Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 20

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - New Statesman

Die Oscars brauchen eine gründliche Überholung, meint Ryan Gilbey, der nicht nur angesichts der diesjährigen Nominierungen den Eindruck hat, dass die Academy die Entwicklungen in den letzten fünfzig Jahren verpasst hat. Und er macht ein paar Vorschläge, zum Beispiel, mehr ausländische Filme aufzunehmen: "Nennen Sie es positive Diskriminierung oder affirmative action, aber ab sofort sollten die Nominierungen für den 'Besten Film' auf sechs erhöht werden, zwei davon müssen aus nicht englischsprachigen Ländern kommen. Man muss die Mitglieder der Academy dazu zwingen, Filme zu berücksichtigen, die nicht in ihrer lokalen Einkaufspassage gezeigt wurden. Anders ist es einfach nicht möglich, das Ungleichgewicht auszubalancieren. Lasst den 'Vorleser' gegen 'Waltz with Bashir' antreten und wir werden einige echte Tränen von Kate Winslet sehen."

Nach drei Jahren quittiert Alice O'Keeffe ihren Job als Kunstkritikerin beim New Statesman. Es war eine bizarre Zeit, meint sie. "Die zeitgenössische Kunstszene bot ein sklavisch dem Geld dienendes Catering, weil sie ausschließlich die Reichen bediente. Da die Käufer oft keine Ahnung von Kunst hatten, gab es keine rationale Verbindung zwischen der Qualität eines Kunstwerks und seinem Preisschild."

Magazinrundschau vom 10.02.2009 - New Statesman

Der in Neuseeland lehrende Philosoph Denis Dutton erklärt in seinem neuen Buch "The Art Instinct" und in einem Artikel im New Statesman, dass unser ästhetischer Geschmack nicht nur von unserer kukturellen Umgebung geprägt, sondern ebenso genetisch programmiert ist: "Zum Beispiel hat der Biologe Gordon H. Orians die ideale Landschaft beschrieben, die Menschen an sich angenehm finden. Diese Landschaft hat große Ähnlichkeit mit den Savannen und Waldgebieten, in denen sich die Hominiden von den Schimpansen abgespalten haben und wo sich ein Großteil der frühen menschlichen Evolution abspielte... Afrikanische Savannen sind gewissermaßen auch der Lebensraum, für den sich die fleischfressenden Hominiden entwickelt haben - Savannen enthalten mehr Protein pro Quadratkilometer als jeder andere Landschaftstyp. Außerdem bieten Savannen Nahrung auf und nahe dem Boden, im Gegensatz zu Regenwäldern, durch deren Geäst sich Affen viel leichter hangeln können."

Als das Buch, das sein Leben veränderte, stellt der Philosoph John Gray "The Pursuit of the Millennium" von Norman Cohn vor (deutsch: "Das neue irdische Paradies"), in der Cohn den revolutionären Millenarismus im mittelalterlichen Europa untersucht. Von da an waren Gray Weltveränderungen jedweder politischer Couleur suspekt. "Zugleich wurde ich überzeugt, dass kein Blick auf die Welt ernst genommen werden könnte, der die anhaltende Macht der Religion vernachlässigt."

Weiteres: Isabel Hilton wirft ein Schlaglicht auf China, das gerade das Jahr des Ochsen eingeläutet hat. Und Alice O'Keefe will Charlotte Roches nun als "Wetlands" auf Englisch erschienenen Hygiene-Führer zwar nicht als feministisches Manifest durchgehen lassen, aber durchaus als "scharfzüngige, tabubrechende Comedy".

Magazinrundschau vom 03.02.2009 - New Statesman

Brian Cathcart freut sich über Graham Farmelos Biografie des französisch-schweizerisch-englischen Physikers Paul Dirac, "The Strangest Man". Farmelo, einst selbst theoretischer Physiker und jetzt Spezialist der Wissenschaftskommunikation, habe eine 'wunderbar dichte und intime Studie' über einen Mann veröffentlicht, der von Kollegen wie Heisenberg, Schrödinger oder Bohr in Ehren gehalten, von der Welt jedoch weitgehend vergessen wurde. Wir erfahren von Diracs eigenwilligen Vorlesungen, seinem Hass auf den brutalen Schweizer Vater. "Wir kommen auch dazu, Diracs oberflächlich gesehen unwahrscheinliche Ehe mit der übersprudelnden, stürmischen Margit 'Manci' Wigner zu verstehen - und wir erfahren nebenbei zwei wunderbare neue Anekdoten. Erstens, dass Dirac, als er fürchtete, er könne sich verliebt haben, das tat, was man von Akademikern erwartet: er las ein Buch zum Thema - George Bernard Shaws 'Getting Married'. Und zweitens, als Manci sich beschwerte, er weiche Fragen über Gefühle in ihren Liebesbriefen aus, schlüsselte er die Fragen methodisch in nummerierten Rastern (im Text wiedergegeben) auf und beantwortete eine nach der anderen. All dies und erstaunliche Wissenschaft, ebenso flüssig abgeliefert."

Weitere Artikel: Robbie Graham und Matthew Alford folgen dem Geld, um herauszufinden, warum Hollywood so pro-establishment ist, und Harry Mount trauert um die britische Boheme deren "Lebensräume begraben wurden, entweder unter Beton oder Handelsketten."

Magazinrundschau vom 20.01.2009 - New Statesman

Lieben Sie Schokolade? Dunkle Schokolade, die mit der Geduld und Finesse eines Wein- oder Olivenbauern produziert wird? Dann ist das Ihr Artikel. Xan Rice stellt den italienischen Honorarkonsul Claudio Corallo vor, der auf Sao Tome seine eigene Schokolade produziert, die zu den besten der Welt gehört. Corallo ist 57, schlank, Anarchist (oder einfach Querkopf) und spricht fünf Sprachen fließend. "Seine Riegel, mit einem Kakaogehalt von 60 bis 100 Prozent, können Ingwer enthalten, arabische Kaffeebohnen, Orangenschalen oder Rosinen, die monatelang in seiner hausgemachten alkoholisierten Kakaomasse eingeweicht wurden. Sie verkaufen sich für sieben bis neun Euro pro 100 Gramm in Europa, der Vereinigten Staaten und Japan. Das setzt Corallo in den selben Markt wie die führenden Chocolatiers der Welt, Valrhona und Pralus in Frankreich, Amedei und Domori in Frankreich. Doch hat er wenig mit ihnen gemeinsam. Erstens macht Corolla seine Schokolade an - oder zumindest fast an - der Quelle, nämlich auf Sao Tome, vor der Westküste Afrikas. Die Insel hat 160.000 Einwohner, lückenhafte Stromversorgung und Flüge nach Europa gehen einmal die Woche ab. Genauso ungewöhnlich ist, dass er den ganzen Prozess kontrolliert, vom Baum bis zum Riegel."
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Magazinrundschau vom 23.12.2008 - New Statesman

Wird Englisch die Sprache der Weltliteratur? Oder ist die angelsächsische Literatur provinziell? Der Schriftsteller Jonathan Derbyshire macht sich einige grundsätzliche Gedanken zum Konzept der Weltliteratur seit Goethe: "Es gibt einen entscheidenden Haken an Goethes Theorie der Weltliteratur: Goethe reservierte eine besondere Rolle für eine spezielle Nationalliteratur - die deutsche. Er schrieb, dass es die 'Bestimmung' der deutsche Sprache sei, stellvertretend für alle Bürger der Welt zu werden. Mit der zentralen Rolle, die Übersetzungen in der deutschen Literatur spielten, bräuchte niemand, der gut genug Deutsch kann, Griechisch, Latein oder Italienisch zu lernen, die Leser könnten Homer, Vergil oder Dante in deutscher Übersetzung lesen, die genauso gut, wenn nicht besser als die Originale wären. Daher sei Deutschland der literarische Marktplatz par excellence. Und Weltliteratur, so stellt sich heraus, bedeutet gar nicht so sehr die Überwindung nationaler Grenzen, sondern die Globalisierung einer nationalen Sprache. Man könnte sagen, dass heute die USA (oder die 'Anglosphäre', wenn man Großbritannien mit einschließen möchte) die Rolle spielen, die Goethe für Deutschland vorschwebte."

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - New Statesman

Mit großem Interesse hat Andrew Hussey "The Shameful Peace", Frederic Spotts' Buch über die französischen Intellektuellen unter der deutschen Besatzung gelesen. Viele Intellektuelle, so lernt er, waren durchaus angetan von den Nazis, besonders wenn sie dieses gewisse arische Aussehen hatten wie Karl Heinz Bremer, der stellvertretende Leiter des Deutschen Instituts in Paris. Zu seinen Verehrern "gehörten nicht nur Robert Brasillach, sondern auch Personen, die so lächerlich und abscheulich waren wie Serge Lifar, der führende Tänzer des Pariser Opernballetts. Sogar nach der Befreiung 1945 prahlte Lifar damit, dass er eine physische Beziehung mit Adolf Hitler gehabt hätte. Er genoss es, zärtlich die Arme seiner Liebhaber zu streicheln und dabei zu murmeln: 'Nur zwei Männer haben mich so liebkost: Diaghilev und Hitler.'" (Wer sich für diesen Aspekt der deutsch-französischen Beziehungen interessiert, dem sei ergänzend Francois Dufays "Herbstreise" empfohlen, ein Bericht über die Deutschlandreise französischer Schriftsteller im Oktober 1941)

Außerdem: In einer kurzen Notiz empfiehlt Katy Taylor Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski" als "durch und durch unterhaltsame" Lektüre.

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - New Statesman

Beim Londoner Jazzfestival tritt am 14. November der tunesische Sänger und Oud-Spieler Dhafer Youssef auf. Anlass für Hisham Matar, eine Hymne auf einen Musiker zu schreiben, der Sufi-Philosophie mit klassischer indischer Musik und skandinavischem Avantgardejazz verbindet. "In 'Divine Shadows' ebenso wie in seiner jüngsten Veröffentlichung 'Glow' ... scheint Dhafer Youssef mit nordeuropäischen Musikern den Punkt auszumessen, an dem arabische und westliche Musik sich treffen und trennen. Westliche Musik, die sich hauptsächlich mit der linearen Reise beschäftigt, mit Bewegungen, die sich auf eine Lösung hin bewegen, wird kontrastiert mit der reisenden Natur der klassischen arabischen Musik: sie interessiert sich weniger dafür irgendwohin zu gelangen als zu sein. Die Kombination ist packend und beschwört das Verlangen der Sufis nach neuen Wegen der Vereinigung, die in dem Dilemma mitschwingen, in dem sich die muslimische Welt und das westliche Europa heute befinden. Hier wird aus dem Verlangen nach der Rückkehr des Göttlichen die Sehnsucht nach Harmonie und Brüderlichkeit mit dem anderen."

Hier ein Auftritt des Dhafer Youssef Quartetts (Dhafer Youssef, Eivind Aarset, Audun Erlien und Rune Arnesen) beim Jazz Onze Plus Festival 2006 in Lausanne: "Odd poetry"



Außerdem: Norman Stone stellt Charles Kings "instruktive und interessante" Geschichte des Kaukasus, "The Ghost of Freedom", vor.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - New Statesman

Alice Albinia ist nach Kaschgar gereist, in die Haupstadt der hauptsächlich von muslimischen Uiguren bewohnten chinesischen Provinz Xingjian. Friedliches Zusammenleben ist hier reine Propaganda: "Wenn man heute die Id-Kah-Mosche besichtigt, sieht man ein großes Plakat, das in gebrochenem Englisch die staatliche Politik vorgibt: 'Alle ethnischen Gruppen leben friedlich zusammen hier. Sie arbeiten gemeinsam, um ein schönes Heimatland aufzubauen und lehnen ethnische Trennung und illegale religiöse Aktivitäten ab.' Wenig überraschend lehnen viele Uiguren die Chinesen als Invasoren ab, die ihre Kultur und Religion bedrohen. Während Peking weiter darauf abzielt, Han-Chinesen und Handel nach Xinjiang zu bringen, gibt es noch stillen Widerstand in den Straßen nördlich der Moschee. Hier, wo alte Männer in Teehäusern Schach spielen und Läden ihre plombenziehenden Süßigkeiten aus gehackten Walnüssen verkaufen, trifft man alte Frauen, die kein Mandarin sprechen, Handwerker, die China für ein anderes Land halten und Händler, die nicht der Pekinger Zeit folgen." Und Männer, die sich darüber beklagen, dass den Frauen verboten wird, in der Schule oder im Staatsdienst Kopftücher zu tragen.

Gegen "Hunger", Steve McQueens Film über den im Hungerstreik gestorbenen IRA-Mann Bobby Sands (mehr hier und hier), sieht Marc Fosters James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" ganz schön alt aus, befindet Ryan Gilbey: "McQueen beherrscht Tempo und Kontrast: er wechsel ernsthafte Ruhe mit beklemmendem Lärm ab; Bilder des körperlichen Zerfalls mit Andeutungen spiritueller Schwerelosigkeit; geduldige, endlose Einstellungen mit rasanten Bildern, die den Eindruck erwecken, die Kamera wäre an ein Feuerrad gebunden gewesen. Dieser überwältigende Sturm lässt all die Extra-Tricks und Innovationen ganz schön mickrig erscheinen, die sich frühere Filmemacher ausgedacht haben, um uns stärker in ihre Welt zu ziehen."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - New Statesman

Die neue Ausgabe widmet sich ausführlich dem Iran. Dazu berichtet Asieh Amini über die Bloggerszene, die seit ihrer Entstehung vor gut sieben Jahren Bürger- und Frauenrechtsinitiativen, wie "Change for Equality", hervorbringt oder im Netz freie Pressearbeit leistet. Doch Amini wie auch die anderen Blogger haben unter der massiven staatlichen Repression und Zensur zu leiden. Mittlerweile hat zwar selbst Präsident Ahmadinejad einen Blog, aber der Druck auf die freien Blogger erhöht sich stetig: "Im Juli begann die Regierung, ein Gesetz gegen "Online-Kriminalität" auszuarbeiten. Das Parlament muss dem Gesetzesentwurf noch zustimmen, aber dann könnte Bloggern und Webmastern im Falle einer Verurteilung wegen 'Förderung der Korruption, Prostitution und Apostasie' die Todesstrafe drohen."

Weitere Artikel: Maziar Bahari sammelt in Teheran Eindrücke seines zwiegespaltenen Landes und sprach mit Akbar Etemad, einem langjährigen Berater des Shahs, der Verständnis für das iranische Atomprogramm zeigt. Und Robert Tait erklärt, dass nur noch die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft die iranische Wirtschaft vor dem Kollaps retten. Schließlich analysiert der Labour-Abgeordnete Denis MacShane das Siechtum der europäischen Sozialdemokratie und fragt sich, ob Frank Steinmeier der richtige Kandidat für harte Entscheidungen ist.

Magazinrundschau vom 26.08.2008 - New Statesman

Rob Sharp erzählt die Geschichte der radikalen Aktivistin Nehanda Abiodun, die aus den USA nach Kuba floh und heute als Hip-Hop-Musikerin gefeiert wird: "Abiodun wurde als Cheri Dalton geboren und wird vom FBI im Zusammenhang mit einer Reihe von Raubüberfällen gesucht. Sie lebt seit zwanzig Jahren im Exil in Havanna und gilt als die 'Patin' des kubanischen Hip-Hop und ist die Gründerin der havannischen Gruppe von Black August, einer höchst einflussreichen Grass-Roots-Organisation zur Förderung der Hip-Hop-Kultur." Die aber vom kubanischen Staat unterstützt wird: "Nach anfänglichen Auseinandersetzungen um die Meinungsfreiheit wird das Genre nun von der Agencia Cubana de Rap (kubanische Rap-Agentur) gefördert, die ein staatseigenes Plattenlabel und ein Hip-Hop-Magazin betreibt."

Weitere Artikel: Jonathan Meades feiert eine zehn Kilo schwere Monografie des "größten Architekten des 20. Jahrhunderts" mit dem sprechenden Titel "Le Corbusier Le Grand". Kaum weniger enthusiastisch schreibt Michael Bywater über Ian Kellys neue Casanova-Biografie.