Magazinrundschau - Archiv

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70 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 7

Magazinrundschau vom 14.09.2021 - Tablet

Matti Friedman hält einen Krieg zwischen Libanon und Israel für fast unausweichlich. Und wenn es geschieht, dann auch, wegen der Ähnlichkeit beider Länder: "Der Libanon ist ein Land, das es zugelassen hat, ausgehöhlt zu werden. Seine verschiedenen Sekten haben es nicht geschafft, eine gemeinsame nationale Geschichte zu schaffen, die andere Loyalitäten ersetzt. Der Staat wurde gelähmt, bis das zerbrechliche Gebäude zerfiel, bis die Kräfte des Fortschritts schwanden oder auswanderten und durch religiöse und stammesbezogene Kräfte ersetzt wurden, die der Moderne nicht nur gleichgültig gegenüberstanden, sondern sie offen verachteten. Es ist eine Geschichte des Staatszerfalls, eines der Themen dieser Region in der heutigen Zeit. Die Kräfte des Zerfalls sind in Israel schwächer als im Libanon, aber sie sind präsent und werden gewinnen, wenn wir sie lassen. Der Nachbar auf der anderen Seite des Zauns ist nicht nur ein Problem oder eine Bedrohung. Der Libanon ist eine mögliche Zukunft."
Stichwörter: Libanon, Israel, Sekten

Magazinrundschau vom 01.06.2021 - Tablet

Wer etwas über den Islam in Frankreich und die Haltung der Mehrheitsgesellschaft zum Islamismus lernen will, sollte diesen monumentalen Artikel lesen. Marc Weitzmann, einst Chefredakteur der französischen Pop-Zeitschrift Les Inrockuptibles, erzählt die Geschichte als einen Kampf der Giganten Olivier Roy und Gilles Kepel, die auch international zu den renommiertesten Islamwissenschaftlern gehören, um Deutungshoheit. Olivier Roy führte den Diskurs zunächst an mit seiner Multikulti-Botschaft, dass der Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun habe, unter Macron setzte sich Gilles Kepel mit seinen ungemütlicheren, aber leider auch zutreffenderen Interpretationen durch. Nebenbei erfährt man einiges über das Verhältnis Frankreichs zu Marokko und Algerien, die jahrzehntelang eine bessere Integration der Muslime in Frankreich verhindert haben. "Gute Beziehungen zwischen Paris und den neuen Regimes der ehemaligen maghrebinischen Kolonien waren natürlich de rigueur - was aber für beide Seiten des Deals bedeutete, dass die Migranten nicht dauerhaft in Frankreich bleiben sollten. Jede andere Option hätte für die Franzosen absurd geklungen und wäre eine Beleidigung für die neuen unabhängigen Länder gewesen. Die Algerier waren in diesem Punkt besonders empfindlich, da ihre nationale Ehre es niemals dulden würde, dass einige ihrer Bürger sich dafür entscheiden würden, in einem Land zu leben, dessen Armee während des langen Kampfes um die Unabhängigkeit Algerier getötet und gefoltert hatte. Marokko war derselben Meinung, und zwar so sehr, dass König Hassan II. 1993 in einem Interview im französischen Staatsfernsehen die Marokkaner noch ermahnte, sich nicht in Frankreich zu 'integrieren', und den Franzosen riet, nicht zu versuchen, ihre Integration voranzutreiben."

Magazinrundschau vom 13.04.2021 - Tablet

Illustration aus Tablet.

Auch dies ist "multidirektionale Erinnerung"! Der antikoloniale Befreiungskampf, so stellt sich in diesem Artikel des Historikers Wolfgang G. Schwanitz heraus, hat eine lange Tradition, die manchmal allerdings auch "per se" antisemitisch ist. Schwanitz ist es gelungen herauszufinden, welche Staatsgäste im Jahr 1943 ein Außenlager des KZ-Sachsenhausen besuchten. Die Fotos waren erst 2017 aufgetaucht. Und es handelt sich um eine hochrangige Delegation, die da von einem gewissen Martin Luther, einem Mitorganisator der Wannsee-Konferenz, herumgeführt wird. Zu den Gästen gehörten der indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose, der kroatische Ustascha-Ideologe Mile Budak, der irakische Premierminister Ali al-Kailani und vor allem Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem und wichtigste Repräsentant der Palästinenser vor Arafat. Das Foto ist laut Schwanitz ein weiterer Beweis, dass al-Hussaini in den Holocaust eingeweiht und eingebunden war. Eines seiner wichtigsten Ziele war die Arabien-Erklärung von Berlin und Rom. "Diese Erklärung war seit Mitte 1940 herangereift. Ihr Paragraph 7 sah vor, dass Berlin und Rom ein jüdisches Heimatland in Palästina für illegal erklären würden. Außerdem würden sie das Recht der Araber, einschließlich derer in Palästina, anerkennen, die Frage der jüdischen Bevölkerung dort 'im arabischen nationalen Interesse und in der gleichen Weise zu lösen, wie die Frage in den Achsenländern gelöst worden ist.'"

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - Tablet

Zwangskurse zur Kurierung von 'unbewusstem Rassismus' sind in Europa noch nicht de rigueur. In Amerika und Britannien werden sie es mehr und mehr - und zwar ganz oben wie ganz unten. Im Februar musste der in London amtierende Vorstandsvorsitzende der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, Bill Michael, von seinem Posten zurücktreten, weil er seinen gut bezahlten Angestellten, die in der Coronakrise keine Boni verdienen konnten, empfahl, mit dem Jammern aufzuhören und er außerdem die Vorstellung von 'unbewusster Voreingenommenheit' als 'totalen Blödsinn' bezeichnete, berichtete die Daily Mail. Auf der anderen Seite des Atlantiks wehren sich der Zwölftklässler William Clark und seine Mutter gerichtlich gegen eine Schule in Nevada, die droht, dem Jungen den Abschluss zu verweigern, wenn er sich nicht einem obligatorischen "Training für soziale Gerechtigkeit" unterzieht, berichtet Wendy Kaminer in Tablet. "Der Lehrplan erklärt unter dem Titel 'Soziologie des Wandels', dass 'umgekehrter Rassismus nicht existiert', und verlangt von den Schülern, 'Bekenntnisse über ihre geschlechtliche, sexuelle, religiöse und rassische Identität abzulegen'; dann 'werden diese Bekenntnisse einem Verhör, einer Prüfung und einer abfälligen Etikettierung unterzogen', heißt es in Clarks Beschwerde. William, ein hellhäutiger, 'gemischtrassiger' Schüler, ist der einzige offensichtlich weiße Schüler in seiner Klasse, und seine verschiedenen Identitäten, einschließlich sein Christentum, stufen ihn als Unterdrücker ein: Laut Lehrplan hat er einen 'inhärenten Glauben an die Minderwertigkeit' anderer und wird angewiesen, die ihm von seiner Mutter, einer konservativen Christin, eingeflößten Prinzipien zu 'verlernen'. Die Clarks ... berufen sich auf sein Recht nach dem Ersten Verfassungszusatz gegen erzwungene Rede, das von Richter Robert H. Jackson in einem bahnbrechenden Fall eloquent beschrieben wurde, der das Recht der Zeugen Jehovas bestätigte, nicht vor der Flagge salutieren zu müssen."

Weitere Artikel: Fredric Brandfon schreibt über die jüdische Identität in den Werken der italienischen AutorInnen Carlo Levi, Natalia Ginzburg, Giorgio Bassani, Elsa Morante und Silvano Arieti. Raz Greenberg empfiehlt den "brillanten" Comic "Tunnel" des israelischen Zeichners Rutu Modan.

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Tablet

Das Jahr 2020 hat einen massiven Anstieg an antisemitischen Hassverbrechen in den USA gebracht, schreibt die Sicherheitsexpertin Hannah Elka Meyers, die fürchtet, dass sich das 2021 noch  steigern wird. Am beunruhigendsten findet sie dabei, wie stark rechte und linke Extreme dabei zusammenspielen. "Am Sturm auf das Kapitol nahmen zahlreiche, offen antijüdische Propagandisten teil, darunter ein Mann, der ein 'Camp Auschwitz'-Sweatshirt trug, und einem anderen, dessen Pro-Holocaust-Shirt '6MWE' erklärte, Kurzschrift für '6 Million Wasn't Enough'. Genauso alarmierend ist, dass die Verschwörergruppe QAnon, die auf klassischen antisemitischen Tropen aufgebaut ist und die viele der Randalierer inspiriert hat, zunehmend Apologeten in der Hauptströmung der Republikanischen Partei und Unterstützer an deren Rand gefunden hat. ... Georgias republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, eine QAnon-Anhängerin, hat Videos auf Facebook verbreitet, die behaupten, dass 'zionistische Suprematisten' sich vorschworen hätten, Europa mit muslimischen Einwanderern zu überwältigen, um weiße Menschen zu 'ersetzen'." Gleichzeitig wurde bei der Linken der Vorwurf des "weißen Privilegs" benutzt, antisemitische Ressentiments zu schüren, so Meyers. "Der Hashtag #JewishPrivilege, der sich vom White-Privilege-Diskurs ableitet, tauchte Mitte Juni in den sozialen Medien auf und versuchte, Juden als die mächtigsten und unterdrückerischsten aller Völker darzustellen. Der Hashtag mag von rechtsextremen Gruppen stammen, aber er hat sich schnell in der extremen Linken eingenistet, was auf eine ideologieübergreifende Besessenheit mit Juden als allmächtige Agenten der Ungerechtigkeit und schattenhafte Manipulatoren globaler Angelegenheiten hinweist."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Tablet

Wir leben in einer Kultur der Flachheit, die sich seit den siebziger Jahren ausbreitet, fürchtet Alana Newhouse: Libertäre Republikaner und neoliberale Demokraten hätten daran ebenso mitgewirkt wie die Tech-Industrie. Sie haben die Institutionen geschleift und eine Horde von Jasagern geschaffen, die - auch oder sogar gerade in der akademischen Welt - jedes Anecken, jede kontroverse Position vermeidet, so Newhouse: "Ich will die Uhr nicht zurückdrehen in eine Zeit, bevor wir alle E-Mails und Handys hatten. Was ich will, ist, mich von der letzten Generation inspirieren zu lassen, die eine neue Lebenswelt geschaffen hat - den amerikanischen Malern des abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit, Jazzmusikern, Schriftstellern und Dichtern, die einen alternativen amerikanischen Modernismus schufen, der die aufstrebende kommunistische Moderne direkt herausforderte: eine Mischung aus Formen und Techniken, bei der die Betonung nicht auf der Gesichtslosigkeit der Massenproduktion lag, sondern auf individueller Kreativität und Können."

Amerika hat ein neues Klassensystem, behauptet Michael Lind von der University of Texas at Austin. Und zum ersten Mal wird es nicht bestimmt von Lokalfürsten. "Erst in der letzten Generation sind diese regionalen Patrizier in einer einzigen, zunehmend homogenen nationalen Oligarchie aufgegangen, mit demselben Akzent, denselben Umgangsformen, denselben Werten und demselben Bildungshintergrund von Boston über Austin und San Francisco bis nach New York und Atlanta. Dies ist eine wahrhaft epochale Entwicklung. ... Immer mehr Amerikaner finden heraus, dass 'Wokeness' in der neuen, zentralisierten amerikanischen Elite als Mittel zum Ausschluss von Amerikanern der Arbeiterklasse aller Rassen funktioniert, zusammen mit den rückständigen Überbleibseln der alten regionalen Eliten. Tatsächlich ändert die neue nationale Oligarchie die Codes und Passwörter etwa alle sechs Monate und informiert ihre Mitglieder über die Universitäten und die Prestigemedien und Twitter. Amerikas Arbeiterklasse-Mehrheit aller Rassen schenkt den Medien weit weniger Aufmerksamkeit als die Elite und es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie ein Kind in Harvard oder Yale hat, das sie aufklärt. Und nicht akademisch gebildete Amerikaner verbringen sehr wenig Zeit auf Facebook und Twitter... Das ständige Ersetzen alter Begriffe durch neue Begriffe, die nur den Oligarchen bekannt sind, ist eine brillante Strategie der sozialen Ausgrenzung."

Außerdem: Dana Kessler liest ein Buch über israelische Lapid Keramiken (mehr dazu auch hier).

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - Tablet

Tony Badran, selbst mit seinen Eltern aus dem Libanon in die USA eingewandert, erinnert sich noch gut an die Zustände in seinem von Konfessionskriegen zerrissenen Herkunftsland, vor denen die Familie geflohen ist. Umso schärfer seine Reaktion auf die "Klasse der amerikanischen Orientalisten" (abgekürzt AOC) - womit er nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker, Auslandskorrespondenten und Berater von Think Tanks meint -, die es lieben, Trumps Amerika mit den blutigen Diktaturen des Nahen Ostens auf eine Stufe zu stellen: "Nehmen Sie zum Beispiel die nivellierende Sprache in diesem Tweet eines Think-Tankers, der über Syrien und al-Qaida arbeitet, als Reaktion auf die Teilnahme seines syrischen Freundes an den Protesten in Washington, D.C. Sie wird zu einem 'Kampf für unsere Rechte in #Amerika - nur ein paar Jahre, nachdem er gezwungen war, aus #Syrien zu fliehen, während er dasselbe forderte'. Gibt es einen besseren Weg, um die Bitterkeit und Depression zu überwinden, die sich aus der hilflosen Identifikation mit den Gesellschaften der Dritten Welt ergeben, in denen sie gelebt und gearbeitet haben und in denen praktisch alle Massenproteste im Scheitern endeten? Jetzt kann es sich in Amerika abspielen, und dieses Mal wird es erfolgreich sein, gegen unseren eigenen Trump-Assad! Die Identifikation Obamas und der AOCs mit hässlichen Dritte-Welt-Regimen wie dem Iran und den gescheiterten Gesellschaften der Region weist auf einen größeren Nivellierungsprozess hin, der derzeit in Amerika am Werk ist. Dieser Prozess macht mich besorgt über die Zukunft des großen Landes, in das ich eingewandert bin - in der Hoffnung, die Krankheiten meiner früheren Gesellschaft hinter mir zu lassen."
Stichwörter: Libanon

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Tablet

Jacob Siegel beobachtet, wie die New York Times - etwa beim Mordanschlag auf Samuel Paty - entweder ganz auf Berichterstattung verzichtet, oder sie von vornherein in die eigenen Muster politischer Korrektheit einordnet. Ihre erste Schlagzeile zu Paty lautete: "French Police Shoot and Kill Man After a Fatal Knife Attack on the Street". Diese postmoderne Wende erklärt Siegel unter anderem durch einen ganz schlichten Faktor. Es sei "zu beobachten, dass Zeitungen im ganzen Land ihre Reporterschaft mehr als halbiert haben, wobei meist Angestellte mitten in ihrer Laufbahn betroffen waren, im Alter von 35 bis 54 Jahren. Mit anderen Worten, es waren die erfahreneren Journalisten, die sich weniger auf den Konformismus der sozialen Netze und das Einsickern des ideologischen Aktivismus einließen, die am ehesten gefeuert wurden. Im Bemühen, mit den wirtschaftlichen und kulturellen Imperativen der digitalen Medien Schritt zu halten, ist die Times dazu übergangen, Nachrichten zu machen, statt über sie zu berichten. Es ist der Übergang von Berichterstattung zu einer narrativen Konstruktion, von News zu Content. Im früheren Modell musste man rausgehen und Nachrichten suchen. Nun macht man Content aus dem Internet für Internetnutzer, oft durch Recycling tatsächlicher News im Dienst präexistenter und emotional ansprechender Narrative."

Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Tablet

Ausriss aus der New York times vom 31. März 1933
Diese Geschichte ist bekannt, aber sie kann nicht oft genug erzählt werden. Sie zeigt, wie im Namen dessen, was später "Antifaschismus" genannt werden würde, ein komplettes Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter den Tisch gekehrt und dem Vergessen anheimgegeben wurde. Es geht um die Journalisten Gareth Jones und Malcolm Muggeridge, die so gut wie die einzigen Journalisten waren, die überhaupt über den Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern in westlichen Medien berichteten. Izabella Tabarovsky greift die Geschichte für Tablet auf. Jones und Muggeridge hatten sich sowjetischen Reisebestimmungen widersetzt und hatten Tod und Hunger in der Ukraine mit eigenen Augen gesehen und mit Hunderten Hungernden gesprochen. Was sie offenlegten, war seinerzeit keineswegs so unbekannt, wie man heute denkt, sondern ein offenes Geheimnis, so Tabarovsky. Willkommen waren ihre Berichte nicht. George Bernard Shaw und zwanzig weitere Unterzeichner protestierten in einem offenen Brief an den Guardian gegen die "rechte" Verleumdung der Sowjetunion. Der Doppelschlag ihrer Berichte war dann auch "zuviel für das sowjetische Pressebüro. Es übte Druck auf westliche Reporter aus um zu erwidern. Und ob nun eine direkte Absprache stattfand oder nicht, wie ein Reporter später behauptete - bald erschien eine öffentlichkeitswirksame Gegenversion aus der Feder keines Geringeren als Walter Durantys, des gefeierten Pulitzer-Preisträgers der New York Times, der zu jener Zeit Moskau-Korrespondent und der weltweit führende Experte für alles Bolschewistische war. Am 31. März 1933 brachte die Times Durantys heute berüchtigte Story unter dem Titel 'Die Russen haben Hunger, aber sie verhungern nicht', in der er die Fakten über die Hungersnot bestritt. Fakten, deren Wahrheit er selbst kannte und über die er in privaten Gesprächen oft diskutiert hatte. Um es auf den Punkt zu bringen, griff Duranty auf einen Spruch zurück, der heute als sein Markenzeichen gilt: 'Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen' - ein Satz, den er wahrscheinlich von seinem russischen Äquivalent, 'Wenn Holz gefällt wird, fallen Späne', übernommen hat."

(Hinweis: Darüber, ob man Trumps Regierung faschistisch nennen kann, ist ein kleiner Streit ausgebrochen. In Atlantic hält Shadi Hadid den Vorwurf mit Blick auf Länder wie China für total vermessen: "Wenn die Amerikaner nur für einen Moment über Trump hinausblicken könnten, würde ihnen vielleicht auffallen, dass eine andere Welt - eine, in der Faschismus ein lebendes atmendes Ding ist - auf sie wartet." Die britische Aktivistin Natasha Lennard sieht das im Interview, das James Miller mit ihr für Eurozine geführt hat, ganz anders: "Warum, mögen Sie fragen, sollen wir etwas faschistisch nennen, wenn wir genauso gut rassistisch-nationalistisch dazu sagen könnten. Für mich ist der Begriff 'faschistisch' Redekunst, d.h. er zielt darauf ab, eine bestimmte Wirkung bei den Zuhörer zu erzielen. Ich weise den Leser/Hörer darauf hin, dass ich glaube, dass das, was ich als 'faschistisch' bezeichne, eine militante, antifaschistische Antwort verdient."

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - Tablet

David Bezmozgis erzählt in einem fast buchlangen Artikel die wilde, düstere und heldenhafte Geschichte des Alexander Aronowitsch Petscherski, eines russischen Offiziers, der zuerst Kriegsgefangener war und dann, als die Nazis seine jüdische Herkunft entdeckten, in das Vernichtungslager Sobibor gesteckt wurde, wo er als einer der wenigen nicht sofort vergast wurde, sondern Zwangsarbeit verrichtete. Hier führte er einen ungeheuer kühnen und erfolgreichen Aufstand der Gefangenen gegen die SS an, um sich dann zunächst den Partisanen und schließlich wieder der Roten Armee anzuschließen. Nach dem Krieg haben die Sowjets seine Leistung nie anerkannt, im Gegenteil, er wurde schikaniert. Erst in den zehner Jahren, über zwanzig Jahre nach dem Tod Petscherskis, regte sich Interesse. Der Autor Ilja Wassiljew schrieb ein Buch und drehte später einen Film über Petschersky, der nun zu einem erbaulichen Helden der neostalinistischen Geschichtspolitik Wladimir Putins wurde. Wassiljew habe erkannt, "dass Petscherskis Geschichte perfekt mit dem sowjetisch-russischen Narrativ des Zweiten Weltkriegs übereinstimmte, wonach schwache, hilflose westeuropäische Länder, die sich Hitler ergeben hatten, von der Roten Armee gerettet wurden. Dasselbe geschah in Sobibor, wo wehrlose, handlungsunfähige Bürger westeuropäischer Länder Sowjetbürger brauchten, die schnell die Initiative ergriffen und triumphierten. (Wenn man eine Handvoll Spitzfindigkeiten ignoriert, ist diese Darstellung im Grunde richtig)."

Die Publizistin Bari Weiss, die neulich die New York Times verließ und darüber einen deftigen Blog-Artikel verfasste (unser Resümee) warnt die Juden Amerikas vor einer Ideologie, die sie als tendenziell bis manifest antisemitisch ansieht, nämlich die auch hierzulande weitverbreiteten Ideen der akademischen Linken, die seit neuestem unter dem Begriff der "Social Justice Studies" zusammengefasst werden - dazu gehört die Critical Race Theory, deren Protagonisten wie Ibram X. Kendi (Coverboy bei GQ) Weiss besonders suspekt sind. Diese Ideologie, so Weiss, beherrsche nicht mehr nur die amerikanischen Unis, sondern auch Kulturinstitutionen, Modemagazine (die Vogue widmet der Farrakhan-Anhängerin Tamika Mallory eine Modestrecke) und sei sogar in Unternehmensleitungen angekommen. Am schwersten, so Weiss, haben es junge Juden, die es sich nicht nehmen lassen, Israel zu verteidigen: "Es spielt keine Rolle, wie fortschrittlich Sie sind, wie vegan oder schwul, wie sehr Sie für universelle Gesundheitsversorgung und Vorschulen sind und ein Ende des Drogenkrieges fordern. An die Existenzberechtigung des jüdischen Staates zu glauben, überhaupt an eine jüdische Besonderheit zu glauben, bedeutet, sich zum Feind dieser Bewegung zu machen. 'Es ist schwer zu übertreiben, wie erstickend diese Weltanschauung besonders für jüdische College-Studenten ist', schrieb mir kürzlich Blake Flayton, ein linker jüdischer Student an der George Washington University. 'Wir passen nicht in die Kategorien 'Unterdrücker' oder 'Unterdrückte'. Wir sind sowohl privilegiert als auch an den Rand gedrängt, werden von der Politik geschützt und dennoch von denselben rassistischen Verrückten ins Visier genommen wie People of Color. Der Hass, den wir auf dem Campus erleben, hat nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun. Er kommt daher, dass Juden der antirassistischen Ideologie durch ihre bloße Existenz widersprechen."

Bari Weiss' Artikel steht im Kontext einer höchst beunruhigten Stimmung im Tabletmag, dessen Redaktion leider nur im Newsletter der Zeitschrift eine bittere Abrechnung mit der allgegenwärtigen Farrakhan-Idolatrie liefert. Louis Farrakhan, bekanntlich Chef der "Nation of Islam", ist durch zahllose antisemitische Äußerungen hervorgetreten und macht die Juden für die Sklaverei verantwortlich. Aber er hat immer noch viele Anhänger und auch Anhängerinnen (siehe oben), etwa den Rapper Ice Cube, der von Donald Trump hofiert wird. Aber "auch von den Redakteuren der New York Times wird diese vergiftete Fiktion verbreitet, die an diesem Wochenende einen zuckersüßen Kommentar über die Frauen hinter Farrakhans  'Million Man March' brachte, ohne dass seine offenen und abscheulichen Hassreden, die den verstorbenen John Lewis zum Boykott der Veranstaltung veranlassten, auch nur mit einem Hinweis bedacht wurden. Als jüdische Leser ihre Verärgerung über diese Schönfärberei zum Ausdruck brachten, forderte die Autorin des Artikels sie auf Twitter auf, sich nicht immer als Mittelpunkt zu betrachten. Können Sie sich vorstellen, dass ein Mitarbeiter der Times dies zu irgendeiner anderen Minderheitengruppe sagen würde, die Ziel von Gewalt ist? Und dies in dem selben Jahr, in dem es ein Attentat gegen Juden gab, dessen Täter von den Ideen Farrakhans inspiriert waren?"