9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2023 - Geschichte

"Wir müssen bei Verbrechen grundsätzlich genauer hinschauen, müssen verschiedene Formen von Gewalt genau unterscheiden und unterschiedliche Begriffe dafür finden. Die Sprache verstehen, die ein Verbrechen ausdrückt", sagt der Schweizer Historiker und Leiter des Deutschen Historischen Museums in Berlin Raphael Gross im Gespräch mit Ulrike Knöfel und Tobias Rapp vom Spiegel. Gross bezieht das ausdrücklich auf den 7. Oktober, nachdem er zuvor über das geplante Dokumentationszentrum zum Zweiten Weltkrieg gesprochen hat - auch hier geht es um verschiedene Formen der Gewalt, die die Nazis gegen verschiedene Bevölkerungsgruppen in Europa ausgeübt haben. Scharf kritisiert Gross, der sich seinerzeit beim "Weltoffen"-Aufruf zurückhielt, heutige postkoloniale Diskurse: "Man kann auch davon sprechen, dass hier eine antikoloniale Tradition missbraucht wird, um Antisemitismus zu schüren. Das steht in einer Verbindung mit dem Versuch, die NS-Zeit als Kolonialverbrechen zu verstehen. Eine immer stärker verbreitete Theorieentwicklung führt dazu, dass die Unterscheidungen zwischen Rassismus und Antisemitismus, zwischen Genozid und Massaker, zwischen Krieg und Terror verwischt werden."

Die diesjährige Schiller-Rede in Marbach hielt Abdulrazak Gurnah - der auf den deutschen Kolonialismus zu sprechen kam. Der Literaturnobelpreisträger, der im Gebiet des früheren Deutsch-Ostafrika aufgewachsen ist, fragt sich, warum ein Staat wie Deutschland zum "Mythos der unerbittlichen Grausamkeit" werden kann, auch wenn die Kolonisatoren moralische Bedenken hatten. Nur reiche ein moralischer Zwiespalt oft nicht aus, um die Kollaboration aufzugeben: "Sich auflehnen würde schließlich bedeuten, sich gegen seine Gemeinschaft zu stellen, gegen die gemeinsame soziale Identität, gegen die gesellschaftlichen Institutionen, die einen schützen und zu seinem Tun berechtigen. Der gefühlte Zwiespalt stünde im Widerspruch zu jahrzehntelanger europäischer Selbstdarstellung - und der Darstellung des Angriffsobjekts, also der Afrikaner und Afrikanerinnen. (...) Eine Kolonie war immer ein Polizeistaat, durch Dekrete und bei Bedarf durch Gewalt regiert: Was in Deutschland das Gesetz verbat, war in Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika legal. Die deutsche Kolonialpraxis in Afrika trieb dies auf die Spitze."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2023 - Geschichte

Gewiss, die Juden waren Europäer des Kolonialzeitalters, als sie sich Palästina als leeren Raum erträumten, in den sie bloß zurückkehren müssten. "Zum Kolonialismus gibt es trotzdem einen entscheidenden Unterschied", sagt der Historiker Michael Brenner in einem Gespräch über die Geschichte des Zionismus mit FAZ-Redakteur Claudius Seidl: "Es gab keine Kolonialmacht. Die Juden hatten nicht etwa einen mächtigen europäischen Staat hinter sich, sie waren Flüchtlinge vor dem europäischen Antisemitismus. Die Zionisten passen aber auch nicht in das heute so beliebte Konzept des Settler Colonialism. Von den Passagieren der 'Mayflower' unterschieden sie sich erstens dadurch, dass sie nicht in ein fernes, unbekanntes Land aufbrachen, sondern in ihre alte Heimat. Und zweitens gab es dort seit jeher auch eine kontinuierlich bestehende jüdische Gemeinde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2023 - Geschichte

Die Erinnerung an die Novemberpogrome jährt sich zum 85. Mal, aber angesichts des Massakers der Hamas und der antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland soll das Gedenken dieses Jahr anders aussehen, schreibt Hauke Friedrichs, der für ZeitOnline unter anderem mit Daniel Sheffer gesprochen hat: "'Wir können diesen 9. November nicht begehen wie in den vergangenen Jahren, der grausame Angriff auf Israel und die Reaktionen darauf in Deutschland machen deutlich, dass die Mehrheit stärker die jüdische Minderheit schützen muss', sagt Daniel Sheffer, Vorsitzender des Stiftungsrats Bornplatzsynagoge, der den Wiederaufbau des 1938 stark beschädigten Gotteshauses plant. 'Die Untaten von palästinensischen Terroristen am 7. Oktober in Israel, die Morde an Babys, die Vergewaltigungen, das Anzünden von Familien und die Verschleppungen von Menschen, all das hat gezeigt, wie weit 'Nie wieder' von der Realität entfernt ist, dass es ein 'Schon wieder' gibt.'"

"Das Bild von den kulturvollen Deutschen zersprang" heute vor 85 Jahren und wieder müssen Jüdinnen und Juden um ihr Leben fürchten, meint auch Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel. Deshalb sei es Zeit, Antisemitismus als Straftatbestand ins deutsche Recht zu integrieren und uns "klarmachen, dass jeder Antisemit ein Feind der Demokratie ist". "Bis heute kommt Antisemitismus im Strafgesetzbuch nicht vor. Antisemitische Handlungen sind nicht zwangsläufig verboten oder strafbar. Es gibt keine Definition des Antisemitismus. Rechtlich gesprochen: Er ist kein Straftatbestand, nur ein Strafverschärfungsgrund. Das reicht nicht mehr aus, die Wirklichkeit ist eine andere, das Recht muss ihr folgen."

In der Geschichtsschreibung wurde erstaunlich wenig beachtet, dass am 08. November 1938 die gesamte jüdische Presse in Deutschland verboten worden war, erinnert Reiner Burger in der FAZ: "Auf einen Schlag hörten an jenem Tag vor 85 Jahren 65 Zeitungen und Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von zuletzt rund einer Million Exemplare auf, zu existieren. Das Presseverbot war ein Menetekel für das, was die Kreis- und Ortsgruppenleiter der NSDAP und die SA-Stäbe im ganzen Deutschen Reich auf Goebbels Wink hin dann in der Nacht vom 9. auf den 10. November organisierten." An die Stelle der jüdischen Presse trat das von Goebbels total kontrollierte Jüdische Nachrichtenblatt: Ein "Spiegel der immer verzweifelteren Lage der Juden. Die nationalsozialistischen Machthaber nutzten die Zeitung als Werkzeug für ihre sich nun immer rascher radikalisierende Judenpolitik. Zunächst war Auswanderung das verordnete Hauptthema. Das blieb auch so, als nach dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs kaum noch Fluchtwege blieben. Gleichwohl ordnete das Propagandaministerium an, es hätten mehr Artikel zum Thema zu erscheinen."

Außerdem: In der NZZ erinnert Martin Steinacher vom Comité Maurice Bavaud an das gescheiterte Hitler-Attentat des Schweizer Theologiestudenten Maurice Bavaud vom 9. November 1938 in München.  

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2023 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Genau vor hundert Jahren versuchte Hitler mit der Hilfe der SA gegen die Reichsregierung in Berlin zu stürzen. Der deutsche Historiker Wolfgang Niess, der auch ein Buch zum Thema verfasst hat, erinnert im SZ-Interview daran, "dass die Beseitigung der angeblich 'jüdisch und marxistisch verseuchten' Republik keineswegs nur das Projekt Hitlers war. Er war im Getriebe des geplanten Umsturzes nur ein relativ kleines Rädchen. Der entscheidende Kopf war Gustav von Kahr, der schon 1920/21 als Ministerpräsident die Vorstellung hatte, Bayern müsse zur 'Ordnungszelle' Deutschlands werden. Kahr war Monarchist, glühender Antisemit und entschiedener Gegner der Demokratie." Auch die bayerische Justiz versagte in der Aufarbeitung des Falls, so Niess. Auch mit dem Blick auf den heutigen Antisemitismus der deutschen Gesellschaft, plädiert Niess dafür, sich endlich den historischen Tatsachen zu stellen: "Als Gesellschaft hat uns das 'Führerprinzip' so lange - und möglicherweise bis heute - daran gehindert, den Tatsachen offen ins Auge zu blicken und Konsequenzen zu ziehen. An den Novemberpogromen etwa waren keineswegs nur Schlägertrupps der SA beteiligt, sondern auf die eine oder andere Art und Weise etwa zehn Prozent der Deutschen. Wir sollten aufhören, uns hinter Hitler zu verstecken - in Sachen "Hitlerputsch" und im Hinblick auf Antisemitismus. Den gab es hierzulande vor Hitler und auch nach ihm. Inzwischen zeigt er sich wieder ganz offen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2023 - Geschichte

Faschismus braucht Wegbereiter aus der gesellschaftlichen Mitte, wie auch die jüngsten Ereignisse zeigen. Der Historiker Michael Brenner erinnert in der FAZ daran, dass der 9. November 1938 nicht ohne die Vorgeschichte in den zwanziger Jahren möglich gewesen wäre: "In Bayern setzte bereits 1920 die konservative Regierung auf die antisemitische Karte, teilweise genährt aus Ressentiments gegen die mit Beteiligung prominenter jüdischer Akteure durchgeführte Revolution von 1918 und die Räterepubliken vom Frühjahr 1919. Der neue Ministerpräsident Gustav von Kahr spielte mit dem Gedanken, osteuropäische Juden auszuweisen, die Gerichte ließen die Gewalt von rechts oft ungesühnt, und die Münchner Polizei war fest in der Hand von Hitlers Gesinnungsgenossen, allen voran der Polizeipräsident Ernst Pöhner, der 1923 mit Hitler zur Feldherrenhalle marschieren sollte. Auch die katholische Kirche spielte in dieser Gemengelage keine rühmliche Rolle."

Preußen ist tot, aber als Untoter doch noch recht präsent in den Debatten, schreibt der Historiker Christoph Markschies auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ. Ein Beispiel ist für ihn die Debatte um die Kuppelinschrift an der Berliner Stadtschlossattrappe: Sie sei "im Kern ebenfalls eine öffentliche, auf die Ambivalenzen zugespitzte Debatte über das preußische Erbe. Sie konzentriert sich auf ein weithin sichtbares Zeichen der persönlichen Frömmigkeit dessen, der diese Kuppel in Auftrag gab und bis in Details prägte. König Friedrich Wilhelm IV. war, wie einige seiner Vorgänger, ein recht gut gebildeter Laientheologe, der an das Gottesgnadentum glaubte, aber sich als Monarch von Gottes Gnaden in evangelischer Tradition als Gottes sündiger Knecht fühlte und mit der Kuppel zugleich auch die Demut der Monarchen vor dem göttlichen Thron sichtbar inszenieren wollte. Das verstehen heute aber bestenfalls noch die Fachleute."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2023 - Geschichte

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In seinem neuen Buch "Weltenbrand" plädiert der britische Historiker Richard Overy den Zweiten Weltkrieg in einem größeren Zusammenhang zu betrachten - auch die deutschen Verbrechen (unser Resümee). Im Welt-Interview mit Richard Kämmerlings wehrt er sich zudem gegen den Begriff vom stalinistischen Imperialismus: "Stalin will den Kommunismus überall verbreiten, wohin die Rote Armee auch gelangt." Trotz alledem handele es sich hierbei aber um eine Hegemonialmacht. "Eine Hegemonialmacht, wie bösartig sie auch immer ist, ist etwas anderes als eine Kolonialherrschaft, wie sie etwa Deutschland, Italien und Japan in den Gebieten errichteten, die sie besetzten. Aber ich weiß natürlich, dass gerade Leute in Osteuropa das für eine reine semantische Spitzfindigkeit halten. Aber eben deswegen verwende ich in meinem Buch viel Raum auf die konkrete Herrschaftsausübung der Achsenmächte. Weil sie sofort die Muster kolonialer Verwaltung kopieren, die die 'alten' Kolonialmächte ausübten."

In der Zeit erinnert der Historiker Volker Ullrich an den Hitlerputsch am 8. November vor hundert Jahren, der zwar mit der Verurteilung Hitlers endete, aber: "Wäre es nach Recht und Gesetz gegangen, hätte Hitler für viele Jahre hinter Gitter gemusst. Doch er und seine Mitverschwörer stehen im Frühjahr 1924 am Volksgericht München I vor dem Vorsitzenden Richter Georg Neithardt, der seine Sympathien für die Angeklagten nicht versteckt. Er lässt es zu, dass Hitler sich zum Herrn des Verfahrens aufspielen und das Tribunal als Bühne für seine Propaganda nutzen kann. Am 1. April 1924 wird das Urteil verkündet: Ludendorff wird freigesprochen, Hitler zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft verurteilt, allerdings mit der Aussicht, schon nach sechs Monaten auf Bewährung freizukommen. Unter luxuriösen Haftbedingungen schreibt er das Buch Mein Kampf und bereitet sein politisches Comeback vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2023 - Geschichte

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Der Historiker Richard Overy lässt in seinem Buch "Weltenbrand" die Ära des Zweiten Weltkriegs mit Japans Überfall auf die Mandschurei 1931 beginnen. Harry Nutt unterhält sich in der FR mit ihm und Sönke Neitzel über diesen globalisierenden Blick. Relativiert er auch die deutsche Schuld? Overy antwrotet: "Dabei geht es mir nicht um einen billigen Vergleich, aus dem am Ende hervorgeht, dass die Deutschen vielleicht doch nicht ganz so schlimm waren. Ich denke vielmehr, dass es eines geschärften Blicks für andere Aspekte des Krieges bedarf. Das gilt auch für den Umgang mit der deutschen Schuld, die in vielen anderen Ländern entlastend gewirkt hat. Ich denke, so altmodisch kann man da nicht länger herangehen. Man muss die deutschen Verbrechen analysieren und zugleich in der Lage sein, sie in einem größeren Zusammenhang zu betrachten." Neitzel stimmt ihm zu: "Das Fehlen einer internationalen Perspektive ist einer der Gründe dafür, dass wir uns häufig um unsere eigenen Debatten drehen. Was Richard Overys Buch so wohltuend davon unterscheidet, ist diese sachliche Abgeklärtheit, der analytisch scharfe Blick von oben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2023 - Geschichte

"Wenn die Vergangenheit ein fremdes Land wäre, würden die Ukrainer nicht für sie kämpfen", schreibt die Archäologin Esther Widmann in der NZZ und blickt auf die Zerstörung von historischen Bauwerken in der Ukraine. Die Vergangenheit ermögliche es nämlich erst, eine Identität für sich zu beanspruchen: "In der Ukraine stammen der Name der Währung, Hrywna, und sogar das Staatswappen, der Dreizack, aus der Kiewer Rus, einem mittelalterlichen Großreich. Das ist keine Nostalgie, sondern eine politische Aussage. Die Kiewer Rus war der erste Staat auf ukrainischem Boden, eigenständig, zu einer Zeit, als Moskau noch ein Dorf war. Die Vergangenheit der Ukraine ist der Beweis ihrer Unabhängigkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2023 - Geschichte

"Die Hamas hat sich offen einer Ideologie des Rassismus und des Genozids verschrieben", sagt der amerikanische Autor Paul Berman im NZZ-Gespräch: "Die Hamas-Idee hat sich einiges abgeschaut von der Nazi-Idee. (…) Die Hamas sind ein Ableger von den Muslimbrüdern in Ägypten. Die Muslimbrüder, die in den 1930er Jahren als islamische fundamentalistische Erneuerungsbewegung entstanden, wurden zu einer Massenbewegung, die eine Reihe von europäischen Ideen aufnahm. Mussolini und Hitler wollten die Gesellschaft 'säubern' und auf ihre Weise das Römische Reich auferstehen lassen. Hassan al-Banna, der Gründer der Muslimbrüder, hatte ähnliche Säuberungsfantasien und wollte seinerseits das islamische Reich des Propheten Mohammed wiedererwecken. (…) Hassan al-Banna bewunderte insbesondere Hitler und förderte im Stil Hitlers einen Todeskult. 'Der Märtyrertod auf dem Pfad Gottes ist unsere größte Hoffnung', war Bannas Slogan. Der größte Theoretiker der Muslimbrüder war dann aber Sayyid Qutb, der zufällig auch ein Gelehrter der englischen Romantik war. Qutb vertiefte die Ideen der Bruderschaft kulturell und psychologisch. Und er brachte all dies in seinem Denken über die Juden zusammen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2023 - Geschichte

Die Historikerin Kristina Milz erinnert in der FAZ an die Gründung der türkischen Republik durch Atatürk vor hundert Jahren, ein durchaus zwiespältiges Ereignis, meint sie, dessen Dimensionen hierzulande kaum bekannt sind. "Der zweifellos tiefste Eingriff in die Gesellschaft kam 1928: Die komplexe osmanische Hochsprache sollte der Vergangenheit angehören, als einzige Amtssprache künftig das Türkische gelten. Mit der Reform, die die Sprache einerseits europäisierte, andererseits türkisierte, durfte nur noch die lateinische Schrift verwendet werden; 'fremder', insbesondere kurdischer Wortschatz wurde verbannt. Die Entscheidung richtete sich nicht nur gegen Minderheiten, sondern war auch als Vorgehen gegen religiöse Traditionen zu deuten, denn die alten Zeichen wurden als Schrift des heiligen Korans interpretiert."