9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2022 - Religion

Hamed Abdel-Samad kommentiert in einem längeren Facebook-Post (auch hier bei hpd.de) die jüngsten Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in Josef Ratzingers Diözese und die Ausflüchte des Expapstes (unsere Resümees): "Warum lässt ein Mann, der sich selbst Vertreter Christi auf Erden nennt, die Opfer im Stich und steht stattdessen auf der Seite der Täter? Warum verhindert ein Mann, der behauptet, die Wahrheit zu verkünden, dass die Wahrheit ans Licht kommt? Um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden? Das ist ein Argument aus der Welt der Mafia, wenn Skandale unter den Teppich gekehrt werden um das Ansehen der Familie zu bewahren. Vieles in diesem und anderen Kirchen-Missbrauchsskandalen erinnert in der Tat an die Mafia: Hierarchie und patriarchale Strukturen, Kultur der Angst und des Schweigens, Einschüchterung von Abtrünnigen damit kein Insiderwissen nach außen drängt."

Josef Ratzingers Antworten auf das jüngste Gutachten zu Missbrauchsunfällen liest sich kulturrelativistisch in Bezug auf die eigene Person, beobachtet Christan Geyer in der FAZ: "Nach 'heutigen Maßstäben' wäre auch in den Fällen, in denen dies rechtlich nicht vorgeschrieben gewesen ist, mehr 'Hinwendung zu den Opfern solcher Taten wünschenswert und richtig gewesen', so Ratzingers Eingabe. Tatsächlich nur nach heutigen Maßstäben? Sollte es ungehörig sein, in unbedingten Kategorien zu sprechen, sobald es um das Fehlverhalten von Hierarchen geht?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2022 - Religion

Ein tausendseitiges Gutachten der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) bringt neue Fakten zum Missbrauch in der katholischen Kirche, auch in der Diözese des ehemaligen Münchner Erzbischofs Josef Ratzinger. Dieser antwortete in einem achtzigseitigen Papier voller frommer Bestürzung und harter formaljuristischer Abwehr konkreter Vorwürfe, schreibt eine Autorengruppe in der SZ: "Da ist zum einen das Beispiel des Priesters und notorischen Wiederholungstäters Peter H., der 1980 aus Nordrhein-Westfalen kam. Die Akten legen nahe, dass Ratzinger über dessen problematische Vorgeschichte informiert war und an einer entscheidenden Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 teilgenommen hat. Der frühere Erzbischof streitet dies zwar ab, die Gutachter halten dessen Einlassung aber für 'unglaubwürdig'." Der Kirchenredakteur der FAZ Daniel Deckers schreibt schlicht von "Benedikts Lüge". Mehr Informationen hier. Der "Eckige Tisch", eine Betroffenenvertretung, bringt eine Presseschau zu den jüngsten Enthüllungen.

Ihr Sohn Wilfried sei so nett, hat der Priester Peter H. den Fesselmanns gesagt, er dürfe im Pfarrhaus übernachten. Die Eltern freuten sich über diese Ehre, erinnert sich Wilfried Fesselmann in der Seite 3-Reportage der SZ: Am Abend hätten der Priester und der Elfjährige "erst geredet, dann habe ihm der Priester 'was Tolles' zu trinken gegeben. Später habe Peter H. die Türen abgeschlossen und das Gespräch aufs Geschlechtsteil gelenkt. Dann habe H. sich ausgezogen - und es sei geschehen. 'Am anderen Morgen lag ein Zettel am Bett', erinnert sich Fesselmann: 'Bitte geh nach Hause und vergesse es schnell.'" Die Untaten des Priesters Peter H. in Ratzingers Diözese wurden von der Kirchenhierarchie immer nur vertuscht, so das Gutachten der Kanzlei. Nicolas Richter kommentiert in der SZ: "Der Skandal ist der einzige Teufel, der die Kirche wirklich schreckt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 - Religion

Die Folgen der russischen Bedrohung der Ukraine reichen bis hinein in die orthodoxen Kirchen Afrikas, berichtet Jan-Heiner Tück in der NZZ, die sich zu spalten drohen. Das ist auch die Folge einer Tendenz "der orthodoxen Kirchen, einen allzu engen Schulterschluss mit der Politik zu suchen und dadurch zu Nationalkirchen zu werden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sucht die Ukraine politisch die Anbindung an den Westen. Diese Neuausrichtung hat den Bemühungen um Eigenständigkeit, der Autokephaliebewegung, Rückenwind gegeben. Diese hatte sich bereits 1992 vom Moskauer Patriarchat abgekoppelt, um eine eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine zu gründen. Vorbild waren orthodoxe Kirchen in anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks, die längst den Status autokephaler Kirchen erlangt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2022 - Religion

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirchen ist in Deutschland in einigen Studien steckengeblieben, aber Konsequenzen gab es so gut wie nicht, schreibt Evelyn Finger in der Zeit: "Es fehlte hierzulande nie an Empörung und Kirchenkritik. Doch keine Wahrheitskommission wurde tätig - wie in Australien. Kein Bischof ermannte sich, einen Staatsanwalt zu betrauen - wie in den USA. Kein Spitzenpolitiker stand auf für eine Brandrede im Parlament - wie Irlands Premier Enda Kenny, der seine Nation zu Tränen rührte. Stattdessen häuften die Deutschen Zahlen von Opfern und Tätern an, empfahlen Kirchenreformen, analysierten Täterstrategien. Nur vor der eigentlichen Aufgabe drückte man sich: im Bundestag zu debattieren, ob der Rechtsstaat systematische Strafvereitelung hinnehmen darf." Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der mit Untersuchungen zum Thema befasst war, schreibt ebenfalls in der Zeit: "Ich gebe zu: Vor zehn Jahren habe ich noch an das ehrliche Aufklärungsinteresse der katholischen Kirche geglaubt. Heute muss ich feststellen: Die Bischofskonferenz hat unter der Führung von Kardinal Reinhard Marx über viele Jahre hinweg Aufklärung eher verhindert als ermöglicht."

Ein Autorenkollektiv von Correctiv und dem Bayerischen Rundfunk erzählt zugleich die Geschichte eines Jungen namens Stefan, der 1994 von einem Priester missbraucht wurde. Der Fall wurde vertuscht, wobei als pikanter Aspekt hinzukommt, dass Joseph Ratzinger eigentlich wohl über den Fall hätte informiert sein müssen. Er zeige auch darum, "wie das System Missbrauch in der Kirche oft funktioniert, weil es in solchen Fällen nicht nur den einen Straftäter gibt, sondern viele Beteiligte auf allen Hierarchieebenen, die kaschieren, schweigen, Hinweise unterdrücken und die Taten so erst möglich machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2021 - Religion

Die katholische Kirche in Frankreich befindet sich in einer Identitätskrise, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ. Viel zu tun hat sie damit, dass Kirchenobere wie der Lyoner Erzbischof Philippe Barbarin den Untersuchungen über sexuellen Missbrauch lange Zeit mit Abwiegelung begegneten. Nach François Ozons Film "Grâce à Dieu" (mehr hier) wurde diese Vertuschung weithin diskutiert. Nun nennen die Berichte exorbitante Opferzahlen von über 300.000 Missbrauchten in den letzten Jahren: "Die Debatte über die Validität der Zahlen ist berechtigt. Aber sie geht am Kern des Missbrauchsberichts vorbei. Dessen zentrale Botschaft ist die 'systemische Verantwortung' der Kirchenführung, die jahrzehntelang dem Schutz der Institution Vorrang gab vor dem Schutz der Opfer, indem sie Verbrechen vertuschte und Verbrecher deckte. Hierin liegt die Verantwortung der Kirche, die wohl niemand so zynisch umschrieb wie Barbarin im Jahr 2016: 'Gott sei Dank sind die meisten Fälle verjährt.'"

Derzeit wird im Vatikan ein Strafprozess verhandelt, in dem der Kurienkardinal Angelo Becciu und neun weitere Angeklagte wegen Veruntreuung, Amtsmissbrauch, Korruption, Erpressung, Geldwäsche und Betrug angeklagt sind. Doch dann hat der Papst seinen Kabinettschef entlassen und Dokumente zurückgehalten. Droht der Prozess zu platzen? Wie auch immer, die Vorgänge zeigen auf jeden Fall, schreibt Rainer Hank in der NZZ, dass der Papst, der gern für die Demokratie eintritt, "einem theokratischen Staat vorsteht, der sich weder zu Rechtsstaatlichkeit noch zu Gewaltenteilung je bekannt hat. Der Papst ist der letzte absolutistische Monarch der Welt. In Analogie zu Viktor Orban in Ungarn, der stolz in einer 'illiberalen Demokratie' regiert, müsste man den Papst als Souverän einer illiberalen Monarchie bezeichnen (England zum Beispiel wäre eine liberal-demokratische Monarchie). Das Grundgesetz des Vatikans, in Kraft seit dem 1. Februar 2001, hält in Artikel 1, Absatz 1 fest: 'Der Papst besitzt als Oberhaupt die Fülle der gesetzgebenden, ausführenden und richterlichen Gewalt.' Die richterliche Gewalt 'wird im Namen des Papstes' ausgeübt, heißt es in Artikel 15. Der grobe Antikapitalismus des gegenwärtigen Papstes ('Diese Wirtschaft tötet') speist sich aus dieser Rechtstradition einer Ablehnung von Aufklärung und Liberalismus."

Neun von zehn befragten Berliner Bildungseinrichtungen sagen nach einer Befragung, dass ihnen das Phänomen "konfrontativer Religionsbekundung" nicht unbekannt sei. Die taz stellte diese Studie gestern als problematisch dar, weil sie im Sinne des Berliner Neutralitätsgesetzes agiere (unser Resümee). Heute befragt Frederik Schindler in der Welt Sprecher der Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus: "Die Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld, Vorsitzende des Ausschusses für Bürgerschaftliches Engagement und Partizipation im Berliner Abgeordnetenhaus, hält das Projekt für fachlich falsch aufgesetzt: 'Statt Lehrer*innen eine Hilfestellung zu bieten, wenn sich Schüler*innen provozierend verhalten, ist das Ziel einzig und allein, Religion an sich als ein Problem darzustellen.' Zur Befragung an den Neuköllner Schulen möchte sich Kahlefeld nicht äußern, da sie zur 'undifferenzierten' Meinung der Welt passe und 'daher ohnehin nicht sozialwissenschaftlich ernsthaft beurteilt' werde."

Aus der Kirche "austreten" kann man nur in Deutschland, erklärt Tarek Barkouni bei vice.de. Es handelt sich eigentlich nur um die Bekundung gegenüber den Behörden, nicht mehr die vom Staat eingetriebene Kirchensteuer zahlen zu wollen. "Carsten Frerk ist Fachmann für das Thema Kirche bei der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung. Er kritisiert diese Sonderstellung: 'Bei der Taufe geben Eltern eine Absichtserklärung ab. Sozusagen ein 'Vorkaufsrecht' auf das Seelenheil. Das wird aber erst mit der Konfirmation eingelöst.' Wenn man Kirchenrecht ernst nehmen würde, so erklärt er es, müsste jeder, der sich nicht auch konfirmieren lässt und mit 14 Jahren seine Zustimmung gibt, von der Kirche vergessen werden. Das passiert aber nicht. Die Kirchensteuer ist damit quasi eine Abofalle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2021 - Religion

Die Berliner "Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative Religionsbekundungen" hat eine Studie über religiösen Druck vorgelegt, der an einigen Berliner Schulen ausgeübt wird (hier als pdf-Dokument). Frederik Schindler berichtete vor einigen Tagen in der Welt über die von Michael Hammerbacher erstellte Studie: "So bestehe insbesondere auf Schüler aus muslimisch geprägten Familien ein starker Anpassungsdruck, etwa was das Verhalten im Fastenmonat Ramadan, den Umgang mit religiösen Minderheiten oder dem Kopftuch angeht. 'Es bleibt nicht dabei, dass die Schüler*innen sich privat für eine strengere Auslegung des Islams entscheiden. Zunehmend beherrschen derartige Auffassungen den Mainstream, womit immer klarere Forderungen verbunden sind, dass diese Regeln auch von anderen einzuhalten seien', heißt es in der Bestandsaufnahme. 'Das gilt dann auch für das pädagogische Personal, sofern es selbst einen muslimischen Migrationshintergrund hat.'"

Im SZ-Gespräch mit Annette Zoch erklärt Lisa Kötter, eine der Mitbegründerinnen der Reformbewegung katholischer Frauen Maria 2.0, weshalb sie die katholische Kirche jetzt verlassen hat: "Ich bin inzwischen zutiefst davon überzeugt, dass sich diese römische Kirche nicht reformieren lässt. Weil sie auf Machtgenerierung und Machterhalt aufgebaut ist. Die römische Kirche in ihrer monarchischen Verfasstheit, in diesem unheilvollen Spiel aus Gehorsam und Angst, ist für mich im Grunde ein Verrat an der Botschaft Jesu.Viele Bischöfe fragen, was sollen wir denn noch tun. Wir klären ja auf, gründen Betroffenenbeiräte, sind offen für mehr Frauen in Ämtern und so weiter. Aber sie reden dabei immer von oben herab. Die Bischöfe sind die Platzanweiser. Am Ende sind sie es, die etwas gestatten oder auch nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2021 - Religion

Religion ist in Frankreich zu einem fatalen "Identitätsmarker" geworden, besonders an den Schulen und ganz besonders in den "prioritären Schulen" in den Banlieues, berichtet Gérard Biard in Charlie Hebdo. Er bezieht sich auf eine Umfrage, die zum "Tag der Laizität" am 9. Dezember vorgelegt wurde. Liegt es an den Eltern? "Gewiss, aber nicht nur. 40 Prozent der Gymnasiasten denken, dass die Normen und Regeln der Religion wichtiger sind als die Gesetze der Republik, darunter 65 Prozent der Gymnasiasten muslimischer Konfession, während die Zahl bei den Erwachsenen nur 23 Prozent beträgt. Das ist der Stand der Dinge. In der öffentlichen Schule wirkt sich die Religion tiefgreifend auf alle Aspekte des Schullebens aus, auf den Inhalt des Unterrichts, die Mahlzeiten, verschiedene Aktivitäten, die Organisation bis hin zur Hygiene."

In launigem Tonfall spricht Kurt Kister im SZ-Feuilletonaufmacher über den fehlenden Gottesbezug in jüngsten Ministereiden. Die Säkularisierung sieht er sowieso als durchgesetzt (der Islam kommt in seinem Artikel nicht vor). Und schildert die Lage der Kirchen so: "Ihr soziales Engagement - Caritas, Altenheim, Krankenhäuser, Betreuung - wird auch von Ungläubigen geschätzt. Allerdings nimmt die Zahl der in den beiden christlichen Großkirchen verzeichneten Mitglieder stetig ab." Die Caritas, lieber Kurt Kister, ist kein Engagement - sondern eines der größten Unternehmen in Deutschland, praktischerweise mit eigenem Arbeitsrecht.

Zu diesem Thema äußern sich bei hpd.de auch die "Säkularen Sozis" (die in der SPD keinen Arbeitskreis bilden dürfen). Caritas und Diakonie sind nach dem Staat die zweitgrößten Arbeitgeber, schreiben sie: "Die Finanzierung der meisten Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft (Krankenhäuser, Altenheime) erfolgt dabei zu hundert Prozent aus öffentlichen Mitteln, selbst das 'Aushängeschild' Kindergärten wird nur zu einem sehr geringen Teil kirchlich bezuschusst. In diesen Einrichtungen gilt ein eigenes, kirchliches Arbeitsrecht, was die Angestellten zu Arbeitnehmern minderen Rechts macht. Aus naheliegenden Gründen sollte die Beseitigung dieser Form der Diskriminierung  an und für sich ein Herzensthema der SPD sein." Aber obwohl die Grünen und die FDP hier klare Forderungen stellen, will die SPD dieses Thema nur "in Zusammenarbeit mit den Kirchen" angehen.

Ebenfalls bei hpd.de erzählen die polnischen Menschenrechtsaktivistinnen Joanna Gzyra-Iskandar, Anna Prus und Elżbieta Podleśna im Gespräch mit Manfred Isemeyer, wie die Katholische Kirche das polnische Abtreibungsrecht nach 1989 mit großer Beharrlichkeit schleifte: "Nach 1989 schien es für alle Politiker_innen, unabhängig von ihrer Einstellung, nahezu unmöglich, nicht nur etwas gegen die Kirche, sondern etwas ohne ihren Segen zu tun. Deshalb legten selbst linke Parteien Wert auf gute Beziehungen zur Kirche und räumten ihr in der Wirtschaft und vor allem im gesellschaftlichen Diskurs eine privilegierte Stellung ein. Wenn ein_e Politiker_in einem großen konservativen Partner etwas schuldet, dann werden die Schulden immer mit den Rechten von Frauen und Minderheiten bezahlt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2021 - Religion

Sämtliche MinisterInnen der Grünen verzichtet bei ihrem Eid auf den Gottesbezug, sämtliche Minister der FDP beschworen Gottes Hilfe, staunt Gis Bodenstein bei hpd.de: "Neben einem konfessionsfreien Kanzler und mehreren Minister:innen ohne religiöses Bekenntnis gibt es auch im Parlament eine kleine Entwicklung in Richtung gesellschaftlicher Realität, der zufolge in nicht allzu ferner Zukunft die Hälfte der deutschen Bevölkerung religionsfrei sein wird: Der Anteil der konfessionsfreien Abgeordneten stieg auf 10 Prozent."
Stichwörter: Bundestag, FDP

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2021 - Religion

Eine Rehabilitierung scheint für den türkischen Moschee-Verband Ditib, der direkt unter Tayyip Erdogans Kommando steht, greifbar, berichtet Lennart Pfahler in der Welt. NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen scheinen für den Religionsunterricht weiter mit der Ditib kooperieren zu wollen. Da könnte ein Artikel Marvin Hilds von der "Göttinger Forschungs- und Dokumentationsstelle zur Analyse politischer und religiöser Extremismen in Niedersachsen" stören. Hild hat die Social-Media-Profile hochrangiger Ditib-Funktionäre in Deutschland untersucht und ist auf zahllose antisemitische Äußerungen und Leugnungen des Genozids an den Armeniern gestoßen. Lennartz zitiert auch eine Reaktion des Ditib-Verbands auf die Funde: "Man begrüße, 'dass sich Göttinger Wissenschaftler des Instituts für Demokratieforschung, die Mühe gemacht haben, die Inhalte der Facebook-Profile von über 2.000 aktiven Ehrenamtlern seit mindestens 2014 zu durchforsten'. Gleichzeitig hoffe man, 'dass dieses Engagement genauso effizient eingesetzt wird, wenn es um Angriffe im Bereich des anti-muslimischen Rassismus geht'."

In der NZZ skizziert Lucien Scherrer den wachsenden Einfluss des politischen Islam in Europa. Die Strategie der "gemäßigten" Islamisten beschreibt ihm der Politologe Lorenzo Vidino: "'Gegen innen sagen sie den Leuten 'Wir sind anders, wir haben eigene Werte, und die Gesellschaft will uns nicht'. Nach außen geben sie sich als tolerante, aber diskriminierte Minderheit, die Geld vom Staat braucht.' Dieses Schauspiel treiben manche Islamisten laut Vidino so weit, dass sie das Gendersternchen benutzen, Kontakte zu jüdischen Vereinen suchen und sich mit LGBT-Aktivisten fotografieren lassen. 'Am nächsten Tag laden sie dann einen Prediger ein, der Gewalt gegen Frauen befürwortet und Steinigungen von Schwulen rechtfertigt.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2021 - Religion

Wenn die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erlaubt, dass die Moscheen zum Freitag den Muezzinruf erschallen lassen, dann ist das nicht 'ein Zeichen des Respekts' vor 'berechtigten religiösen Interessen' der Muslime, wie Reker selbst sagt, sondern ein Einknicken vor dem politischen Islam, schreibt Necla Kelek bei cicero.de: "Wenn heute jemand auf der Straße, einem Bahnhof oder vor einem Fußballstadion 'Allahu Akbar' ruft, zucken die Menschen zusammen, fühlen sich bedroht und fürchten Bombenterror oder eine Messerattacke. Somit scheint der Gebetsruf durch extremistische Muslime selbst diskreditiert und auch zum symbolischen Ruf des Terrors geworden zu sein. Die muslimischen Verbände unternehmen nichts gegen diesen Missbrauch, so wie sie nichts gegen 'Extremisten/Terroristen' aus den eigenen Reihen tun, oder Stillschweigen darüber herrscht… Die Gelehrten sind aufgerufen, friedliche Mittel der Darstellung ihrer Religion in einer lebendigen, offenen Gesellschaft zu finden. Sie sind herausgefordert, ihre Moscheen und Gemeinden von innen her zu reformieren. Wir sollten sie dabei bestärken, und nicht, wie gerade in Köln geschehen, ihre Politik bestätigen."

Richtig zur Geltung kommt der Ruf des Muezzins doch vor allem von den Minaretten der großen Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld, schreibt die SPD-Politikerin Lale Akgün auf Facebook: "Und damit sind wir mitten im politischen Minenfeld. Die Ditib-Moschee ist inzwischen ein Symbol für den politischen Islam, eine politische Institution mit  Gebetsmöglichkeiten. Um das nicht zu erkennen, muss man politisch blind und taub sein. Man denke nur mal kurz an die Eröffnung der Moschee 2018, bei der Erdogan das große Wort führte und zu der nicht einmal der ehemalige OB Fritz Schramm eingeladen war, der sich über Jahre für den Bau dieser Moschee eingesetzt hatte. Die Erlaubnis für den Muezzinruf von der Ehrenfelder Moschee ist  also ein Knicks vor dem politischen Treiben Erdogans, auch in Deutschland."

Wenn Kirchenglocken hierzulande läuten dürfen, dann müssen auch Muezzinrufe erschallen dürfen, meint dagegen Malte Lehming im Tagesspiegel: "Auch der Verweis auf die religiöse Prägung einer Gesellschaft, ihre Tradition und Akzeptanz von Vielfalt kann Freiheitsrechte nicht außer Kraft setzen. Der Gebetsruf mag auf Nicht-Muslime zunächst fremd wirken, auf einige gar bedrohlich, und er kündet von einer Realität, vor der manche am liebsten die Ohren verschließen. Er eckt an und verstört. So ist das nun mal. Kein Grund zur Panik."