9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1586 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2023 - Geschichte

Im Tagesspiegel blickt der Journalist Konstantin Sakkas auf die 2000 Jahre vor der Gründung Israels zurück. Nach diesen 2000 Jahren in der Diaspora kehrten "die Juden nicht als Glaubensgemeinschaft, sondern als Nation" zurück nach Israel - nach dem der Holocaust ihnen das Leben in Europa unmöglich gemacht hatte. Die Vereinten Nationen wollen das Gebiet, auf dem Israel entstehen soll, in einen jüdischen und arabischen Staat aufteilen, dies "lehnen bis auf König Abdallah I. von Jordanien alle arabischen Regierungen ab, woraufhin es zu Flucht und Vertreibung von palästinensischen Arabern durch jüdische Milizen wie die 'Hagana' kommt, für die sich der mindestens ungenaue arabische Begriff Nakba ('Unglück') eingebürgert hat. (...) Im Mai 1948 verkündet David Ben Gurion im Dizengoff-Museum in Tel Aviv unter dem Bild Theodor Herzls stehend die Gründung des Staates Israel. Sie war kein Projekt westlicher Kolonisatoren - sondern das erfolgreiche Ergebnis einer Dekolonisierung von außen, zu der der Holocaust nur der finale Anstoß war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2023 - Geschichte

"Wie gelangte der moderne Antisemitismus, der das Denken und Fühlen von heutigen Islamisten prägt, in den arabischen Raum?", fragt Christoph David Piorkowski im Tagesspiegel. Der Politikwissenschaftler Matthias "Küntzel und andere Forscher erklären, dass der Import mit der Zeit des Kolonialismus begann. Journalisten, Botschaftsangehörige und christliche Fundamentalisten hätten den Antisemitismus westlicher Provenienz in den arabischen Raum getragen. 1840 machte der falsche Vorwurf des Ritualmordes an Kindern erstmals im osmanischen Reich die Runde und provozierte eine Reihe von Pogromen. Um die Jahrhundertwende begann die Übersetzung westlich-antisemitischer Pamphlete ins Arabische. Dennoch konnten sich antisemitische Einstellungen als relatives Massenphänomen erst sehr viel später etablieren. Der in Europa und speziell in Deutschland seinerzeit wachsende Antisemitismus wurde etwa in ägyptischen Zeitungen anfangs heftig kritisiert." Dass die Verachtung für Juden in der muslimischen Welt schon etwas älter ist, kann man u.a. hier nachlesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2023 - Geschichte

In der NZZ gibt der Historiker Philipp Ammon einen sehr ausführlichen Überblick über die Geschichte des Bergkarabach-Konflikts, der in der Gründung des Staates im vorchristlichen Zeitalter wurzelt und über viele Kriege im Mittelalter führt. In dieser Zeit wurden viele Pogrome an den Armeniern in diesem Gebiet begangen. "Durch ihren Exodus aus Nagorni Karabach sind die Armenier um einen Phantomschmerz und ist ihre Geschichte um eine Tragödie reicher geworden. Er reiht sich ein in die Geschichte der ethnischen Homogenisierungen des 20. Jahrhunderts."

1973 hielt sich die Schweiz mit Stellungnahmen zum Jom-Kippur-Krieg zurück, erinnert der Journalist Peter Bollag in der NZZ. Mit den Öl-Staaten wollte man es sich doch nicht verscherzen. Einer der wenigen "einsamen Rufer in der Wüste" war Friedrich Dürrenmatt, aus dessen damaligen Artikel Bollag zitiert. "'Zwar ist es seit Jahren salonfähig geworden, die Israeli als Faschisten abzutun und die palästinensischen Terroristen als Helden zu betrachten, die aus schierer Verzweiflung so handeln (als ob es keine Lust am Terror gäbe), aber dass sich der neue arabisch-israelische Krieg nicht so recht ins Prokrustesbett der Ideologien spannen lässt, spüren sogar die Ideologen dumpf.' Damals wie heute drohten 'die arabischen Unschuldslämmer den jüdischen Wolf zu verschlingen'."
Stichwörter: Bergkarabach, Jom Kippur

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2023 - Geschichte

Der Historiker Norbert Frei hat zur Geschichte der Bundespräsidenten geforscht, mit Schwerpunkt auf der Frage, wie sie sich zum Nationalsozialismus verhielten, und präsentiert die Ergebnisse in seinem Buch "Im Namen der Deutschen. Die Bundespräsidenten und die NS-Vergangenheit". Wie sich die öffentlichen Reden zur NS-Diktatur änderten, erklärt Frei im Interview mit der SZ: "In der frühen Bundesrepublik mussten sich die 'Volksgenossen' der NS-Zeit in die Bürger der von außen gestifteten Demokratie verwandeln. Dabei war die Frage für die neuen politischen Parteien: Wie viel kann und will man ihnen zumuten? Die großen Figuren der Anfangsjahre - Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Theodor Heuss - bemühten sich fraglos um Klarheit hinsichtlich der Abgrenzung vom Nationalsozialismus, die ja auch im Grundgesetz dokumentiert ist. Aber es wurden eben auch Rücksichten genommen, aus Pragmatismus und Opportunismus, mit Blick auf die Erwartungen der Wählerschaft. Und diese Erwartungen waren 1949 ganz klar: Man wünschte sich mehrheitlich einen dicken Schlussstrich unter die Phase der alliierten Vorherrschaft, der Entnazifizierung, der politischen Säuberung insgesamt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2023 - Geschichte

Wenig bekannt ist, dass auch Männer im Konzentrationslager Ravensbrück eingesperrt waren, das eigentlich Frauen vorbehalten war - Hunderte homosexuelle Männer, die eingesetzt wurden, um Uniformen zu nähen. Herausgefunden hat das der Architekt Helmuth Hanle, auf dessen Initiative hin nun eine Ausstellung dieser Männer gedenkt, berichtet Jan Feddersen in der taz. Der Künstler Piotr Nathan  und seine Studenten arbeiten exemplarisch Einzelschicksale auf, ein Beispiel: "Das Schicksal von Gustav Fritz Herzberg, geboren 1907 in Breitenstein, Harz, bekommt ein Bild, das mehr ist als eine Fotografie, festgenommen von der Kripo Berlin allein wegen des Verdachts, schwul (wie man heute sagen würde) zu sein. Als Mittdreißiger starb er nach Arbeit in einem Steinbruch. Seine Familie sprach nicht über ihn, besser: weshalb er im Nazivolksheim nicht genehm war. Erst seine Großnichte, die unerschrockene Xenia Trost, holte ihn aus der Sphäre des Beschweigens in selbstbewusst anmutende Sprechfähigkeit." Die Ausstellung läuft nur noch bis 13. Oktober!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2023 - Geschichte

In der taz erinnert der Antisemitismusforscher Stephan Grigat an den Jom-Kippur-Krieg vor fünfzig Jahren, als mehrere arabische Armeen Israel gleichzeitig überfielen. Israel gewann, aber nur mit Hilfe massiver amerikanischer Waffenlieferungen (die Gegenseite war von den Sowjets ausgerüstet worden). "Den Weltmächten hatte der Krieg vor Augen geführt, dass der Konflikt Israels mit seinen arabischen Nachbarn das Potenzial zu einer globalen Eskalation besaß. Die Sowjetunion hatte während des Krieges sieben Luftlande-Divisionen in Einsatzbereitschaft versetzt, woraufhin die USA für ihre Nuklearwaffeneinheiten die Alarmbereitschaft erklärten. Als Reaktion darauf gibt es seither ein Interesse der Großmächte, eine Annäherung zwischen Israel und Ägypten zu unterstützen.... Israel räumte - schon damals gegen massiven Widerstand der nationalreligiösen Siedlerbewegung - den 1967 eroberten Sinai. Innenpolitisch führte der Jom-Kippur-Krieg zum Rücktritt der israelischen Premierministerin Golda Meir" und bei den anschließenden Wahlen zum Sieg des des rechtskonservativen Likud unter Menachem Begin. "Insofern markiert der Krieg von 1973 den Anfang vom Ende der Vorherrschaft der zionistischen Linken in Israel, welche das Land in den ersten drei Jahrzehnten seiner Existenz geprägt hatte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2023 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Mehrfach wurde in den letzten Tagen die Historikerin Christina Morina interviewt, die behauptet, es hätte auch in der DDR Demokratie-Traditionen gegeben (unsere Resümees). Im Tagesspiegel-Interview mit Hans Monath spricht sie aus aktuellem Anlass über die Einheit. Und entwickelt eine These, die den Aufstieg der AfD in den neuen Bundesländern erklären soll: Viele hätten in der DDR "die Erfahrung gemacht, dass individuelles demokratisches Engagement sehr wirksam sein und sogar eine Diktatur stürzen kann. Andere halten die Demokratie der Straße für eine veritable Alternative zu den mühsamen und in ihren Augen nicht zufriedenstellenden Verfahren der demokratischen Konfliktaushandlung auf parlamentarischem Wege. Die AfD setzt diese Straßenmacht-Erinnerung sehr bewusst ein, indem sie regionale Protestbewegungen einbindet, Stichwort Pegida und deren Ableger. Allerdings kann diese Protestform politisch sehr destruktiv wirken, denn sie erzeugt zwar mediale Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Mobilisation, ist aber letztlich nicht auf Kompromiss, also repräsentativdemokratische Konfliktlösung, ausgerichtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2023 - Geschichte

Buch in der Debatte

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In seinem neuen Buch "Frühling der Revolution" beschäftigt sich der Historiker Christopher Clark mit dem Revolutionsjahr 1848. "Erstaunlich, wie schnell die Macht sich verflüssigen kann", sagt er im FR-Gespräch mit Michael Hesse, in dem er Parallelen zur Gegenwart sieht: "Der Verlust an Respekt ist ein schwer quantifizierbarer Prozess. Dass Parlamentsmitglieder viel weniger Respekt entgegengebracht wird als früher, ist für jeden heute lebenden Menschen spürbar. (…) Jetzt muss man feststellen, dass diese großen Parteiformationen auch in einem Prozess der Verflüssigung begriffen sind, dass die Wählerschaften weniger stabil sind, sogar die Milieus scheinen auseinanderzudriften, zu kollabieren. Dazu kommt, dass es kein richtig nationales Fernsehpublikum mehr gibt, kein nationales Rundfunkpublikum, durch die neuen sozialen Medien haben sich auch die Lesepraktiken der Menschen, also die Art, wie sie sich informieren, verflüssigt und vervielfacht. Wir sind in einer Situation, die nicht ohne Ähnlichkeit und Analogien mit der Situation von 1848 ist. Nur dass es für die Menschen damals selbstverständlich war, während für uns die Entwicklungen neu sind. Geopolitisch bringt uns die Wiederkehr der Multipolarität in eine Welt, die ihrer viel ähnlicher ist als derjenigen der Zeit nach 1945."

"Ein pluralistisches System braucht konservative Menschen, um stabil zu sein", ergänzt Clark im Welt-Gespräch mit Marc Reichwein: "Deswegen ist der aktuelle Amoklauf der Konservativen aus meiner Sicht viel schädlicher als der Amoklauf bei den Linken. Die Linken können sich das leisten, sozusagen. Aber wenn Konservative, die von ihrem Selbstverständnis aus gesehen staatstragend sind, nicht mehr so handeln, wenn sie Wahlen und andere staatliche Institutionen nicht mehr anerkennen und wenn sie sich auf Verschwörungserzählungen und andere Experimente einlassen, wie es in den Vereinigen Staaten besonders fortgeschritten ist, dann kann man nur jeden Konservativen inständig anflehen, bitte wieder konservativ zu werden."


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Einen unaufgeregten Beitrag zur Ost-West-Debatte lieferte die Historikerin Gunilla Budde bereits im vergangenen Jahr mit ihrem Buch "So fern, so nah", in dem sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden deutschen Staaten skizzierte. Waren die Staatsformen noch so unterschiedlich, gesellschaftlich gab es durchaus Parallelen, sagt sie im FR-Gespräch: "Die Familie, die ungeachtet aller Pluralisierungstendenzen auf beiden Seiten weiterhin traditionellen Strukturen folgte, ist dafür ein schlagendes Beispiel. Und es gilt, langlebige Mythen zu entzaubern. Ostdeutsche Frauen haben sicherlich aus der frühen Einbindung in die Arbeitswelt ein größeres Selbstbewusstsein schöpfen können. Aber ihre vermeintlich durchgesetzte Emanzipation stieß auch auf Grenzen. Zum einen blieben ostdeutsche Frauen lange auf wenig qualifizierten und weniger gut dotierten Positionen auf dem Arbeitsmarkt. Und spätestens hinter der Haustür hörte dann die Emanzipation auch meistens auf. Familienarbeit blieb Frauenarbeit - hüben wie drüben. Und die ostdeutsche 'Muttipolitik' der 1970er Jahre zementierte noch die weibliche Zuständigkeit für die Familie."

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Für ihr gerade erschienenes Buch "Nicht einen Schritt weiter nach Osten" hat die Historikerin Mary Elise Sarotte zahlreiche Quellen gesichtet, um Putins Behauptungen über die Nato-Osterweiterung als Propaganda zu entlarven. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag erlaubt es der Nato, sich nach Osten auszudehnen, auch wenn Russland das anders sieht, sagt sie im t-online-Gespräch: "Russland beruft sich auf mündliche Aussagen, nennen wir es meinethalben ein mündliches Gentlemen's Agreement. Auf der anderen Seite haben wir Zwei-plus-Vier, ein schriftliches Vertragswerk. (…) Es ging hart auf hart, jeder wusste, dass nur das zählt, was schwarz auf weiß im Vertrag steht. Und laut Vertrag hatte die Nato eben jedes Recht, sich nach Osten zu erweitern. (…) Moskau hat den Vertrag unterzeichnet, Moskau hat dafür Milliarden kassiert."

Wurde "Bella Ciao" überhaupt von den PartisanInnen der Resistenza gesungen? Historiker bezweifeln das, schreibt Francesca Polistina in der taz: "'Bella ciao', das Partisanenlied schlechthin, jenes Partisanenlied, das jetzt überall in der Welt gesungen wird, war in der italienischen Resistenza sehr wenig verbreitet - wenn überhaupt. Erst später, in den sechziger Jahren, wurde seine Tradition 'erfunden', und das Lied wurde zu dem, was es noch heute ist: zum Symbol des Widerstandes. Dennoch setzte sich ausgerechnet 'Bella ciao' als beliebtestes Resistenza-Lied durch. Zwar wäre ein anderes wie zum Beispiel 'Fischia il vento' passender gewesen, um den Kampf der Partisanen zu zelebrieren. Aber in einem von den Christdemokraten regierten Land, wie es Italien bis zu den Neunzigerjahren war, hatte ein kommunistisches Lied - in dem von einem 'roten Frühling' die Rede war und das von einer russischen Melodie getragen wurde - keine Chancen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2023 - Geschichte

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In seinem aktuellen Buch "American Matrix" wendet sich der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel Amerika zu, aber ganz verlassen kann er sein Spezialgebiet nicht, wie er auch im SZ-Gespräch mit Moritz Baumstieger erklärt. Er zeichnet Parallelen zwischen USA und Sowjetunion nach: "Beide Staaten verstanden sich als Länder im Aufbruch in Richtung Moderne, als Pionierstaaten, in denen die Zukunft geschrieben wird. Nicht das alte Europa mit seinen Klassen- und Ständegesellschaften, seinen Nationalismen war der Orientierungspunkt, sondern die Schaffung einer neuen Welt. (…) Fast gleichzeitig wurden in den USA der Hoover-Damm und in der Sowjetunion der Damm am Dnjepr bei Saporischschja gebaut. Sowohl in der Formensprache als auch beim heroischen Pathos, der die Bauten umgab, gab es eine große Nähe - und doch unter radikal verschiedenen Bedingungen: Ins entlegene Nevada zogen die Arbeiter wegen der hohen Arbeitslosigkeit freiwillig, die am Dnjepr folgten einer Zwangsmobilisierung von oben." Das Buch hat Wolf Lepenies gestern in der Welt besprochen.

Sechs Jahre nach dem ersten Spatenstich und mit Kosten, die von 14,3 auf 30,1 Millionen Euro stiegen, ist jetzt der Neubau für das NS-Dokumentationszentrum am Obersalzberg mit neuer Dauerausstellung eröffnet worden, meldet unter anderem Gabi Czöppan im Tagesspiegel. Immerhin, das Konzept überzeugt, meint sie: "Die fünf Kapitel führen von der 'Bühne Obersalzberg', dem 'Führer' und der 'Volksgemeinschaft', der 'Bergwelt und Weltmacht' über 'Täterort und Tatorte' bis zum kritischen letzten Teil 'Nach Hitler'. Noch lange nach Kriegsende lockte man mit dem Hitler-Kult und Andenken-Kitsch Touristen an. Offiziell kamen die Gäste aus aller Welt wegen der guten Bergluft, aber Berchtesgaden verdiente auch gut an Hitlers Erbe. Der Umgang mit der eigenen Geschichte galt lange Zeit als fragwürdig."

Der postkoloniale Historiker Jürgen Zimmerer hat in einem Zeit-Sonderheft zu Geschichte strikt nach Moses (Dirk A.) behauptet, Deutschland verfolge "ein völkisches Konzept von Vergangenheitsbewältigung" und reduziere die Lehren aus dem Nationalsozialismus "auf den Holocaust und eine bestimmte Form antisemitischer Verbrechen". Andreas Kilb muss in der FAZ sehr staunen: "Hat Zimmerer die Geschichtsdebatten der letzten sechzig Jahre verschlafen? Hat er die Kontroverse um die Wehrmachtsausstellung verpasst? Ist ihm entgangen, dass es in Berlin nicht nur ein Holocaust-Mahnmal, sondern auch eines für die ermordeten Sinti und Roma und die verfolgten Homosexuellen gibt; dass dort ein Polnisches Haus und ein Dokumentationszentrum zur deutschen Besatzungsherrschaft in Europa geplant sind?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2023 - Geschichte

Anlässlich des 75. Jahrestag des Münchner Abkommens erinnert Stefan Braun in der taz an die "Deutsche sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik" (DSAP), die nach 1933 maßgeblich an der Rettung und der Koordination des sozialdemokratischen Widerstands gegen Adolf Hitler beteiligt war. Anders als die Nazis von der SdP hatte  sich dien DSAP zur Tschechoslowakei bekannt. Und die Anhänger der DSAP bereiteten sich auf einen Krieg gegen Hitler vor. Doch mit dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 geben Neville Chamberlain und Edouard Daladier das Sudetenland preis, die DSAP wird ihrem Schicksal überlassen. "Am 1. Oktober beginnt der Einmarsch der Wehrmacht in das Sudetenland. Überall wird sie von vor Freude weinenden Menschen begrüßt. Einem Teil der Sudetendeutschen geschieht nun das, was ihnen die SdPler angedroht hatten: Sie werden öffentlich misshandelt und durch die Straßen getrieben, 10.000 bis 20.000 deutsche Antifaschisten werden verhaftet - kommen ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager. Von ihrer Regierung erfahren die sudetendeutschen Sozialdemokraten wenig Hilfe: Geflüchtete werden von der Regierung zurück ins Sudetenland geschickt."

Außenaufnahme der neuen Dokumentation Obersalzberg. Foto: Institut für Zeitgeschichte / Leonie Zangerl


Hannes Hintermeier hat für die FAZ das neue NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg besucht und ist beeindruckt: "Einen 'Rummelplatz der Zeitgeschichte' hat man den Obersalzberg genannt. Gegen dieses Image arbeitet das neue Dokumentationszentrum überzeugend mit den Mitteln der Aufklärung an", so der Kritiker. "Die Ausstellung trägt den Titel 'Idyll und Verbrechen', sie geht bewusst vom Ort aus, will keine Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus bieten. Der hat auch in Berchtesgaden einmal klein angefangen, entwickelte die 'Volksgemeinschaft' durch das Handeln konkreter Menschen aus der Gemeinde, die Ausgrenzung betrieben, Hakenkreuzfahnen hissten, völkische Parolen schmetterten und profitierten, wenn Nachbarn fliehen mussten, weil sie Juden waren."