9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2024 - Gesellschaft

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Der Soziologe Andreas Reckwitz beschäftigt sich in seinem neuen Buch mit den gesellschaftlichen Verlusten, die der verlorene Glaube an eine bessere Zukunft mit sich bringt. "Das ist eine riesige Herausforderung, für die ganze Gesellschaft", erklärt er im Interview mit Spon: "Wie gehen wir mit Verlusten um, die sich nicht vermeiden lassen? Die moderne Politik ist vom Fortschrittsversprechen geprägt und hat den Anspruch, die Lebensbedingungen stetig zu verbessern. Wenn es heißt, der Gürtel müsse enger geschnallt werden, dann gilt das immer nur auf Zeit - damit es später umso besser weitergeht. Dieses Denken stößt an seine Grenzen. Insofern ist es kein Wunder, dass der Populismus einen solchen Aufschwung hat. Seine Wählerbasis sind Menschen, die Status- oder Machtverluste erfahren haben oder befürchten." Offen über diese Verluste zu sprechen, "zum Beispiel über irreversible Klimaschäden oder die Erschütterung der globalen Sicherheitsarchitektur, wäre sicher ein Anfang. Positiv gesprochen geht es darum, die Gesellschaften resilienter zu machen, einen Umgang mit Negativereignissen zu finden, sie zu vermeiden oder wenigstens abzumildern. Die nächste Pandemie wird kommen, wir sollten darauf vorbereitet sein. Die Klimakrise ist schon da, wir sollten uns dafür rüsten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2024 - Gesellschaft

Nicholas Potter untersucht für die taz das Berliner Medienportal Red, das bei vielen linken Aktivisten beliebt sei. Es sticht vor allem mit krass antiisraelischen Videos hervor, war bei Uni-Besetzungen "propalästinensischer" Aktivisten zugegen, die für andere Medien gesperrt waren, und feierte den 7. Oktober als "prisonbreak" - und sehr vieles spricht dafür, dass enge, auch finanzielle Verbindungen zu Russland bestehen, bis hin zur Übernahme alter Russia-Today-Strukturen. "Die undurchsichtige Finanzstruktur von Red hat wohl auch Gründe: 'Russland betreibt eine Vielzahl 'verdeckt unterstützter Medien' und Red scheint auf den ersten Blick eine davon zu sein', sagt Florian Töpfl der taz. Er ist Professor an der Universität Passau und forscht zur ausländischen Medienstrategie Russlands. Seit Jahren versucht der Kreml, alles zu verstärken, was die liberale, westliche Demokratie destabilisiert. Im September analysierte die taz interne Papiere der russischen Propagandafabrik SDA, die mit Desinformation die deutsche Öffentlichkeit beeinflussen will. Teils seien solche Medien sogar mehrsprachig, sagt Töpfl. Dazu gehört auch das Portal Red, das inzwischen auch Artikel auf Spanisch oder Türkisch veröffentlicht."

Auch der Tagesspiegel recherchiert zu "propalästinensischen" Aktivisten. Julius Geiler und Claudia von Salzen kommen auf die Besetzung von Räumen der Humboldt-Universität im Mai zurück. Sie zeigen, dass die Aktivisten zum Teil keineswegs Studenten waren, sondern aus der verbotenen Organisation Samidoun kamen. Heute organisieren sie sich bei "Masar Badil", wie die Tagesspiegel-Autoren einem Dossier des Vereins "democ" entnehmen: "'Masar Badil' versucht den Recherchen von democ zufolge ... auch, in mehreren Ländern ein breites Bündnis zusammenzubringen, dessen gemeinsamer Nenner die Ablehnung Israels ist. Konferenzen fanden beispielsweise in Madrid, Brüssel und im kanadischen Ottawa statt. Für dieses Netzwerk veranstaltet 'MB' Online-Seminare und Videokonferenzen, in denen mehrfach Vertreter der Terrororganisation Hamas als Redner geladen wurden." Auf seiner Webseite stellt sich "democ" als "Zusammenschluss von Journalisten, Wissenschaftlern und Medienschaffenden vor, die gemeinsam demokratiefeindliche Bewegungen beobachten, dokumentieren und analysieren".

Die "propalästinensischen" Protestgruppen an der Columbia Universität in New York und anderen amerikanischen Unis radikalisieren sich immer weiter, stellt Frauke Steffens in der FAZ fest: "Der Ableger von 'Jewish Voice for Peace' (JVP) an der Hochschule, der zeitweise suspendiert wurde, teilte am Jahrestag des 7. Oktober einen Post von Autor Dan Cohen bei X, in dem es hieß, dass im Oktober 1944 hunderte Juden im Vernichtungslager Auschwitz den Aufstand gewagt hatten und dass 'die Palästinenser' 79 Jahre später 'eine ähnliche Attacke gegen ihre zionistischen Unterdrücker' unternommen hätten. Um den Jahrestag des Hamas-Massakers veranstaltete JVP gemeinsam mit 'Students for Justice in Palestine' (SJP) eine 'Mahnwache für unsere Märtyrer, die von der zionistischen Einheit massakriert wurden.' SJP schrieb dazu bei X, man gedenke auch des Jahrestags der 'historischen Al-Aksa-Flut-Operation' - das ist die Bezeichnung der Hamas für das Massaker an israelischen Juden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2024 - Gesellschaft

In der Welt erzählt Mirna Funk, wie sie sich und ihre kleine Tochter in Tel Aviv im Keller vor den iranischen Raketen in Sicherheit brachte, während draußen noch die palästinensischen Attentäter herumliefen, die sieben Menschen umbrachten, und darüber nachdachte, ob das Leben in Berlin nicht einfacher wäre. Wäre es wohl nicht: "Ich weiß nicht, ob irgendjemand - außer die Juden in der Diaspora - verstehen können, was seit einem Jahr in uns vorgeht. Wie schwer es ist, nicht zu wissen, wohin man soll und wo man eigentlich sicher ist. Denn sicher ist es nicht, in einer Stadt zu leben, in der Tausende tagtäglich seit einem Jahr 'Intifada, Intifada' brüllen dürfen, ohne dass jemand einschreitet. Denn Intifada ist das, was nur wenige Minuten vor dem Raketenangriff, wenige Meter von meiner Wohnung entfernt, passiert war. Intifada ist sieben Menschen in einer Tram und an einer Haltestelle zu erschießen und zwölf zu verwunden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2024 - Gesellschaft

Im Welt-Interview verteidigt der Soziologe Armin Nassehi die Grünen gegen Ulf Poschardt. Das "Versagen der Grünen", das Poschardt anspricht, sei ein Topos, der sich mittlerweile verselbstständigt habe: "Es ist ein lohnender Zurechnungspunkt, und die permanenten 'Keine Koalition mit den Grünen'-Beteuerungen sind doch fast schon eine Objektbesetzung. Ihre Frage ist, sorry, Teil der Misere: Dahinter steckt die simple Ideologie von mehr oder weniger Staatstätigkeit. Langweilig. Die Frage ist doch: welche Staatstätigkeit? Stattdessen werden die alten Ideologien gepflegt. Am Ende, das haben wir in der Bundesrepublik immer wieder gesehen, müssen die Falschen das Richtige machen: der Konservative Adenauer die Westbindung, der linke Brandt die bürgerliche Demokratisierung. Nur der konservative Kohl konnte maximale nationale Autonomie an Europa abgeben, Schröders Arbeitsmarktreformen musste ein Sozialdemokrat machen. So wird man den Grünen die ökologische Wende nicht allein zugestehen. Aber sehr wohl braucht man sie dazu als Partner."

"Wir benötigen dringend EU-weite Regeln, um die Vergewaltigung narkotisierter Frauen zu ahnden", fordert im Spon-Interview die italienische Historikerin Laura Schettini, die anlässlich des Falls Pelicot (unsere Resümees) auf die Geschichte der Vergewaltigung bis ins Römische Reich zurückblickt: "Im römischen Recht, das unser juristisches System bis ins 20. Jahrhundert geprägt hat, besaß das Familienoberhaupt sowohl das ius corrigendi, also das Recht, alle Familienmitglieder mit Gewalt zu disziplinieren als auch das ius in corpus: das Recht, frei über den Körper der Ehefrau zu verfügen. Die Frau galt als männliches Eigentum, das dazu dient, die Legitimität der Nachkommen zu sichern. Vergewaltigung innerhalb der Ehe war kein Delikt. (…) In Italien galt das ius corrigendi bis 1956; Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist seit Ende der Sechzigerjahre eine Straftat. Wie der Fall Pelicot zeigt, sind manche Männer bis heute der Ansicht, der Ehemann dürfe mit seiner Frau machen, was er will."

Das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung hat Schulen der Stadt geraten, zum 7. Oktober doch besser keine Schweigeminute abzuhalten. In einem Schreiben der Behörde, das auf Twitter zirkuliert, heißt es: "Es soll an diesem Tag aber nicht um Sachinformationen, um richtig / falsch und das große 'Aber…' gehen. Verzichtet deshalb auf große Gesten wie Schweigeminuten, Aufforderungen zur Trauer oder Empathie. Verzichtet auch auf das gemeinsame Schauen von Reportagen in der nächsten Woche. Statt dessen: Gebt den Schülerinnen und Kolleg:innen am 07.10.2024 und der kommenden Woche Raum, ihre Emotionen zu teilen. Fragt nach, hört zu und wenn es an eurer Schule Rituale der gemeinsamen Trauer gibt, bietet diese an. Hier wären zum Beispiel denkbar: gemeinsam tausend Kraniche der Hoffnung zu falten an einem Baum auf dem Schulgelände Wünsche der Hoffnung zu befestigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2024 - Gesellschaft


In der SZ wirft Jan Heidtmann dem Berliner Senat im Allgemeinen und Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner im Besonderen vor, die Solidarität mit Israel seit dem 7. Oktober über alle anderen Bedürfnisse zu stellen. Er erinnert: "In der Stadt leben nicht nur 30.000 Menschen jüdischen Glaubens, sondern auch an die 180.000 aus unterschiedlichen Ländern des Nahen Ostens. Über 40.000 von ihnen sind Palästinenser. Durch Verwandte und Freunde im Gazastreifen oder in Libanon erleben sie jeden Tag mit, was auf den 7. Oktober folgte: der Tod Tausender unschuldiger Kinder und die Vertreibung Hunderttausender. Sie beanspruchen mit demselben Recht wie Berlins Juden, dass ihr Schmerz und ihre Trauer gehört wird. Wie so viele Krisen in der Welt, ist auch diese in der Hauptstadt angekommen - in ihrer ganzen Komplexität."

Ihrer Trauer gaben junge Demonstranten palästinensischer und anderer Herkunft - übrigens in huldvoller Anwesenheit von Greta Thunberg - zum Jahrestag in Neukölln mit Böllern und Flaschenwürfen auf die Polizei Ausdruck:

Thomas Thiel unterhält sich in der FAZ mit Orna von Fürstenberg vom Netzwerk jüdischer Hochschullehrender über die neue Unsicherheit auf dem Campus. Sie spricht vor allem auch die nicht so greifbaren Effekte der neuen Stimmung an den Unis an: "Ein großes Thema sind Ausladungen oder das Ausbleiben von Einladungen, die man sonst immer bekommen hat. Es kommt vor, dass Redner zu jüdischen Themen gebeten werden, die Universität durch die Hintertür zu betreten, damit es zu keiner Konfrontation mit Aktivisten kommt. Manche Kollegen sind auf Onlinelehre umgestiegen, um Anfeindungen und Konfrontationen zu vermeiden. Juden werden so aus dem öffentlichen Raum zurückgedrängt, und manche meinen, das Problem sei damit gelöst. Wir haben gemerkt, dass sich eine Linie verschoben hat und ein Bruch durch die Universitäten geht."

In Frankreich hatte die neue Bildungsministerin Anne Genetet für den 7. Oktober eine "Zeit der Besinnung und des Nachdenkens" an den Schulen angekündigt. Aber das Projekt wurde schnell kassiert, berichtet Michaela Wiegel in der FAZ: "Kurz nach dem Interview korrigierte das Kabinett der Bildungsministerin die Darstellung. Das Gedenken zum 7. Oktober an den Schulen finde nicht statt. Genetet habe sich geirrt, hieß es. Es werde am 14. Oktober eine Schweigeminute an allen Schulen für die von Islamisten ermordeten Lehrer Samuel Paty und Dominique Bernard geben." Gleichzeitig hat übrigens der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon alle Studenten aufgerufen, vom 8. Oktober an Palästinenserfahnen in allen Universitäten aufzuhängen.

Zu den erschreckendsten Erkenntnissen aus dem 7. Oktober gehört für Salonkolumnist Bernd Rheinberg die Tatsache, dass sich "wie auf Knopfdruck im Westen eine Kampagne gegen Israel initiieren lässt. Da gab es einen in drei Wellen generalstabsmäßig geplanten und durchgeführten Angriff, ein Massaker mit über Tausend Ermordeten, eine Geiselnahme von 250 Menschen und eine abscheuliche propagandistische Übertragung dieser Gräueltaten in die Weltmedien - und es bedarf nicht der geringsten Anstrengung oder Zeitverzögerung, Israelfeinde in den freien westlichen Gesellschaften wie ein großes Fremdenbataillon aus nützlichen Idioten und fanatischen Sympathisanten als vierte Welle zu mobilisieren und das mit einer klar definierten Aufgabe: Fortsetzen des Kriegs gegen Israel durch Stimmungsmache, Desinformation, Propaganda, Gewalt, Sympathiekundgebungen für die Hamas."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2024 - Gesellschaft

In Deutschland erreicht die Zahl antisemitischer Straftaten ein Rekordhoch, meldet Konrad Litschko in der taz. "Wieder die alte Situation: Mit leidenden oder toten Juden gab es, meist nachträglich, bestenfalls Mitleid. Neu ist seit 1948 Israel, der wehrhafte Jude", konstatiert Michael Wolfssohn trocken in der FAZ. "An diese Rolle konnte oder wollte sich die nichtjüdische Welt noch (?) nicht gewöhnen. Das beweisen die dominanten Reaktionen unmittelbar nach der Hamas-Mordorgie vom 7. Oktober. Mitleid und Beileid für Israel und die jüdische Welt. Sobald Israel mit (nur verbaler) Unterstützung der diasporajüdischen Mehrheit gegen Gaza, dann gegen die libanesische Hizbullah von der Defensive in die Offensive überging, begann der antijüdische und antiisraelische Tsunami."

In der Welt blickt Michel Friedman voller Sorge auf die Situation von Juden in Deutschland und dem Antisemitismus, der vor allem von der extremen Linken kommt: "Für jüdische Menschen, für alle Menschen, die frei leben wollen, mit Menschenrechten leben wollen, wird es enger, ungemütlicher und kälter. Und ja, auch ein Teil der arabischen Einwanderer hat ihren Hass auf Juden mitgebracht und lebt ihn auf deutschen Straßen aus. Die hässliche Fratze des radikalen Islamismus prägt immer mehr den Alltag. Unterstützt von einer linksextremen Jugend, die meint, den Feind der gerechten Welt gefunden zu haben: Israel und das 'Weltjudentum'. Wir Juden tragen nicht die Schuld und Verantwortung, dass es Judenhasser gibt. Wir Juden haben nicht den Auftrag, den Judenhass zu bekämpfen. Das wäre die Spitze der Pervertierung. Es ist der Auftrag der gesamten Gesellschaft. Und sie ist hilflos."

Im Spiegel kritisiert die Autorin Dana von Suffrin den Antisemitismus im deutschen Kulturbetrieb, und diesmal nennt sie auch Namen: Christian Watty vom Festival "euro scene leipzig", der kein Problem damit hat, antisemitische Truppen wie das britische "Freedom Theatre" einer "Ex-Dschihadisten namens Zakaria Zubeidi" einzuladen, oder die Autorin Mithu Sanyal, die "auf ihren Social-Media-Kanälen quasi rund um die Uhr Links, die von der Verworfenheit der Israelis handeln. Antisemitische Cartoons, Inhalte islamistischer Accounts, Links, die den getöteten Hisbollah-Chef Nasrallah verteidigen. Reaktionen darauf aus dem Betrieb? Keine. Gerade ist Sanyals neuer Roman erschienen, sie ziert das aktuelle Cover des queerfeministischen Missy-Magazins, gibt Interviews, auch im Spiegel erschien ein wohlwollendes Portrait. Kein Mensch scheint sich daran zu stören, dass sie auf Social Media wie der unangenehme Onkel klingt, der bei jedem Familienfest mit einem starken Hang zu Verschwörungstheorien auffällt, und bei dessen Tiraden man lieber betreten zur Seite schaut."

Jürgen Kaube (FAZ) kann schon das Wort "Israelkritik" nicht mehr hören: Viele der Kritiker würden sich wünschen, "dieser als kolonial und rassistisch bezeichnete Staat möge verschwinden. In der Vokabel 'Israelkritik' und der Forderung, Israelkritik müsse doch möglich sein, ohne gleich als antisemitisch bezeichnet zu werden, findet dieser Wunsch seinen Ausdruck. Denn diese Vokabel ist eine Singularität. Niemand, der die italienische Regierung für ein Unglück hielte, würde das als 'Italienkritik' vortragen. Im Fall Israels wird dagegen die Kritik einer Regierung als Kritik eines Landes vorgetragen. Das Ganze muss für einen Teil herhalten. Behauptet wird damit, hinter der entsetzlichen Politik einer teils korrupten, teils fanatischen Regierung stehe eine verwerfliche Staatskonstruktion. Schon die Existenz Israels ist für viele sich als links vorkommende Aktivisten und Publizisten der Grund alles weiteren Übels. Darum soll Israel entweder 'from the river to the sea' verschwinden oder sich in ein Gebilde auflösen, in dem die Palästinenser die Bevölkerungsmehrheit stellen. Um sich vorzustellen, was das für die Juden hieße, bedarf es nicht viel Phantasie."

Seit dem 7. Oktober hat die Regierung Netanjahu ihre Macht immer weiter ausgebaut, ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht, warnen die Historiker Shimon Stein und Moshe Zimmermann in der FR. Sie geben der Regierung Netanjahu die Schuld am zunehmenden Antisemitismus. "Der Krieg, der als Antwort auf das vom Hamas verübte Massaker begonnen hat und leicht auf der internationalen Bühne zu rechtfertigen war, führt nach einem Jahr den Staat Israel immer mehr in die Isolation. Schlimmer noch: Die sich verbreitende anti-israelische Stimmung weltweit hat einen außerordentlich gefährlichen Nebeneffekt: Der latente Antisemitismus verwandelt sich in einen offenen, auch gewaltbereiten Antisemitismus, der vor allem die Juden außerhalb Israels bedroht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2024 - Gesellschaft

Mischten die Rechten bei den Protesten der Impfgegner noch ordentlich mit, üben sie sich nun, während sich die Szene mit Islamisten und Antisemiten auf propalästinensischen Demos trifft, in taktischer Zurückhaltung, konstatiert der Historiker Volker Weiß in der SZ: "Nicht wenige sehen in dem Land ganz nach Muster des klassischen Antisemitismus hauptsächlich das destruktive Wirken machthungriger Globalisten. In neurechten Medien ist zu lesen, Israel terrorisiere seine Nachbarn und lenke Flüchtlingsströme gezielt nach Europa, um die abendländische Kultur zu zerstören. Manches, was Islamisten und Antiimperialisten zur Shoah zum Besten geben, deckt sich mit ihren Ansichten. Aber im Gegensatz zu ihnen werden gewisse Inhalte unter Rechten lieber intern diskutiert. Umso deutlicher der muslimische Antisemitismus, der sich immer unverhohlener Bahn bricht, angeprangert werden kann, umso mehr kann der eigene aus dem Blickfeld rücken."

In der taz kann Robert Misik mit Blick auf AFD- und FPÖ-Wähler das Gerede vom Protestwähler nicht mehr hören. Nein, in unserer Gesellschaft macht sich "die Sozialfigur des begeisterten rechtsextremen Wählers" breit, meint er, herangezogen von extremistischen Agitatoren: "In den Studien von Adorno und Co über den 'autoritären Charakter' wurden Sozialfiguren wie 'der Rebell' oder 'der Spinner' bereits als eine Randfigur faschistischer Bewegungen entdeckt, diese war aber damals gegenüber den anderen Typen des Konformistisch-Autoritären noch peripher. Heute dominiert der Typus des 'konformistischen Rebellen', der sich in der Gemeinschaft der Starken aufgehoben fühlt, den Zuspruch seiner Bubble liebt, sich geknechtet und gegängelt fühlt, alle Regeln ablehnt, sogar vernünftige. Der mit der Meute selbsterklärter 'Selbstdenker' blökt und sich als systemkritisch wähnt. Seine Parole ist nicht: Im Stechschritt voran. Sondern: 'Nicht mit mir!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2024 - Gesellschaft


"In Deutschland sind alle Dämme gebrochen. Der Antisemitismus zeigt sich offener und aggressiver denn je nach 1945, nach der viel zitierten 'Wiedergutwerdung' der Deutschen", warnt Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, in seiner Rede, die der Autor anlässlich der Verleihung des Ricarda-Huch-Preises gehalten hat und die die Welt heute publiziert: "Fast schon hilflos stehen Teile des deutschen Journalismus dem Hass aus einem bestimmten Milieu gegenüber. Manche trauen sich nicht, zu schreiben, was ist. Man könnte ja in den Verdacht geraten, etwas gegen Muslime zu haben, oder gegen die Freiheit der Meinungsäußerung. Oder als 'Netanjahu-Fan' bezeichnet zu werden. Denn die Mehrheit der guten Leute ist ja für Frieden für Israelis und Palästinenser, für die Zwei-Staaten-Lösung. Sie redet sich das zumindest ein. Ja, ich bin auch für die Zwei-Staaten-Lösung und für Frieden. Aber ich verrate mal ein gut gehütetes Geheimnis: Bei den Palästinensern gibt es keine Mehrheit für eine Zwei-Staaten-Lösung. Eher eine Mehrheit für die Hamas."

"Wenn deutsche Politiker denken, sie könnten mit einer Resolution ein 2000 Jahre altes Problem lösen, ist das absurd. Das kann nicht die Antwort auf Antisemitismus sein", erwidert der Regisseur Barrie Kosky, im Tagesspiegel von Rüdiger Schaper nach der geplanten Bundestagsresolution zum Antisemitismus gefragt. Von der deutschen Regierung erwartet er, der Netanjahu-Regierung zu erklären: "Was du in Gaza machst, ist falsch. Wir geben dir keine Waffen mehr. Basta! Das sollte vor allem Deutschland sagen, gerade mit seiner historischen Verantwortung: Netanjahu, hör auf!"

Weitere Artikel: Im SZ-Interview möchte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sich lieber nicht deutlich zur Politik der israelischen Regierung äußern, ärgert sich aber über die Gleichsetzung zwischen deutschen Juden und der Regierung in Israel: "Wir werden nicht als deutsche Staatsbürger wahrgenommen - und zwar von einem gar nicht so kleinen Teil der Bevölkerung. (…) Viele Menschen in Deutschland denken, die Juden seien hier 1933 vom Himmel gefallen und waren 1945 wieder weg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2024 - Gesellschaft

In der Zeit findet es der Schriftsteller Boris Schumatsky immer noch kaum fassbar, wie wenig die Vergewaltigungen am 7. Oktober als Teil des großen Judenhasses thematisiert werden. Er selbst wäre ums Haar als jüdischer Student auf einer Baustelle in Russland vergewaltigt worden: "Die Berichte über die Vergewaltigungen vom 7. Oktober lösten eine Welle feministischer Empörung aus. Professorinnen wie Nancy Fraser protestierten gegen den 'Missbrauch des Themas durch die israelische Regierung', Mediengrößen wie Masha Gessen stellten sexuelle Gewalt im Krieg als normal dar. Ich solle lieber gar nicht darüber sprechen, höre ich, jedenfalls nicht öffentlich, weil man die Vergewaltigungen nicht so leicht verifizieren könne, und auch nicht privat: 'Warum sprichst du über Gewalt an Frauen, nur wenn es in deine Agenda passt?' Für viele sind die zu Tode Gefolterten und Vergewaltigten heute keine Menschen mehr, sondern Scheinargumente des politischen Gegners, die es um jeden Preis zu widerlegen gilt. Für andere ist es schlicht unerträglich, an solche Gewalt auch nur zu denken, sich die Einzelheiten vorzustellen. Ich verstehe das. Als Student habe ich genau das getan, die unerträglichen Details einfach vergessen."

Am Freitag hat der Grünen-Politiker Cem Özdemir in der FAZ einen Essay zur Migationspolitik veröffentlicht (unser Resümee). Darin erwähnt er auch seine Tochter, die in den Neuen Ländern Belästigung von Rechtsextremen und in Berlin Belästigung von jungen Männern mit Migrationshintergrund erfahren hat - für letztes ist am Wochenende ein regelrechter Shitstorm über Özdemir hinweggegfegt. Zornig antwortet darauf heute in der FAZ die junge Journalistin Ninve Ermagan. "Es sind fast ausschließlich Männer mit Migrationshintergrund, die mir hinterherrufen, mich verfolgen und mir Fragen stellen", schreibt sie. Aber die Erfahrung dürfe man offenbar nicht benennen: "Die Autorin Annika Brockschmidt warf Özdemir auf der Plattform X Sexismus und Rassismus vor. Die Feministin Daniela Sepehri behauptete, er unterstütze mit dem Text 'einzig und allein die Rechten'. Über das Opfer hingegen verloren diese Vorzeigefeministinnen kein Wort. Wenig überraschend, denn Frauen wie ich - Migrantinnen, die nach Emanzipation streben - finden kaum Solidarität in den Reihen jener, die nach außen vorgeben, sich für uns einzusetzen. Wir sind die falschen Opfer, und die Täter sind die falschen Täter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2024 - Gesellschaft

Doch, der deutsche Kulturbetrieb hat ein Antisemitismus-Problem, widerspricht der UdK-Student Klemens Elias Braun in der Welt Deniz Yücel, der das kürzlich bestritten hatte (unser Resümee). Die Aufregung um die Einführung einer Antisemitismusklausel in der staatlichen Kulturförderung kann Braun nicht nachvollziehen: "Von einer Einschränkung der Kunstfreiheit oder gar 'Zensur' kann aber keine Rede sein, wenn der Staat Kunstförderung an Bedingungen knüpft. Ähnliches wird in Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit oder bei Diversitätskriterien bereits praktiziert. Welche Rahmenbedingungen eine Gesellschaft für Kunst schaffen muss und welche Forderungen sie im Gegenzug stellen darf, ist Teil eines Aushandlungsprozesses."