Bücherbrief

Erotisch entzündete Sprechakte

02.09.2008. Eine Familiensaga aus Kroatien, eine höchst komlizierte Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, eine Aufsteigergeschichte aus Indien, Fotografien aus Südafrika, Wolfgang Koeppens Radioessays - die alles und mehr in den Büchern des Septembers.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- und in den "Büchern der Saison" vom Frühjahr 2008


Literatur

Miljenko Jergovic
Das Walnusshaus
Roman
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt 2008, 24.90 Euro

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Diese Familiensaga stieß bisher auf die einhellige Begeisterung der Kritik. Zum einen ist sie komisch wie mitreißend und lebensprall, wie Patrizia Hecht in der taz befand. Zum anderen erfährt man eine Menge über die Wirrnisse des 20. Jahrhunderts aus kroatischer Sicht. Und zum dritten findet der Romancier Miljenko Jergovic eine ebenso originelle wie unterhaltsame Erzählweise. Andreas Breitenstein beschreibt "Das Walnusshaus" in der NZZ als ein Epos aus Nebengeschichten, die freilich stets in pointiertem Bezug zur "großen Geschichte" stehen. Auch Nico Bleutge staunt in der SZ über Jergovics Kunst, eine brüchige Geschichte brüchig zu erzählen, ohne dabei anstrengend zu werden. Allerdings stört ihn zuweilen der Parlando-Ton des Romans. Jergovic ist 1966 geboren. Er hat noch Zeit, seinen Stil zu verbessern.


Ingeborg Bachmann, Paul Celan
Herzzeit
Briefwechsel
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008, 24,80 Euro

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Die ergreifendsten Vokabeln holt Peter Hamm (der übrigens selbst mal einen Film über Ingeborg Bachmann gedreht hat) für die Zeit herbei: Ein "Liebesmartyrium" hätten Bachmann und Celan durchlebt, und der vorliegende Band zeige es in seinem ganzen "tragischen Glanz". Hamm hat aus dem Band auch einiges über die Herkunft Celanscher Metaphern erfahren: "zwangsjackenschön" sei diese Liebe gewesen. Allenfalls den Kommentar des Bandes findet Hamm verbesserungsfähig. Laut Ina Hartwig in der FR wirft man in diesem Band einen Blick auf die wohl komplizierteste Liebesgeschichte der Nachkriegszeit. Helmut Böttiger sieht den Band in der SZ als Meilenstein der Literaturgeschichte, vergleichbar mit Kafkas Briefen an Felice Bauer. Etwas nüchterner Dirk Knipphals in der taz: Er liest die Briefe als die faszinierende Geschichte einer "Entliebung". Aber eins ist klar: Jeder Freund der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts sollte diesen Band in seinem Regal haben.


Ingo Schulze
Adam und Evelyn
Roman
Berlin Verlag, Berlin 2008, 18,00 Eur

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Wie immer haben sich die Kritiker auf den neuen Roman von Ingo Schulze gestürzt und wie immer sind sie sich überhaupt nicht einig, ob dies nun der ultimative Wenderoman ist oder doch eher etwas bedächtige Theorie. Die SZ gehört eindeutig zu Schulzes Fans: Ijoma Mangold ist begeistert, wie er in seiner Geschichte um "Adam und Evelyn", die im Wendejahr 1989 über den ungarischen Balaton ins Westparadies getrieben werden, Weltgeschichte mit Beziehungskiste verbindet: Makellos findet sie das. In der Zeit bewundert Hubert Winkels dieses groß gedachte Wendeepos für seine Leichtigkeit und seine "erotisch entzündeten Sprechakte". Verhaltener fällt die Begeisterung bei den anderen aus: Paul Jandl kann in der NZZ das Buch als "ins Intellektuelle gehobenen Unterhaltungsroman" empfehlen, Katrin Hillgruber in der FR und Christoph Schröder in der taz ist das viele Gerede dagegen etwas unsympathisch.


Aravind Adiga
Der weiße Tiger
Roman
C. H. Beck Verlag, München 2008, 19,90 Euro

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Balram Halwai hat einen phänomenalen Aufstieg geschafft: aus der Schuldknechtschaft im indischen Dschungel hat er es zum Teeladenjungen, zum Chauffeur und schließlich selbst zum Unternehmer gebracht, wobei allerdings die Familie, das gute Karma und einige Leichen auf der Strecke blieben. Wem die Zukunft gehört, wird trotzdem schnell klar in Aravind Adigas Roman "Der weiße Tiger" (hier eine Leseprobe). Bisher wurde das Buch nur von Oliver Jungen in der FAZ besprochen, aber die ist begeistert von dieser bitterböse, sarkastischen Geschichte aus dem Indien der Callcenter und Hühnerkäfige, der Wasserbüffel und Kakerlaken: "Adiga ist ein großartiger Erzähler."


Adam Soboczynski
Die schonende Abwehr verliebter Frauen
Gustav Kiepenheuer Verlag, Berlin 2008, 18,95 Euro

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Achtung, Ironie. In seinem Brevier "Die schonende Abwehr verliebter Frauen" klopft Adam Soboczynski unser Arbeits- und Liebesleben auf unsere Verstellungskünste hin ab, was einige Kritiker in helles Entzücken versetzt hat. Nichts ist vor der Ironie des Autors sicher, am wenigsten natürlich seine eigene Position als Etikettenonkel. taz-Rezensent Dirk Knipphals sieht in dem Buch ein "Antidepressionsprogramm", das Hilfestellung beim "geschickten Durchlavieren im Menschendschungel" bietet, und findet das Ganze sehr lustig. In der SZ verabschiedet Ijoma Mangold nach der Lektüre gleich jeden Rest protestantischen Innerlichkeitskults und wird sich künftig unbeschwert ins barocke Welttheater stürzen.


Volker Schlöndorff
Licht, Schatten und Bewegung
Mein Leben und meine Filme
Carl Hanser Verlag, München 2008, 24,90 Euro

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Freundlich wie lange kein Film mehr von ihm, wird Volker Schlöndorffs Autobiografie von den Feuilletons besprochen. Zustande kam sie ohnehin nur, weil der Regisseur nach Kritik an den Produktionsumständen seines großen "Päpstin"-Projekts gefeuert wurde. Einerseits, betonen die Kritikerinnen von FAZ und SZ, Verena Lueken und Susan Vahabzadeh, sei Schlöndorffs Leben schon an sich sehr bewegt gewesen. So gebe es höchst lesenswerte Anekdoten zu Begegnungen mit Größen von Louis Malle bis Arthur Miller, von Alain Delon bis Max Frisch. Sehr angenehm finden die Rezensentinnen aber auch Schlöndorffs "wunderbar uneitle" (SZ) Art, seinen Verzicht darauf, sich selbst dabei ins Zentrum zu stellen und die ganz unkoketten Eingeständnisse mehrfachen Scheiterns.


Sachbuch

Orlando Figes
Die Flüsterer
Leben in Stalins Russland
Berlin Verlag, Berlin 2008, 34 Euro

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Einen einzigartigen Blick auf das Leben im stalinistischen Russland verschafft die Lektüre dieses Bandes des britischen Historikers Orlando Figes, da sind sich die Rezensenten ganz einig. Hunderte Archive hat der Autor aufgesucht, tausende Interviews ausgewertet und auf über tausend Seiten wird so detailliert deutlich, wie das Alltagsleben unter der stalinistischen Tyrannei aussah. Figes schildert neun Familienschicksale, berichtet von Opfern wie auch Kollaborateuren des Systems. Bewundernswert findet Jörg Baberowski in der Zeit, wie souverän der Autor sein Material erzählerisch bewältigt und wie dabei immer wieder unvergessliche Darstellungen des Privatlebens gelingen. Ein "wunderbares Buch", schwärmt der Zeit-Rezensent. Ein "erschütterndes", ein "wichtiges" Buch, meint Rudolf Walther in der FR.


Oskar Bätschmann
Giovanni Bellini
Meister der venezianischen Malerei
C.H. Beck Verlag, München 2008, 58 Euro

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Giovanni Bellini war der Lehrer Tizians und Giorgiones sowie der Schwager von Andrea Mantegna. Hoch geschätzt schon zu Lebzeiten und einflussreich als Erneuerer. Der in Bern lehrende Kunsthistoriker Oskar Bätschmann unternimmt in diesem Band eine Gesamtdarstellung des Bellinischen Werks. Nur im Anhang geht es um Biografisches, im Zentrum des Buchs stehen die Bilder selbst: die Entwicklung ihrer Ästhetik, aber auch die Arbeit der Werkstatt Bellinis. Als "klug pointiert" lobt Christine Tauber in der FAZ das Werk. Sehr überzeugend beschrieben findet sie nicht zuletzt die "quasimusikalischen Harmonie" der Gemälde. Weitere Aspekte betont der nicht minder beeindruckte FR-Rezensent Arno Widmann, etwa die Schilderung von Bellinis Verteidigung der Kunstfreiheit im Kampf mit seiner Mäzenin Isabella d'Este und die Betonung der "Ruhe", die Bellinis Bilder verströmen.


György Ligeti
Gesammelte Schriften
Schott Verlag, Basel - Mainz 2008, 69 Euro

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Der Komponist György Ligeti hat noch vor seinem Tod im Jahr 2006 an dieser Ausgabe seiner Schriften mitgearbeitet. Versammelt sind Texte aus fünf Jahrzehnten, Autiobiografisches, aber vor allem kleinere und größere Essays zur Musik, zum eigenen Werk und zu dem anderer Komponisten, etwa eine Rundfunkreihe zu Anton Webern. Bei der Lektüre, schwärmt Christian Wildhagen in der NZZ, lässt sich Ligetis Entwicklung bestens nachvollziehen. Früh habe er sich unterschiedlichen Tendenzen der Komposition geöffnet, als freier und allem Neuen aufgeschlossener Geist erweise sich Ligeti durchweg. Eine "grandiose Textsammlung", begeistert sich der Kritiker, die ein "vollkommenes Abbild" der "geistigen Welt" des Komponisten György Ligeti vermittelt.


Bildband

Jürgen Schadeberg
Jürgen Schadeberg
Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2008, 58 Euro

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Von 1950 an lebte und arbeitete der 1931 in Berlin geborene Fotograf Jürgen Schadeberg in Südafrika. In Fotoserien hat er das Apartheid-System dokumentiert, verließ das Land im Jahr 1964 nach dem Verbot seines Auftraggebers, der Zeitschrift Drum (mehr hier). Er kehrte in den achtziger Jahren zurück und veröffentlichte 1994 mit einem Bild Nelson Mandelas in seinem ehemaligen Gefängnis eine seiner berühmtesten Fotografien. Der "opulente" Band - so Wilfried Weinke in der taz - präsentiert das Lebenswerk Schaderbergs, dessen Arbeit sein vorurteilsfreies Engagement für sozial Benachteiligte belege. Viele von Schadebergs Bildern gehörten, davon könne man sich in diesem Band überzeugen, "großartigsten Dokumenten" (taz) in der Fotografie des 20. Jahrhunderts.


Hörbuch

Wolfgang Koeppen
Nach Russland und anderswohin
Neun originale Radio-Essays, 15 CDs
Litraton, Frankfurt 2008, 49,95 Euro

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Wer zunächst über den Preis dieses Hörbuchs stutzt: Es handelt sich um eine Edition von 15 CDs mit 17 Stunden 38 Minuten Laufzeit. Teuer ist sie also nicht. Die Reiseesays von Koeppen waren lang, sehr lang: drei Stunden oder mehr saßen die begeisterten Hörer einer längst versunkenen Radiokultur am Gerät und ließen sich von Koeppens Essays und Impressionen bezaubern. "Gewaltige Monologe", sind das laut Jens Jessen in der Zeit und noch beeindruckender als die vor einem Jahr in den Gesammelten Werken erschienen Textfassungen der Essays. Für Jessen entfalten die Texte ihre volle Wirkung erst in der gesprochen Originalform, da sich ihr Beschreibungsreiz sowie Koeppens "antinaturalistische Optik", sein "Denken in Paradoxen" für ihn erst beim Hören erschließen: als "Pandämonium einer grundunglücklichen, aber höchst amüsanten Welt".