Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2023 - Film

Grund zum Feiern: "Barbie" übertrifft alle Rekorde

Nicht nur einen, sondern gleich zwei Kassenschlager hat die letzte Woche mit "Barbie" (unsere Kritik) und "Oppenheimer" den Kinobetreibern beschert, worüber sich insbesondere auch die hiesigen Häuser freuen können, die im Sommer traditionell in die Röhre schauen. Die Feuilletons sortieren die Lage. Es war "das viertbeste Einspielergebnis eines Startwochenendes aller Zeiten" und der beste Kinostart eines von einer Frau inszenierten Films, informiert Andreas Busche im Tagesspiegel - dem "Barbenheimer"-Hype vorab sei Dank. "Was das nun für die Filmbranche bedeuten könnte? Zumindest die Erkenntnis, dass sich das Kinopublikum nach anderen Filmen sehnt als das ewige Sequel- und Remake-Einerlei. ... Damit ging auch das Konzept auf, dass die beiden Filme sich nicht etwa gegenseitig Konkurrenz machen, sondern sich mit ihren sehr unterschiedlichen Zielgruppen sogar ergänzen." Zwar spielte "Barbie" deutlich mehr ein als "Oppenheimer" - aber beide Filme übertrafen die Erwartungen sichtlich, schreibt David Steinitz in der SZ. Und: "65 Prozent der 'Barbie'-Zuschauer waren weiblich, und auch das ist in Hollywood, wo gern divers getan wird, aber trotzdem immer noch vor allem Männer Filme für Männer drehen, außergewöhnlich: Fast alle Blockbuster werden von jungen männlichen Zuschauern über die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze am ersten Wochenende gehoben."

In der SZ gießt Johanna Adorján Wasser in den Wein: Das soll er also sein, der große feministische Film unserer Tage? Ausgerechnet "Barbie"? "Ist es Feminismus, eine langbeinige, stupsnasige Kunststoffpuppe auch mit Pilotenmütze zum Kauf anzubieten, oder ist das nur stinknormaler Kapitalismus? ... Obwohl er etwas anderes behauptet, handelt dieser Film von nichts anderem als: vom Begehren als Kraft, die den Kapitalismus antreibt. ... Erwachsene Menschen, ausgehungert nach Kinofilmen ohne Superhelden, wenigstens das, strömen ins Kino, und bescheren dem ohnehin hochgestimmten Spätkapitalismus einen weiteren Riesenlacher. Was hatte man uns traurigen Konsumenten noch mal versprochen, 'Barbie' sei ein satirischer Blick auf Konsumverhalten, Feminismus und toxische Maskulinität? Herzlichen Glückwunsch an die Marketingabteilung von Mattel."

In der Welt liefert Hannes Stein Hintergründe zum in den USA offenbar sehr erfolgreichen Film "Sound of Freedom", ein Herzensprojekt des fundamentalistisch-katholischen Schauspielers Jim Caviezel, der darin eine von QAnon-Verschwörungsfantasien geprägte Geschichte um Kinderhandel erzählt und dabei auch im rassistischen und antisemitischen Sumpf watet.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2023 - Film

Die Autoren-Gewerkschaft in Hollywood streikt, die Angst vor Drehbüchern, die nur aus KI-Datenbanken stammen, geht um. Aus Sicht der Produzenten ließen sich damit Blockbuster vorprogrammieren. Das wäre eine fatale Entwicklung, deren Anfänge wir jetzt schon sehen, findet Susan Vahabzadeh. "Personalisierung" ist bereits seit einigen Jahren ein Schlagwort in den Kino-Branchenblättern. Beachtet wird von der KI ja, was früher schon im Kino erfolgreich war. Schon jetzt können die Studios ziemlich genau ausrechnen, wie viele Zuschauer ein Film haben wird. Was sie nun wollen, sind Programme, die ausrechnen, wie ein Film genau aussehen sollte, um möglichst vielen Leuten zu gefallen. Das wäre der Tod jeder Inspiration. Die Programme, mit denen Streamingdienste ihren Kunden Empfehlungen geben, funktionieren schon mit KI und sind dafür ein gutes Beispiel - sie rechnen aus, was einem Zuschauer gefallen würde, der bestimmte Filme vorher gesehen hat. Und nicht, welche Filmen sie oder ihn überraschen, herausfordern oder erschüttern könnten."

Weitere Artikel: In der NZZ erinnert der Historiker Peter Payer an den Schneider Franz Reichelt, der im Februar 1912 vor laufenden Filmkameras in einem selbstgenähten Fallschirmmantel vom Eiffelturm sprang. Joachim Hentschel war für die SZ bei der Pressekonferenz Dario Argentos anlässlich einer Hommage an den Regisseur im Deutschen Filminstitut in Frankfurt. Harry Nutt sieht für die Berliner Zeitung die Krankenhausserie "In aller Freundschaft" und sehnt sich nach Dr. House. Claus Löser annonciert in der Berliner Zeitung 10 Jahre "Lange Nacht der Berliner Filmfestivals". Und Samira El Ouassil entpuppt sich in der SZ als Fan der Serie "Westworld" und empfiehlt das Buch "One more loop around the bend" als Sehhilfe zur Serie.

Besprochen werden eine ZDF-Doku über die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus, die beim Attentat auf eine Polizeistation in Afghanistan umkam (Tsp), Volker Koepps Uwe-Johnson-Doku "Gehen und Bleiben"  (taz) und Juel Taylors Sci-Fi-Komödie "They Cloned Tyrone" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2023 - Film

Dario Argento, 2017. Foto: Brian Eeles, unter cc-Lizenz
Kino heute ist doch langweilig geworden, klagt im Interview mit der Welt einer der größten Horrorfilmer aller Zeiten, Dario Argento: "Die Gegenwart arbeitet gegen den Instinkt, der mein Kino immer geleitet hat. Heute regiert die politische Korrektheit. Selbst die Homosexualität wird heute verdruckster thematisiert als noch vor 20, 30 Jahren. Die Filmemacher gehen wie auf Eiern, aus Angst, einen Fehler zu machen und jemanden zu verletzen. Am ehesten wird es dann gleich außen vor gelassen. Auch das führt dazu, dass das gegenwärtige Kino eher eines des Spektakels ist, der Unterhaltung und Abenteuer. Nicht die Psychologie steht im Vordergrund, sondern die Effekte. ... Mich fasziniert das asiatische Horrorkino, vor allem das aus Südkorea. Es ist eben kein realistisches, sondern eines, das sich auf Träume und Psychologie fokussiert. Ebenso übrigens das japanische und das mexikanische Kino, von del Toro oder Cuarón. Filme, die selbst, wenn man auf die Oscars schaut, das amerikanische Kino seit einigen Jahren hinter sich gelassen haben." Argento kritisiert deshalb auch die Filmkritik, die sich nur für "realistische" Filme interessiere.

Die Münchner Filmtechnik-Firma Arri gibt es seit 1917 und ist heute "eine der wichtigsten Technikfirmen im weltweiten Filmgeschäft mit einem Umsatz von mehreren Hundert Millionen Euro", erzählt in der SZ der Filmhistoriker Armin Jäger, den diese Erfolgsgeschichte weniger interessiert, als die Frage, wie Arri den Nationalsozialismus überlebt hat: Die Gründer August Arnold und Robert Richter waren beide schon zum 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten. In den Entnazifizierungsverfahren legten sie "die üblichen entlastenden Zeugenaussagen vor, bedenkenswert scheinende von Personen, die von den Nürnberger Gesetzen betroffen waren, aber auch erkennbar unwahre, laut denen zum Beispiel eine Parteimitgliedschaft für Filmproduzenten zwingend nötig war, obwohl sich in Wirklichkeit 1933 im Filmgeschäft niemand dafür interessierte und das auch niemand einforderte." Letztere Behauptung dämpft Jägers Freude, dass Arri diese Geschichte jetzt aufarbeiten will, denn diese Mitgliedschaft doch wird die Freude gedämpft durch die Behauptung, "Mitgliedschaften in NS-Organisationen [seien] zwingend gewesen, um der Reichsfilmkammer beitreten und den Beruf ausüben zu können. Denn: "Das ist unzutreffend und nicht der beste Start für einen schmerzhaften Blick in die Vergangenheit."

Weitere Artikel: Im Interview mit der taz blickt die 86-jährige Filmemacherin Helke Sander zurück auf ihr Leben und ihre Arbeit, mit der sie sich immer wieder zwischen die Stühle setzte. Zum Beispiel: "'Eine Prämie für Irene', der das Leben einer Fabrikarbeiterin zeigt, hat viel Widerstand hervorgerufen. Ich habe den damals an der Filmakademie gezeigt, da gab es viele ML-Gruppen, Marxisten-Leninisten, und da wurde mir vorgeworfen, ich würde die Arbeiterklasse spalten." Claus Leggewie erinnert in der taz anlässlich des Films an die wichtigsten Stationen im Leben Robert J. Oppenheimers. Katharina Walser fragt sich in 54 books, ob Barbie und die Farbe Pink wirklich eine neue feministische Welle verkörpern. Willi Winkler erinnert in der SZ an Todd Haynes Puppenfilm "Superstar: The Karen Carpenter Story", ein Meisterwerk über die magersüchtige Sängerin, das man nur noch auf Youtube findet, in schlechter Qualität und mit portugiesischen Untertiteln, aber immerhin. Zeit online meldet den Tod der Schauspielerin Josephine Chaplin, Tochter von Charlie. Lena Karger plaudert für die Welt mit Schauspielerin Heike Makatsch über ihre Rolle in der RTL-Serie "Der König von Palma".

Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (FR, intellectures), Volker Koepps Dokum "Gehen und Bleiben" (Tsp), Greta Gerwigs "Barbie" (FAS) und die Ausstellung "Ausgeblendet/Eingeblendet. Eine jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik" im Jüdischen Museum Frankfurt (die u.a. daran erinnert, dass Barbie von Ruth Handler erfunden wurde, der Tochter jüdischer US-Einwanderer aus Polen, so Maria Wiesner in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2023 - Film

Für die Berliner Zeitung schaut Slavoj Zizek "Indiana Jones", "Barbie" und "Oppenheimer" und erkennt in allen Filmen "eine Flucht aus den Fantasien in die brutale Realität". Die NZZ bringt eine Bilderstrecke zum 50. Todestag von Bruce Lee. Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (für Fabian Tietke in der taz ein "etwas biederer, solider, sehr epischer und sehr vom Geniekult geprägter Film", ZeitOnline, artechock), die britische Serie "It's a Sin", derzeit in der ZDF-Mediathek (BlZ) und die Netflix-Mystery-Komödie "They Cloned Tyrone" (BlZ, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2023 - Film


Kann es derzeit einen aktuelleren Film geben als Christopher Nolans "Oppenheimer" über den "Vater der Atombombe", fragt Hanns Georg-Rodek in der Welt. Nein, aber Rodek denkt nicht an die atomare Bedrohung durch Russland, sondern an die Gefahren durch KI: "Möglicherweise erleben wir gerade einen zweiten 'Oppenheimer-Moment': Auch die Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Menschheit, wie wir sie kennen, auszulöschen. Parallelen drängen sich auf: eine Gruppe von Kybernetikern, die eine Waffe ( jawohl, Waffe!) von ungeahntem Potenzial entwickelt, ein machtvoller Auftraggeber (die TechKonzern-Elite, aufmerksam beobachtet vom Militär), eine für Bürger völlig undurchschaubare Technologie, die ihre Wirkweise (sprich: Algorithmisierung) als Staatsgeheimnis betrachtet."

Aber wie ist denn nun der Film, der mit üppigem (männlichen) Ensemble auftritt und vier Zeitebenenen, darunter Oppenheimers Zeit in Cambridge, seine Rolle als Organisator des US-Atombombenprogramms im Zweiten Weltkrieg und das Verhör wegen Spionageverdacht im Jahr 1954, verschachtelt? "Es ist modernstes Geschichtenerzählen, und bald springt Nolan mühelos von einer Ebene in die andere, und es steht immer im Dienst der Geschichte, die Sprünge in Vergangenheit und Zukunft verbrämen das Verständnis nicht (wie oft bei Nolan), sondern erklären und kommentieren und tragen zu dem rasanten Tempo eines faszinierenden Films bei", so Rodek. Der Film setzt Energien frei, "wie man es von der Filmkunst fast nicht mehr erwartet hat", versichert ein begeisterter Andreas Schreiner in der NZZ: "Intelligente Filme von größerem Kaliber macht gegenwärtig keiner."

"Wer folgen kann, hat den Test bestanden; Denkfaulen ist der Zutritt verwehrt", warnt Dietmar Dath in der FAZ: Nolan nimmt "Politik als Politik ernst, nicht als Moralcode, und gesellt ihr mit höchster visueller Akkuratesse noch eine andere Schicksalsmacht hinzu: die physikalische Wirklichkeit. Leerraum, schwarze Löcher, Bogenblitze, Teilchendetektorspuren in der Nebelkammer - und dazu eine Klangregie, vor der selbst David Lynch niederknien darf: Geigerzählerknacksen, das Trampeln einer Hörerschaft, das zur marschierenden Armee wird und zum Donner einer Detonation." SZ-Kritiker Tobias Kniebe hat sich dagegen kolossal gelangweilt: Er "geht einfach nicht richtig los", stöhnt er: "Große Konfusion, teilweise fast unverständliche Dialoge, gänzlich unklare Ziele der Beteiligten, zugekleistert noch dazu mit permanent dräuender Musiksoße - schon rein handwerklich ist der erste Teil des Films ein Totalausfall. (…) Schlimmer noch als die Hetze und das Bürokratengeraune und die Bilder der Bürokratenräume, für die man nun wirklich keine Imax-Kameras braucht, ist aber die Grundfragestellung des Films, die sich daraus ergibt: War Oppenheimer vielleicht ein bisschen Kommunist? Ziemlich sicher sogar. Und ist ihm deshalb im Nachkriegsamerika großes Unrecht widerfahren? Nun ja, also …" Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung, Tagesspiegel und Standard.

Von Oppenheimer zum Streik der Drehbuchautoren und Schauspieler in Hollywood: "Es geht um den Berufsstand Schauspieler", erklärt Nina Hoss, Mitglied der Schauspielergewerkschaft Screen Actors Guild, im Zeit-Gespräch: "Eigentlich ist es uninteressant, auszuführen, wie wir zu dem kommen, was ihr alle anschaut. Also erklären zu müssen, dass wir ja auch Arbeiter sind. Etwa wenn es um die Wiederholungshonorare geht. Ein Schauspieler muss in den USA mindestens 25.000 Dollar im Jahr verdienen, um über die Gewerkschaft krankenversichert zu sein. Das ist für viele nur durch diese Honorare erreichbar. Und wenn man mit den Streamern keine gerechte Lösung findet, weil sie sich nicht in die Karten schauen lassen wollen, dann ist das ein Problem."

Besprochen werden außerdem Greta Gerwigs "Barbie" ("Das wirklich große Kino bei 'Barbie' ist der absolut lockere, lustige, massentaugliche Ton", meint Aurelie von Blazekovich in der SZ, taz, FR, Zeit) und Edward Zwicks "The Last Samurai" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2023 - Film

Entdeckt am Ende sogar ihre Vagina: Margot Robbie als "Barbie"

Dass Greta Gerwig ihrer "Barbie" eine feministische Note verleihen wird, war bereits bekannt. "Aber 'Barbie' ist nicht nur ein feministischer Film geworden, sondern ein Film über den Feminismus. Er denkt den Feminismus nicht nur mit, sondern er denkt ihn neu", freut sich Marie-Luise Goldmann in der Welt: "An harscher Selbstkritik an der glitzernden, neoliberalen Plastikästhetik hat Gerwig, die das Drehbuch gemeinsam mit ihrem Ehemann Noah Baumbach … schrieb, nicht gespart. ... Barbie selbst erfährt eine existenzielle Erschütterung, als sie in der echten Welt einen Schulhof betritt und die erwartete Begeisterung vonseiten der Kinder ausbleibt. Statt ihr menschgewordenes Idol zu umarmen, werfen sie ihr an den Kopf, sie zu hassen und schon seit dem Alter von fünf Jahren nicht mehr mit ihr, einer Faschistin und Kapitalistin, die am ungesunden Körperbild so vieler Frauen schuld sei, zu spielen."

Barbie "soll niemanden zu sehr verprellen. Und natürlich die 100 Millionen [Produktionskosten] wieder einspielen. Letzteres steht in den Sternen, die ersten beiden Punkte scheinen realisierbar", meint hingegen Perlentaucherin Carolin Weidner: "Alles bleibt Andeutung, perfekt ausgeführt und on point, aber eben auch leicht verdaulich und höchstens dann subversiv, wenn man sich noch nie mit so etwas wie dem Patriarchat auseinandergesetzt hat, oder im Fall des einen oder anderen Zuschauers - vielleicht auch nicht auseinandersetzen musste." Am Ende entdeckt Barbie aber immerhin "ihr Bewusstsein, ihre Tränen, Wut, und, Trommelwirbel, am Ende sogar eine echte Vagina." Bei allem "Klamauk" erkennt Dietmar Dath in der FAZ durchaus auch "stille, tiefe Stellen" - oder anders ausgedrückt: "In einer Wüste, in der bestimmte Nährstoffe anders nicht zu finden sind (solche über die Beschaffenheit weiblicher Kinderträume etwa), trinkt man auch mal fragwürdiges Pfützenwasser in Pink."

Für Gerwig ist der Film "nur eine Etappe auf dem Weg zur größten Hollywood-Regisseurin der Gegenwart", glaubt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Für Mattel ist es dagegen nur der Anfang. 13 weitere Realfilme sollen folgen: unter anderen über die Rennwagen Hot Wheels und den violetten Dino Barney." Da musste Gerwig schon nach den Regeln des Konzerns spielen, meint Busche. "Der Barbie-Feminismus fällt darum immer auch mit der Tür ins Traumhaus (das keine Innenräume hat). 'Ich bin der Mann mit der wenigsten Macht im Raum', sagt einmal ein unterrangiger Mattel-Angestellter. 'Macht mich das zur Frau?'" In der Berliner Zeitung bespricht Manuel Almeida Vergara den Film, in der NZZ schreibt Daniel Haas.

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Matthias Dell den Nachruf auf den im Alter von 72 Jahren gestorbenen Kameramann Thomas Plenert, der mit allen großen Regisseurinnen und Regisseuren der DDR drehte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2023 - Film

Zum Kinostart von Christopher Nolans Biopic-Blockbuster "Oppenheimer" begibt sich Rüdiger Suchsland für den Filmdienst auf die filmischen Spuren, die der Vater der Atombombe in der Filmgeschichte bislang hinterlassen hat. Besprochen werden der von Masha Matzke herausgegebene Band "Figures of Absence" über die Experimentalfilmerin Dore O. (Filmdienst), die Ausstellung "Ausgeblendet / Eingeblendet" über jüdische Filmgeschichte in der Bundesrepublik im Jüdischen Museum in Frankfurt (Filmdienst), die kenianische Serie "Country Queen" (FAZ), Reinhild Dettmer-Finkes Psychiatrie-Doku "Irre oder Der Hahn ist tot" (taz) und Volker Koepps Dokumentarfilm "Gehen und Bleiben" über den Schriftsteller Uwe Johnson (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2023 - Film

Die Feuilletons trauern um Jane Birkin. Frankreich hatte die Britin begeistert als eine der ihren adoptiert: Paul Quinio würdigt sie in Liberation als Freigeist. Mit ihren Filmen und Platten hat sie "wie kaum eine andere die englischen Sechziger- und die französischen Siebzigerjahre geprägt", schreibt David Steinitz in der SZ. Birkin begann im britischen Kino, reüssierte aber im französischen Kino: "Das europäische Kino war in den Sechziger- und Siebzigerjahren deutlich durchlässiger als heute, Regisseure, Autoren und Schauspieler wechselten die Länder und Sprachen mit einem lockeren Selbstverständnis." Ihr Image als Sexsymbol und Anhängsel von Serge Gainsbourg tut Birkin unrecht, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Sie war nicht so sehr Muse als vielmehr Kollaborateurin, wie sich in den Filmen feststellen lässt, die sie mit Agnes Varda drehte: "'Jane B. par Agnès V.' ist nur nominell ein filmisches Porträt über Birkin, die Schauspielerin ist genauso Autorin wie die Regisseurin zur Darstellerin ihrer eigenen Hommage wird. Bei ihrer Vertrauten Varda darf sie sich die Rollen, die sie schon immer einmal spielen wollte, aussuchen - von Tarzans Jane bis zu Joan d'Arc. Birkin, gerade 40 geworden, legt ihre Wünsche und Unsicherheit in diesem Film offen, beschützt und geführt von Varda. Zwei Frauen, die das französische Kino, aber auch das Bild von Frauen jede auf ihre Weise geprägt haben." Auch Andreas Kilb hebt in der FAZ ihre Kollaborationen im französischen Autorenkino hervor: "Einer der wenigen Regisseure in ihrer Wahlheimat Frankreich, der ihr Talent zu Zwischentönen der Trauer wie des Überschwangs erkannte, war Jacques Rivette. Die Schauspielerin Emily in 'Theater der Liebe', die am Widerspruch zwischen Kunst und Leben zerbricht, und die Gefährtin des Malers Frenhofer alias Michel Piccoli in Rivettes 'Die schöne Querulantin' gehören zu ihren besten Figuren."

Auf Birkins größten musikalischen Hit, "Je t'aime (moi non plus)" mit Serge Gainsbourg, kommen die meisten Nachrufe eher etwas verlegen am Rande zu sprechen. Eine sexuell lasziv klingende Frau scheint auch heute noch zu überfordern, in den Sechzigern war sie erst recht ein Skandal. Dabei handelt es sich bei dem Stück um einen "signifikanten Moment der Kulturgeschichte", erinnert Samir H. Köck in der Presse. "Die Heftigkeit des Birkinschen Stöhnens empörte nicht nur Papst Paul VI., sondern vor allem auch die Sendeverantwortlichen vieler Radios. Dabei wurde das Lied von Freund und Feind missverstanden. Es war nicht als Hymne zur sexuellen Befreiung gedacht, sondern thematisierte die Unfähigkeit zur körperlichen Liebe. 'L'amour physique est sans issue', hieß es darin." Weitere Nachrufe in taz und NZZ, ZeitOnline bringt eine Bilderstrecke. Birkin selbst habe über den Erfolg ihres bekanntesten Songs in späteren Jahren im übrigen wohl sehr geseufzt, schreibt Mara Delius in der Welt: "Vor Jahren beklagte sie in einem Interview, dass vollkommen klar sei, welcher Song zu ihren Ehren gespielt werden würde, wenn sie tot sei." Wir erinnern an sie mit dem großartigen Konzeptalbum "Histoire de Melody Nelson" von 1971:



Außerdem: Daniel Kothenschulte gibt in der FR eine Wasserstandsmeldung vom Doppel-Streik in Hollywood. Marion Löhndorf berichtet in der NZZ vom Prozess gegen Kevin Spacey. Elke Wittich stöbert für die Jungle World in alten Filmzeitschriften, was im Jahr 1913 die Filmbranche bewegt hat. Besprochen wird Claire Denis' "Mit Liebe und Entschlossenheit" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2023 - Film

Für Außenstehende mag es absurd wirken, dass die 160.000 Mitglieder der US-Schauspielgewerkschaft in den Streik treten (unser erstes Resümee). Sind da in Hollywood nicht alle Multimillionäre? Denkste, schreiben Jürgen Schmieder und David Steinitz in der SZ: "Die US-Filmindustrie besteht natürlich nicht nur aus dieser kleinen Zahl prominenter Besserverdiener. Sondern auch aus Tausenden weniger bekannten Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich mühsam und oft unter prekären Umständen von Job zu Job hangeln." Hanns-Georg Rodek liefert dazu Zahlen in der Welt: "Der Mindestlohn liegt für Schauspieler bei 1056 Dollar pro Tag. Das Double für einen Star bringt am Abend 214 Dollar nach Hause, Hintergrundakteure (ohne Dialog) 182 Dollar. Von den 160.000 Mitgliedern der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA fallen mehr als 90 Prozent in diese Tag-für-Tag-Kategorie. Es ist durchaus üblich, dass zwischen ihrer letzten und ihrer nächsten Rolle Wochen oder sogar Monate liegen. Der durchschnittliche Jahresverdienst solcher Schauspieler liegt laut Gewerkschaftsangaben bei 26.276 Dollar."

Wie konnte es eigentlich bis zu dieser historischen Streik-Konstellation kommen? Einen Grund nennt Claudius Seidl in der FAZ: "Es geht um das Geld, das die Studios nicht zu haben behaupten, was daher kommt, dass sie sich mit ihren gigantischen Investitionen in eigene Streamingplattformen so heftig verspekuliert haben, dass jetzt an Gagen, Gehältern und Tantiemen so hart gespart worden ist, dass die Streikbereitschaft kaum noch zu bändigen war." Außerdem erklären Bert Rebhandl (Standard) und Jan Bolliger (TA) die Auswirkungen des Streiks.

Gibt es zu viel Online-Hype um "Barbie" und "Oppenheimer", die kommenden Donnerstag starten? Iwo, findet Rüdiger Suchsland auf Artechock, solche Hypes bräuchte es ganz im Gegenteil sogar viel, viel häufiger: "Hype und Kult und Subjektivismus und irrationale Begeisterung und Vorfreude wie als Kind auf Weihnachten - das ist Kino wirklich." Und tatsächlich, "es ist der Sommer der popkulturellen Riesenspektakel, der Gemeinschaftsbegeisterung von einem Ausmaß, wie man es lange nicht erlebt hat", schreibt Julia Lorenz auf ZeitOnline: "Lange hat sich Popkultur, zumindest im sogenannten Westen, nicht mehr so nach Naturgewalt angefühlt" und "allein das Reden darüber ist ein Motor für viel Kreativität." Dieser "Doppelstart könnte der lauteste Knall des Sommers werden, bizarrerweise zeitgleich zum streikbedingten Shutdown in Hollywood. Ein mächtiger, pinkfarbener Atompilz am Himmel." In der SZ porträtiert David Steinitz außerdem die Regisseurin und Schauspielerin Greta Gerwig: "Sie gehört seit Jahren zu den wichtigsten Independent-Filmemacherinnen Amerikas" und hat nun mit "Barbie" den Sprung ins Blockbuster-Segment geschafft.

Außerdem: Mandoline Rutkowksi berichtet in der Welt aus London von der Gerichtsverhandlung gegen Kevin Spacey. Michèle Binswanger amüsiert sich im Tagesanzeiger über einen prächtigen Bock, den die deutschen Netflix-Übersetzer in den Untertiteln der Tennisdoku "Break Point" geschossen haben: Erfolgssportlerin Serena Williams wird da rustikal zur Ziege erklärt, in beeindruckender Unkenntnis dessen, dass der englische Slangbegriff GOAT ein Akronym für "Greatest of All Time" ist. Besprochen werden die Ausstellung "Ausgeblendet - Eingeblendet. Eine jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik" im Jüdischen Museum in Frankfurt (FR) und die Reality-Serie "The Stallone Family" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2023 - Film

Alle Reels stehen still, wenn Dein starker Arm es will: Erstmals seit 63 Jahren streiken in Hollywood wieder zwei zentrale Gewerke. Der Drehbuchstreik hält weiter an, nun hat aber auch die Gewerkschaft der Schauspieler nach ergebnislosen Verhandlungen mit den Studios einen Streik ausgerufen. 160.000 Gewerkschaftsmitglieder legen laut Hollywood Reporter die Arbeit nieder: Damit kommt die US-Filmindustrie de facto zum Stillstand, auch auf promoträchtigen Premieren zeigen sich die Schauspieler nicht (weshalb etwa die "Oppenheimer"-Premiere in London um eine Stunde nach vorne verlegt wurde, um nicht nackt dazustehen, meldet die Welt). "Wir sind die Opfer hier", rief Gewerkschaftspräsidentin Fran Drescher in ihrer wütenden Rede, "eine habgierige Instanz schikaniert uns. ... Dies ist ein Moment der Geschichte, ein Moment der Wahrheit. Wenn wir uns jetzt nicht gerade machen, werden wir alle in Zukunft gehörige Probleme bekommen. Uns allen droht die Gefahr, von Maschinen ersetzt zu werden." ZeitOnline hat via dpa eine informative FAQ erstellt, um was es bei dem Streik genau geht: Wie die Drehbuchautoren leiden auch die Schauspieler an sinkenden Budgets und Honoraren trotz höherer Produktionvolumen und dem Wegfall von Tantiemen durch Wiederholungen, die es im Streaming de facto nicht mehr gibt (mehr dazu hier). "Zudem hatte SAG-AFTRA mitgeteilt, dass es eine 'reale und unmittelbare Bedrohung' darstelle, wie animierte KI-Charaktere die Schauspielerei von Mitgliedern täuschend echt nachbilden könnten."

Aktuelle Produktionen sind damit einem erheblichem Stresstest ausgesetzt, schreibt Hanns-Georg Rodek auf Welt+: Manche Produktionen konnten rechtzeitig abgeschlossen werden, "weniger Glück haben die dritte Staffel von 'White Lotus' oder der Serien-Ableger von Ridley Scotts 'Alien', die zwar in Thailand drehen, aber mit SAG-AFTRA-Schauspielern in führenden Rollen besetzt sind: Verschiebt man die Produktion in der Hoffnung auf einen kurzen Streik oder besetzt man um? Natürlich könnte man australische oder britische Darsteller nehmen, aber für deren weitere Karriere in Hollywood-Filmen wäre eine Art inoffizielles Streikbrechen gar nicht zuträglich. Auch das von US-Stars abhängige Festival in Venedig (Beginn: 30. August) könnte stark leiden. ... Mit einem kurzen Streik sollte nicht gerechnet werden, dafür sind die Streitpunkte zu komplex."

Zurück nach Berlin: Mit einer gewissen (und ja auch durchaus berechtigten) Häme nimmt Rüdiger Suchsland auf Artechock zur Kenntnis, dass die Berlinale nun durch schieren Druck von oben dazu gezwungen ist, Suchslands seit Jahren am Festival geäußerte Kritik in die Praxis umzusetzen (mehr dazu hier und dort). Ihre Chance, diesen Umbau selber zu gestalten, habe die 2019 neu eingerichtete Festivalleitung nicht ǵenutzt. Suchsland bekräftigt daher weitere Forderungen: "Man muss die Berlinale einmal völlig auf Null stellen und neu starten." Das "bedeutet auch: Die Berlinale braucht einen neuen Standort. Auch hier sind ein klarer Schritt und viel Mut nötig. Wenn die Berlinale sich wirklich neu erfinden will, muss sie das auch formal, ästhetisch, also räumlich signalisieren. Darum sollte sie auf das Messegelände im Westen ziehen! Die Berlinale könnte im leerstehenden ICC eine neue herausragende Heimat finden, die auch einen Neuanfang symbolisiert."

Weitere Artikel: Das Team von critic.de - darunter auch die Perlentaucher-Autoren Lukas Foerster, Andrey Arnold, Michael Kienzl und Robert Wagner - erzählt von seinen Fundstücken beim italienischen Festival Il Cinema Ritrovato, das sich ganz auf die Bergung filmhistorischer Schätze spezialisiert hat. Von "Barbenheimer" zu "Oppenbarbie" und zurück: Andreas Scheiner macht sich in der NZZ ernsthaft Sorgen, dass die für nächste Woche angesetzten Blockbuster "Barbie" und "Oppenheimer" vom aktuellen Hype darum eher Schaden nehmen. Fritz Göttler fragt sich in der SZ, ob es von Orson Welles' seinerzeit vom Studio stark gekürzten Film "Magnificent Ambersons" noch eine Originalversion gibt. In der Jungle World erinnert Dierk Saathoff an die Serie "Orange Is the New Black", mit der Netflix vor zehn Jahren auf sich aufmerksam macht.