Bücherbrief

Werbender Liebhaber

10.03.2009. Sibylle Lewitscharoff fährt eine Leiche nach Bulgarien. Peter Adolphsen verwandelt ein Pferd in einen Öltropfen. Mariusz Wilk meditiert am Onegasee. Nicholson Baker riecht Menschenrauch. Adam Zagajewski wünscht sich mehr Leidenschaft - dies alles und mehr in den Büchern des März.
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Weitere Anregungen finden Sie in den älteren Bücherbriefen, Ekkehard Knörers Krimikolumne Mord und Ratschlag, den Leseproben in Vorgeblättert und in den Büchern der Saison vom Herbst 2008.


Literatur

Sibylle Lewitscharoff
Apostoloff
Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 19,80 Euro

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"Wer braucht schon Schönheit, wenn die vor sich hin rottende Welt solche phantastischen Wortmonster gebiert", fragte Literaturen und krönte Sibylle Lewitscharoff nach diesem Roman zur "Motzkönigin" und "avanciertesten Battle-Rapperin deutscher Zunge". Auch die anderen Zeitungen waren hellauf entzückt von "Apostoloff", in dem Lewitscharoff die groteske Reise zweier Schwestern in die bulgarische Heimat ihres Vaters beschreibt, der hier - er ist als schockgefrostete Leiche ebenfalls mit von der Partie - ein weiteres Mal bestattet werden soll. "Erfrischend schräg", furios absurd und schön makaber findet die FR diesen Trip in die Vergangenheit - und in Hinsicht auf balkanische Trauerrituale auch sehr lehrreich! Die Zeit unterwarf sich ebenfalls freudig Lewitscharoffs "kaltblütigem Sprachregiment", hätte sich nur hin und wieder einige zartere Empfindungen gewünscht. Wie real Lewitscharoffs Wut auf die bulgarischen Verhältnisse ist, lässt sich übrigens in einem Interview im Tagesspiegel nachlesen.


Peter Adolphsen
Das Herz des Urpferds
Roman
Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2008, 12,90 Euro

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Loblieder sangen die Feuilletons auf Peter Adolphsens Galopp durch 55 Millionen Jahre Erdengeschichte. Am Anfang steht hier der Tod eines Urpferdes, das im Laufe der Jahrmillionen zu einem Öltropfen wird, der wiederum den tödlichen Krebs einer jungen Frau verursacht. Alles hängt hier mit allem zusammen, verschiedene Erzählstränge werden miteinander verknüpft, ebenso wie Wissenschaft und Poesie. Und das, frohlockt die SZ, kann keiner so schön und präzise wie Adolphsen. Auch die FAZ freut sich über "von schwarzem Humor und magischen Momenten" durchbrochene Wissenschaftssprache. Die Welt stimmt mit ein und befindet: Das ist schön, bunt, gehalt- und kunstvoll in einem.


Mariusz Wilk
Das Haus am Onegasee
Zsolnay Verlag, Wien 2008, 19,90 Euro

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In seinen Tagebuchaufzeichnungen "Das Haus am Onegasee" beschreibt der polnische Autor Mariusz Wilk das Leben im unwirtlichen Norden Russlands. Hier hat der ehemalige Solidarnosc-Aktivist sich ein riesiges marodes Holzhaus zugelegt, um den Überbleibseln des russischen Dorflebens nachzuspüren, christlich-orthodoxe Traditionen zu feiern und der Unwirtlichkeit der Natur zu trotzen. Das wirkt mystisch und mönchisch auf Andreas Breitenstein, der die Wilk'sche Niederschrift in der NZZ als ein "Brevier der Weisheit und des Trostes" bezeichnet. Wilk ist der "Poesie des Letzten und Verlorenen" verfallen, ohne dabei preziös zu werden, freut sich in der FAZ Sabine Bering, die sich allerdings mehr Anmerkungen und Übersetzungen russischer Begriffe gewünscht hätte.


Aleksandar Hemon
Lazarus
Roman
Albrecht Knaus Verlag, München 2008, 19,95 Euro

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Unisono freuten sich die Rezensenten, dass Aleksandar Hemon mit seiner Außenseitergeschichte "Lazarus" endlich der Durchbruch gelungen ist. In seinem Roman erzählt Hemon die Geschichte des Anarchisten Lazarus Averbuch, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Chicago ermordet wurde. Und die des Schriftstellers Vladimir Brik, der sich auf die Suche nach Averbuchs Wurzeln - und der eigenen - nach Osteuropa begibt. In der NZZ sang Andreas Breitenstein eine regelrechte Hymne auf diesen "brillanten" Roman und erkannte in dem 1964 in Sarajewo geborenen und heute in Chicago lebenden Hemon den neuen Nabokov. In der FAZ mochte Martin Halter besonders die ausgesprochen raffinierte Verknüpfung von Epochen, Motiven und Erzählweisen. Im Deutschlandradio genoss Sigrid Löffler den sarkastischen, bitter-komischen Blick des "doppelten Außenseiters".


Marie NDiaye
Mein Herz in der Enge
Roman
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 22,80 Euro

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Nicht oft, aber sehr begeistert wurde Marie NDiayes neuer Roman "Mein Herz in der Enge" besprochen. Die FR zählt NDiaye zu den "eigenwilligsten Autorinnen" Frankreichs und bemerkt, dass die plötzliche Fremdheit im eigenen Leben und die dazugehörige "Paranoia", die in diesem Buch ein junges Lehrerpaar aus Bordeaux befällt, ein wichtiger Grundstein in NDiayes literarischem Kosmos sei. Die FAZ stellt die Autorin sogar in eine Reihe mit Franz Kafka, schwärmt von ihrer detailverliebten Sprache und hofft, dass Marie NDiaye mit diesem Roman endlich das verdiente, breitere Echo findet.


Hörbuch

Arthur C. Clarke
2001 - Odyssee im Weltraum
5 CDs
Audio Verlag, Berlin 2008, 24,99 EUR

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Dieses Hörbuchversion von Arthur C. Clarkes Roman "2001 - Odyssee im Weltraum" ist bisher nur von Wolfgang Schneider besprochen worden, der sie dafür umso nachdrücklicher in der FAZ und im Deutschlandfunk empfiehlt: Denn seiner Meinung nach steht die Romanvorlage völlig zu Unrecht im Schatten von Stanley Kubricks Verfilmung, und Wolfram Kochs Lesart des kühlen Textes macht dies sehr deutlich: Geradezu entzückt ist Schneider davon, wie Koch die Dialoge zwischen HAL und Dave widergibt: "mit dem richtigen Gemisch von Mechanik und kaltem Entsetzen".


Sachbücher

Nicholson Baker
Menschenrauch
Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 24,90 Euro

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Das umstrittenste Buch des Monats dürfte wohl Nicholson Bakers Collage "Menschenrauch" sein, eine Sammlung historischer Quellen und literarischer Texte, die deutlich machen will, dass eine pazifistische Antwort auf das kriegerische Nazi-Deutschland die bessere gewesen wäre. In den USA wurde das Buch schon in Bausch und Bogen verdammt, etwa von der Historikerin Anne Applebaum, die Baker vorwarf, Historie mit den Mitteln von Wikipedia und Gawker zu betreiben. Hierzulande haben es die Kritiker mit Bauchgrimmen gelesen, mochten es aber nicht gänzlich schmähen. In der SZ verteidigte Gustav Seibt das Buch gegen böswillige Lesarten: "Bakers Entsetzen, besser sein Erbarmen, ist allumfassend, und es verweigert sich dem langwierigsten Erbe der Hitlerzeit: über Grausamkeiten, die unterhalb des Holocausts liegen, nicht mehr recht erschrecken zu können." In der Zeit fragt Ulrich Greiner, ob Literaten wirklich auf allen Terrains wildern sollten, dennoch ist ihm die Textsammlung mit ihren erschütternden, wahnsinnigen, herzzerreißenden und bizarren Einträgen aber nahegegangen wie kaum eine wissenschaftliche Darstellung.


Roberto Saviano
Das Gegenteil von Tod
Carl Hanser Verlag, München 2008, 10 Euro

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"Il contrario della morte e l'amore" - auf den Vers einer neapolitanischen Kanzone bezieht sich Roberto Saviano mit dem Titel seines neuen Buchs "Das Gegenteil von Tod". Gezwungenermaßen lebt Saviano, der mit "Gomorrha" die allumfassende Krakenmacht der Camorra enthüllte, noch immer im Verborgenen. Umso bemerkenswerter sei die neue Erzählperspektive Savianos, befindet die SZ: Diesmal geht der Autor näher zu den Menschen heran und erzählt von den Menschen aus dem armen Neapel - "anrührende und todtraurige Geschichten aus einer fremden Welt". Die Zeit berührte neben all der Düsternis und Hoffnungslosigkeit vor allem die Geschichte einer Siebzehnjährigen, die ihren Verlobten im Afghanistankrieg verlor. Die FR schätzt an Saviano die nicht nachlassende Wut über die Verhältnisse.


Adam Zagajewski
Verteidigung der Leidenschaft
Essays
Carl Hanser Verlag, München 2008, 17,90 Euro

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Sehr eindringlich plädiert der polnische Dichter Adam Zagajewski in seinem Essayband für eine Rückkehr zur leidenschaftlichen Dichtung. Die FAZ vernimmt ihn gern, diesen selten gewordenen Ruf nach Erhabenheit und hohem Stil - sollen doch alle anderen ironisch sein. Auch die NZZ hat die Essays dieses weltoffenen Dichters sehr gern gelesen, der 1945 in Lemberg geboren wurde, und heute in Krakau ebenso zuhause ist wie in Paris und in den USA. Besonders gefallen haben ihr die Porträts seiner Schriftstellerkollegen wie Czeslaw Milosz, Zbigniew Herbert und Joseph Czapski.


Christian Meier
Kultur, um der Freiheit willen
Griechische Anfänge
Siedler Verlag, München 2008, 22,95 Euro

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"Große Geschichtsschreibung" haben die Rezensenten einstimmig in diesem Buch über die Entstehung der antiken griechischen Freiheitskultur erkennen können. Besonders gut gefallen hat Uwe Walter in der FAZ dabei, wie der Altphilologe Christian Meier den Widerwillen der Griechen gegen die starke Herrschaft zum Thema macht. Auch Stefan Rebenich lobt in der Zeit diese intellektuell anspruchsvolle Kulturgeschichte des Politischen in höchsten Tönen. Torben Waleczek freut sich in der taz über ein glänzend geschriebenes und allgemein plausibles Werk, in dem er sich nur ein wenig mehr Bezüge zum Europa der Gegenwart gewünscht hätte.


Nicholas Boyle
Kleine deutsche Literaturgeschichte
C. H. Beck Verlag, München 2009, 17,90 Euro

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Mit seiner zweibändigen Goethe-Biografie hatte Nicholas Boyle die Literaturkritik sehr beeindruckt, sein neues Werk, die "Kleine deutsche Literaturgeschichte", wird immerhin schon von Alexander Kosenina in der FAZ sehr gelobt. Die "schier unmögliche" Aufgabe, auf nicht einmal dreihundert Seiten eine umfassende Literaturgeschichte zu schreiben, habe der in Cambridge lehrende Germanist mit Bravour gemeistert. Anstatt zu polemisieren, trete Boyle als "werbender Liebhaber" auf, wie Kosenina mit einem Seitenhieb auf Heinz Schlaffers "Kurze Geschichte der deutschen Literatur" vermerkt. Für den Rezensenten kommen lediglich die Kapitel zur nicht-deutschen deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts etwas zu kurz.