Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.12.2021 - Bühne

Szene aus William Waltons "The Bear". Foto: Katja Wisotzki

Warum werden britische Opern in Deutschland immer noch so selten aufgeführt, fragt sich Roland H. Dippel in der nmz anlässlich zweier Operneinakter - John Taverners Zweipersonen-Drama "A Gentle Sprit" sowie William Waltons Burleske "The Bear" - die gerade am Theaterhaus Gera zu sehen sind. "Solch grausame und sarkastische Stücke kann man schwerlich als harmlos bezeichnen. Sie bestätigen die große Kraft des unmittelbaren physischen Musiktheaters. Bei Taverner treibt das Ekelpaket an ihrer Seite die Frau aus Dostojewskis fantastischer Erzählung 'Die Sanfte' in den Selbstmord. Dagegen wird die trauerfreudige Witwe in Tschechows Einakter 'Der Bär' zunehmend lustiger, spürt unter ihrem schweren Kleid und Heiligenschein sogar neue Hummeln im Bauch. Was die Bühnen- und Kostümbildnerin Benita Roth und [Intendant Kay] Kuntze in 'A Gentle Spirit' auf der fast leeren, schwarzen Bühne im ersten Teil verkargen, knallen sie in der Extravaganza 'Der Bär' mit perfekt aufgehendem Kalkül drauf."

Weiteres: Das Residenztheater in München eröffnet seine Mediathek mit Sebastian Baumgartens Inszenierung von mit Heiner Kipphardts Stück "Bruder Eichmann", berichtet Egbert Tholl in der SZ. Besprochen werden außerdem Mozarts "Zauberflöte" am Theater Kiel (nmz) und Barrie Koskys Inszenierung des "Don Giovanni" an der Staatsoper Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.12.2021 - Bühne

Hakan Savas Micans "Berlin, Kleistpark". Foto: Ute Langkafel / Gorki-Theater

Am Berliner Maxim-Gorki-Theater musste Intendantin Shermin Langhoff Vorwürfe wegen ihres rüden Gebarens und den Weggang ihres Vertrauten Jens Hillje wegstecken. Mit dem Antritt von Claudia Roth als Kulturstaatsministerin dürfte sie wieder etwas Rückenwind bekommen, glaubt Peter Laudenbach in der SZ. Hakan Savas Micans warmherziges Stück "Berlin Kleistpark" weist jedenfall in die Zukunft, meint Laudenbach, es ist eine Stadterkundung nach "Berlin Oranienplatz" und "Berlin Karl-Marx-Platz": "Die Raffinesse der berührenden Inszenierung liegt unter anderem darin, die Einsamkeit der Mutter, die Fremdheit ihres Sohnes nicht zu verkitschen, sondern genau, ratlos und nüchtern zu zeichnen und mit trockener Komik auszubalancieren. Sichtbar wird das lebenslängliche Echo der Kindheit von Arbeitsmigranten, die überfordert versuchen, sich in der Fremde zurechtzufinden. Für diese Erfahrungen der Fremdheit, der zerrissenen Biografien einen künstlerischen Ausdruck zu finden, sie im Medium von Theateraufführungen zu betrachten und festzuhalten, ist das enorme Verdienst von Shermin Langhoffs Theater."

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" an der Wiener Staatsoper (SZ), Tschechows "Möwe" im Stream von Kollektiv punktlive  (taz), David Greigs Jugendstück "Monster" im Wiener Burgtheater (Standard) sowie John Taverners Zweipersonen-Drama "A Gentle Sprit" und William Waltons Burleske "The Bear" im Theaterhaus Gera (NMZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.12.2021 - Bühne

Thomas Perles "Karpatenflecken". Foto: Arno Declair / Deutsches Theater

Einige eindrückliche historische Impressionen erlebt taz-Kritikerin Barbara Behrendt in Thomas Perles autobiografischem Stück "karpatenflecken" am Deutschen Theater, das Lebensgeschichten von Rumäniendeutschen erzählt: "Er ist selbst als Rumäniendeutscher in Oberwischau geboren, in den Waldkarpaten im Norden Rumäniens. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Gebiet von Österreichern zur Salzgewinnung besiedelt, daher die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe.In den Waldkarpaten ist auch sein Stück angelegt, als Familiengeschichte über drei Frauengenerationen: die Großmutter noch im Königreich Rumänien geboren, die Tochter in der Volks-, die Enkelin in der Sozialistischen Republik. Über sie erfährt man wenig, sie stehen eher als prototypische Vertreterinnen ihrer Generation. Schön aber, dass Thomas Perle in mehreren Sprachen schreibt, die den Inhalt reflektieren: Die Großmutter spricht Wischaudeutsch - es klingt wie eine Mischung aus Österreichisch und Jiddisch. Die Tante, die einen Ungarn geheiratet hat, spricht dagegen Ungarisch. Und die Enkelin hat fürs Publikum beides ins Deutsche zu übersetzen."

Weiteres: In der NZZ porträtiert Julia Spinola den ungarischen Komponisten Peter Eötvös, dessen Oper "Sleepless" gerade in Berlin uraufgeführt wurde, als genuinen Musikdramatiker. Besprochen werden die Performance "Am Leben bleiben" des Jungen Schauspiels Frankfurt (FR), Markus Lüpertz' Puccini-Inszenierung "La Bohème" in Meiningen (Tsp) und das Isherwood-Musical "Cabaret" im Londoner Playhouse Theatre (das Gina Thomas in der FAZ stürmisch bejubelt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.12.2021 - Bühne

Foto: Jochen Quast / Oper Meiningen

Großer Auftrieb am Staatstheater Meiningen: Der achtzigjährige Maler Markus Lüpertz gibt dort mit Puccinis "La Bohème" sein Debüt als Opernregisseur. "Oper wie gemalt", sah FAZ-Kritiker Achim Heidenreich: "Eine sehr kurzweilige Art Lange Museumsnacht!" In der SZ konnte Egbert Tholl vor lauter Bildern die Oper nicht sehen, aber einen Moment der Größe bekam er doch: "Mimì. Zwar schaut Deniz Yetim in ihrem Kostüm ein bisschen aus wie ein Funkenmariechen. Aber in ihr erfüllt sich die Regieidee von Markus Lüpertz. Denn auch wenn sie sich streng an die Vorgaben hält, sie kann mit diesen spielen. Das Bild lebt! Sie verleiht ihrer Figur die höchste Not und eine immer größer werdende Inbrunst. Sie stirbt im Stehen, einfach so, für sich, und das kann einem in seiner Befreiung von aller falscher Theatralität, von aller Künstlichkeit schon umhauen." In der FR erklärt Judith von Sternburg trocken: "Ein gemalter Fisch macht nicht satt."

Christine Dössel schreibt in der SZ zum Tod des Theaterkritikers und Frankfurter Intendanten Günther Rühle. In der Welt erinnert Jan Küveler an die bitterste Episode aus Rühles Intendantenzeit, die Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" 1985: "Die jüdische Gemeinde der Stadt, allen voran Ignaz Bubis, sahen sich antisemitisch verunglimpft, durch eine Nebenfigur der Handlung, einen als widerwärtig gezeichneten Immobilienspekulanten. Die Premiere am 1. Oktober 1985 wurde durch eine Besetzung - die wie eine ironische Wiederholung der besetzten Häuser des Frankfurter Westends wirkte - verhindert. Rühle setzte daraufhin eine Voraufführung für 150 Kritiker an, die der Verlag als Uraufführung wertete. Der Streit konnte nicht geschlichtet werden, die Proteste dauerten an, das Stück wurde nicht mehr gespielt, angeblich, weil die Sicherheit des Publikums nicht zu gewährleisten war. Was bleibt davon heute? Nicht zuletzt ein Staunen, dass es damals 150 deutsche Theaterkritiker gab - und man sie alle an einem Abend in Frankfurt versammeln konnte. Tempi passati."

Weiteres: In der taz bedankt sich Katharina Granzin bei Barrie Kosky für die Wieberbelebung der Berliner Operettentradition, die jetzt auch dem ungarisch-jüdischen Komponisten Paul Abraham gilt: "Zu Beginn der dreißiger Jahre war er ein umschwärmter, unfassbar produktiver und kreativer Komponist gewesen, der in Tantiemen geradezu schwamm."

Besprochen werden "Berlin Kleistpark", der zweite Teil von Hakan Savas Micans Berliner Stadt-Triologie am Gorki-Theater ("Sesede Terziyan kann toll singen", möchte Nachtkritikerin Stephanie Drees unbedingt festhalten, Tsp), Tschechows "Möwe" als Desktop-Theater vom Kollektiv punktlive (Nachtkritik), Laura Linnenbaums Doppelpremiere mit Max Porters "Trauer ist das Ding mit Federn" und Marlen Haushofers "Die Wand" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik) und der "Nussknacker" im Stream mit dem Londoner Royal Ballet (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.12.2021 - Bühne

Szene aus Goldonis "Diener zweier Herren" im Wilden Westen. Foto: JR/Berliner Ensemble


In Antú Romero Nunes' ausschließlich mit Frauen besetzter Inszenierung von Carlo Goldonis Komödie "Der Diener zweier Herren" wird nur Englisch gesprochen. Das Berliner Ensemble stiftet aber deutsche Übertitel, beruhigt nachtkritiker Christian Rakow, der einen lustigen Abend verspricht. Denn Nunes' hat den Commedia dell' Arte-Klassiker in den Wilden Westen verfrachtet: "Das alles sieht mitunter aus, als sei eine abgerockte Version der Waltons auf die Bretter am Schiffbauerdamm gehopst und verharre jetzt ein wenig in der Western-Pose. Bei Goldoni hat man sich ja noch verkleidet und den Diener auf Botengänge geschickt, damit Ehen geschmiedet werden. In kurzen Szenen, mit rasendem Takt. Nunes entschleunigt. Er zeigt eine mafiöse Farmer-Riege, die im Grunde in der Überzeichnung still gestellt ist. Inmitten der 'Quietlands', wie er das Setting nennt. Für Beckers Doppelrolle im Liebespaar Beatrice/Florindo (hier heißen sie Jolene March und Brody Brandson) gibt's darin ganz notwendig keine Auflösung und kein Happy Ending. Es gibt nur die obercoole Checker-Attitüde im XXL-Package." FAZ-Kritikerin Irene Bazinger hat sich zwar amüsiert, aber "diese Stückmigration hat ihren Preis", meint sie, "ihr Glanz bleibt kalt und erzwungen und oberflächlich - zu viel neue Welt für zu viel alten Stoff".

Im Tagesspiegel berichtet Kirsten Liese von den Verdi-Spielen in Mailand. Besprochen wird außerdem die Uraufführung von "Dea Ex Machina" durch das Gießener queerfeministische Performancekollektiv Swoosh Lieu im Frankfurter Mousonturm (nachtkritik, FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.12.2021 - Bühne

In der NZZ annonciert Lilo Weber die Show "50 Years", die das Theater Mummenschanz zur Feier seines fünfzigjährigen Bestehens plant. Die nachtkritik informiert über ihre Erweiterung als digitale Bühne. Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit Martina Droste, Leiterin des Jungen Schauspiels in Frankfurt, über deren Arbeit mit Jugendlichen,

Besprochen werden Johan Simons' Inszenierung des "King Lear" am Schauspielhaus Bochum (NZZ) und Jesús Rubio Gamos Choreografie "Gran Bolero" im Staatstheater Darmstadt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.12.2021 - Bühne

Anna Netrebko als "Lady Macbeth". Foto: Brescia E Amisano / Teatro alla Scala


Michael Stallknecht traut seinen Ohren kaum bei der Saisoneröffnung der Mailänder Scala: Buhrufe für Anna Netrebko? Die einzige und möglicherweise letzte Primadonna assoluta? Sie singt immer noch wie keine andere, auch die "Lady Macbeth", wie jetzt in Mailand. Was ihr jedoch fehlt, überlegt Stallknecht, ist ein wirklich eigenständiger, gar neuer Zugang zu den klassischen Rollen: "In der Fülle der gesungenen Partien ließe sich kaum noch angeben, wofür diese Sängerin wirklich stünde, gar mit ihrer eigenen Persönlichkeit einstünde. Im Gegensatz zu anderen Sängerinnen gibt es bei ihr - auch das bezeichnend - keine 'signature roles', keine, in denen man sie unbedingt gehört haben müsste. Was immer sie macht, macht Netrebko richtig, aber selten im Detail auf nennenswerte Weise interessant. 'Anna' begeistert, aber sie wärmt nicht."

Warum Regisseur Davide Livermore und Netrebko ausgebuht wurden, erschließt sich dem Standard-Kritiker Ljubiša Tošic nicht so recht, allerdings gibt er zu, dass die TV-Übertragung (noch in der Arte-Mediathek zu sehen) mit ihren Computeranimationen doch um einiges spannender ist als die recht konventionelle Inszenierung: "Was der TV-Zuschauer an urbanen Schluchten sieht, ist bei Regisseur Livermore auf der Bühne unsichtbar, wenngleich das Filmische in seiner Inszenierung essenzieller Teil einer unbescheidenen Überwältigungsästhetik bleibt."

In der FAZ ist Klaus Georg Koch durchaus beeindruckt von Sängern und Inszenierung, die ihn an Christopher Nolans "Inception" erinnert. Aber auch ihm fehlt etwas: "Die Sänger sind Sänger, spektakuläre Sänger, aber die Verwandlung der vor hundertfünfzig Jahren konzipierten Gesangspartien in Figuren unserer Gegenwart leisten sie nicht. Weil der Erfahrungsabstand zum historischen Werk gar nicht thematisiert wird, ist die 'moderne' Inszenierung entweder vor allem schwülstiges Design, oder sie ist modern gerade in ihrem düsteren Desinteresse an der Person - in beiden Fällen wirkt Livermore wie ein neuer D'Annunzio des Regietheaters."

Besprochen werden außerdem Donizettis "Anna Bolena" mit Diana Damrau in der Titelrolle am Opernhaus Zürich (nmz), Barrie Koskys Inszenierung des "Don Giovanni" in Wien (Standard) sowie Koskys Inszenierung von Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" an der Komischen Oper Berlin (Tsp), Maja Zades Stück "reden über sex", das Marius von Mayenburg an der Berliner Schaubühne inszeniert hat (nachtkritik, SZ) und das Musical "Coolhaze" des Studios Braun am Hamburger Schauspielhaus (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.12.2021 - Bühne

Das freie Theater setzt nur noch auf politische Themen, auf "Postmigration, Postkolonialismus, Queerness, aber nicht mehr auf formale Erneuerung, ärgert sich Michael Wolf in der Nachtkritik: "Das früher vielleicht überstrapazierte Schlagwort des Experiments weicht so dem der Progressivität. Ersteres war politisch durch seinen Formwillen, letztere ist politisch - einfach, weil politische Inhalte verhandelt werden. Die gesellschaftliche Wirkung dürfte gleichwohl marginal ausfallen, weil ohnehin kaum jemand Notiz nimmt, der nicht schon Bescheid weiß...Vor allem die Freie Szene hat stets frische Impulse gegeben, eben durch ihre Reflexion und Erprobung dessen, was Theater noch nicht ist, aber sein könnte."

Weiteres: Der Standard meldet, dass das Theater an der Wien wegen Umbauarbeiten ab März für zwei geschlossen wird.

Besprochen werden Donizettis Tudor-Oper "Anna Bolena" an den Opern von Zürich und Genf (NZZ, FAZ), Rimski-Korsakows "Die Nacht vor Weihnachten" an der Frankfurter Oper (SZ)und Oscar Wildes "Bunbury" am Staatstheater Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.12.2021 - Bühne

Durch die tanzenden Sterne: Nikolai Rimsky-Korsakows "Nacht vor Weihnachten". Foto: Monika Rittershaus / Oper Frankfurt

An der Frankfurter Oper hat Christof Loy Nikolai Rimski-Korsakows Märchenoper "Die Nacht vor Weihnachten" nach einer Erzählung von Gogol inszeniert. In der FAZ bejubelt Jan Brachmann diesen Abend als "eines der größten Theaterwunder der Frankfurter Operngeschichte": "Loy gönnt sich und uns den Spaß, die Hexe Solocha mit dem Besen durch die Luft fliegen zu lassen; Enkelejda Shkoza sieht dabei aus wie Marina Abramović auf Speed. Der Teufel geht senkrecht am Schrank herunter und fliegt mit dem Schmied Wakula nachts durch die tanzenden Sterne - eine echt akrobatische Leistung der Tenöre, inklusive mehrerer Überschläge um die eigene Bauchachse - nach Sankt Petersburg, um von der Zarin Katharina der Großen goldene Pantoffeln zu holen, ohne die seine angebetete Oksana ihn nicht heiraten würde. " In der FR ist auch Judith von Sternburg hingerissen von der "bezaubernden Gutmütigkeit" und dem "undramatischen Drauflos": "Süße Opernarien von Liebe und Leid, knackige amouröse und freche Ensembleszenen, fromme, weltliche sowie gespenstische Chöre, dazu Tanzmusiken aus dem Dorf und vom Zarenhof."

Weiteres: Erleichtert nimmt Christian Wildhagen in der NZZ die Meldung auf, dass Matthias Schulz, Intendant der Berliner Staatsoper, ab 2025 die Oper Zürich leiten wird (ein Intendant, kein Künstler, kein Kollektiv). In der Nachtkritik erzählt der Dramaturg Wolfgang Behrens vom Gastspiel des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden beim Baghdad International Theatre Festival.

Besprochen werden Barrie Koskys Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni" an der Wiener Staatsoper (die Standard-Kritiker Ljubisa Tosic oft subtil und poetisch findet, aber gelegentlich auch allzu unbeschwert), der "Coolhaze"-Abend des Hamburger Trios Studio Braun (der Till Briegleb in der SZ zufolge aus Kleists "Michael Kohlhaas" eine "rasend komische Hollywood-Rächer-Parodie" macht), Falk Richters Inszenierung von Thomas Bernhards "Heldenplatz" (FR) und Gustavo Dudamel Einstand als Leiter der Pariser Nationaloper mit Puccinis "Turandot" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.12.2021 - Bühne

Thomas Bernhards "Heldenplatz" Foto: Denis Kuhnert / Kammerspiele

An den Münchner Kammerspielen hat Falk Richter Thomas Bernhards durch und durch österreichisches Skandalstück "Heldenplatz" inszeniert. Nachtkritikerin Anna Landefeld genießt, wie sie hier gequält wird, und zwar nur anfangs mit scheinbar harmlosem Geplänkel: "Dazwischen immer wieder Videoprojektionen, als Störer, als Orientierungspunkte, damit keiner vergisst, worum es hier eigentlich geht. Dokumentarfilmer Lion Bischof hat die Aufnahmen zusammengesucht. Auf große Videoleinwände werden sie projiziert, eingefärbt in rot und schwarz, die NS-Aufmärsche, die BDM-Reigen, der Attentäter von Halle, die Hetzjagd von Chemnitz, Beate Zschäpes ausdrucksloses Porträt, aber auch die überlebensgroßen, überheblichen Gesichter von AfD- und CSU-Politiker:innen, aus deren Mündern Rassistisches und Antisemtisches schwallt über 'Volk', 'Vogelschiss' und den Tanz auf Gräbern. Es ist eine Collage des Widerwärtigen, die Richter und Bischof da erschaffen haben."

Richter holt für seine Generalangriff weit aus, befindet Christine Dössel in der SZ, die sich am Ende vor allem von Richters eigener Ergänzung erschlagen fühlt: "Eine Wutrede, im Duktus angelehnt an Bernhard, von drei Darstellern mit Mikros ins und im Parkett gebrüllt, weil wir alle gemeint sind in unserer wohlfeilen kritischen Aufgeklärtheit. Hanau, Chemnitz, Halle - von wegen 'nie wieder!'. Auch die Medien kriegen ihr Fett weg, vor allem die SZ, speziell ein Artikel, der in diesem Feuilleton über Igor Levit erschien. Es ist ein großer, tönender Aufwasch. Agitprop, Beschimpfung, Mahnung. Ein Angriff von links. Heftig, schäumend, ungerecht und berechtigt."

Besprochen werden die Wiedereröffnung der Prager Oper mit Arnold Schönbergs "Erwartung" und Kurt Weills "Sieben Todsünden" (SZ), Nis-Momme Stockmanns Kkapitalismus-Stück "Das Gesicht des Bösen" am Frankfurter Schauspiel (FR, FAZ), ein Abend des anarchischen Regietrios Studio Braun mit Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" am Hamburger Schauspielhaus (taz-Kritiker Jan-Paul Koopmann hat etwas übrig für diese Art von Kiezrabaukentum, Nachtkritik), Constanza Macras' Inszenierung "The Future" an der Berliner Volksbühne ("hne falsches Pathos und doch voll symbolischer Bedeutung", findet Simone Kaempf in der Nachtkritik, "aufgeblasen und konfus, Sandra Luzina im Tsp), die Harry-Potter-Produktion im Theater am Hamburger Großmarkt (SZ), Trajal Harrells Parodie auf die Voguing-Szene "Monkey" im Zürcher Schiffbau (NZZ), Artur Molins David-Bowie-Hommage "Return of Ziggy Stardust" an der Frankfurter Volksbühne (FR) und Moritz Rinkes Komödie "Ein Mann, der sich Beethoven nannte" an der Neuköllner Oper (FAZ).