9punkt - Die Debattenrundschau

Bettlernation im heillosen Chaos

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.05.2020. In Zeit online zeichnet George Packer ein verheerendes Bild vom Zustand der USA in der Coronakrise. Und Niall Ferguson sagt in der NZZ die nachfolgende Wirtschaftskrise an. In der FAZ fragt die Historikerin Bettina Hitzer, wie es sein wird, nach den akuten Höchstständen permanent mit der Drohung zu leben. Außerdem: In der Internationalen Politik fragt Richard Herzinger, wie es Wladimir Putin als Pate des Rechtsextremismus auch noch so weit bringen konnte, den Antifaschismus für sich zu kapern.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

In einem Essay aus Atlantic, den Zeit online übersetzt hat, zeichnet George Packer ein verheerendes Bild vom Zustand der USA, das sich in der Coronakrise besonders deutlich zeigt: "Den ganzen schier endlosen März über stellten die Amerikaner jeden Morgen beim Aufwachen fest, dass sie in einem gescheiterten Staat lebten. Da es keinen nationalen Plan, keine einheitlichen Anweisungen gab, mussten Familien, Schulen und Büros selbst entscheiden, ob sie einen Shutdown durchführen und Schutz suchen sollten. Als sich herausstellte, dass Tests, Masken, Kittel und Beatmungsgeräte knapp waren, baten Gouverneure das Weiße Haus um Hilfe. Dieses jedoch zauderte und wandte sich dann an die Wirtschaft, die aber nicht liefern konnte. Bundesstaaten und Städten wurde ein Bieterwettkampf aufgezwungen, der sie zur leichten Beute von Wucher und Profitgier machte. Die Bürger holten die Nähmaschinen heraus und versuchten, das unzureichend ausgerüstete Krankenhauspersonal gesund und dessen Patienten am Leben zu halten. Russland, Taiwan und die Vereinten Nationen schickten humanitäre Hilfe ins reichste Land der Welt - in eine Bettlernation im heillosen Chaos."

In den USA sterben mehr schwarze Menschen an Covid-19 als Weiße, die oft sozial besser gestellt sind. Ob das in Deutschland auch so ist, kann man nicht sagen, schreibt Matej Snethlage, in der taz, denn aus guten Gründen werden in Deutschland keine Statistiken erhoben, wer welcher Hautfarbe ist. Aber man kann ja schon mal anfangen, sich zu beschweren: "Nur weil Rassismus nicht empirisch beobachtet wird, heißt es nicht, dass er nicht existiert. Tahir Della, Mitglied der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), sagt: 'Es ist zu befürchten, dass marginalisierte Gruppen stärker von Corona getroffen werden.' Die ISD habe häufig mit Menschen aus Krankenhäusern zu tun, die rassistisch diskriminiert wurden. 'Wir gehen davon aus, dass auch im Gesundheitswesen Rassismus eine Rolle spielt, aber es gibt keine Erhebungen und keine Daten darüber, wie oft das vorkommt und wie viele Menschen es trifft', sagt er."

Die Historikerin Bettina Hitzer, Autorin des Buchs "Krebs fühlen", fragt im Aufmacher des FAZ-Feuilletons, ob wir uns nicht darauf einstellen müssen, dass die Bedrohung durch das Virus und andere mögliche Pandemien nicht dauerhaft Teil unserer täglichen Erfahrung wird: "Für solche Situationen fehlen uns lebendige Erinnerungen, wenn man einmal von Aids absieht, das sich aufgrund anderer Übertragungswege von Covid-19 deutlich unterscheidet. Doch schon die ersten Reaktionen auf Aids in den achtziger Jahren deuten die Problematik an: Schnell galten Homosexuelle als Risikogruppen und Gefährder. Ältere historische Beispiele von Infektionskrankheiten zeigen: Ansteckung und Bakterien (und natürlich auch Viren, die aber erst später nachweisbar wurden) waren in der Moderne nicht nur potenziell tödliche Gefahren, sondern auch wirkmächtige todbringende Metaphern."

In der Welt glaubt Andreas Rosenfelder, nur linke und rechte Ideologen hätten ein Problem mit schnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Eine mögliche zweite Welle von Infektionen beunruhigt ihn nicht. Dafür ärgert er sich jetzt schon über diejenigen, die, wie er glaubt, eine "klammheimliche Hoffnung" hegten, "dass es genau so kommt. Dass all die Abweichler, Aufwiegler und undisziplinierten Drängler zügig abgestraft werden durch eine ordentliche Rückkehr der Seuche, mit der dann - fast wie in der geschlossenen Logik der 'Truman  Show' - gleichsam als Haftstrafe auch ein neuer Lockdown, eine Erneuerung der Maßnahmen unausweichlich sei. Das aber wird dann schon nicht mehr als selbstverständlich gelten."
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