9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

820 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 82

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2022 - Religion

Die orthodoxen Christen in der Ukraine können zwischen zwei Kirchen wählen - der eigenständigen Orthodoxen Kirche und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dem Moskauer Patriarchat und damit Kirill, einer "Säule des Putinismus", unterstellt ist, schreibt Sonja Zekri in der SZ und befürchtet ein neues Schisma: "Andrij Pintschuk, Ex-Bürgermeister und Erzpriester eines Dorfes bei Dnipro, hat auf Facebook eine Petition veröffentlicht, in der er die Absetzung Kirills als Oberhaupt der russischen Orthodoxie fordert. Das Konzept der 'russischen Welt', mit dem der Kreml - und Kirill - unter anderem seine koloniale Ukraine-Politik rechtfertigt, müsse als Abfall vom orthodoxen Glauben, als Häresie verurteilt werden. 400 Moskau unterstehende ukrainische Priester haben die Petition bislang unterschrieben. Selbst die Moskau unterstehenden Priester des Kiewer Höhlenklosters, das nicht nur Unesco-Welterbe ist, sondern als 'Vatikan' der Orthodoxie gilt, beten für den Sieg über Russland."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2022 - Religion

Quelle: Wikipedia, kremlin.ru


So olivgrün-golden sieht die unter Wladimir Putin errichtete "Hauptkirche der Streitkräfte Russlands" in der Nähe Moskaus aus, in der das Putin-Regime des Siegs im Großen Vaterländischen Krieg gedenkt. Und hier predigte Patriarch Kirill am Sonntag. Er unterstützte Putins Begriff der "Entnazifierung", schreibt Katherine Kelaidis in den Religion Dispatches. "Und dann bot der Patriarch, dessen Amt noch vor wenigen Jahrhunderten (ein Wimpernschlag im Gedächtnis des christlichen Ostens) nicht in Moskau, sondern in Kiew angesiedelt war, eine Version der Geschichte an, die die Ukraine einfach von der Landkarte tilgt. Kirill macht 'verschiedene Kräfte' (das heißt Außenstehende, einschließlich - so könnte man meinen - des Westens), die im Mittelalter entstanden sind, für das verantwortlich, was er als falsche Teilung zwischen Russland und der Ukraine betrachtet. Tatsächlich erkennt er nicht einmal an, dass es Ukrainer gibt, und bezeichnet alle Beteiligten (einschließlich, so könnte man vermuten, Weißrussen) als 'Heilige Russen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2022 - Religion

Ärger bei den Orthodoxen, erläutert Friedrich Schmidt in der FAZ. Längst sucht das Kiewer Patriarchat (KP) die "Autokephalie " gegenüber dem Moskauer Patriarchat (MP), dessen Patriarch Kirill Putins Diskursen eng verbunden ist: "Jetzt, im Krieg, haben viele Diözesen der MP-Kirche aufgehört, ihr Oberhaupt, Kirill, in den Gottesdiensten zu erwähnen. Die KP-Kirche berichtet vom Übertritt Dutzender Gemeinden und Klöster. Kirills Kirche kritisiert ein ukrainisches Gesetzesprojekt, welches das Eigentum der MP-Kirche verstaatlichen und ihr Verbot in der Ukraine bedeuten würde."
Stichwörter: Orthodoxe Kirche, Patriarchat, Kp

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2022 - Religion

Die russisch-orthodoxe Kirche unter Patriarch Kyrill steht fest hinter Wladimir Putin und seinen Angriffskrieg auf die Ukraine. In der NZZ erklären die beiden Theologen Christian Stoll und Jan-Heiner Tück, dass der Autokrat und der Patriarch nicht nur im antiwestlichen Affekt vereint sind, sondern auch in ihrem nationalistischem Geschichtsbild: "Ihre Allianz fußt auf einer bestimmten Konstruktion der russischen Geschichte. Das kirchenhistorische Narrativ, dass das russische Christentum 988 durch die Taufe des Großfürsten Wladimir aus der Kiewer Rus hervorgegangen ist und Weissrussland, die Ukraine und Russland letztlich als Brudervölker zu einem kanonischen Territorium gehören, deckt sich weithin mit den neoimperialen Interessen Putins. Orthodoxes Christentum und politische Ideologie verbinden sich hier zu einer sakralen Geschichte, in der es heilige Helden, mythisch vereinte Völkerschaften und ureigene Rechte auf historische Landstriche gibt."

In der taz ergänzt Thoman Gerlach, dass Putins Pope auch nichts gegen die Bombardierung ukrainischer Klöster einwendet. Ebenfalls in der taz berichtet Barbara Oertel von der Spaltung der ukranischen Kirche, denn ein Teil untersteht noch immer dem Moskauer Patriarchat und hofft, sich durch Schweigen aus der Affäre ziehen zu können.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2022 - Religion

"Es gab und gibt ein klerikales Vertuschungssystem in der Kirche", aber kein "System Ratzinger", verteidigt in der Welt der katholische Philosoph Martin Rhonheimer den ehemaligen Papst Benedikt gegen die Vorwürfe, er habe zu den Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche zu lange geschwiegen. (Unsere Resümees). "Wie der Sekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetztestexte in einem ausführlichen Artikel aus dem Jahre 2010 über den Einfluss Ratzingers bei der Revision der kirchlichen Strafrechtsordnung erläutert, lag das Problem darin, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Stellung der Bischöfe gegenüber Rom stärken wollte. In diesem Geist dezentralisierte der neue Codex des Kirchenrechtes von 1983 strafrechtliche Kompetenzen, die früher beim 'Heiligen Offizium' (heute Glaubenskongregation) lagen, und setzte die bisher existierenden Strafnormen außer Kraft. Was Rom, und zwar der Kleruskongregation, verblieb, waren nur noch Gesuche zur Zurückversetzung von Priestern in den Laienstand. Das war aber für Missbrauchs-Straftäter absolut unpassend und zudem ungenügend. Ratzinger sah das und bemühte sich, der Kleruskongregation diese Kompetenz zu entreißen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Religion

Der Jesuitenpater Klaus Mertes hat im Jahr 2010 die sexuelle Missbrauchsgeschichte am Berliner Canisius Kolleg aufgedeckt. Im FAZ-Gespräch mit Paul Ingendaay blickt er kritisch auf den mangelnden Willen der Kirche zur Aufarbeitung zurück. Der in Endlosschleife vorgebrachten zerknirschten Rhetorik der Kirchenoberen traut er nicht. Auf die Frage, wie dieser Kreislauf zu durchbrechen sei, antwortet er: "Die Kirche kann das gar nicht selbst. Die Aufarbeitung muss unabhängig sein. Die Politik macht sich diesbezüglich einen schlanken Fuß... Beim Vorgehen gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine von ihnen haben die Österreicher 2010, inzwischen auch die Franzosen und die Portugiesen ergriffen. Man beauftragt eine unabhängige Person von hohem öffentlichen Ansehen mit der Aufgabe, eine Kommission zu berufen, die ihrerseits einen Bericht verfasst, und die hochverdiente öffentliche Person kann nicht nur die nötigen Gelder dafür anfordern, sondern auch entscheiden, ob und wann dieser Bericht veröffentlicht wird und wie mögliche Entschädigungszahlungen aussehen sollen." Mertes  fürchtet allerdings, dass es dafür jetzt zu spät ist.
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2022 - Religion

Im Interview mit der FR spricht Navid Kermani über sein neues Buch "Fragen nach Gott", die Krise der Religionen in Deutschland im Allgemeinen und des Islam im Besonderen: "Was da gerade wächst, macht mir eher Sorge, weil es oft ein Islam in völliger Unkenntnis der eigenen Tradition ist. Die berühmtesten Autoren der islamischen Theologie, der Mystik, der Poesie wie Ibn Arabi oder Al-Dschurdschani oder auch Rumi spielen im herrschenden religiösen Diskurs kaum eine Rolle mehr. Nicht selten werden sie sogar verketzert. Es sagt sehr viel, dass nicht wenige religiöse Autoren des Islams heute eher in London aufgelegt werden als in Mekka, und zwar heutige ebenso wie klassische. Umso wichtiger ist es heute, dieses Erbe zu bewahren, zu retten, was zu retten ist. Ich komme mir mit meinen Lektüren der klassischen islamischen Poesie und Mystik manchmal vor wie ein Archäologe in einem Kriegsgebiet."

In der NZZ verteidigt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz den ehemaligen Papst Benedikt gegen Vorwürfe, er habe zum sexuellen Missbrauch in der Kirche zu lange geschwiegen. Schon 1999 habe sich Ratzinger für die Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe eingesetzt und ließ die Ergebnisse 2004 gegen Widerstand aus der Kirche publizieren: "Natürlich kann man Joseph Ratzinger kritisieren, er selber hat dazu immer wieder aufgefordert. Hier aber entsteht der Eindruck, dass ein Greis, der ausgerechnet zur ihm ursprünglich ganz fremden Missbrauchsthematik Bahnbrechendes geleistet hat, sensationslüstern auf die Bühne gezerrt wurde, anstatt endlich den entscheidenden Fragen nachzugehen: Warum hat bis heute noch kein kirchlich Verantwortlicher in Deutschland offen seine persönliche Schuld eingestanden und ist freiwillig zurückgetreten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2022 - Religion

Seit eine Designerin "bescheidener" Mode den 1. Februar zum "World Hijab Day" erklärt hat, wird in vielen Kanälen Reklame für das Kopftuch gemacht. Etwa bei Funk, dem Jugendsender der ARD:



Die Exil-Iranerin Masih Alinejad hat dagegen die Kampagne #LetUsTalk ins Leben gerufen, in der sich Frauen aus Ländern mit Kopftuchzwang gegen das Kopftuch aussprechen. Sie selbst schreibt: "Mir wurde gesagt, wenn ich keinen Hidschab trage, fliege ich von der Schule, werde ins Gefängnis geworfen, ausgepeitscht, verprügelt und aus meinem Land vertrieben. Im Westen sagt man mir, dass das Erzählen meiner Geschichte 'Islamophobie' auslösen würde. Ich bin eine Frau aus dem Nahen Osten und ich habe Angst vor der islamistischen Ideologie. Lasst uns reden."

"Der 1. Februar ist kein zufälliger Termin", schreibt Annika Ross bei emma.de: "Es ist der Tag, an dem 43 Jahre zuvor Ajatollah Khomeini zu Zeiten der sogenannten 'islamischen Revolution' aus dem Pariser Exil in den Iran zurückkehrte. Das Land kippte quasi über Nacht in den Gottesstaat, der fundamentalistische Islam wurde zur Staatsdoktrin erklärt. Khomeini und seine Gefolgsleute hatten ein unmissverständliches Symbol für ihren Triumph auserkoren: Die Zwangsverschleierung der Iranerinnen. Und der 'World Hijab Day' fordert Frauen heute dazu auf, aus 'Solidarität mit den Kopftuchträgerinnen mal einen Tag lang ein Kopftuch aufzusetzen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2022 - Religion

Auch in Polen konnte die Katholische Kriche die Diskussion über sexuellen Missbrauch in den letzten Jahren nicht mehr verhindern. Im Moment macht die Geschichte des heute 48-jährige Janusz Szymik von sich reden, der als Zwölfjähriger von einem Prieseter mehrfach vergewaltigt wurde. Die Diözese hatte wie unter Ratzinger zur Vertuschung beigetragen, und Szymik verklagte sie darum auf Schmerzensgeld, berichtet Daniela Wakonigg bei hpd.de: "Da Schmerzensgeldzahlungen an Missbrauchsopfer der Kirche selbst bekanntlich ebenfalls große Schmerzen bereiten, entschied sie sich zu einem Gegenangriff gegen Szymik. Laut Bericht des großen polnischen Nachrichtenportals Onet.pl verlangte das beklagte Bistum vom Gericht festzustellen, ob Szymik schwul sei und er deshalb während des Missbrauchs sexuelle Befriedigung empfunden habe."

Die Skandale um Missbrauch und das Schweigen darüber schieben die Katholische Kirche langsam aus der Gesellschaft hinaus, meint Kurt Kister in der SZ. "Zudem findet der grassierende Vertrauensverlust vor dem Hintergrund einer immer stärkeren säkularen Bewegung in Deutschland statt. Diese säkulare Bewegung bedeutet keine grundsätzliche Verweltlichung der Gesellschaft, denn die Bereitschaft, an alles Mögliche zu glauben, wird eher größer. Gleichzeitig allerdings wächst die Zahl derer, die ihre - analog zum Schicksal der Volksparteien - Volkskirche verlassen. Viele, die glauben, lösen sich von der Organisation. Menschen, die aus CDU oder SPD austreten, bleiben deswegen durchaus nach wie vor Demokraten. Es gibt eine Demokratie ohne Volksparteien, und man kann Christ sein ohne die katholische Kirche."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2022 - Religion

Willy Winkler wundert sich in der SZ überhaupt nicht über das Missbrauchsgutachten zum Bistum München. Sexuellen Missbrauch hat er zwar nicht erlebt, prügelnde Priester dafür reichlich: "Die Kirche, die Una sancta, die katholische, die einzig wahre, hat seit je dies innige Verhältnis zur Macht, und was wäre Macht, ohne die Möglichkeit, sie auch auszuüben, vorzugsweise gegen Schwächere, also gegen Frauen und Kinder. ... Am allerersten Abend im Internat im Herbst 1967 wurden wir Neuen im Speisesaal als die 'Kaffern' vorgestellt. Das war kein Rassismus, sondern Gewalt- und Machtverteilung. Der bis dahin jüngste Jahrgang rückte in der Hackordnung auf und hatte damit das Recht erworben - was für ein Jubel, als Pater M. das verkündete! -, die Jüngsten zu verdreschen. Das war das herrschende Prinzip: Wer schwach war, wurde verprügelt, und die Patres machten es vor."

"Wenn Papst Benedikt auf 82 Seiten ausgeführt, es sei kein sexueller Missbrauch im engeren Sinne, wenn sich ein Täter vor einem Minderjährigen entblößt, onaniert oder pornografische Inhalte zeigt, dann hat er es immer noch nicht verstanden", sagt der Betroffenenvertreter Johannes Norpoth im Gespräch mit Sven Christian Schulz vom Redaktionsnetzwerk Deutschland. Aber der Ärger wird weitergehen: "In den kommenden Wochen werden noch weitere Gutachten aus den Bistümern Münster, Paderborn und Essen veröffentlicht werden. Da geht es zum Beispiel darum, welche Rolle die Gemeinden spielen. Denn in vielen Gemeinden wurde aktiv weggesehen, wie das Münchner Gutachten einmal mehr belegt. Da werden selbst heute noch Täter nahezu glorifiziert."