Die Buchmacher - Archiv

Börsenblatt

328 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 33

Die Buchmacher vom 09.06.2006 - Börsenblatt

Zur WM längere Öffnungszeiten oder nicht, fragt das Börsenblatt und erhält unterschiedliche Antworten: Dussmann will werktags bis Mitternacht öffnen, Bücher Heymann aus Hamburg schließt um 20 Uhr.

Vom klassischen Verlag zum Informationsdienstleister, der seine Inhalte über alle Medienkanäle transportiert - das Geschäft der Fachpresse unterliegt einem radikalen Wandel, lautet das Fazit eines Kongresses, den das Börsenblatt besucht hat. Als Vorzeigebeispiel gilt der Süddeutsche Verlag, der nach Krisenjahren mit der "SZ-Bibliothek" (11,3 Millionen verkaufte Exemplare) den Grundstein für die Abteilung Neue Produkte legte; die "SZ-Cinemathek" ist laut Börsenblatt auf dem besten Weg, die Erfolge der Print-Bibliothek zu übertreffen. Bis 2008 wollen die Süddeutschen nach Angaben von Geschäftsführer Klaus Josef Lutz mehr als 25 ähnliche Projekte auf den Markt bringen.

Ob?s den Süddeutschen ein weiteres Mal oder dem Spiegel mit der geplanten "Spiegel-Edition" beim ersten Mal gelingt, fragt der zweifelnde Börsenblatt-Leser: Eine GfK-Studie hat gezeigt, dass die Sondereditionen nach dem fulminanten Erfolg der "SZ-Bibliothek" 2004 schon im vergangenen Jahr auf der Stelle getreten sind. Trotz einer Vielzahl neuer Editionen habe ihr Anteil am Belletristikmarkt nicht zugenommen.

In einem Kommentar jenseits des Branchengeschehens begründet Rainer Moritz, warum Deutschland Weltmeister wird. Allein Angela Merkel zuliebe "müssen wir es hinkriegen" - ansonsten drohe der "Mehltau der Lethargie".

Massiv Kosten gespart hat Eichborn auch im vergangenen Jahr, erklärt der Vorstand Matthias Kierzek. So habe der Verlag trotz eines Umsatzminus von 16 Prozent einen Überschuss (115000 Euro) erzielen können. Anders als 2004 (Sven Regener: Neue Vahr Süd) habe es im vergangenen Jahr keine Super-Erfolge gegeben.

Solange Deutschland, anders als Belgien und Frankreich, keine Comic-Nation ist, haben es Comic-Verleger wie Dirk Rehm (Reprodukt) schwer. In einem Porträt berichtet der Berliner, dass er bei einem Umsatz von rund 200000 Euro auch 15 Jahre nach Gründung des Unternehmens immer noch "leicht rote Zahlen" schreibe. Sein Verlag gilt neben Edition Moderne und Edition 52 als wichtigster Verlag bei der Vermittlung anspruchsvoller Comics (hier unser Lieblingsautor aus dem Verlagsprogramm).

Weitere Nachrichten: Preiskampf in Großbritannien: WH Smith bietet auf alle Titel der Top-50-Bestsellerliste Abschläge von mindestens 40 Prozent an, Ottokar?s senkt die Preise von 50 Random-House-Backlist-Titeln um bis zu 50 Prozent. Same procedure as always: Wenn der Filialist anrückt, gibt der Traditionalist klein bei, so etwa in Wiesbaden, wo Bräuer dicht macht, bevor Thalia auf 1200 Quadratmetern eröffnet.

Die Buchmacher vom 05.06.2006 - Börsenblatt



Eine Woche später als der buchreport bilanziert das Börsenblatt (auf 14 Seiten - der Rest ist dafür ziemlich dünn) die Buchhändlertage von Berlin. Selten so entspannt gescherzt, gegessen und getrunken, lautet das Fazit von Ex-DVA-Chef Jürgen Horbach (heute Vorstand der VEMAG). Gottfried Honnefelder wurde als Vorsteher mit großer Mehrheit im Amt bestätigt, und selbst der Buchmesse-Chef Juergen Boos bekam - trotz seiner Bauchlandung vor den Toren in London (mehr hier) - Rückendeckung von der Verbands-Chefetage. Dass der Buchmessedirektor Risiken eingehe, wenn er große Chancen sehe, so Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis, sei "fabelhaft" (was Mitglieder des Verbands mitunter weniger schönfärberisch sehen). Friedefreudeeierkuchen auch bei der Verbandsreform, die trotz Querelen im Vorfeld vorangetrieben werden konnte, sowie bei den Finanzen: Das drohende "Delta" zwischen Einnahmen und Ausgaben von 1,2 Million Euro bis 2010 soll durch neue Beitragsstaffeln (bei denen die Filialisten mehr zahlen) und veränderte Dienstleistungen aufgefangen werden.

Verhalten optimistisch blicken die Verleger aufs restliche Jahr: 43 Prozent rechnen mit steigenden Umsätzen, ebenfalls 43 Prozent mit Stagnation. Auf der Kostenseite haben die 240 befragten Verleger für das vergangene Jahr eine durchschnittliche Erhöhung um 1,1 Prozent angegeben - besonders die Kosten für freie Mitarbeiter, Autoren und Werbung sind angestiegen. Unter dem Strich bleiben Herstellungs- (27 Prozent) und Personalkosten (23 Prozent) die größten Posten.

Im Jahr 2005 sind fast 90000 neue Titel erschienen - 3,9 Prozent mehr als 2004. Lässt sich der stagnierende Markt damit beleben, fragt das Börsenblatt. Und erntet ein kollektives "nein" aus den Verlagen Campus, Piper, Herder, Aufbau und Rowohlt.

In unserer Lieblingsrubrik "Fragebogen" zeigt sich diesmal die Kerr-Preis-Gekrönte  Meike Feßmann erstaunlich uninspiriert. Lieblingsbeschäftigung der Literaturkritikerin? "Lesen und aufs Meer schauen." Auf welche bevorstehende Begegnung sie sich freue? "Immer die nächste." Nächstes Ziel? "Lesend in der Sonne liegen."

Weitere Porträts in der Menschen"-Rubrik: Sylvia Schaten (leitet die Universitätsbuchhandlung auf dem Bochumer Campus), Knut Elstermann (freier Moderator, Filmkritiker und Buchautor: "Gerdas Schweigen", Bebra Verlag Berlin) und Titus Häussermann (seit 20 Jahren Verleger des Silberburg Verlags).

Weitere Meldungen: Den Sondereditionen der Zeitungsverlage geht nach einer GfK-Studie allmählich die Luft aus. Die Börsenvereinstochter Factoring Gesellschaft Media (wiederum eine Tochter der BAG, Verein für buchhändlerischen Abrechnungsverkehr) hat durch die Pleite des Billigbuchimperiums Zanolli 1,5 Million Euro verloren. Gerhard Schröder hat Textpassagen in dem Buch "Der Deutschland-Clan" von Jürgen Roth beanstandet - und den Eichborn Verlag zum Schwärzen animiert.

Die Buchmacher vom 29.05.2006 - Börsenblatt

In einem Kommentar legt sich Rainer Moritz (früher Chef bei Hoffmann & Campe, jetzt beim Literaturhaus Hamburg) mit den Hörbuchverlagen an. Für ihn seien die Höreditionen zum Freud-Jubiläum "eine peinigende Vorstellung" - diese übertrügen die nicht ganz unkomplizierten Texte "ins schnittige CD-Format". Bücher die nicht ins Easy-Listening-Fach gehören", schlussfolgert Moritz, "brauchen Aufmerksamkeit" - und die sei im Berufsverkehr nicht gegeben. "Vor lauter Discman- und iPod-Begeisterung" werde Reinhold Beckmann demnächst die "Grammatologie" von Derrida einspielen, malt Moritz seinen privaten Teufel an die Wand. (Anschlussfragen: Gibt es heute noch Discman? Hat Rainer Moritz jemals einen iPod, geschweige denn die "Grammatologie" in der Hand gehabt?)

Erstmals seit vier Jahren ist der Umsatz der Buchbranche nennenswert wieder gestiegen. Wie das Börsenblatt meldet, lag der Umsatz 2005 bei rund 9,2 Milliarden Euro (plus 0,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Dabei hätten die Verlage um 1,9 Prozent zulegen können, der Umsatz der Buchhändler sei jedoch um 0,9 Prozent gesunken. Den Umsatz des Onlinehandels schätzen die Frankfurter auf 633 Millionen Euro (da der Amazon-Umsatz in Deutschland jedoch unbekannt ist, könnte der tatsächliche Umsatz viel höher ausfallen). Die Anzahl der Neuerscheinungen stieg um 3,9 Prozent auf 89869 Titel.

Arnulf Conradi hat sich zwar nach 30 Jahren in der Branche Anfang 2005 verabschiedet - was den Ex-Verleger nicht daran hindert, hin und wieder mit einem Kommentar zur Lage der Buchnation dazwischenzufunken. Nach einer Einleitung mit einigen Längen rechnet Conradi die aktuelle und zukünftige Marktmacht von Thalia vor und hoch: Aktuell habe der größte Filialist mit einem Umsatz von 330 Millionen Euro - bezogen auf den reinen Sortimentsbuchhandel - einen Marktanteil von rund 10 Prozent. Sollten die Wachstumspläne der Hagener (angeblich 20 Prozent plus jedes Jahr) aufgehen, könnte der Anteil 2010 bei 30 Prozent (Umsatz: 820 Millionen Euro) liegen und das Kartellamt auf den Plan rufen. Fazit des Berliners: Rettet die deutsche Buchhandelslandschaft, um amerikanische Verhältnisse zu verhindern.

Wie in der vergangenen Woche enthält die Ausgabe wieder einen interessanten Leserbrief. Buchhändler Dieter Dausien aus Hanau stellt die Frage nach der Funktion der Wirtschaftstöchter im Börsenverein: Sollen diese als Global Player auftreten und etablierten Konkurrenten den Kampf ansagen (wie zuletzt die Frankfurter Buchmesse mit ihrer - vereitelten - London-Stippvisite), also völlig losgelöst von den Verbandszielen wie ein ganz normales Unternehmen agieren? (Fragen, die im Börsenverein nicht offen diskutiert werden) Nein, so der Briefeschreiber, sie sollten sich auf ihre Dienstleistungen für die Branche beschränken.

Niedriger Lagerumschlag (1,28), mehr EDV-Bestelllungen, weniger Kleinsendungen - heiter bis wolkig stellt sich die Logistikumfrage des Zwischenbuchhandels dar. Rationalisierung scheint in Teilen der Buchbranche weiterhin ein Fremdwort zu sein.

Weitere Artikel: Mit einer Resolution hat der Börsenverein an die Bundesregierung appelliert, im Rahmen der Urheberrechtsreform die "Rechte von Autoren und Verlagen zu stärken". Der Süddeutsche Verlag (Umsatz 2005: 704 Millionen Euro, plus 5,9 Prozent) plant neue Sondereditionen im Buchbereich - welche weiß das Börsenblatt jedoch nicht. Gert Frederking und Monika Thaler haben ihren Verlag an den Christian Verlag verkauft.

Die Buchmacher vom 22.05.2006 - Börsenblatt

Der vielleicht schönste Beitrag im Börsenblatt ist ein Leserbrief. Darin kommentiert der Verleger Hans-Alfred Herchen vom Verlag Haag + Herchen das Debakel um die Expansionspläne der Buchmesse in London. Messechef Juergen Boos sei einfach mit der Reihenfolge (mündliche Absprache, Vertrag, Pressemitteilung) durcheinander geraten. Statt das Scheitern als "Sieg der Buchbranche" zu feiern, wäre es laut Herchen "ehrlicher und sympathischer gewesen, schlicht und ergreifend einzugestehen, dass die Sache in die Hose gegangen ist. So was kann mal passieren." Die jetzige Stellungnahme (siehe O-Ton-Zitat in der buchreport.express-Zusammenfassung) klinge jedoch nach "Operation gelungen, Patient tot."

In die Serie der wegweisenden Kommentare zur Zukunft der Buchbranche reiht sich diesmal Lorenz Borsche (Einkaufsgenossenschaft eBuch) ein. Der alte Buchhandel, zynelt Borsche, mit "zu vielen Büchern im Regal", "teurem Steuerberater" und "grandioser Selbstausbeutung" werde weiterleben - bis eine Kette den Standort entdecke. Als Gegenmittel schlägt Borsche ein frisches Angebot - "so fröhlich bunt wie der Wochenmarkt" - vor, bei dem die Titel frontal präsentiert oder über Nacht besorgt werden. Dafür sei ein "radikales Umdenken" erforderlich.

Im Interview streiten Volker Hage (Spiegel), Bodo Kirchhoff (Autor), Martina Tittel (Dussmann) und Rainer Moritz (Literaturhaus Hamburg) über das für den "Deutschen Buchpreis" verwendete Etikett "Bester Roman des Jahres". Die Dussmann-Chefin legt ihren Finger schon bei der ersten Antwort in die Wunde des Literaturkritikers, indem sie nach den Kriterien für das "literarischste", "politischste" oder "meistverkaufte" Buch fragt. Worauf der Jurysprecher Hage einräumt, dass es keine objektiven Kriterien gibt und dass sich die persönlichen Maßstäbe immer wieder verschieben. Worauf Moritz erklärt, dass der beste Roman "Zeitlosigkeit" in sich tragen müsse. (Worauf wohl der letzte Leser ausgestiegen ist)

In einem Porträt von DTV-Chef Wolfgang Balk zeichnet Andreas Trojan einen zurückhaltenden, jedoch meinungsfreudigen, unprätentiösen und bodenständigen Verleger, der sich nicht zu schade ist, selbst im Verlag zum Staubsauger zu greifen. Zum Thema Konzentration äußert sich Balk diplomatisch: Bei Bonnier und Bertelsmann würden durchaus gute Bücher verlegt; auch arbeiteten dort Menschen, denen Literatur viel bedeutet. Er mache sich jedoch Sorgen, dass "Individualismus und Eigeninitiative bei der zunehmenden Konzentration auf wenige internationale Konzerne auf der Strecke" blieben.

Die große Unbekannte der Buchbranche, die VEMAG aus Köln, will neben den Nebenmärkten (Ikea, Lidl, Aldi) künftig mit den Marken Boje und Pestalozzi auch den Buchhandel vertrieblich ansteuern. "Es wäre einfach eine Verschwendung von Ressourcen, wenn wir nicht im Buchhandel vertreten wären", begründet Ulrich Störiko-Blume den Schritt im Gespräch mit dem Börsenblatt. Störiko-Blume war im April 2005 bei Beltz & Gelberg ausgeschieden und später zur VEMAG gewechselt.

Weitere Artikel: Der Insolvenzverwalter des Elbe Team hat die Filialen geschlossen. Die Umsätze im Onlinebuchhandel sind laut Bundesverband der Deutschen Versandbuchhändler 2005 um 13 Prozent gestiegen. Die Wirtschaftskommission im eidgenössischen Parlament will doch kein Preisbindungsgesetz für die Schweiz beantragen.

Die Buchmacher vom 15.05.2006 - Börsenblatt

Politically correct stellt das Börsenblatt die Expansionspläne der Verbandsschwester Ausstellungs- und Messe-GmbH (also Frankfurter Buchmesse) dar. Messechef Juergen Boos trete als David gegen Goliath Reed an. Im Interview präsentiert sich Boos optimitisch, dass sich der Buchmesse-Weltmarktführer gegen den größten Messeveranstalter der Welt durchsetzen kann. Viele englische Verlage und Agenten seien auf der Seite der Frankfurter. Er gehe davon aus, dass die London Book Fair schon 2007 nicht mehr stattfinden werde. (Update: siehe oben)

Als "Plünderer der Medienkultur" und "großen Selbstentblößer" stellt das Verbandsblatt den Autor Joachim Lottmann vor. Lottmann störe sich nicht daran, dass viele Überdruss an seinem "Graubrotgesicht" empfänden oder dass Maxim Biller der Einzige sei, der sich nicht verleugnen lasse, wenn er anrufe. Mit Christian Kracht sei er ebenso verfeindet wie mit Rainald Goetz (ein Schicksal, das viele im Literaturbetrieb wohl teilen). Am Ende führt Lottmann (hier ein Interview der Netzeitung mit dem "Rächer der Rütli-Jugend") den Reporter nach Spandau in einen Kostümverleih, wo sich der 50-Jährige für ein Treffen des Hochadels in Karlsbad rüstet.

Der ostdeutsche Buchhändler Wolf Sander entgegnet dem Kommentar von Grafit-Verleger Rutger Booß. (Tenor Booß: Die neuen Einkaufsmodelle mit wachsenden Barsortiments- statt Verlagsbezügen führen zu Einförmigkeit und Standardisierung im Buchhandel) Sein eigener ökonomischer Erfolg beruhe gerade auf einem hohen Barsortimentsanteil von 80 Prozent. "Bitte betreiben Sie ernsthaftes Marketing", wendet sich der Sortimenter an die "jammernden Verleger". "Und bitte fangen Sie an zu rechnen, bleiben Sie nicht stehen beim einfachen Dreisatz des Buchhandelsrabatts, hinter diesem Horizont geht es weiter".

In der oft unsäglichen, manchmal jedoch zumindest kuriosen "Fragebogen"-Rubrik bekennt Blessing-Programmleiter Tilo Eckardt, am liebsten Motorrad zu fahren - und dabei unter dem Helm laut zu singen.

Weitere Meldungen: Seit Januar sind neu stationäre Buchhändler und zwei Versandbuchhändler an den Start gegangen. Die Fachbuchhandlung Hofmann in Ulm steht vor dem Aus. Der Versuch von Tim Waterstone, die von ihm gegründete Buchhandelskette zurückzukaufen, ist gescheitert. Der Markt der Ratgeber schrumpft seit Monaten.

Die Buchmacher vom 08.05.2006 - Börsenblatt

Gespickt mit Überraschungen war die Abgeordnetenversammlung des Börsenvereins. Wider erwarten hat das Gremium die bereits beschlossene Selbstauflösung rückgängig gemacht und so die Verbandsrefom um mindestens ein Jahr zurückgeworfen. Für eine weitere Überraschung sorgte Schatzmeister Martin Ludwig, der zwar einerseits auf den massiven Finanzbedarf in den kommenden Jahren hinwies, andererseits jedoch by the way ein Finanzpolster von 16 Millionen Euro aufdeckte - und damit eine kontroverse Debatte auslöste. Zur Erinnerung: Vor Jahren hat der Verband eine Sonderumlage bei den Mitgliedern erhoben, um Finanzlücken schließen zu können.

Zweckoptimistisch und diplomatisch zeigt sich der stellvertretende Vorsteher des Börsenvereins Ole Schultheis im Gastkommentar. Nachdem die Abgeordnetenversammlung die schon beschlossene Abschaffung des eigenen Gremiums in letzter Minute rückgängig gemacht und die gesamte Verbandsreform ausgebremst hat, müsse ein "weiterer Anlauf" gestartet werden: "So kurz vor dem Ziel wird nicht aufgegeben." Dass der Verbandsvorstand darin versagt hat, im Vorfeld zwischen den Fraktionen zu vermitteln und Bedenken auszuräumen, diese Selbstkritik fehlt freilich bei Schultheis.

Buchgestalter Rainer Groothuis nimmt im Interview mit dem Börsenblatt sein Spezialthema "Markenbildung" auf und stellt den Verlagen ein miserables Zeugnis aus. Dass 70 Prozent der Belletristikkäufer egal sei, aus welchem Verlag das Buch stammt, zeige, dass die Kunden "bedauerlich orientierungslos" seien. "Wenn ich 15 Jahre damit verbringe, mein Profil zu verwässern, dann muss ich mich danach nicht wundern, wenn der Verlagsname nicht relevant ist."

In zwei Porträts erklären der Schriftsteller Frank Schulz seine Liebe zu Milieustudien und Soziolekten sowie die Kölner Buchhändlerin Elsbeth Weilberg-Busse, warum sie lieber eine "leidenschaftliche Leseratte" statt Liebhaberin alter Grafiken geworden sei. (Exkurs: Warum wird Lesen eigentlich immer mit solch fiesen Tieren wir Würmern und Ratten assoziiert?) 

Im Fragebogen des Börsenblatt beschreibt der Autor und Illustrator Nikolaus Heidelbach sein "nächstes Ziel" ("Aufstehen") und liefert dem stutzigen Leser direkt das passende Lebensmotto von Lichtenberg mit: "Wenn dein bisschen an sich nichts Sonderbares ist, dann sag es wenigstens ein bisschen sonderbar."

Weitere Meldungen: Die Macher der "Stern"-Krimibibliothek ziehen nach 24 Bänden ein positives Fazit. Die Preisbindungstreuhänder haben viel zu tun: Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden über 50 Internethändler wegen des Verstoßes gegen die Preisbindung abgemahnt. Der Übernahme von Ottokar's durch Waterstone's steht kartellrechtlich nichts mehr im Weg - der neue britische Handelsriese hätte einen Marktanteil von rund 25 Prozent.

Stichwörter: Aufstehen, #aufstehen

Die Buchmacher vom 01.05.2006 - Börsenblatt

Nachdem Hugendubel, sonst einer der Pioniere im Buchhandel, als einer der letzten Großbuchhändler die Buchlaufkarten eingemottet hat und auf ein modernes Warenwirtschaftssystem umgestiegen ist, analysiert das Börsenblatt die Folgen der EDV-Systeme im Sortiment. Durch die Möglichkeit der hauseigenen Marktforschung mit den vom System bereitgestellten betriebswirtschaftlichen Kennzahlen steigt in der Regel auch der Umsatz. Unter den Anbietern der Warenwirtschaftssysteme ist indes eine massive Marktbereinigung zu erwarten. Von den rund 20 Softwarehäusern könnten am Ende nur eine Handvoll übrig bleiben.

Die neuen Einkaufsmodelle mit wachsenden Barsortimentsbezügen hat "fatale Auswirkungen", warnt Grafit-Verleger Rutger Booß in einem Gastkommentar. Werde die Rolle der Vertreter zunehmend in Frage gestellt, verlören die Verlage den direkten Kontakt zu den Buchhändlern. Außerdem führten die "Sorglospakete", die Barsortimente aus verschiedenen Titeln zu einem bestimmten Thema oder einer Warengruppe schnürten, zu Einförmigkeit und Standardisierung im Buchhandel.

Selbstausbeutung nimmt der Berliner Andreas Rötzer in Kauf, seitdem er als geschäftsführender Gesellschafter den 1977 gegründeten Verlag Matthes & Seitz übernommen hat. Noch wirft der Verlag, der Werke von de Sade und Artaud in der Backlist hat, kein Gewinn ab. Der Jungverleger hofft aber auf den Erfolg des Romans "Das Blau des Himmels" von George Bataille, der im Herbst in einer neuen Ausgabe erscheint.

"Ist das Mozart-Jahr schon abgelaufen?", fragt das Börsenblatt Buchhändler. Und erhält uni sono die Antwort: Ja!

Weitere Meldungen: Schweizer Buchhändler protestieren gegen die Kooperation von Orell Füssli mit Roger Willemsens "Literaturclub"-Sendung. Der Amazon-Umsatz ist im vergangenen Quartal gestiegen, der Gewinn allerdings gesunken. Die Preisbindung gilt auch für Buchclub-Ausgaben. Thalia wächst auch in Österreich rasant und plant zwei Filialen in Graz sowie eine in Linz. Auch die Illustratoren bereiten sich auf die Honorarverhandlungen mit den Verlegern vor, um eine angemessene Vergütung zu erhalten (bislang konnten sich nur die Belletristikautoren mit der Gegenseite einigen).

Die Buchmacher vom 24.04.2006 - Börsenblatt

Raus aus der Mitte, fordert Nils Kahlefendt (zumindest zwischen den Zeilen) in seinem vielstimmigen Artikel zur Produktdifferenzierung. Der fehlende Mut zur preislichen und qualitativen "Premiumklasse" sei im Bücherbetrieb ein "hochemotional besetztes Thema." Immerhin ringt sich Verlegerin Karin Schmidt-Friedrichs (Verlag H. Schmidt, Mainz) zu dem Urteil durch, dass in der Branche eine "gewisse Scheu vor Hochpreisen" bestehe. Nach Uwe Rosenfeld, Marketing-Chef bei S. Fischer, ist die "Ausdifferenzierung in Ausstattung und Preis" eine der "zentralen strategischen Aufgaben", denen sich die Verlage zu stellen haben.


Einen Gesinnungsgenossen hat der Verleger Matthias Ulmer, Anstifter des Börsenvereins-Digitalisierungsprojekts "Volltextsuche Online", in Jean Noel Jeanneney gefunden. In seiner Rezension von "Googles Herausforderung" (bei Wagenbach erschienen) würdigt der Stuttgarter die "Wortgewalt" und die "umfassende Bildung", mit denen der oberste französische Bibliothekar um die "Deutungshoheit über unsere Kultur" kämpfe (zur Erinnerung: Es geht in dieser erhitzten Debatte darum, Auszüge aus Büchern im Internet lesen zu können). Bei geschätzten 100 Millionen Büchern, die seit Gutenberg in der westlichen Welt erschienen seien, stelle die Vision von Google, davon 15 Millionen zu digitalisieren, "eben nur einen geringen Teil dar." (Wer spricht da, fragt sich der Leser an dieser Stelle: Ulmer pro domo? Oder doch Jeanneney?)


In einem (etwas zähen und leider sehr vorsichtigen) medientheoretischen Essay beruhigt Volker Tittel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Buchwissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg, den Bücherbetrieb: Aus seiner Sicht sei "kein Ende des Buchs in Sicht". Gleichwohl ergäben sich zusätzliche Varianten der Speicherung und Vermittlung - und somit ein digitaler Mehrwert, der "in Teilbereichen zu einem Argument für die Substitution des gedruckten Buchs" werden könne.


Nach einem E-Mailverkehr von teilweise "grandioser Peinlichkeit" im Vorfeld, berichtet der Salzburger Verleger Jochen Jung, haben die 32 Buchverleger bei ihrer freundlichen Übernahme der taz-Redation doch noch etwas Vernünftiges zu Zeitungspapier gebracht. Gerne erinnert sich Jung daran, wie ausgerechnet KD Wolff (Stroemfeld) dem Aufbau-Chef Bernd Lunkewitz beratend am Bildschirm über die Schulter geschaut habe (Bilder vom taz-Event hat Buchmarkt Online gezeigt).


Weitere Meldungen: Nur kleine Eier hat der Osterhase nach der Börsenblatt-Kurzumfrage gelegt: Das durchwachsene Wetter habe den Kunden zu Ostern den Weg in die Buchhandlung erschwert, vermutet das Verbandsblatt. Die Bielefelder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mitarbeiter der Bertelsmann-Tochter Arvato. Der Hamburger Kinder- und Jugendbuchverlag Oetinger steigt ins Erwachsenenbuch ein.

Die Buchmacher vom 17.04.2006 - Börsenblatt

Beim BuchMarkt-Forum, das auch vom Börsenblatt unterstützt wird, gab es einen denkwürdigen Auftritt: Nach fünf Jahren an der Spitze von amazon.de ist Ralf Kleber nach eigenen Angaben erstmals vor deutschen Branchenvertretern aufgetreten (kaum zu glauben). Weniger überraschend war der Inhalt seines Vortrags: Amazon möchte das "kundenzentrierteste" Unternehmen werden. Peter Habit (Hüthig Jehle Rehm) forderte die Verleger dazu auf, den Paradigmenwechsel vom Printanbieter zum Informationsdienstleister zu vollziehen. Georg Rieppel konnte - da nicht mehr bei Suhrkamp als Marketing- und Vertriebschef unter Vertrag - vermeintlich ketzerische Thesen aufstellen: 2015 würden drei große Player (Hugendubel, Thalia und Weltbild) den Handel dominieren (da sie schon heute den Markt dominieren, sei der Verweis auf die viel interessantere Google-Epic-Vision gestattet. Darin werden die Folgen eines Zusammenschlusses von Amazon und Google beleuchtet).

Holger Ehling, früherer Vizechef der Frankfurter Buchmesse, zeichnet ein düsteres Bild des US-Buchmarktes. Die Hälfte des Umsatzvolumens (2005 rund 20 Milliarden US-Dollar) flössen in die Kassen der Ketten, weitere 26 Prozent in die der Versender und Internethändler, während das unabhängige Sortiment nur 15 Prozent beisteuere. Noch Anfang der 90er-Jahre habe der Anteil der Unabhängigen bei 40 Prozent gelegen.

Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, bespöttelt die bei Verlagen beliebten "Ein Krimi wie von Ingrid Noll"-Vergleiche. Spätestens wenn Heiner Lauterbach mit James Dean verglichen werde - gemeint ist das selbst ausgestellte Zwischenzeugnis des Schauspielers -, gehe dies "entschieden zu weit".

Was tun, wenn der Lektor den Verlag verlässt (wie zuletzt Christian Döring DuMont, hier die Abschiedslaudatio der "Welt") - soll der Autor beim Verlag bleiben oder nicht, fragt das Börsenblatt. Und erhält von Ratgebern wie Georg Simader (CopyWrite Agentur) oder Peter Fritz (Paul & Peter Fritz) klare "Je nachdem"-Antworten.

Weitere Artikel: Wolfgang Schneider hat Elke Schmitter in Berlin besucht. Harald Fette zeigt das Potenzial von elektronischen Produkten wie CD-ROMs im Buchhandel. Dieter Durchdewald drängt Verlage dazu, das System der freien Handelsvertreter zu reformieren.

Die Buchmacher vom 10.04.2006 - Börsenblatt

Eine Elefantenrunde hat das Börsenblatt bei Random House einberufen. Klaus Eck (Programm-Geschäftsführer), Claudia Reitter (Vertrieb, Marketing) und Joerg Pfuhl (Finanzen) bemühen sich einerseits redlich, das Gewicht der größten deutschen Publikumsverlagsgruppe leichtzureden, ziehen aber andererseits weitere Akquisitionen in Betracht: besonders beim Kinder- und Hörbuch. Demgegenüber schließt das Spitzentrio aus, dass Random House in Deutschland Bücher im Direktgeschäft per Internet vertreiben oder gar ein stationäres Standbein aufzubauen könnte.

Marketingfachmann Georgios Simoudis rät Sortimentern, Geschichten rund um ihre Buchhandlung zu stricken, um die eigene Marke zu betonen - die Buchbranche habe beim sogenannten Storytising (hier der von Simoudis verfasste Eintrag im Markenlexikon) noch Nachholbedarf. Denkbar sei, dass die Buchhändler in der Lokalzeitung über aktuelle Bücher berichten.

Kleine Verlage versuchen, durch extravagante Buchcover aufzufallen und sich zu profilieren, große Verlage schneiden die Umschläge auf die jeweiligen Zielgruppen zu - dies ist das Fazit der Börsenblatt-Cover-Analyse. Darin klagen die Marketing-Verantwortlichen über den grassierenden Cover-Klau ("Sakrileg" von Dan Brown sei eine Steilvorlage), während Hersteller "mangelden Mut bei den Entscheidern" bemängeln.

Internationale Fachverlage
haben im vergangenen Jahr kräftige Umsatzzuwächse feiern können - ein großer Teil entfällt inzwischen auf elektronische Produkte. So meldet Thomson (weltweit Nummer zwei mit 7,2 Milliarden Euro hinter Reed Elsevier, 7,5 Milliarden Euro) einen Umsatzanteil des digitalen Geschäfts von 69 Prozent.

Weitere Meldungen: Wolf Biermann wechselt von KiWi zu Hoffmann und Campe. Bei der Kinderbuchmesse in Bologna waren deutsche Titel gefragt - selbst junge Verlage verkauften Lizenzen an ausländische Verleger. Der Bahnhofsbuchhandel konnte 2005 zwar ein Umsatzplus von 1,5 Prozent erzielen; in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres deutet sich mit minus 3 Prozent jedoch schon wieder ein Abwärtstrend an. Otto Sander füllt den BöBla-Fragebogen aus und verrät, am liebsten mit dem Mann im Mond tauschen zu wollen (meint er den oder den?).