegard Knef), von denen man oft nicht weiß, ob sie nun in der Szene laufen oder eine kommentierende Ebene repräsentieren." Auf Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche wirkt der Film "konzeptuell oft schlüssiger als in der Umsetzung", tazlerin Barbara Schweizerhof schätzt den Reiz des Undurchsichtigen in den Figurenkonstellationen, doch dieser verliere sich "leider, weil der Film seiner so schön mit melodramatischen Unmöglichkeiten angefütterten Liebesgeschichte zu wenig Zeit widmet, um sie wirklich widerhallen zu lassen".

Weitere Artikel: Der Streik der amerikanischen Drehbuchautoren und die Sorge vor K.I. erschüttern Hollywood, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Joachim Huber wirft für den Tagesspiegel einen Blick auf die neue Zählmethode von Netflix zur Ermittlung der eigenen Quote: Nicht mehr die gesehenen Stunden, sondern die Abrufe sind nun maßgeblich.

Besprochen werden Gene Stupnitskys Sommer-Teenagersexkomödie "No Hard Feelings" mit Jennifer Lawrence (Perlentaucher, Filmdienst, taz), Franck Duboscs "Die Rumba-Therapie" (Freitag), der Pixar-Animationsfilm "Elemental" (taz) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Marie Antoinette" (FAZ). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2023 - Film

Jan Brachmann hat sich für die FAZ nach Demmin in Mecklenburg-Vorpommern gewagt, wo Hans-Jürgen Syberberg erstmals öffentlich seinen Film "Demminer Gesänge" zeigte. Es geht in ihm um jene Tragödie der letzten Kriegstage, bei der sich Hunderte Frauen aus Angst vor der Roten Armee das Leben nahmen (mehr dazu beim NDR). Die Berlinale hatte den Film abgelehnt, auch Brachmann bemerkt, Syberberg keine Fragen von Moral und Schuld stellt, sondern die Trauer um die Toten in den Mittelpunkt stellt. Aber er fordert die Demminer, die sich ihm stellen: "Hier steht ein zartes Charisma des Künstlers, der so etwas Unheroisches wie ein Café in die Welt setzt und jetzt als Gastgeber eines sommerlichen Festes auftritt, gegen das Regelwerk eines demokratisch organisierten Gemeinwesens mit der Verwaltung von Anträgen und Genehmigungsverfahren. Syberberg träumt nicht nur von der Wiedererstehung der Demminer Marktsüdseite, er will, dass der Traum zur Tat wird. Doch da stoßen nicht nur Charisma und Demokratie gegeneinander, sondern ebenso Kunstanspruch und Massengeschmack: 'Was hier den Ton angibt, ist eine Mischung aus Supermarktkultur und Schlagerdomäne. Da liegen die Prioritäten; dafür setzt man sich ein', sagt (Kunsthandwerker Wolfram) Esch. 'Wenn da nun ein Künstler wie Syberberg auftaucht, der nicht so gleitfähig ist, der scharfe Ecken und Kanten hat, dann ist die Stadt damit überfordert.'"

Besprochen wird Gene Stupnitskys Teenagerkomödie "No Hard Feelings" mit Jennifer Lawrence (NZZ, Standard).