9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1633 Presseschau-Absätze - Seite 85 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2020 - Geschichte

Darf man heute noch den Conquistador Christoph Kolumbus verehren oder den Antisemiten Martin Luther? Maximilian Zech warnt in der NZZ davor, historische Epochen nach heutigen moralischen Maßstäben zu beurteilen. Er plädiert für das Aushalten von Ambivalenzen: "Wie sinnvoll ist es wirklich, eine Person, die vor Jahrhunderten lebte, heute der Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder religiösen Intoleranz zu zeihen? Setzte sich dieses Prinzip tatsächlich durch, wäre theoretisch eine Totalrevision der Historie in jeder neuen Generation möglich. Wer weiß: Vielleicht wird die heutige Jugend in ein paar Jahrzehnten Thomas Newcomen und James Watt für die Erfindung der Dampfmaschine verurteilen. Geschichte verkäme so zu einer reinen Projektionsfläche für die ideologischen Konflikte der Gegenwart."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2020 - Geschichte

Heute vor hundert Jahren stellte sich die neu gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die vier Tage zuvor noch Deutsche Arbeiterpartei hieß, im Münchner Hofbräuhaus vor, erinnert Arno Widmann in der FR. "Man hört immer wieder, die Weimarer Republik sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Nichts falscher als das. Deutschland gehörte zu den wenigen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Demokratien, die das erste Jahrzehnt überlebten. ... Der Hals wurde ihr gebrochen, als superschlaue Reaktionäre glaubten, die Nationalsozialisten am Nasenring durch die Arena führen zu können. Davor hatte es noch eine Weltwirtschaftskrise gegeben. Die Nazis haben im Jahr 1933 die Macht nicht ergriffen. Sie ist ihnen zu Füßen gelegt worden. Von denen, die die Demokratie seit 1930 schon untergraben hatten."

Wie clever die Nazis dabei vorgingen, geschickt linke und rechte Elemente nutzend, beschreibt in der NZZ der Historiker Hans-Ulrich Thamer: "Die Begriffe 'national' und 'sozialistisch' sollten nach dem Willen Hitlers und seiner Entourage im Parteinamen zusammen erscheinen, um durch die Verbindung von politisch Gegensätzlichem Aufmerksamkeit zu erzeugen, um zu provozieren, um den Gegnern Anhänger und Themen zu entwinden. ... In der neuen Parteifahne, der Hakenkreuzfahne, wurden Elemente der Tradition und der Revolution verbunden. Erinnerte doch Schwarz-Weiß-Rot an die alten Reichsfarben, der dominierende rote Grund nahm hingegen Anleihe bei den Farben der revolutionären Arbeiterbewegung; das Hakenkreuz stammte aus dem völkisch-antisemitischen Symbolhaushalt und war in München bis dahin von der völkischen Thule-Gesellschaft, einer Keimzelle der DAP, verwendet worden. Hitler verstand es als Symbol für den Kampf und den Sieg des 'arischen Menschen': Es sollte den Anhängern immer wieder das Kernelement der NS-Ideologie vor Augen führen - den 'Rassenantisemitismus'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2020 - Geschichte

Ambros Waibel unterhält sich in der taz mit Antonio Scurati über dessen großen Mussolini-Roman "M. Der Sohn des Jahrhunderts", der nur Teil 1 einer Trilogie sein soll und in Italien bereits 21 Auflagen erreicht hat. Natürlich zieht Scurati auch Parallelen zu Italien heute und dem Rechtspopulismus. Und er warnt vor Vereinfachungen, etwa im Blick auf die Kollaboration der Eliten: "Die italienischen Industriellen hatten zu Beginn ... kein großes Vertrauen in Mussolini. Zu exzentrisch, zu radikal. Mehr Anerkennung bekam der Faschismus erst, als seine Schlägertrupps sich mit dem reaktionärsten Teil der Eliten, mit den Großgrundbesitzern verbündeten und durch Terror die Errungenschaften der sozialistischen Bewegung unter den Landarbeitern zerstörten. Aber auch da warteten die anderen zumeist noch ab. Der fortschrittliche Teil der Industrie verbündete sich erst mit dem Machthaber Mussolini, nicht mit dem Parteiführer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2020 - Geschichte

Die AfD hat einen Antrag im Bundesamt eingereicht, um die deutsche Kolonialzeit "kulturpolitisch differenziert aufzuarbeiten". Die "gewinnbringenden Errungenschaften" der deutschen Kolonialzeit sollen herausgestellt werden, mit Blick auf den Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika soll nicht mehr von Völkermord gesprochen werden. In der FR zerlegt der Politikwissenschaftler Aram Ziai den Antrag in seine Einzelteile: Er weist nach, dass es an dem Tatbestand des Genozid unter Historikern keinen Zweifel gibt und weist daraufhin, dass die Abschaffung der Sklaverei etwa durch Zwangsarbeit ersetzt wurde: "Zum Ausbau der Infrastruktur in Form der Eisenbahn ist zu sagen, dass sie durch Zwangsarbeit der Afrikaner selbst erfolgte und sie dem Zweck der effektiveren Ressourcenausbeutung der Kolonien diente sowie dem Transport von Truppen an die Front oder von Kriegsgefangenen in die Konzentrationslager - zum Beispiel im Rahmen des Völkermords in Deutsch-Südwestafrika. Wie dies zu den 'gewinnbringenden Seiten' für die Kolonisierten zu zählen ist, bleibt unklar."

Das World Holocaust Forum in Yad Vashem im Januar erwies sich als "Kulisse für eine zynische Instrumentalisierung der Shoah", ärgern sich der Historiker Moshe Zimmermann und der ehemalige israelische Botschafter Shimon Stein auf Zeit Online: "Es war nicht das erste Mal, dass Yad Vashem faktische Ungenauigkeiten zugelassen hat, für die sich die Gedenkstätte später entschuldigen musste. Nicht nur, dass der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro nach einem Besuch von Yad Vashem im vergangenen Jahr die NSDAP als linke (weil eben sozialistische) Partei bezeichnete, ohne auf der Stelle zu Rede gestellt zu werden. Bereits im Jahr 2018 hatte die polnische Regierung wegen der Beschriftung eines Fotos im Yad-Vashem-Museum protestiert, auf dem 'SS und polnische Polizisten im Ghetto Łódź' zu lesen gewesen war. Als hätte Łódź nicht im sogenannten Warthegau gelegen, also einem Teil des 'Großdeutschen Reichs', in dem es keine polnischen Polizisten mehr geben konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 - Geschichte

Weiter geht's mit der späten Korrektur an den Ehren der Benennung. An der Charité sollen Wege nicht mehr nach dem Nazi Karl Bonhoeffer (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Dietrich) benannt werden, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Weit prominenter ist der Fall Ferdinand Sauerbruch, seit der Weimarer Zeit Deutschlands bekanntester Chirurg und allseits verehrter 'Halbgott in Weiß'. Ein Mythos, der bis heute durch Arztfilme und Serien (zuletzt: 'Charité') gepflegt wird und eine andere Seite Sauerbruchs ziemlich vernachlässigt: seine zutiefst deutschnationale Überzeugung, die ihn ab 1933 mehrfach zu öffentlichen Bekenntnissen für den Nationalsozialismus und seinen 'Führer' getrieben hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2020 - Geschichte

Der Blick der Briten auf den Zweiten Weltrkieg ist nuancierter geworden, sagt der Historiker Sinclair McKay, der ein Buch über die Bombardierung Dresdens geschrieben hat, im Gespräch mit Jochen buchsteiner in der FAS, "auch weil wir heute so viel mehr wissen. Die britische Geschichte wurde uns sehr lange präsentiert als der triumphale Sieg des Guten über das Böse. Selbst Schulkinder haben den Krieg nachgespielt. Aber Dresden ist ein fürchterlicher moralischer Makel und hat die Briten immer verfolgt. Jeder ist noch heute gespalten darüber. In Dresden ging es nicht um die Guten gegen die Nazis. Da lebten Kinder, die ihre Karnevalskostüme trugen, Großeltern, Juden, Flüchtlinge. Sie alle lebten unter diesem Terrorregime."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2020 - Geschichte

Heute jährt sich die Bombennacht von Dresden zum 75. Mal. Im Tagesspiegel erklärt der Historiker Johannes Schütz, wie die Rechten das Ereignis seit der Wende politisch instrumentalisieren: "Es gab massive Aufmärsche von Rechtsextremen, zeitweise den größten Aufmarsch in ganz Europa. Sie stellten die Bombardierung Dresdens als Kriegsverbrechen der Alliierten dar, um die deutsche Schuld zu relativieren. Von der Stadtgesellschaft wurde das lange nicht als Gefahr erkannt, weil die Aufmärsche ja als Opfergedenken daherkamen. Dann fingen linke Gruppen an, diese Aufmärsche immer massiver zu stören."

Weitere Artikel: Im SZ-Interview erinnert sich Gerhart Baum an die Dresdner Bombennacht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2020 - Geschichte

Schon ziemlich bald nach dem Mauerfall gab Russland die Idee der Vergangenheitsbewältigung auf und unterstellte die Geschichte wieder der Politik, schreibt der Historiker Jan Claas Behrends bei libmod.de: "Kaum jemand wollte erfahren, wie der Fleischwolf genau funktionierte, durch den die russische Gesellschaft für Jahrzehnte gedreht wurde. Die Verstrickungen waren komplex. In derselben Familie konnte es Täter und Opfer geben, die eigene Biografie konnte zugleich die eines Täters und Opfers sein. Deshalb fokussierte sich die staatliche Geschichtspolitik bereits unter Boris Jelzin auf das eine Ereignis, im dem die Rollen klar verteilt schienen: der Zweite Weltkrieg oder in sowjetischer Diktion, der 'Große Vaterländische Krieg'. Hier gab es Invasoren und Befreier, Verteidiger der Heimat kämpften gegen ruchlose Kriegsverbrecher. Außerdem verschwand hinter dem Heroismus der Terror der dreißiger Jahre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 - Geschichte

Gedenkstätten und Museen, die der Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis gewidmet sind, werden immer häufiger mit Besuchern konfrontiert, die diese Verbrechen klein zu reden versuchen, erzählt Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, im Interview mit der SZ. Seiner Ansicht nach haben die "ständigen geschichtsrevisionistischen Provokationen aus den Reihen der AfD" das Klima verändert: "Das sind in der Regel gezielte Versuche, den Gedenkstätten-Besuch für geschichtsrevisionistische Provokationen zu missbrauchen. Es wirkt oft, als wäre das mit ungesundem Halbwissen gezielt vorbereitet worden. Es geht solchen Besuchern darum, eine Gruppenführung durch die Gedenkstätte zu stören oder die Diskurshoheit zu erlangen. Das geschieht sehr viel häufiger als früher, aber es ist nicht die tägliche Regel. Es geht von einer Minderheit aus, aber diese Minderheit wird lauter, größer und aggressiver."

In der NZZ erinnert die Slawistin Renate Lachmann daran, dass die Existenz der ersten Gulags in der Sowjetunion im Westen oft geleugnet wurde. In Russland wurde die eigene Gewaltgeschichte nie aufgearbeitet: "Aber nicht nur Verleugnung und Rechtfertigung, sondern auch die generelle Weigerung, sich konkretes historisches Wissen über den Stalinismus anzueignen, lassen das Ziel unerreichbar erscheinen, ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Geschehen zu schaffen und einen Gedächtnisraum für den die russische Geschichte so stark belastenden Abschnitt zu öffnen. Die Versuche, Entdeckungen von Massengräbern und Erschießungsstätten publik zu machen und eine historische Erfassung des Lagergeschehens zu ermöglichen, werden von Memorial gleichwohl nicht aufgegeben, ebenso wenig wie die Tradition von Gedächtnisveranstaltungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2020 - Geschichte

Daran, dass sich der Hohenzollern-Prinz Wilhelm den Nazis "anbiederte", hat der Historiker Hans-Christof Kraus in der NZZ keinen Zweifel. Dennoch fordert er ein wenig "sachliche historische Analyse" in der Debatte und fragt: "Wie bedeutend konnte denn das 'symbolische Kapital' sein, das die Herrscherfamilie um 1932/33 - in einer Zeit, in der die meisten Deutschen gegen den drohenden sozialen Abstieg ankämpfen mussten - noch aufbrachte? Schon vor dem Ersten Weltkrieg war das Ansehen der Hohenzollern gesunken; die Anhänger der seit 1912 stärksten deutschen Partei, der Sozialdemokratie, gehörten gewiss nicht zu ihren Bewunderern, und die SPD-Reichstagsfraktion weigerte sich sogar, an den Parlamentseröffnungen im Berliner Schloss mit der üblichen Thronrede des Kaisers teilzunehmen - selbst noch nach Kriegsbeginn im August 1914."

Der Historiker Rüdiger Graf untersucht in der FAZ, wie republikanische Politiker und Presse um 1930 auf Nazis und Kommunisten reagierten und stellt fest, dass sie den entfesselten Emotionen mit Herablassung und Vernunftargumenten begegneten - eine Sackgasse, wie er meint: "Die Entgegensetzung von Vernunft und Irrationalität mag eine zutreffende Lagebeschreibung sein, 1930 oder auch heute. Aus ihr folgt aber weder ein adäquates Verständnis des politischen Gegners noch eine wirksame politische Strategie. Die Leugner des anthropogenen Klimawandels mit physikalischen Einsichten zu konfrontieren ist ungefähr so effektiv, wie jungen Nationalsozialisten im Jahr 1930 erklären zu wollen, dass die Welt nicht von 56 amerikanischen und 13 europäischen Bankern kontrolliert wird."