9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2021 - Kulturpolitik

In der SZ rauft sich Gerd Matzig die Haare, wenn er im Spiegel liest, wie Grünenfraktionschef Anton Hofreiter dem angeblich unökologischen Einfamilienhaus an den Kragen will. "Die Grünen missverstehen diese Wohnform in aller Grimmigkeit. Sie waren mal zuständig für die Utopie vom besseren, nicht nur vom richtigeren Leben. Wann sind daraus diese dystopisch schlecht gelaunten Sturmtruppler geworden", fragt er und erinnert: "Man kann inzwischen auf dem Land leben, völlig energieeffektiv, ja auch in Plusenergiebauweise, nahe an der Natur, und dennoch in der Stadt arbeiten - von zu Hause aus. Nennt sich Digitalisierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2021 - Kulturpolitik

Am Samstag hatte Peter Laudenbach in der SZ über das Zerwürfnis zwischen dem Regisseur Ersan Mondtag und der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" berichtet. Eine gemeinsam geplante Performance wurde abgesagt, Mondtag, der in dem Projekt auch Aussagen des AfD-Politikers Björn Höcke zitieren wollte, warf der Stiftung daraufhin "Zensur" vor. (Unser Resümee), mehr auch heute in Efeu.

Heute nun nimmt sich Peter Laudenbach in der SZ die Historikerin und Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm direkt vor: Rechts sei sie zwar nicht, behauptet er, aber sie habe ihren Vater -  den Ex-Journalisten Dirk Bavendamm, der sich im "trüben Milieu zwischen akademisch verbrämtem Geschichtsrevisionismus und offenem Rechtsextremismus" bewege - als Direktorin des Alliiertenmuseums in den 10er Jahren neben anderen Ehrenamtlichen Akten studieren und sortieren lassen. Für Laudenbach sollte das Folgen haben: "Gundula Bavendamm hat in der Frage, ob ihre Loyalität eher ihrem Vater Dirk Bavendamm oder einer von ihr geleiteten Institution gehört, mindestens einmal die falsche Entscheidung getroffen. Damit wird ihr Verbleib im Amt zur Belastung für die Vertriebenen-Stiftung. Bereits Gundula Bavendamms respektloser und konfuser Umgang mit dem von ihr erst engagierten und dann rüde gefeuerten Regisseur Ersan Mondtag ließ Zweifel daran aufkommen, ob sie ihrer Aufgabe gewachsen ist."

Dass Nawapan Kriangsak, Tochter des illegal mit Khmer-Kunst handelnden und im vergangenen Jahr verstorbenen Sammlers Douglas Latchford, sich nun entschieden hat, dessen Sammlung an Kambodscha zurückzugeben, begrüßt die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin zwar in der Welt. Bis heute sei jedoch nicht bekannt, "wie viele Dutzend oder gar Hundert (oder sind es gar Tausend?) weiterer Kulturschätze Kambodschas, die während des Bürgerkriegs zwischen 1970 und 1990 und unter Veranlassung oder Mitwirkung Latchfords gestohlen wurden, sich unerkannt in Museen und Privatsammlungen weltweit befinden." Und: "Zudem stellt sich die Frage, ob es eigentlich reicht, wenn die Rückgaben in einer staatlichen musealen Sammelstelle in der Hauptstadt enden. Die antiken Tempelstätten der Khmer waren (und sind) bis heute Stätten der Verehrung der lokalen, ländlichen und ohnehin armen Bevölkerung. Es sind diese Menschen, denen die als beseelt verstandenen Götterbilder geraubt wurden. Sie haben keine Lobby."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2021 - Kulturpolitik

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) rechnet im Interview mit Susanne Messmer und Bert Schulz von der taz erst zu Beginn des nächsten Jahres mit einer Normalisierung des Kulturlebens wie in Vor-Corona-Zeiten: "Ich hoffe, dass alle Kultureinrichtungen zu Beginn des nächsten Jahres im Großen und Ganzen wieder so öffnen und besucht werden können, wie wir das vor der Pandemie kannten. Möglicherweise mit niedrigschwelligeren Hygieneanforderungen, deren Einhaltung man aber, glaube ich, allen abverlangen kann. In einzelnen Bereichen, wie der Clubkultur, wird es selbst dann noch schwierig sein. Auch darauf werden wir reagieren müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2021 - Kulturpolitik

Der Oberste Gerichtshof der USA hat entschieden: Der seit 2008 andauernde Streit um den Welfenschatz (Unsere Resümees) kann nicht vor einem amerikanischen Gericht ausgetragen werden, es handele sich um eine "innerdeutsche Angelegenheit", die USA haben sich aus globalen Rechtsfragen rauszuhalten. Das Urteil markiert eine "Zeitenwende", schreibt der auf Raubkunstfälle spezialisierte Rechtsanwalt Hannes Hartung in der Welt: "Das Urteil wird zahlreichen amerikanischen Anwälten in ihrem Bemühen, innerdeutsche Fälle vor amerikanische Gerichte zu bringen, einen gewaltigen Riegel vorschieben. Das ist zu begrüßen, sollte jedoch in Deutschland als Chance gesehen werden, endlich selbst Verantwortung zu übernehmen: Wir sollten Raubkunstfälle endlich selbst gerecht und fair regeln. Es braucht dafür dringend ein Raubkunstgesetz und nach Möglichkeit auch ein spezialisiertes Gericht, eine bundesweit zuständige Raubkunstkammer bei einem Oberlandesgericht, welche sich dieser Fälle in einem verbindlichen rechtlichen Rahmen annimmt. Bisher hat Deutschland im rechtsstaatlichen Rahmen dafür jedoch nichts getan, sondern nur auf Basis der Freiwilligkeit. Bis heute ist es nicht möglich, die Rückgabe von Raubkunst vor deutschen Gerichten einzuklagen, obwohl schon der Bundesrat im Jahr 2002 angemahnt hat, dass man eigene Verjährungsregeln für Raubkunst finden müsse."

"Ein Türchen lässt das denkbar grundsätzliche Urteil den Klägern noch offen", schreibt Patrick Bahners, der das Urteil in der FAZ ebenfalls begrüßt: "Sie können behaupten, dass die Kunsthändler als Juden 1935 gar keine deutschen Staatsangehörigen mehr gewesen seien - unter welcher Voraussetzung die unterstellte Enteignung dann eventuell doch völkerrechtswidrig gewesen wäre. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat zwei Gründe, der Erörterung dieser Frage vor dem Einzelrichter im Bezirksgericht gelassen entgegenzusehen. Erstens würde die Prüfung, ob jüdische Deutsche im Stichjahr 1935 als ausgebürgert anzusehen sind, die amerikanischen Gerichte wieder als Organe eines abgeleiteten allgemeinen Menschenrechtsschutzes in die Pflicht nehmen. Und zweitens ist die Klärung solcher historisch voraussetzungsreicher Unrechtsfragen für den Obersten Gerichtshof in erster Linie Sache der Staaten, die das Unrecht angerichtet haben." Im Tagesspiegel resümiert Nicola Kuhn den Fall.

In Hamburg wird erbittert über den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge, eines Baus aus der Gründerzeit gestritten, der von den Nazis geschleift worden war. Ein Richtig und Falsch gibt es in der Debatte nicht, meint Matthias Alexander in der FAZ: "Eine Rekonstruktion der Bornplatzsynagoge wäre genauso legitim, wie es jene der Frauenkirche in Dresden und des Hohenzollernschlosses in Berlin war. Zugleich ist sie aber keineswegs zwingend geboten, zumal ihr die herausragende architekturhistorische Bedeutung abgeht. Auch ein Neubau könnte für ein selbstbewusstes Judentum stehen."

Weiteres: Das Museum der Deutschsprachigen Juden in Israel, kurz "Jeckes-Museum" steht vor der Schließung, schreibt in der SZ Peter Münch, der mit Direktorin Ruthi Ofek gesprochen hat: Die Ausstellungstücke sollen "eine neue Heimstatt finden im Hecht-Museum auf dem Gelände der Haifaer Universität. Dazu soll ein Forschungszentrum aufgebaut werden, das die Dokumente des Archivs wissenschaftlich aufarbeitet und offen ist für neue Nachlässe." Es fehlen allerdings 3,5 Millionen Euro.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2021 - Kulturpolitik

Der Streit zwischen der Hahnemann-Stiftung und der Limbach-Kommission um eine Guarneri-Geige aus ehemals jüdischem Besitz ist heute Aufmacher im FAZ-Feuilleton. Die Stiftung kann die 100.000 Euro zur Entschädigung der jüdischen Familie offenbar nicht aufbringen und behauptet inzwischen, die Familie habe gar keinen Anspruch auf die Geige, berichtet Andreas Kilb: "Die Limbach-Kommission hat keine Rechtsmittel, um ihre Empfehlungen durchzusetzen. Ihre Macht ist eine rein moralische. Durch die Einrichtung der Kommission bekennt sich die Bundesrepublik zu ihrer Verpflichtung gegenüber den Opfern der Nazi-Herrschaft. Aus diesem Grund ist das anhaltende Schweigen der Politik zu diesem Vorgang nicht nur befremdlich, sondern skandalös."

Außerdem: Peter Truschner denkt im Perlentaucher darüber nach, welche Künstler in der Coronakrise Geld kriegen, und welche keines.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2021 - Kulturpolitik

In Hamburg und Wien wurden die Kulturetats im Pandemie-Jahr 2020 sogar erhöht, im SZ-Interview erklären Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda und Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, wie man seine Ziele durchsetzt. Kaup-Hasler: "Permanentes Argumentieren aufgrund einer genauen Analyse hilft enorm. Insistieren. Nicht aus einer Defensivposition heraus verteidigen. Unser Kampf gilt ja auch der Abfederung zukünftiger Kosten. Es geht um gesellschaftlichen Mehrwert. Wir verlieren etwas, wenn die sozialen Räume, die Kunst schafft, schrumpfen. Gerade auf dem Feld der Kultur müssen wir unbequeme Fragen stellen."
Stichwörter: Pandemien, Brosda, Carsten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2021 - Kulturpolitik

2016 einigte sich die Franz-Hofmann-und-Sophie-Hagemann-Stiftung mit den Nachfahren des jüdischen Musikinstrumentenhändlers Felix Hildesheimer darauf, diesen eine Entschädigung von 100.000 Euro für eine Guarneri-Geige zu zahlen, die dem Händler laut Limbach-Kommission klar "NS-verfolgungsbedingt entzogen" worden sei, weiß Jörg Häntzschel in der SZ. Bis heute weigert sich die Stiftung allerdings zu zahlen: "Nun, da sie zahlen soll, nutzt sie nicht nur die Schwäche der Kommission aus, sie sät darüber hinaus Zweifel an deren Integrität. Vor allem aber führt sie diese als 'zahnlosen Tiger' (Handelsblatt) vor. Nachfahren jüdischer Sammler werden zögern, vor die Kommission zu ziehen; Institutionen könnten sich ermutigt fühlen, die Empfehlungen ebenfalls zu ignorieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2021 - Kulturpolitik

Sehr schön resümiert Andreas Kilb in der FAZ den bisherigen Streit zwischen Bund und Hohenzollern, die Tausende Gegenstände als ihr Privateigentum betrachten und dafür entschädigt werden wollen: "Im Dezember 2018 hat der Bund ein Angebot vorgelegt, im Frühjahr 2019 haben die Hohenzollern ihre Gegenforderungen eingereicht. Im Juli einigte man sich dann darauf, dass man sich nicht einig war. Seither ruhen die Gespräche. Stattdessen gibt es Anhörungen." Und die neueste Anhörung im Kulturausschuss des Bundestages scheint auch nur eine Gerichtsverhandlug nahezulegen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2021 - Kulturpolitik

Berthold Seliger, selbst Agent und Veranstalter, kritisiert im Neuen Deutschland heftig die angeblich unbürokratische Unterstützung, die die Bundesregierung kleinen Unternehmen und Selbständigen im Kulturbereich zukommen lassen wollte. "Für die meisten kleinen und mittleren Firmen entspricht die beantragte Hilfe nicht einmal 40 Prozent des realen monatlichen Betriebsverlustes im Corona-Jahr, und die Hilfen sind alles andere als 'unbürokratisch'. Kein Wunder, dass bisher von den im Konjunkturpaket ausgelobten 25 Milliarden Euro für die Überbrückungshilfen gerade einmal etwas mehr als zehn Prozent, nämlich 2,7 Milliarden Euro, bewilligt wurden. Die Selbstständigen und kleinen und mittleren Unternehmen im Kultursektor sind in Not; nach Schätzungen von Verbandsvertreter*innen kämpft mehr als ein Viertel der Betriebe um die Existenz."

Mehr zur Auswirkung der Coronakrise auf diverse Kulturszenen heute in efeu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Kulturpolitik

Mit ihrer Rückgabeforderung der Benin-Bronzen kommen die nigerianische Regierung und ihr Botschafter in Deutschland Yusuf Tuggar keinen Schritt weiter - Bundesregierung und die Vertreter der Museen mauern, berichtet Paul Starzmann im Tagesspiegel. Das hängt auch mit einer diplomatischen Feinheit zusammen", erfahren wir. Im Rückgabeersuchen müsste nämlich genau aufgelistet sein, welche Objekte warum zurückgefordert werden. "Das Problem dabei: Nigeria kann diese Angaben kaum machen. 'Viele der Objekte werden in dunklen Kellern in Museen überall in Deutschland aufbewahrt und nie ausgestellt', sagt Tuggar. 'Nigeria weiß nicht, welche Stellen die erworbenen, gestohlenen Objekte besitzen, es sei denn, sie werden ausgestellt.' Deutschland sollte deshalb die Bestände seiner Museen überprüfen, 'anstatt es zur Bedingung für Nigeria zu machen, korrekt zu erraten, wo sich was befindet'. An manchen Museen gibt es diese 'Provenienzforschung' bereits, doch die benötigt oft Jahre und steht vielerorts erst am Anfang."