Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 20

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - New Statesman

Nach einem Jahrzehnt der Gewalt – wie groß sind heute die Chancen für die Demokratie in Nepal, überlegt Isabel Hilton mit Blick auf ein Land, dessen Zukunft in den Händen einer wackeligen Koalition aus 22 von Nepals 24 politischen Parteien liegt. "Demokratie ist in Nepal keine einfache Sache. Viele politische Parteien des Landes, selbst die ziemlich disziplinierten Maoisten, werden von internen Zersplittergruppen geplagt, Abspaltungen sind an der Tagesordnung. Diese Spannungen werden jeden Tag im Parlament ausgetragen, das sich eine Deadline bis zum nächsten Mai gesetzt hat, die Blaupause für Nepals politische Zukunft zu vervollständigen. Um das zu tun, muss es zwischen einem präsidialen oder einem parlamentarischen System wählen und festlegen, auf welchen Grad an Autonomie Nepals mehr als 100 ethnische Gruppen hoffen dürfen. General de Gaulle hat einmal bemerkt, es sei unmöglich, ein Land zu regieren, dass 246 verschiedene Arten von Käse kennt. Nepal, mit seinen 126 Sprachen, stellt eine noch größere Herausforderung dar."

Der Autor Will Self ekelt sich vor dem Leichenfeld London, das mit Hühnerknochen übersät ist auf die man ständig drauftritt. Nachdem er das festgestellt hat, marschiert er ins nächste Kentucky Fried Chicken: "Ich bestelle männlich zwei Hühnerstücke mit Pommes und einem kleinen Eimer Sprite. Ich bekomme zwei Hühnerbrüste - zumindest glaube ich, dass es Hühnerbrüste waren; sie könnten genauso gut die alten Arschbacken eines indonesischen Kinderarbeiters sein."

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - New Statesman

In Großbritannien ist Philip K. Dicks "Man in the High Castle" neu aufgelegt worden. John Gray preist den Roman (die Nazis haben den Krieg gewonnen, allerdings toben schwere Machtkämpfe um die Nachfolge des syphiliskranken Hitler) als Dicks subtilsten. Und stimmt eine generelle Hymne auf Dicks Science Fiction an: "Wie Borges und Calvino nutzt Dick die Romanwelt nicht nur, um die allzu vertrauten Ambivalenzen menschlicher Gefühle nachzuzeichnen. Weitaus ehrgeiziger stellt er die Vorstellungen in Frage, mit denen wir unsere Erfahrungen interpretieren. Wir glauben, wir sind verkörperter Geist, der Pläne fasst und sie ausführt; wir glauben, unser Leben spiegelt diese Pläne wieder. Wir meinen, dass die Theorien, die wir uns über die Welt bilden, nicht nur nützlich, sondern wahr sind. Diese höchst fragwürdigen Annahmen sind Dicks Thema, und indem er uns die falsche Sicherheit nimmt, die mit der herrschenden Sicht der Dinge einhergeht, gehört er zu den befreiendsten Autoren des 20. Jahrhundert."

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - New Statesman

"Enorm erfrischend" findet Edward Skidelsky die Vorlesungen von Michael Sandel über Moralphilosophie. Sandel vertritt eine Theorie, die das Gute über das Richtige stellt, und damit beiden Spielarten des Linksliberalismus widerspricht, die das Richtige über das Gute stellen. Es bleibt allerdings ein Problem für Skidelsky: "Der Grund, warum moderne Linke Fragen über das Gute so gern zur Seite schieben, liegt darin, dass sie sie für unbeanwortbar halten. Sie sind, insgesamt gesehen, moralische Skeptiker - sie behaupten, so etwas wie moralische Wahrheit gebe es nicht oder sie sei jedenfalls nicht leicht zugänglich. Die Frage nach dem Richtigen an die Frage nach dem Guten zu koppeln, erscheint ihnen als Einladung zum Bürgerkrieg. Wenn Sandels Alternative uns überzeugen soll, dann muss er uns zeigen, dass es so etwas wie moralische Wahrheit gibt, und dass sie uns zugänglich ist."

Außerdem: Tim Adams schreibt über Anselm Kiefer, der am 16. Oktober eine Ausstellung in London eröffnet. Antonia Quirke hörte eine BBC-Sendung über den Dirigenten Carlos Kleiber.

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - New Statesman

Zwanzig Jahre Mauerfall und die Fotografie-Ausstellung "Ostzeit" im Haus der Kulturen der Welt regen Dave Rimmer an, über die Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin nachzudenken: "Es scheint, als wäre Berlin einfach noch nicht bereit für ein Wiedervereinigungs-Denkmal. Tatsächlich ist Berlin trotz aller der Vereinigung dienenden Projekte - wie das kommerzielle Zentrum am Potsdamer Platz oder der neue Bahnhof - immer noch eine geteilte Stadt. Ost und West wählen unterschiedlich, haben unterschiedliche historische Erinnerungen und unterschiedliche aktuelle Sorgen. Ein kürzlicher Volksentscheid, der die Zukunft des Flughafens Tempelhof betraf - ein Bauwerk, das wegen der Luftbrücke 1948 für viele Westberliner eine wichtige Rolle spielt - scheiterte an einer zu niedrigen Wahlbeteiligung, weil sich im anderen Teil der Stadt niemand einen Deut um diesen Ort scherte."

Im Aufmacher fassen Maha Atal und Damian Kahya gut verständlich, aber ohne neues hinzuzufügen, den Stand der Besorgnis um Googles dominierende Position im Such- und Anzeigengeschäft zusammen.

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - New Statesman

Wir befinden uns an einem politischen Wendepunkt, aber etwas Wichtiges fehlt, klagt Dominic Sandbrook. "Die große Idee. ... Warum haben unsere politischen Führer - intelligente, nachdenkliche Männer und Frauen, die an den besten Institutionen Britanniens ausgebildet wurde - so schmerzlich und enttäuschend wenige neue Ideen?" Ein Grund ist der Werdegang heutiger Politiker, meint er. "Moderne Politiker treten von einer exklusiven Blase in die nächste. Wir haben heute eine Art Schmalspur-Version der französischen Ecole Nationale d'Administration. Aus ihr geht eine politische Klasse hervor, die in Oxford und Cambridge ausgebildet wurde, ein paar Jahre als Berater gearbeitet haben und dann in sichere Positionen und Jobs in Ministerien katapultiert werden - eine Welt, in der Ideen keine große Rolle spielen".
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Magazinrundschau vom 21.07.2009 - New Statesman

Der Philosoph John Gray bespricht Timothy Garton Ashs neues Buch, eine Sammlung von Feuilletons und Essays, in der auch Garton Ashs Artikel über "Islam in Europa" nachgedruckt ist, der in Perlentaucher und signandsight.com und dann in der internationalen Presse eine furiose Debatte auslöste. Garton Ash bezichtigte dort Ayaan Hirsi Ali eines "Fundamentalismus der Aufklärung". Er hat diese Vokabel nach der Debatte in einer Fußnote zu seinem Artikel zurückgezogen. Gray bedauert das: "Der größte Teil des Staatsterrors im letzten Jahrhundert war säkular, nicht religiös. Lenin und Mao waren bekennende Anhänger einer Aufklärungsideologie. Manche mögen einwenden, dass sie sie missbrauchten. Und doch ist es ein Kennzeichen fundamentalistischer Mentalität, einen reinen Glauben zu postulieren, der frei ist von jeder Komplizenschaft mit irgendeinem Verbrechen seiner Anhänger und fähig - wenn nur in seiner reinen, unverschmutzten Form angewandt - praktisch jedes Böse auszumerzen." (Und trifft das nun auf Ayaan Hirsi Ali zu? Darüber verliert Gray kein Wort. Ihm liegt daran, Aufklärung als Spiegelbild des Islamismus zu sehen.)

Sholto Byrnes bespricht mit großer Sympathie das neue Buch der Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong, "The Case for God: What Religion Really Means", in dem sie den erklärten Atheisten Richard Dawkins, Christopher Hitchens und Sam Harris Paroli bietet: "Armstrong schreibt über einen Gott, dessen Existenz nicht zu rationaler Zufriedenheit bewiesen werden kann, weder durch die ontologischen Argumente Anselms und Descartes noch durch wissenschaftliche, wie Newton noch glaubte. Schon alleine von seiner 'Existenz' zu sprechen, ist schwierig. Von Anfang an macht Armstrong klar, dass Sprache, die notwendigerweise der menschlichen Auffassungsgabe unterliegt, Gott nicht gerecht werden kann."

Magazinrundschau vom 14.07.2009 - New Statesman

Brauchen wir die Monarchie noch, fragt der britische New Statesman. Wahrscheinlich nicht mehr, meint der eigentlich eher Sympathien für die Monarchie empfindende Historiker A. N. Wilson: "Nach einer Zeit der schlechten Regierungsführung haben wir ein dringendes Bedürfnis nach Erneuerung, Wiederbelebung. Würde es helfen, wenn wir uns von den Monarchen verabschiedeten und vorwärts schritten in ein politisches System, in dem jeder von Begabung - sei es ein britischer Barack Obama oder ein Nelson Mandela - uns die inspirierende Führung anbieten, die wir brauchen? Oder kann unser Weg in das goldene Zeitalter nur in unserer Verwurzelung gefunden werden, unserer Verbundenheit mit der Vergangenheit? Das Klischee, das die Queen in ihrer langen Herrschaft nie einen 'falschen Schritt' getan hat, zeigt die Natur unseres Dilemmas. Als Staatsoberhaupt hat sie nichts getan, um den furchtbaren Machtmissbrauch durch Tony Blair und Gordon Brown in den letzten zwölf Jahren zu verhindern."

Außerdem: Michael Hodges stellt sich vor, es wäre das Jahr 2020 und die Briten würden ihren ersten König wählen. Und eine Reihe von Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern - darunter AS Byatt, Eric Hobsbawm, Will Self und Roger Scruton - erklärt ihre Ansicht zur Monarchie.

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - New Statesman

Die Journalistin Isabel Hilton skizziert die Proteste gegen die offizielle Politik in China seit 1919. Heute herrscht relative Ruhe, denn die Partei hat laut dem Wissenschaftler Minxin Pei einige Lehren aus dem Aufstand 1989 gezogen, schreibt Hilton. "Autoritarismus war grundlegend, damit die Partei die Kontrolle behielt. Die Partei erkannte auch, so Minxin, dass ihre Herrschaft verletzlich war, wenn sie nicht von einem großen Teil der Elite unterstützt wurde - den Professionellen und der Intelligentsia. Daher entwickelte sie eine Strategie der Kooption. Die Anzahl von Parteimitgliedern unter den Studenten ist gestiegen; Intellektuelle erhalten gut dotierte Regierungsposten. Die Intellektuellen und Studenten, die im 20. Jahrhundert an vorderster Stelle politische Reformen gefordert hatten, sind heute sehr viel weniger bekannt als 1989. Zur Zeit sind die, die politische Reformen fordern - oder verlangen, dass China wenigstens die eigene Verfassung respektiert, wie es die Gruppe Charta 08 letztes Jahr getan hat - eine kleine Minderheit."

Außerdem: Keith Gessen empfiehlt die Lektüre von Orwells Essays aus den vierziger Jahren: "Denn auch wir leben in einer Zeit, in der die Wahrheit aus der Welt verschwindet, genau auf die Art, die Orwell befürchtet hatte: durch Sprache."

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - New Statesman

Der New Statesman hat einen kleinen Schwerpunkt zu Saudi-Arabien - einem zwischen fundamentalistischem Islam und der Öl-Moderne zerrissenen Land. David Gardner schildert die Auswirkungen des totalitären Wahabbismus auf den Alltag: "Der Staat, den Ibn Saud geschaffen hat, hat sich kaum verändert, während seine Bürger in eine Moderne geraten sind, deren Fundament extrem instabil ist, importiert wie die Klimaanlagen, die die gleißenden Malls und die Gated Communities kühlen. In Lautsprecherdistanz zu einer Moschee, in der fanatische Strenge gepredigt wird..., befindet sich in einer Mall ein Laden der La-Senza-Unterwäsche-Kette. Er sieht kaum anders aus als ähnliche Shops irgendwo sonst. Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied. Da Frauen außerhalb der Familie keinen Kontakt mit Männern haben dürfen und in einer Mischung aus Wegschluss und Segregation gehalten werden, können sie logischerweise nicht in einem Unterwäsche-Laden arbeiten - man sieht dort also nur männliche Verkäufer."

Außerdem: Sophie Elmhirst porträtiert Abdul Wahhab, den Gründer des Wahhabismus. Der Jazzkritiker Sholto Byrnes erinnert sich an seine Kindheit in Saudi-Arabien.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - New Statesman

Geradezu allergisch reagiert Andrew Orlowski auf Chris Andersons neues Buch "Free: the Future of a Radical Price", in dem Anderson die Freeconomics des Internets mit neuen Modellen firmeninterner Gegenfinanzierung retten möchte (hier der Essay zu dem Buch). Schon Andersons "The Long Tail" habe sich als Wired-typischer Mix aus manifest-destiny-Rhetorik und opportunistischer Verkaufe erwiesen, meint Orlowski: "Die implizierte Botschaft war, dass die Kleinen gewinnen würden. Viele Leute glaubten, dass Web 2.0 würde die Welt ein wenig fairer machen und lehnten jeden Beweis des Gegenteils ab. Erst vergangenes Jahr zeichnete sich mit einer großangelegten Studie zu Musikverkäufen im Internet ein etwas deutlicheres Bild digitaler Märkte ab. Der Ökonom Will Page und der Online-Händler Andrew Bud fanden heraus, dass die meisten Lieder, die online erhältlich waren, nie heruntergeladen wurden und dass die Konzentration weiter vorangeschritten war als jemals zuvor. Bei den Tauschbörsen zeigte sich das gleiche Muster. Obwohl es nie so billig war, ein riesiges Warenlager zu unterhalten, waren die Waren nichts oder nur wenig wert."

Außerdem: Bill Thompson zeichnet nach, wie kontraproduktiv der erste Sieg über Pirate Bay ist. Tom Hodgkinson findet, dass alle Technologie eh nur ein mieses kapitalistisches Konstrukt ist. Mark Fisher fürchtet, dass das Web kulturelle Innovationen verhindert, weil wir zu beschäftigt sind mit Archivieren, um noch irgendwas zu erfinden. Und James Harkin erklärt, warum feedback loops im Netz nicht unbedingt die Demokratisierung fördern.