9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2018 - Geschichte

Mit Blick auf den gestrigen 75. Jahrestag des Aufstands von Treblinka fragt der Judaist Stephan Lehnstaedt in der SZ: "Wenn ausgemergelte, unbewaffnete und unterdrückte Insassen von Treblinka gegen den Genozid kämpfen konnten, warum tat es dann sonst niemand?" Er fordert eine neue Debatte: "Was bedeutet es, wenn ein ganzes Volk zugesehen, zugestimmt und sogar mitgemacht hat, als ein Völkermord stattfand? Und warum ist weniger als ein Promille dieser Menschen dagegen aufgestanden oder hat den Juden zumindest im Stillen geholfen? Diese zentralen Fragen jeder historisch-politischen Bildung sind bisher überhaupt nicht gesellschaftlich gestellt, geschweige denn beantwortet worden, obwohl sie eine universelle Bedeutung haben: Wie verhalten wir uns bei Not, Unrecht und Verfolgung von anderen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2018 - Geschichte

Der sozialdemokratische neue Ministerpräsident Spaniens, Pedro Sanchez, will die Überreste des spanischen Diktators Franco aus dem "Tal der Gefallenen", einem pompösen Bauwerk zum Gedenken an Francos Sieg nahe Madrid, entfernen lassen, schreibt Diego Torres in politico.eu. Das Monument des Klerikalfaschismus mit seinem 150 Meter hohen Kreuz soll so von einem Schrein zu einem Ort des Gedenkens werden: "Der 1959 eingeweihte Ort wurde vom Franco-Regime als Ort der Versöhnung dargestellt - obwohl er eindeutig die siegreiche Seite des Krieges und seinen Führer verherrlichen sollte. Etwa 12.500 der dort begrabenen Menschen sind nicht identifiziert. Nach seinem Tod wurde der Diktator in der Mitte der Hauptkrypta der Basilika begraben. Vor ihm liegt José Antonio Primo de Rivera, der Gründer von Falange, der wichtigsten faschistischen Partei in Spanien, die während des Krieges von den Republikanern hingerichtet wurde. Jedes Jahr am 20. November, dem Tag, an dem Franco starb, versammeln sich Hunderte von Unterstützern, um ihm Tribut zu zollen." Allerdings, so Torres, gibt es in Spanien kaum mehr Sympathien für das Franco-Regime, ein Großteil der Bevölkerung unterstütze den Plan.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2018 - Geschichte

Paul Ostwald erinnert in der taz an den Journalisten Leo Lania, der in der Weimarer Zeit spektakuläre Undercover-Reportagen veröffentlichte, für die er sich unter die Nazis mischte - 1922 konnte er miterleben, wie die Nazis ihren Putschversuch vorbereiteten: "Lanias Gerichtsreportage, der 'Hitler-Ludendorff-Prozess', ist nun in der Zeitschrift Schreibheft (Ausgabe 87) endlich in vollständiger Verfassung wieder zugänglich. Es ist ein groteskes Bild der zynischen Verschwörer, die zwischen dem Geklimper ihrer Orden die eigene Politik vorhersagen. Diese frustrierten Exgeneräle eröffneten Lania auch den Zugang zum illegalen Waffenmarkt der Republik. Der Versailler Vertrag von 1919 hatte den Deutschen nicht nur die Kriegsschuld zugeschrieben, sondern auch eine Demilitarisierung vorgeschrieben. Der Schwarzmarkt brodelte - und die Spuren führten Lania vom paramilitärischen nationalsozialistischen Milieu bis in die höchsten Regierungskreise." außerdem verweist Ostwalt auf Michael Schwaigers Biografie über Lania und seinen wiederaufgelegten Roman "Land des Zwielichts". In der Zeit ist anfang des Jahres ein Porträt über Lania erschienen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2018 - Geschichte

In der NZZ erinnert Marc Neumann an ein weitgehend unbekanntes Kapitel in der Geschichte der Lynchjustiz - außergerichtliche Hinrichtungen von Mexikanern, denen zwischen 1848 und 1928 in den südwestlichen Staaten von Texas bis Kalifornien mindestens 597 Mexikaner zum Opfer fielen: "Die Phasen, in denen besonders viele Mexikaner ermordet wurden, fielen in Perioden sozialen und politischen Aufruhrs. Wie Webb und Carrigan postulieren, wurden Mexikaner nicht nur wegen im 19. Jahrhundert kursierender rassistischer Vorurteile gelyncht, die sie als arbeitsscheue, ungebildete, triebhafte und ungepflegte spanisch-indianische Mischlinge abstempelten. Die Übergriffe der Lynchmobs häuften sich etwa in den Wirren nach dem Amerikanisch-Mexikanischen Krieg in den 1850er Jahren oder während der durch ein Freihandelsabkommen angefachten Guerilla-Konflikte in den 1870ern, als sich mexikanische Bürgerwehren und Texas Rangers im Grenzgebiet Scharmützel lieferten."

Für die Berliner Zeitung hat Susanne Lenz einen Sommerspaziergang über den Neuköllner Garnisonsfriedhof gemacht und kopfschüttelnd festgestellt, dass der kleine, an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia erinnernde Gedenkstein direkt neben dem großen Herero-Stein platziert ist, der an jene Deutschen erinnert, die im Feldzug von 1904 bis 1907 den "Heldentod" starben. Sie erinnert: "Bei der Enthüllung wurde eine Erklärung verteilt, die die Verwendung des Begriffs Kolonialkrieg beklagte, wenn es doch Völkermord heißen müsste. Ein Genozid, dem bis zu 80.000 Herero zum Opfer fielen und 10.000 Nama. Das Auswärtige Amt war dagegen gewesen. Man kann sich denken warum. Völkermord, das ist nicht einfach ein Begriff. Wird etwas als Völkermord definiert, kann das rechtliche Konsequenzen haben. Völkermord verjährt nicht. In Namibia warten sie auf Entschädigungszahlungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2018 - Geschichte

Alex Rühle bringt immer wieder aus Frankreich die interessantesten Geschichten mit. In der SZ berichtet er heute vom Ehepaar Alain und Dafroza Gauthier vor, die man sich als französisch-ruandische Version von Serge und Beate Klarsfeld vorstellen muss. Seit Jahren recherchieren sie zum Genozid in Ruanda und sorgen für die Anklagen der Täter: "Belgische Freunde strengten 2001 einen Prozess in Brüssel an, bei dem vier ruandische Mörder zu Haftstrafen zwischen zwölf und 20 Jahren verurteilt wurden. Nach dem Urteilsspruch sagten sie zu den Gauthiers: 'Und ihr? Wann fangt ihr in Frankreich damit an? Da sitzen doch Hunderte von denen.' Am Tag danach gründete das Ehepaar Gauthier den Verein Collectif des parties civiles pour le Rwanda (CPCR) und machte sich auf die Suche. Eine Suche, die für den französischen Staat recht ungemütlich ist. Der Historiker Jacques Julliard hatte schon 1998 geschrieben: 'Eines Tages werden wir uns der Frage nach der französischen Verantwortung stellen müssen. François Mitterrand war Präsident, als der Genozid in Ruanda stattfand. Frankreich hat das Verbrechen selbst nicht begangen, aber die zukünftigen Killer, die ihre mörderischen Intentionen nie versteckten, mit Waffen ausgerüstet.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2018 - Geschichte

Von den Nazis geraubte Judaica sind das schwarze Loch in der Provenienzforschung, schreibt Regina Mönch in der FAZ, die einen Kongress zum Thema besucht hat: "Was später nicht eingeschmolzen wurde - Bücher wurden eingestampft -, kam oftmals in die Museen der jeweiligen Region. Und dort, meist in den Depots, liegen Judaica, nicht selten uninventarisiert, bis heute. Die Rolle der Museen beim Raub von Judaica ist ambivalent, einige rechtfertigten später ihren ungeklärten Besitz auch mit Rettungsabsichten, vermeintlichen und wahren, angesichts der Plünderungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2018 - Geschichte

So einen wie Fritz Bauer, der dezidiert auf dem Rechtsstaat bestand, hätte die AfD vielleicht mehr gehasst als die von ihr so gern verlachten 68er, schreibt Jan Feddersen in der taz aus Anlass von Bauers fünfzigstem Todestag: "Denn diese, die Völkischen, wären mit einem wie Dutschke, der von nationaler Wiedervereinigung mehr träumte als von Liberalisierung der Verhältnisse, womöglich eher einverstanden gewesen. Einem wie Fritz Bauer, würden sie ihn kennen oder hätten ihn gekannt, wäre ihr Hass gewiss gewesen. Denn alles, wofür er stand, wofür er kämpfte, fand durchweg die Kritik jener, die unter den Nazis groß wurden oder schon während der Weimarer Republik zu den Nationalkonservativen, den Autoritären, den Zuchtmeistern von Sitte und Anstand zählten."

Heinrich Schmitz wirft bei den Kolumnisten nach der Lektüre von Gretchen Dutschkes Memoiren einen milderen Blick auf Dutschke: "Die 68er Bewegung mag in manche Sackgasse und auf manchen Irrwegen gelaufen sein, aber ohne sie wäre vieles ganz anders als es heute (noch) ist. "

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2018 - Geschichte

Die Rolle Großbritanniens während der Blockade Berlins durch die Sowjets im Sommer 1948 ist in der Forschung bislang unterschätzt worden, meint der Historiker Victor Mauer in der NZZ und erinnert daran, dass die britische Regierung im Gegensatz zu ihren Partnern den Staatsaufbau in Deutschland zu keinem Zeitpunkt in Frage stellte. Aber "London plante mit Ressourcen, über die es gar nicht oder nur teilweise verfügte. Monatelang war nicht klar, ob die US-Regierung nicht doch noch ausscheren würde. Nicht zuletzt deshalb gab es vor allem unter den Militärs erhebliche Bedenken gegen den eingeschlagenen Kurs. Schließlich ging es außer um die Frage von Krieg und Frieden auch um die Frage der Fähigkeit zur Kriegsführung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2018 - Geschichte

Der Madrider Lehrer José Luis Gordo will Schulen der Stadt, die noch nach franquistischen Generälen heißen, nach Lehrerinnen und Lehrern der von Franco niedergewalzten Republik umbenennen, auch um an die Errungenschaften der Republik zu erinnern, wie er dem taz-Korrespondenten Rainer Wandler erzählt: "Die Bildung war einer der wichtigsten Aspekte der Reformen in der Republik. Die allgemeine Schulpflicht wurde eingeführt. Der Schulbesuch war kostenlos. Allein in Madrid wurden zwischen 1931 und 1936 22 neue Schulen eingeweiht. Insgesamt gab es in Madrid 83 öffentliche Schulen. Jungs und Mädchen wurden gemeinsam eingeschult. Die Religion wurde aus der Schule verbannt. Der Unterricht wurde wissenschaftlicher. Die Schulen bekamen neue Einrichtungen, das Modernste, was es zu jener Zeit gab." In einem zweiten Artikel bringt Wandler Hintergründe zum Thema.

Außerdem: Für die FAZ verfolgte Günter Platzdasch ein Symposion über den Historiker Rolf Peter Sieferle, der in seinen späten Jahren zum Ideengeber der AfD wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 - Geschichte

In der NZZ erinnert sich der serbische Schriftsteller Bora Cosic an jene Zeit, als Jugoslawien sich unter Tito 1948 plötzlich von Stalin abwandte - und auch die Liebe der Serben zur russischen Kultur sich trübte: "Schließlich erfuhren wir, dass seine Hand grausame Lager im unmenschlich kalten Sibirien errichtet hatte, dass seine Henker in die Köpfe Tausender unschuldig angeklagter Menschen schossen, dass das riesige Land Russland nicht nur die Heimat der fröhlichen jungen Leute aus seinen Filmen war, sondern eine finstere Gegend, ein undurchsichtiger Kontinent, wie er es eigentlich bis heute geblieben ist. Am Ende fiel es auch dem Mann meiner Tante leichter, sich von seiner jüngsten Vergangenheit loszusagen, Stalin war vielleicht ja doch nur der blatternarbige Tyrann aus dem Gedicht von Ossip Mandelstam."