In Deutschland erreicht die Zahl antisemitischer Straftaten ein
Rekordhoch,
meldet Konrad Litschko in der
taz. "Wieder die alte Situation: Mit leidenden oder toten Juden gab es, meist nachträglich, bestenfalls Mitleid. Neu ist seit 1948 Israel, der
wehrhafte Jude", konstatiert
Michael Wolfssohn trocken in der
FAZ. "An diese Rolle konnte oder wollte sich die nichtjüdische Welt noch (?) nicht gewöhnen. Das beweisen die dominanten Reaktionen unmittelbar nach der Hamas-Mordorgie vom 7. Oktober. Mitleid und Beileid für Israel und die jüdische Welt. Sobald Israel mit (nur verbaler) Unterstützung der diasporajüdischen Mehrheit gegen Gaza, dann gegen die libanesische Hizbullah von der Defensive in die Offensive überging, begann der antijüdische und antiisraelische Tsunami."
In der
Welt blickt
Michel Friedman voller Sorge auf die Situation von Juden in Deutschland und dem Antisemitismus, der vor allem von der
extremen Linken kommt: "Für jüdische Menschen, für alle Menschen, die frei leben wollen, mit Menschenrechten leben wollen, wird es enger, ungemütlicher und kälter. Und ja, auch ein Teil der arabischen Einwanderer hat ihren Hass auf Juden mitgebracht und lebt ihn auf deutschen Straßen aus. Die
hässliche Fratze des radikalen Islamismus prägt immer mehr den Alltag. Unterstützt von einer linksextremen Jugend, die meint, den Feind der gerechten Welt gefunden zu haben: Israel und das 'Weltjudentum'. Wir Juden tragen nicht die Schuld und Verantwortung, dass es Judenhasser gibt. Wir Juden haben nicht den Auftrag, den Judenhass zu bekämpfen. Das wäre die
Spitze der Pervertierung. Es ist der Auftrag der gesamten Gesellschaft. Und sie ist hilflos."
Im
Spiegel kritisiert die Autorin
Dana von Suffrin den
Antisemitismus im deutschen Kulturbetrieb, und diesmal nennt sie auch Namen:
Christian Watty vom Festival "euro scene leipzig", der kein Problem damit hat, antisemitische Truppen wie das britische "Freedom Theatre" einer "Ex-Dschihadisten namens Zakaria Zubeidi" einzuladen, oder die Autorin
Mithu Sanyal, die "auf ihren Social-Media-Kanälen quasi rund um die Uhr Links, die von der Verworfenheit der Israelis handeln. Antisemitische Cartoons, Inhalte islamistischer Accounts, Links, die den getöteten Hisbollah-Chef Nasrallah verteidigen. Reaktionen darauf aus dem Betrieb? Keine. Gerade ist Sanyals neuer Roman erschienen, sie ziert das aktuelle Cover des queerfeministischen
Missy-Magazins, gibt Interviews, auch im
Spiegel erschien ein wohlwollendes Portrait. Kein Mensch scheint sich daran zu stören, dass sie auf Social Media
wie der unangenehme Onkel klingt, der bei jedem Familienfest mit einem starken Hang zu Verschwörungstheorien auffällt, und bei dessen Tiraden man lieber betreten zur Seite schaut."
Jürgen Kaube (
FAZ) kann schon das Wort "
Israelkritik" nicht mehr hören: Viele der Kritiker würden sich wünschen, "dieser als kolonial und rassistisch bezeichnete Staat möge verschwinden. In der Vokabel 'Israelkritik' und der Forderung, Israelkritik müsse doch möglich sein, ohne gleich als antisemitisch bezeichnet zu werden, findet dieser Wunsch seinen Ausdruck. Denn diese Vokabel ist eine
Singularität. Niemand, der die italienische Regierung für ein Unglück hielte, würde das als 'Italienkritik' vortragen. Im Fall Israels wird dagegen die Kritik einer Regierung als Kritik eines Landes vorgetragen. Das Ganze muss für einen Teil herhalten. Behauptet wird damit, hinter der entsetzlichen Politik einer teils korrupten, teils fanatischen Regierung stehe eine
verwerfliche Staatskonstruktion. Schon die Existenz Israels ist für viele sich als links vorkommende Aktivisten und Publizisten der Grund alles weiteren Übels. Darum soll Israel entweder 'from the river to the sea' verschwinden oder sich in ein Gebilde auflösen, in dem die Palästinenser die Bevölkerungsmehrheit stellen. Um sich vorzustellen,
was das für die Juden hieße, bedarf es nicht viel Phantasie."
Seit dem 7. Oktober hat die Regierung Netanjahu ihre Macht immer weiter ausgebaut, ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht,
warnen die Historiker
Shimon Stein und
Moshe Zimmermann in der
FR. Sie geben der Regierung
Netanjahu die Schuld am zunehmenden Antisemitismus. "Der Krieg, der als Antwort auf das vom Hamas verübte Massaker begonnen hat und leicht auf der internationalen Bühne zu rechtfertigen war, führt nach einem Jahr den Staat Israel immer mehr
in die Isolation. Schlimmer noch: Die sich verbreitende anti-israelische Stimmung weltweit hat einen außerordentlich gefährlichen Nebeneffekt: Der latente Antisemitismus verwandelt sich in einen offenen, auch gewaltbereiten Antisemitismus, der vor allem die Juden außerhalb Israels bedroht."