9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2021 - Internet

In der NZZ ist Evgeny Morozov unzufrieden, dass die großen Technologiekonzerne plötzlich pro Datenschutz agieren. An einer Verbesserung von Facebook oder Google ist er nicht interessiert, sondern an anderen, wohl eher staatlich kontrollierten digitalen Plattformen: "Wer weiß, welche anderen Arten von Institutionen in der digitalen Umgebung von heute möglich sind? Anstatt das herauszufinden, haben die Entscheidungsträger der Politik diesen ganzen Entdeckungsprozess allein der Technologiebranche überlassen. Anstatt Infrastrukturen aufzubauen, die solche Versuche im großen Maßstab erleichtern könnten, begnügen sie sich mit der vorhandenen Infrastruktur, die von der Technologiebranche (oft als kostenpflichtige Dienstleistung) bereitgestellt wird."
Stichwörter: Morozov, Evgeny, Datenschutz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2021 - Internet

Der Politologe Jan-Werner Müller ist ganz für soziale Medien, weil sie mehr Meinungspluralismus ermöglichen. Nur sollten sie nicht vom "Aufhetzungskapitalismus" profitieren, erklärt er in der Welt. Es gebe in den USA inzwischen "eine ganze Reihe wichtiger Initiativen für demokratische digitale Infrastruktur, insbesondere öffentliche Plattformen, die sich nicht am Modell von Profit-durch-Überwachung-durch-Werbung orientieren. Analog zu der amerikanischen Corporation for Public Broadcasting - dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das es in den USA entgegen landläufiger Meinung durchaus, aber halt in kleinem Maßstab, gibt - hat man eine Corporation for Public Software vorgeschlagen. Damit stünden Apps zur freien Verfügung, die vor allem offenen Austausch unter Bürgern ermöglichen sollen. Es wäre einmal mehr naiv zu meinen, hier würde sich dann flugs Konsens ergeben: Kommunikationsfreiheit und Vergemeinschaftung, so sagte Armin Nassehi einmal, schlössen sich eigentlich aus. Aber Kommunikationsfreiheit, die für Profit manipuliert wird, ist immer noch etwas Besonderes, das sich auch ganz anders regulieren ließe."

Eigentlich gibt es schon längst eine demokratische digitale Infrastruktur: Sie heißt world wide web und ist jedem zugänglich. Im Interview mit der SZ erinnert Christian Humborg, der designierte neue Chef der deutschen Wikimedia-Gesellschaft, daran, dass der digitale Raum immer noch mehr ist als die sozialen Medien: "Eigentlich sollte der digitale Raum so gestaltet sein, wie wir uns auch das nicht-digitale Leben vorstellen. ... Das sollte ein öffentlicher Raum sein. Klar darf es da auch Geschäfte und Spätis geben, aber das sollte nicht der dominierende Mechanismus sein. In manchen Ländern wissen die Menschen gar nicht mehr, dass es ein freies, offenes Internet gibt. Die landen direkt bei Facebook. Deshalb müssen wir die offene, digitale Gesellschaft mitgestalten."

Außerdem: Im Interview mit der NZZ spricht Anna Zeiter, Global Chief Privacy Officer von Ebay, über Meinungsfreiheit, Datenschutz und die sozialen Medien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2021 - Internet

"Die Zeit der großen Freiheit ist wohl vorbei", jubelt Urs Saxer in der NZZ, heilfroh, dass die sozialen Medien jetzt in den USA, Britannien und Europa an die Kandarre genommen werden. Dazu gehören neue Verordnungsentwürfe der EU, die "diverse wettbewerbsbehindernde Praktiken vor allem gegenüber den gewerblichen Nutzern für illegal erklärt werden. Die Kommission soll umfassende Befugnisse für Marktuntersuchungen erhalten. Ein Überwachungs- und Sanktionskatalog rundet diesen Vorschlag für eine umfassende Sonderregelung des Wettbewerbs auf den Onlinemärkten ab." Außerdem sollen die Nutzer mehr Rechte erhalten: Darauf hingewiesen, müssen die Plattformen illegale Inhalte zwar zügig löschen, dies aber künftig schriftlich begründen und Schiedsgerichte einsetzen: "Aus Gründen der Transparenz haben sie offenzulegen, ob verpönte Inhalte automatisiert gefunden wurden und ob die Entscheidung automatisiert erfolgte. All dies stärkt die Grundrechte der Nutzer enorm."

In der SZ empfiehlt Michael Moorstedt die Software-Tools Fawkes und Lowkey, mit deren Hilfe KI-Modelle zur Bilderkennung in die Irre geführt werden können. Einsetzen kann man sie beispielsweise, um die KI am Wiedererkennen von Selfies in sozialen Medien zu hindern: "Data Poisoning, Vergiftung der Daten, nennen es die Forscher. Die vergifteten Selfies aber sind für jeden Einzelnen ein Mittel, wieder ein bisschen mehr Herr über seine Daten zu werden. Unter lowkey.umiacs.umd.edu und dev.scrb.ai können Nutzer die Störfeuer-Software selbst ausprobieren. Laut Angaben der Forscher ist sie gegen alle gängigen großen Bilderkennungsmodelle wirksam, etwa Amazons Rekognition oder auch Microsofts Azure-Plattform."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2021 - Internet

Diese Meldung ist betrüblich für Perlentaucher-LeserInnen, obwohl viele mit ihr gar nichts werden anfangen können. Der Dienst Nuzzel kündigt in seinem Blog seine Schließung an. Nuzzel setzte auf Twitter auf und bündelte und hierarchisierte die Streams von Twitter-Prominenten. So konnte man sehen, welche Themen im globalen Dorf Konjunktur hatten - und Perlentaucher-Leser bekamen zuweilen Quellen serviert, die exotisch waren. Die Kommentare sind gegenüber Twitter nicht gerade freundlich:

Stichwörter: Nuzzel, Twitter

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2021 - Internet

Buzzfeed veröffentlicht einen Facebook-internen Bericht über die Rolle der Plattform für die Mobilisierung des Sturms auf das Washingtoner Capitol im Januar: "Unter dem Titel 'Stop the Steal and Patriot Party: The Growth and Mitigation of an Adversarial Harmful Movement' ist der Bericht eine der wichtigsten Analysen darüber, wie sich die aufrührerischen Bemühungen, eine freie und faire US-Präsidentschaftswahl zu stürzen, über das größte soziale Netzwerk der Welt ausbreiteten - und wie Facebook kritische Warnzeichen übersah."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2021 - Internet

In der Howard University, an der vor allem Schwarze studieren, werden die altphilologischen Fächer abgeschafft. Um sie gibt es in den USA wegen angeblichen Rassismus der Disziplin Streit. In der Washington Post protestieren der bekannte afroamerikanische Intellektuelle Cornel West und Jeremy Tate gegen diesen Beschluss: "Die anhaltende Kampagne in der akademischen Welt gegen die Klassiker  ist ein Zeichen für geistigen Verfall, moralischen Niedergang und eine tiefe intellektuelle Verengung, die in der amerikanischen Kultur wüten. Diejenigen, die diese schreckliche Tat begehen, behandeln die westliche Zivilisation entweder als irrelevant und nicht wert, priorisiert zu werden, oder als schädlich und nur der Verurteilung würdig. Traurigerweise sind in unserem Kulturbegriff die Verbrechen des Westens so zentral geworden, dass es schwer ist, das Beste des Westens im Auge zu behalten. Wir müssen wachsam sein und den Unterschied zwischen der westlichen Zivilisation und Philosophie einerseits und westlichen Verbrechen andererseits beachten. Die Verbrechen entspringen bestimmten Philosophien und bestimmten Aspekten der Zivilisation, nicht allen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2021 - Internet

Ein Prozess des Bundeskartellamts gegen Facebook vor dem OLG Düsseldorf ist für das Amt zunächst mal eher frustrierend verlaufen, berichtet Malaika Rivuzumwami in der taz: "Am Ende teilte das Oberlandesgericht mit: 'Die Frage, ob Facebook seine marktbeherrschende Stellung als Anbieter auf dem bundesdeutschen Markt für soziale Netzwerke deshalb missbräuchlich ausnutzt, weil es die Daten seiner Nutzer unter Verstoß gegen die DSGVO erhebt und verwendet, kann ohne Anrufung des EuGH nicht entschieden werden.' Das Gericht bezweifelte, dass Facebook seine Nutzer:innen ausbeute. Dafür, dass Facebook den Nutzer:innen die Datensammelei gegen ihren Willen aufzwinge, habe das Kartellamt keine 'belastbaren Belege' vorgelegt."
Stichwörter: Facebook, Eugh, Bundeskartellamt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2021 - Internet

Ganz groß präsentiert der Guardian die Geschichte der gefeuerten Facebook-Programmiererin Sophie Zhang, die aufdeckte, dass Regierungschefs in dem sozialen Netz ihre Followerzahlen manipulieren. Die Silicon-Valley-Korrespondentin Julia Carrie Wong resümiert: "Zhang arbeitete seit etwa sechs Monaten für Facebook, als sie bemerkte, dass Juan Orlando Hernández, der Präsident von Honduras, eine große Zahl von gefälschten Likes für Inhalte anhäufte, die er für seine 500.000 Follower auf Facebook postete. In einem Zeitraum von sechs Wochen, von Juni bis Juli 2018, erhielten Hernández' Facebook-Posts Likes von 59.100 Nutzern, von denen mehr als 78 Prozent keine echten Personen waren." In einem zweite Artikel hält sie fest: "Mit 2,8 Milliarden Nutzern spielt Facebook eine dominante Rolle im politischen Diskurs fast aller Länder der Welt. Doch die Algorithmen und Funktionen der Plattform können manipuliert werden, um die politische Debatte zu verzerren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2021 - Internet

Zeitungen waren einst, was heute Ebay oder Google sind: Organisatoren des Marktes. Da sie als Filter allerdings viel enger waren, konnten sie für ihre Anzeige und Inserate Mondpreise nehmen und lebten von einer Rente. Auch damals schon, schreibt Johannes Franzen in 54books, waren die Leser das Produkt, das an die Anzeigenkunden weitergereicht wurde. Dies Modell ist durch die Digitalisierung gründlich in die Krise geraten. Nun ist es an den Lesern, den Wert geistiger Arbeit zu finanzieren, appelliert Franzen: "Ein klares Bewusstsein für den Wert geistiger Arbeit muss dazu führen, dass die Leser*innen die Notwendigkeit anerkennen, ihr individuelles Medienbudget aufzustocken. Der digitale Wandel hat ein Finanzierungsmodell geistiger Arbeit zusammenbrechen lassen und in dieser Leerstelle muss ein neues Modell aufgebaut werden, eines, in dem sich die Menschen als aktive Leser*innen verstehen, und weniger als Produkt. Die Entwicklung ist nicht nur mit finanziellen Opfern verbunden, sondern auch mit einem Zuwachs an Emanzipation."

Rasmus Peters denkt in der FAZ zugleich über Digitalisierung in der Kulturwelt nach, die durch Corona noch beschleunigt wird und für ihn unweigerlich zu Kommerzialisierung führt: "Weil die digitale Umgebung Kunst allgemein zugänglich macht, wird sie zur Regel und nicht zur Ausnahme. Gleichzeitig festigt jeder Konzertstream und jede virtuelle Museumstour den Einfluss wirtschaftlich organisierter Digitalkonzerne, weil die Veranstalter auf deren Plattformen angewiesen sind. Bühne und Museum sind nicht dem Verwertungsdruck entzogen. Um ausreichend Publikum zu erschließen, wird das Ausweichen und Ausweiten von Kunst auf digitale Medien alternativlos sein, weil sich die Gesellschaft zunehmend digital organisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 - Internet

(Via Meedia) Der von Google gefürchtete Suchmaschinenoptimiererpapst Rand Fishkin hat in seinem Blog sparktoro.com eine neue Analyse veröffentlicht, die den Suchkonzern als gefräßige Netzmaschine entlarvt, die Informationen aufsaugt, ohne Klicks weiterzugeben: "Von Januar bis Dezember 2020 endeten 64,82 Prozent der Suchanfragen bei Google (Desktop und Mobilgeräte zusammen) in den Suchergebnissen, ohne dass ein Klick auf ein anderes Webangebot erfolgte. In dieser Zahl sind wahrscheinlich einige mobile und fast alle sprachgesteuerten Suchanfragen unterrepräsentiert, und daher ist es wahrscheinlich, dass mehr als zwei Drittel aller Google-Suchanfragen das sind, was ich als 'zero-click-Suchanfragen' bezeichne."
Stichwörter: Google