Außer Atem: Das Berlinale Blog

Montagemeister von hinten: Peter Greenaways 'Eisenstein in Guanajuato' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh
12.02.2015.

Das Kind im Mann: Elmer Bäck ist Sergei Eisenstein.


Als "sich bewegende Fresken" hat Sergei Eisenstein seine Filme unter den Eindrücken seiner mexikanischen Odyssee bezeichnet. Ein eben solches hat nun Peter Greenaway über Eisensteins desaströse Irrfahrt, an deren zwar Ende ein beträchtlicher Haufen belichteten Filmmaterials, aber kein vorweisbares Produkt stand, gedreht: Wie man es vom größten Kunsthistoriker unter den Autorenfilmern erwarten darf, mit allerlei Einschüben, Tryptichen, Montage-Spielereien, im Schwung der Plansequenz ins Filmische aufgelösten Theaterräumen und einer exzessiven Lust an allem, was der digitale Werkzeugkasten einem Greenaway im frühen 21. Jahrhundert zur Verfügung stellt - vom wunderbar künstlichen Green-Screen-Effekt bis zum HDR-Bild, das einem in seiner irisierenden Farbenpracht geradezu die Augäpfel aus dem Kopf schneidet. Ganz prächtig ist das anzusehen,wie Greenaway hier auf seine alten Tage nochmal in die Vollen greift.

Und zwar buchstäblich. Wenn Eisenstein auf Mexiko stößt, erklärt Greenaway das zum allerschönsten Clash der Kulturen: Alteuropäische, prä-klassische Sinnenfreudigkeit hier, lebenspralle Sepulkralkultur und Lebenspoesie dort. Wie ein Derwisch flitzt Eisenstein (mit Geist und Körper voll präsent: Elmer Bäck) im Geiste durch sein eigenes persönliches Facebook, reiht große Namen aneinander - Fairbans, Pudowkin, Chaplin, Dietrich, Sternberg, Einstein, wie sie alle heißen -, philosophiert über Russen und Schuhe, referiert die Hygienesituation in Russland, lässt es sich im Bürgerbunker des Luxushotels auf geradezu dekadent anti-revolutionäre Weise gut gehen und macht dazu mit lustiger Frisur obendrein auch noch den Clown, während Greenaway den Bildkader vollstopft, als gelte es, dem modernen Europa in seinem Austeritätswahn noch einmal den Reichtum seiner Kulturgeschichte um die Ohren zu hauen. Zwischendrin zischt der sowjetische Montagemeister unter Tage ab, säuft, kotzt, scheißt, wird nackig gemacht - Greenaway eben, der immer schon das burlesk-bukolisch Kreatürliche gegenüber den Edelmensch-Idealen der Klassik stark gemacht hat.

Kreatürlichkeit, Körperlichkeit. Die Reise nach Mexiko wird für Eisenstein zur Initiation. Dem großen albernen, wild fuchtelnden Gecken von einem Kindskopf, als den Greenaway seinen Kollegen hinstellt, mangelt es in dieser Darstellung beträchtlich am Zugang zu körperlichen Genüssen. Die 33 Year-Old Virgin hat im fernen Mexiko ihren ersten Sex. Mit einem Mann. Eisensteins Homosexualität ist Gegenstand vieler Spekulationen, Greenaway erdichtet dem russischen Regisseur nun ein amourös aufgeladenes Mexiko, das dem verklemmten Körper Öffnung ermöglicht: Auf edlen Laken wird Eisenstein vom mexikanischen Lover von hinten genommen. Nicht ohne dabei, wir sind ja nun bei Greenaway, darüber zu spekulieren, was sich darin noch ausdrücken könnte: Die Neue Welt bumst die Alte - die Alte brachte der Neuen viel, die Neue der Alten dafür Syphillis.

Weil es bei Greenaway natürlich immer auch um Krankheit, Verfall und Tod geht: Im "Museum der Toten" kann er die ausgestellten Leichen minutenlang in ganz wunderbar gleißendes Licht tauchen - ein exzellentes, morbides Binnen-Gedicht in diesem Film - und Eisenstein samt Mexican Lover über den Tod sinnieren lassen. In Russland kommt der Tod in schmutziger Wäsche, ein dunkler Geselle, den man nicht gerne um sich hat. In Mexiko zieht man es vor, den Tod zum Freund zu haben, ihn farbenfroh zu kleiden.

Kurz: Greenaway wirft seinen Exegeten auf den Lehrstühlen wieder ganz dicke Fleischbrocken vor die Füße. Dass er dabei nicht im hermetischen Elfenbeinturm visualisierter Kunstgeschichte landet, sondern sein Film auch ganz egalitär als lebenspralles, verspieltes Kino genießbar ist, das sich mit reger Lust und Neugier den Möglichkeiten der digitalen Postproduction zuwendet, macht ihn dabei zum Postmodernisten im allerbesten Sinn. Greenaway, der das Kino einerseits immer schon als sich bei anderen Künsten parasitär bedienende Kunst ansah, die es andererseits über die Grenzen des formalisierten Erzählkinos hinaus aufzusprengen gilt, um ihren tatsächlichen Charakter überhaupt erst zu entwickeln, ersinnt sich hier, dem alt-cinephil angestaubten Stoff zum Trotz, ein frisches, bewegliches, junges Kino, welches das sich ihm neu erschließende Vokabular mit der gleichen Lust erkundet, die einst Eisenstein gespürt haben muss, als ihm dämmerte, welche Möglichkeiten darin liegen, wenn zwei disparate Bilder aneinander montiert ein drittes entstehen lassen. Schöner Nebeneffekt: Die Einfallslosigkeit und Altbackenheit der uninspirierten Digitalexzesse der Blockbuster etwa aus den Marvel Studios wird dabei im Kontrast noch einmal ganz besonders kenntlich. Im Rückblick auf die russische Revolution und ihren späteren Regisseur bleibt Greenaway auch weiterhin, mit der europäischen Kunstgeschichte im Gepäck, auf Seite der fröhlichen Revolte.

In der FAZ hat Andreas Kilb gestern die thematische Losung für den diesjährigen Wettbewerbsfilm ausgegeben: "Reumütige Männer auf Sinnsuche." Ich finde das sehr vom Inhalt her gedacht. Nach den in ihrer Freiheit, Spielfreude und Poesie wunderbar bestrickenden Filmen der gestandenen Meisterfilmer Werner Herzog, Terrence Malick und nun auch Peter Greenaway, die allesamt nicht in Altmeisterei erstarrt sind, will ich als Motto ausgeben: "Lebensfrohe alte Männer auf neugieriger Suche."

Peter Greenaway: "Eisenstein in Guanajuato". Mit Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis, Jakob Öhrman, Maya Zapata, Lisa Owen, Stelio Savante u.a. Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien 2015. (Vorführtermine)