9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2020 - Internet

Die aktuellste Version rechtsextremer Verschwörungstheorien  läuft unter dem Kürzel "QAnon". Ari Sen veröffentlicht bei NBC News einen sehr viel retweeteten Artikel mit geleakten Informationen, die zeigen, dass die Zahl der QAnon-Anhänger bei Facebook in die Millonen geht (drei Millionen, um genau zu sein). Genützt haben Facebooks Algorithmen: "Es gibt mehr als zehn Millionen Aktivistengruppen, sagte ein Facebook-Sprecher gegenüber NBC News im Jahr 2019, eine Zahl, die wahrscheinlich gewachsen ist, seit das Unternehmen begann, Gruppenpostings in den Hauptfeeds der Nutzer einzuspielen. Während sich die meisten Gruppen harmlosen Inhalten widmen, haben Extremisten, von QAnon-Verschwörungstheoretikern bis hin zu Anti-Impfungs-Aktivisten, das Gruppen-Feature auch genutzt, um ihr Publikum zu vergrößern und Fehlinformationen zu verbreiten. Facebook unterstützte dieses Wachstum mit seiner Empfehlungsfunktion, die auf einem geheimen Algorithmus basiert und den Benutzern Gruppen vorschlägt, die auf Interessen und bestehender Gruppenzugehörigkeit basieren."

Digitale Techniken haben vielen Menschen - auch Kranken! - während der Corona-Lockdowns geholfen, lernt Victor Sattler (FAZ) aus mehreren amerikanischen Studien. Eine "fundamentale Grenze" hat alles Digitale am Ende aber doch: "Forscher der Universität von Arizona haben in einer Studie mit knapp fünfhundert Zwillingspaaren Anhaltspunkte dafür gefunden, dass zumindest bei Frauen die Neigung zu zärtlichem Körperkontakt nicht bloß sozial erlernt wurde. Ihr 'Haut-Hunger', das Bedürfnis nach Umarmungen oder Handschlägen, könne zu einem Teil (hier waren es im Mittel 45 Prozent) auch durch Vererbung erklärt werden. Die Ergebnisse bei den männlichen Zwillingen erlaubten eine solche Schlussfolgerung nicht. Obwohl es dazu keine Auswertung gab, wäre es dieser Studie nach plausibel, dass Frauen, denen ein starkes Bedürfnis nach Körperkontakt in den Genen steckt, im Lockdown Probleme bekommen. Digitales hält hier vorerst keine Lösung bereit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2020 - Internet

Der geschlossene Messengerdienst Telegram, der anders als soziale Medien die Posts von Gruppen nicht durch Algorithmen hierarchisiert und darum noch aktueller ist, hat sich als ideales Ökosystem für den Rechtsextremismus erwiesen, schreibt Stefan Krempl in golem.de, unter anderem unter Bezug auf den Experten Miro Dittrich von der NGO "De:hate": "Dienste wie Telegram erhöhen laut Dittrich 'die Wirkungsmacht rechter Falscherzählungen enorm'. Abonnenten hätten 'das Gefühl einer parasozialen Beziehung - sie glauben nach einiger Zeit, den Absender wirklich zu kennen'. So entstehe eine Bindung, Widerspruch oder korrigierende Informationen fänden sich in der Gruppenkommunikation in der Regel nicht. Selbst offene Neonazi-Gruppen fühlten sich auf Telegram gänzlich unbeobachtet, posteten Hakenkreuze oder bereiteten sich auf den Tag X ihrer Machtübernahme vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2020 - Internet

Es gibt viel internen Ärger bei Facebook, unter anderem, weil Facebook-Angestellte fürchten, dass die Plattform rechte Medien wie Breitbart bevorzuge, berichten Craig Silverman und Ryan Mac bei Buzzfeed. Breitbart gehört immer noch - wie etwa Buzzfeed selbst - zu den "Medienpartnern" bei Facebook, das heißt zu den Medien, die von Facobook für News, die sie bringen, bezahlt werden. "Einige Facebook-Mitarbeiter haben Belege gesammelt, die zeigen sollen, dass Breitbart - wie andere rechtsgerichtete Organisationen und Persönlichkeiten... - eine besondere Hilfestellung erhalten hat, die ihm geholfen hat, nicht mit den Leitlinien der Platform in Konflikt zu geraten. Sie sehen sie als Teil einer Vorzugsbehandlung für rechte Verleger und Seiten, von denen allerdings viele sagen, das soziale Netzwerk sei gegen Konservative voreingenommen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2020 - Internet

Im Aufmacher der SZ-Feuilletons testet Michael Moorstedt die KI "GPT-3", eine Software, die ohne menschliche Hilfe Kurzgeschichten, Bilanzanalysen, Artikel oder Abhandlungen schreibt, im Selbstversuch: "Um einen Text zu verfassen, ermittelt die KI, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Wort auf das vorherige folgt. Denn wie alle anderen Deep-Learning-Systeme versucht GPT-3, Muster in den ihm vorliegenden Daten zu erkennen", erklärt er und verweist auf die Gefahren: "Weil Open AI das Modell mit Text trainiert hat, der frei im Internet zugänglich ist, kann es passieren, dass die Software nun alle Vorurteile und Verknüpfungen wiedergibt, die von Menschen zuvor ins Internet geschrieben wurden. In dem Paper, in dem GPT-3 beschrieben wird, widmen sich die Entwickler daher auch Fragen zu sexistischen oder rassistischen Vorurteilen, die von dem Modell reproduziert werden. Männliche Pronomina verknüpft das Modell etwa mit Wörtern wie lustig, fantastisch oder stabil, weibliche Fürwörter dagegen mit Adjektiven wie zierlich, wunderschön, unanständig oder schwanger. Die gleichen Probleme tauchen auch hinsichtlich Hautfarbe oder Religion auf - das Wort Islam wird mit Terrorismus assoziiert, Judentum mit Rassismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2020 - Internet

Nina Rehfeld berichtet auf der Medienseite der FAZ über die Vorladung der Chefs von Apple, Amazon, Googles Mutterfirma Alphabet und Facebook vor den Kartellausschuss im amerikanischen Kongress. Der Vorwurf: Alle vier sollen ihre Machtstellung benutzt haben, bevorzugt eigene Produkte zu verkaufen. Aber eine Zerschlagung der Konzerne ist wohl kaum zu befürchten, meint Rehfeld - "dank veralteter Gesetzgebung, politischer Polarisierung und einer uramerikanischen Faszination für wirtschaftlichen Erfolg." Das Kartellrecht, das vor allem gegen Preisabsprachen vorgeht, greife bei den vier nicht recht: "Die Tech-Konzerne bieten ihre Leistungen scheinbar gratis oder besonders günstig an - im Austausch für die Preisgabe persönlicher Informationen. Die gesammelten Datenmengen sind der Rohstoff, mit dem die Tech-Firmen nicht nur den jeweiligen Markt dominieren."

Immerhin hat die öffentliche Debatte über Datenkontrollverlust der User und die Manipulation der öffentlichen Meinung schon einige Veränderungen bei den Big Four bewirkt. Aber das reicht nicht, meint Ruben Verborgh, Professor für Webtechnologie in Gent, in der SZ, solange es fast unmöglich ist, seine Daten in ein anderes soziales Netzwerk mitzunehmen: "Gemeinsam mit dem Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, arbeite ich an digitalen Datentresoren, die es ermöglichen werden, unsere Daten sicher zu speichern und Informationen mit Kontakten zu teilen, die eine andere Plattform verwenden. Diese Art von Lösungen wird uns nicht nur vor großen Datenlecks schützen. Auch Innovationen von unabhängigen App-Entwicklern werden wieder möglich sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2020 - Internet

Amerikanische Konservative wenden sich ab von Twitter und Co und anderen Plattformen zu, weil sie sich zensiert fühlen. In der NZZ ist Adrian Lobe zwiegespalten: In den sozialen Netzwerken "zumindest findet noch Kommunikation zwischen den verfeindeten Lagern statt. Selbst wenn man einen Nutzer blockiert, ist das noch eine Form der sozialen Interaktion. Wenn nun aber immer mehr konservative Nutzer Plattformen wie Facebook oder Twitter den Rücken kehren und sich in alternativen Foren organisieren, droht die Öffentlichkeit in immer kleinteiligere Neben- und Scheinöffentlichkeiten zu zerfallen - in homogene 'gated communities', in denen man gar nicht merkt, was auf der anderen Seite der Mauer stattfindet. Die Diskussionen verlaufen dann zwar gesitteter, sind aber auch tendenziell selbstreferenzieller."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2020 - Internet

(Via Meedia). Die New York Times verabschiedet sich mehr oder weniger von digitaler Werbung die ihr (wie auch dem Perlentaucher auf ein paar Werbeplätzen) von dritten Anbietern zugespielt wird und die meist auf eine ziemlich enge Überwachung der Nutzer setzen, wie Robin Berjon in der Times in einem ausufernden Blogbeitrag erklärt. Im Grunde läuft's darauf hinaus, dass man wieder selber akquiriert: "Wir verringern unsere Abhängigkeit von Dritten, indem wir unsere eigenen Fähigkeiten entwickeln, Anzeigen zu platzieren, die nicht auf der Verfolgung der Leser über ihr gesamtes vernetztes Leben hinweg basieren. Um Anzeigen effektiv zu gestalten, ohne zu wissen, wem sie präsentiert werden, haben wir verbesserte kontextbezogene Targeting-Funktionen entwickelt."

(Via turi2) Und noch ein Problem, das vielleicht die New York Times und überhaupt fast jeden betrifft, der im Internet etwas aufbauen will: Google lenkt inzwischen vierzig Prozent der Suchanfragen auf eigene  Seiten, wo es die Nutzer prächtig überwachen und mit eigener Werbung bombardieren kann, berichten Adrianne Jeffries and Leon Yin in themarkup.org und zitieren einen Betroffenen: "'Google hat mit dazu beigetragen, das freie Internet aufzubauen. Jetzt trägt es dazu bei einzureißen, was es aufbaute', sagt Chris Cummings, der Chef von Curiosity Media, dem die Übersetzungswebsite SpanishDict.com gehört. Die Seite bietet freie Übersetzungen und Wörterbucheinträge, viele von Linguisten und Übersetzern geschrieben. Es lebt von Werbung und braucht Traffic um zu überleben. Jahrelang, sagt er, wuchs seine Website mit Google. Aber dann war Google Translate der Top Spot bei Übersetzungssuchen..."

Marian Turski, geboren 1926, schreibt heute in der FAZ einen offenen Brief an Mark Zuckerberg mit der Aufforderung, Hassrede auf Facebook zu unterbinden: "Wenn auf Facebook jemand dazu anstiftete, mich, Marian Turski, umzubringen, dann glaube ich, dass Sie das sicher für unzulässig halten würden. Aber Menschen, die heute den Holocaust leugnen, verfolgen eine Ideologie und geben sie an die junge Generation von heute weiter, die den Tod von sechs Millionen Marian Turskis verursacht hat. Deshalb appelliere ich heute an Sie, - nicht wider die Demokratie, sondern der Demokratie zuliebe - nicht zuzulassen, dass Holocaust-Leugner auf Facebook in Erscheinung treten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2020 - Internet

Das Pekinger Unternehmen Bytedance, das die superpopuläre App und Plattform TikTok betreibt, kommt besonders in den USA (aber auch in Indien) immer mehr unter Druck - eben weil es ein Pekinger Unternehmen ist, berichtet der Pekinger taz-Korrespondent Fabian Kretschmer: "ByteDance versucht jetzt vor allem, sich ein internationales Image zu verpassen, das potenzielle Verbindungen zu Chinas Kommunistischer Partei vergessen machen soll: So wurde der frühere Disney-Vorstand, Kevin Mayer, als CEO rekrutiert und eine Horde PR-Lobbyisten angeheuert. Doch kommt TikTok aus seinem Herkunftsdilemma nicht heraus: Sollte Peking tatsächlich Informationen von dem Start-up anfordern, gäbe es praktisch keine rechtliche Grundlage, dagegen vorzugehen."

Außerdem: In einem Urteil zum "Recht auf Vergessenwerden" hat der Bundesgerichtshof festgestellt, dass Entscheidungen im Einzelfall getroffen werden müssen, weil "auf der einen Seite das Persönlichkeitsrecht des Antragsteller, (steht) auf der anderen Seite die unternehmerische Freiheit von Google, die Pressefreiheit des verlinkten Mediums sowie das Informationsinteresse der Öffentlichkeit", berichten Christian Rath in der taz (hier) und Charlotte Pekel in Netzpolitik (hier). Kurz: das Recht ist eine Gelddruckmaschine für Rechtsanwälte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2020 - Internet

In seinem neuen Buch "Der kommende Neo-Feudalismus" warnt der amerikanische Geograf Joel Kotkin vor einem an das Mittelalter erinnernden Schulterschluss zwischen der "Oligarchie des Silicon Valley" und einer intellektuellen Klasse von "linken Klerikern", deren Dogmen alle andere Meinungen unterbinden. Im von der Welt übersetzten Gespräch mit Laura Mandeville (Le Figaro) erläutert er: Das Vermögen liege in der Hand der Tech-Giganten, Mittel- und Arbeiterklasse verarmen, während linke Intellektuelle "versuchen, die Werte der Familie und der individuellen Freiheit, die für den Erfolg Amerikas in der Nachkriegszeit und den Wohlstand der Mittelklasse gesorgt hatten, durch ein Credo zu ersetzen, das die Verteidigung des Globalismus, der sozialen Gerechtigkeit (definiert als Verteidigung von ethnischen und sexuellen Minderheiten; Anm. d. Red.) und ein dauerhaftes, von oben her vorgeschriebenes Entwicklungsmodell und eine Neudefinition der Rollen innerhalb der Familie verbindet. Sie sagen, dass eine nachhaltige Entwicklung wichtiger ist als das Wachstum, das die Arbeiterklassen aus der Armut führen könnte. Dieser Punkt wird für erhebliche soziale Spannungen sorgen. Wirklich verblüffend ist dabei die Geschlossenheit dieses 'Klerus'. Unter den Journalisten bezeichnen sich nur sieben Prozent als Republikaner..."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2020 - Internet

Soziale Medien wie Facebook und Twitter haben in Hongkong nach den neuen Sicherheitsgesetzen jede Zusammenarbeit mit den Behörden verweigert. Nun kommt die Meldung, dass das bei jungen Leuten populäre Netzwerk TikTok Hongkong ganz verlässt - mit der Begründung, dass man der chinesischen Regierung keine Daten geben will. TikTok - ein rein chinesisches Untenehmen - war wegen der Zensur mancher Videos unter Verdacht geraten, schreibt Karishma Vaswani auf der Website der BBC: "Aus diesem Grund hat TikTok versucht, sein globales Image zu verändern - und dies könnte ein weiterer Schritt in diese Richtung sein. TikTok hat auch immer wieder erklärt, dass es, wenn es darum gebeten würde, niemals Daten an Peking übergeben würde - und dass es auch niemals um Benutzerdaten gebeten wurde. Ein Verbleiben in Hongkong nach dem neuen Gesetz könnte es für das Unternehmen schwierig machen, diesem Versprechen treu zu bleiben."
Stichwörter: Tiktok, Hongkong, Soziale Medien