9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

1327 Presseschau-Absätze - Seite 32 von 133

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Internet

Die sozialen Medien geraten nach dem Eindruck des Unternehmers Veit Dengler außer Kontrolle. Darum fordert er in der NZZ mehr juristische Sanktionen: "Zu wenig am Radar der Justiz sind Nutzerkonten in sozialen Netzwerken; das sollte sich ändern. Man kann die nicht mehr funktionierende Unterscheidung von privat/öffentlich durch jene von einmalig/wiederholt ersetzen. Konten, auf denen wiederholt strafrechtlich relevante Äusserungen getätigt werden, könnten suspendiert und bei weiterer einschlägiger Betätigung endgültig gesperrt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 - Internet

Im Interview mit der SZ erklären die Tech-Kritiker Tristan Harris und Roger McNamee, warum Google und Facebook verantwortlich sind für den Niedergang der Demokratie in den USA, Großbritannien, Brasilien und Indien (erstaunlicherweise nicht Europa). Was sie sich statt dessen wünschen: "Smartphone-Technik, die Erfahrungen von Angesicht zu Angesicht priorisiert. Ein GPS, das einen an Orte mit Menschen bringt, und so viele menschliche Ausdrucksformen wie möglich nutzt: Anrufe vor Textnachrichten, echte Treffen vor Tinder-Gewische über bearbeitete Gesichtsfotos. Mit Menschen zusammenzukommen, die einem etwas bedeuten, sollte so einfach sein wie Wikipedia zu nutzen." Daneben bespricht Simon Hurtz Jeff Orlowskis Dokumentarfilm "Das Dilemma mit den sozialen Medien", der eben diese als Monster zeichnet.

Wäre die Welt also schöner und friedlicher, gäbe es keine von Algorithmen bestimmten sozialen Medien? Am Ende sind es doch individuelle Menschen, die diese Medien benutzen und die können eben auch ganz ohne Algorithmus fies sein. Die Welt hat einen Artikel des niederländischen jüdischen Autors Leon de Winter aus der National Review übernommen, in dem er erzählt, wie es ihm nach einer Reihe von Tweets ging, die er offenbar nach einem Radiobeitrag abgesetzt hatte, der wiederum einen Guardian-Artikel zitiert hatte, wonach 97 Prozent der BLM-Proteste ja friedlich gewesen seien. Winter setzte daraufhin drei Tweets ab, deren Quintessenz in diesem Satz lag: "The Nazi occupation of The Netherlands was 99% peaceful. Did you ever think about this, you at @NPORadio1?" Daraufhin setzte der Politologe Cas Mudde ohne jeden Hinweis auf den Zusammenhang folgenden Tweet ab: "Jean-Marie Le Pen: Holocaust was detail in Second World War. Leon de Winter: Nazi occupation of Netherlands was 99% peaceful." Was dann passierte, kann man hier nachlesen.

Ein Reporterteam von Buzzfeed veröffentlicht Erkenntnisse eines internen Papiers bei Facebook, in dem die Datenforscherin Sophie Zhang politische Manipulationen des Dienstes in Ländern feststellt, die nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, wie etwa Honduras oder Aserbaidschan. Es geht um gefälschte Konten und andere unzulässige Aktivitäten. Zhang glaube nicht, "dass die Versäumnisse, die sie während ihrer zweieinhalbjährigen Tätigkeit im Unternehmen beobachtete, das Ergebnis böser Absichten der Mitarbeiter oder der Führung von Facebook waren. Es sei ein Mangel an Ressourcen gewesen, schreibt Zhang, und das Unternehmen neige dazu, Aktivitäten zu verhindern, die dem öffentlichen Ansehen des Unternehmens schaden, während Risiken für die Wahlen oder das öffentliche Leben nachrangig seien. 'Facebook vermittelt nach außen hin ein Bild von Stärke und Kompetenz..., aber in Wirklichkeit basieren viele unserer Aktionen auf Willkür und Zufall' schreibt sie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2020 - Internet

Harald Welzer hat für das Deutsche Historische Museum eine Ausstellung über den Medienwandel kuratiert. Für das Internet verheißt das nach dem Bericht Hannah Bethke in der FAZ nichts Gutes: "Im Internet-Raum, der letzten Station, geht es um die bekannten Themen, die im Zuge des digitalen Wandels tagaus, tagein diskutiert werden: Datenschutz, Überwachung, Reichweite, Mobilität, Hass im Netz, Social Media, Trumps Twitter-Account, China als Beispiel totalitärer Herrschaft mit digitalen Mitteln. Am Ende sammeln 'Wegweiser für eine demokratischere Digitalisierung' Utopien für eine bessere Gegenwart - damit man die Ausstellung nicht 'so depri' verlässt, wie Welzer sagt." Das Museum bietet im Internet rudimentäre Informationen zur Ausstellung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2020 - Internet

Wirkungsvoller als der von den Medien hochgeschriebene Einfluss russischer Desinformationskampagnen auf die US-Wahl 2016 sind die Diskussionen darüber, meint der Politologe Thomas Rid im Zeit-Online-Interview ab: "Reden wir darüber, welchen Einfluss russische Interventionen auf die US-Wahlen 2016 hatten, dann ist bereits die Erzählung darüber, das Gespräch über die aktive Maßnahme, Teil dieses Beeinflussungsversuchs. Die Frage, ob eine Einflussnahme stattgefunden hat, ist hoch politisch. Und an ihr entlang spaltet sich die Parteienlandschaft in den USA. Wir sind in einem konstruktivistischen Alptraum angelangt: Wenn wir beschließen, dass die russische Einflussnahme erfolgreich war, dann war sie erfolgreich. Wenn die andere Seite der politischen Debatte beschließt, dass sie nicht erfolgreich war, dann wird sie bizarrerweise dadurch noch erfolgreicher. (…) Weil das die Debatte weiter anfeuert, polarisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2020 - Internet

Man kann gegen Trump sagen, was man will, sein Schritt gegen TikTok war richtig, findet Marcel Weiß in seinem Blog Neunetz. Aber er wurde nur möglich, weil zuvor schon Indien die Expansion eines intransparenten Netzwerks unter dem möglichen Einfluss der Neomaoisten unter Xi Jinping gestoppt hatte: "Was mit TikTok passiert, zeigt der chinesischen Regierung und den chinesischen Unternehmen, dass die Verquickung aus expandierenden Unternehmen und Diktatur mit geopolitischen weltweiten Ambitionen einen hohen Preis haben wird: Eine Obergrenze für die internationale Expansion. Für China steht deshalb mehr auf dem Spiel als der Verlust des ersten aus China kommenden international erfolgreichen Social Networks. Es geht um nichts weniger als die Weichenstellung für die globalen Limits der expandierenden chinesischen Wirtschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 - Internet

Der Datenschützer Alan Dahi erklärt im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz, warum er sich gegen die großen Internetkonzerne wehrt, die trotz europäischer Gesetze weiterhin persönliche Daten in die USA übermitteln. "Dadurch, dass Google und Facebook auf fast allen Webseiten zu finden sind, können sie Profile über die Nutzer erstellen. Und sie können jeden nachverfolgen und sehen: Aha, der besucht erst diese Seite und dann diese und dann eine dritte und kauft dort das. Und das wird sehr schnell sehr persönlich. Wenn zum Beispiel jemand Gartenmöbel kauft oder Naturkosmetik, Medikamente oder Kinderkleidung oder auch nur entsprechende Informationen sucht - das verrät viel über die Person dahinter. Das funktioniert natürlich auch mit politischen Vorlieben."

Auch ihre Mitarbeiter spionieren die Konzerne gern aus. Aaron Holmes berichtet in Businessinder.com, dass Amazon Geheimdienstagenten einstellt, um gewerkschaftliche Bestrebungen bei Mitarbeitern aufzuspüren. Das geht aus einer Stellenausschreibung des Konzerne hervor: "Ein Amazon-Sprecher reagierte nicht sofort auf eine Bitte um Stellungnahme, aber die Stellenausschreibung wurde kurz nachdem der Business Insider Amazon kontaktiert hatte, gelöscht. Die Anzeige wurde am Dienstagmorgen auf Twitter weit verbreitet, bevor sie gelöscht wurde." Bei Netzpolitik berichtet Alexander Fanta über die Überwachung von Mitarbeitern bei Amazon.
Stichwörter: Datenschutz, Amazon, Netzpolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2020 - Internet

"36 Facebook-Gruppen mit insgesamt 366.000 Followern gibt es, die ungehindert den Völkermord negieren, notiert Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen (eine Studie hat festgestellt, wie Facebook auch antisemitische Verschwörungstheorien fördert). Holocaust-Leugnung falle bei Facebook unter freie Meinungsäußerung, außer in Ländern wie Deutschland: "Wenn so etwas einmal passiert, ist es vielleicht ein Versehen. Geschieht es zweimal, könnte es noch Zufall sein. Beim dritten Mal beginnt es, nach einem Muster auszusehen. Auf Facebook passiert es ständig. Der Verdacht drängt sich auf, dass Zuckerberg Judenhass duldet, um Klicks zu generieren und so Geld zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2020 - Internet

Der Netztheoretiker Tim Wu begrüßt in der New York Times die amerikanische Politik gegen die Plattform TikTok als eine längst fällige Erwiderung auf den chinesischen Netznationalismus, der praktisch alle ausländischen Dienste vom heimischen Markt ausschloss und sein eigenes alternatives Internet entwickelte, das Chinas Interessen und der Gedankenkontrolle dient. Jahrelang "akzeptierten wir unter nur leisen Klagen die chinesische Zensur und die Blockade von externen Inhalten, während wir es chinesischen Unternehmen erlaubten, sämtliche Märkte auszuforschen und zu erobern. Kaum ein Unternehmen darf chinesischen Bürgern Ideen oder Dienstleitungen bringen, während die Welt weit offen ist für die chinesischen Online-Unternehmen. Diese Asymmetrie ermöglichte China einen Boom und diente sowohl ökonomischen als auch politischen Interessen." Tim Wu fragt, wie das ganze wohl von Europa aussieht, das auch für die amerikanischen Unternehmen offen ist - und nicht annähernd eine Konkurrenz entwickeln konnte.
Stichwörter: Tiktok, China, Internet in China

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2020 - Internet

TikTok ist das erste soziale Medium, das sich erfolgreich gegen amerikanische Plattformen behauptet hat. Wenn Trump TikTok verbietet, verstärkt das eine Tendenz, das Internet in nationale Blasen aufzuteilen, warnt Aline Blankertz, die in der Stiftung  Stiftung Neue Verantwortung zum Thema Plattformökonomie arbeitet, im Gespräch mit Svenja Bergt von der taz: "Wenn das Internet zunehmen regional aufgebaut ist, erschwert das dreierlei: erstens die Vernetzung von Menschen aus unterschiedlichen Regionen, was ja auch einer der Grundwerte des Internets ist. Zweitens und mit der Vernetzung verbunden: die Kommunikation. Wenn es in jedem Land einen anderen dominanten Messenger-Dienst gibt, bekommt grenzüberschreitende Kommunikation höhere Hürden. Und drittens die Information. Wer etwa Nachrichten aus einem anderen Land sucht, muss dann wissen, welche Suchmaschine oder welches Nachrichtenportal es dort gibt."

Auch James Ball fürchtet im Guardian eine Balkanisierung des Internets, wenn Trump TikTok verbietet oder einen Verkauf an Microsoft erzwingt: TikTok habe  keineswegs die strategische Dimension für China wie etwa Huawei. Und "eine Firma nur wegen ihrer Nationalität anzugreifen, wäre eine existenzielle Bedrohung für das Netz, wie wir es kennen". Und schließlich: "Wenn die USA es zum Grundsatz machen, dass jedes Land seine eigenen Online-Unternehmen haben und die internationale Interaktion einschränken sollte, sind es zweifellos auch die USA, die am meisten zu verlieren haben. Sie würden weltweit riesige Einnahmen (und damit Steuereinnahmen) verlieren, ihre Softpower im Online-Bereich erheblich schmälern und ihren immer noch riesigen Vorteil bei der Online-Überwachung schmälern."

In der NZZ sieht der Historiker Niall Ferguson dagegen einige gute Gründe, warum Trump mit seinem Verbot von Tiktok ausnahmsweise mal richtig liegt. Schließlich würden alle Daten der User an die chinesische Regierung weitergeleitet. Wer genauer wissen will, was das bedeutet (oder tatsächlich glaubt, das sei auch nicht schlimmer als wenn die Daten in den USA landen), sollte "The Panopticon Is Already Here" lesen, Ross Andersens Aufsatz im neuen Atlantic, empfiehlt er. "Andersen drückt es so aus: 'In nächster Zukunft könnte jede Person, die [in China] einen öffentlichen Bereich betritt, sofort von einer KI identifiziert werden, die sie mit einem Ozean persönlicher Daten abgleicht, darunter ihre gesamte Textkommunikation und das Schema der Proteinstruktur, die ihr Körper aufweist. Bald werden Algorithmen imstande sein, Datenpunkte aus einer Vielzahl von Quellen zu verknüpfen - Reiseberichte, Freunde und Geschäftspartner, Lesegewohnheiten, Einkaufsverhalten - und so politischen Widerstand vorherzusagen, ehe er sich manifestiert.'" Diese Technologie übernehmen wollen laut Andersen "Bolivien, Ecuador, Äthiopien, Kenya, Malaysia, Mauritius, die Mongolei, Serbien, Sambia, Simbabwe, Sri Lanka, Uganda und Venezuela".

Oder ärgert sich Trump tatsächlich nur über die Komikerin Sarah Cooper, die ihn auf TikTok so erfolgreich parodiert?

@whatchugotforme

How to tiktok

♬ original sound - whatchugotforme

Außerdem: Im Observer verweist Mark Townsend auf eine Studie, die behauptet, dass Facebook-Algorithmen Holocaust-Leugnung bestärken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2020 - Internet

Der Medientheoretiker Tilman Baumgärtel inspiziert für die taz das soziale Netz TikTok, das er in vielem besser gemacht findet als Facebook oder Youtube - wären da nicht die Intransparenz und die in diesem Fall damit verbundene Gefahr, die durch die Datendiktatur China ausgeht. Baumgärtel hat eine Lösung für das Problem: "Darum müsste man von dem Unternehmen verlangen, seine Software als Open-Source-Programme im Netz öffentlich zugänglich zu machen. Die Methoden der Datenerfassung und -verarbeitung müssten ebenso transparent sein wie die internen Richtlinien für die Moderation von Inhalten. Den Nutzern von Tiktok müsste wie bei einer Genossenschaft über gewählte Vertreter Einfluss auf Geschäftsentscheidungen und inhaltliche Entwicklung eingeräumt werden, denn von ihnen stammen sämtliche Videos, die bei Tiktok gezeigt werden. Und wenn man schon mal dabei ist, müsste man diese Regeln auch gleich auf Facebook, Youtube und Co anwenden."