"Wir müssen bei Verbrechen grundsätzlich genauer hinschauen, müssen
verschiedene Formen von Gewalt genau unterscheiden und unterschiedliche Begriffe dafür finden.
Die Sprache verstehen, die ein Verbrechen ausdrückt", sagt der Schweizer Historiker und Leiter des Deutschen Historischen Museums in Berlin
Raphael Gross im Gespräch mit Ulrike Knöfel und Tobias Rapp vom
Spiegel. Gross bezieht das ausdrücklich auf den
7. Oktober, nachdem er zuvor über das geplante Dokumentationszentrum zum Zweiten Weltkrieg gesprochen hat - auch hier geht es um verschiedene Formen der Gewalt, die die Nazis gegen verschiedene Bevölkerungsgruppen in Europa ausgeübt haben. Scharf kritisiert Gross, der sich seinerzeit beim "Weltoffen"-Aufruf zurückhielt, heutige
postkoloniale Diskurse: "Man kann auch davon sprechen, dass hier eine
antikoloniale Tradition missbraucht wird, um Antisemitismus zu schüren. Das steht in einer Verbindung mit dem Versuch, die NS-Zeit als Kolonialverbrechen zu verstehen. Eine immer stärker verbreitete
Theorieentwicklung führt dazu, dass die Unterscheidungen zwischen Rassismus und Antisemitismus, zwischen Genozid und Massaker, zwischen Krieg und Terror verwischt werden."
Die diesjährige Schiller-Rede in Marbach hielt
Abdulrazak Gurnah - der auf den
deutschen Kolonialismus zu sprechen kam. Der
Literaturnobelpreisträger, der im Gebiet des früheren Deutsch-Ostafrika aufgewachsen ist, fragt sich, warum ein Staat wie Deutschland zum "
Mythos der unerbittlichen Grausamkeit" werden kann, auch wenn die Kolonisatoren moralische Bedenken hatten. Nur reiche ein moralischer Zwiespalt oft nicht aus, um die Kollaboration aufzugeben: "Sich auflehnen würde schließlich bedeuten, sich gegen seine Gemeinschaft zu stellen, gegen die gemeinsame soziale Identität, gegen die gesellschaftlichen Institutionen, die einen schützen und zu seinem Tun berechtigen.
Der gefühlte Zwiespalt stünde im Widerspruch zu jahrzehntelanger europäischer Selbstdarstellung - und der Darstellung des Angriffsobjekts, also der Afrikaner und Afrikanerinnen. (...) Eine Kolonie war immer ein Polizeistaat, durch Dekrete und bei Bedarf durch Gewalt regiert: Was in Deutschland das Gesetz verbat, war in Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika legal. Die deutsche Kolonialpraxis in Afrika trieb dies auf die Spitze."