Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 20

Magazinrundschau vom 15.07.2008 - New Statesman

Vic Motune beschreibt die Schwierigkeiten weiblicher muslimischer Rapper wie Neelo fer Mir, Muneera Rashida (mehr hier) von Poetic Pilgrimage, Lady Dizzla, Angel MC Shay, Lyrical Lailah oder Deeyah, eine in Norwegen geborene Muslimin. Trotz großer Erfolge in Norwegen musste sie das Land verlassen, nachdem sie und ihre Familie bedroht worden waren: Sie sei ein schlechtes Vorbild und kleide sich zu sexy. "Sie kam nach London in der Hoffnung, dass hier die Dinge anders wären, aber die Probleme holten sie ein. Als in einem asiatischen Musikkanal das Video für ihre Single 'Plan of My Own' zeigte, in dem sie verführerisch mit einem Mann tanzt, fingen die Todesdrohungen und Schikanen wieder an. Sie lebt jetzt in den USA und braucht fortlaufend Schutz von Bodyguards. 'Leute sagen zu mir, wenn du etwas bescheidener auftreten würdest, deinen Akt etwas abschwächen würdest, wäre alles ok. Und wissen Sie was? Ich habe versucht, traditionelle Kleidung auf der Bühne zu tragen und war immer noch die Hure."

Außerdem: Ryan Gilbey langweilt sich in dem Abba-Musicalfilm "Mamma Mia!" Roger Scruton empfiehlt die Rieslings der Schönborns.
Stichwörter: Norwegen, Vice, Kleidung, New Statesman

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - New Statesman

Bevor er Richard Brodys völlig kompetente, wenn auch zum Bedauern des Rezensenten komplett ironiefreie Godard-Werk-Biografie "Alles ist Kino" bespricht, muss Gilbert Adair, Autor und Cinephiler, eines erst einmal klar stellen: "Als der Elitist, der ich bin, möchte ich festhalten, was sich (für alle echten Cinephilen) im Grunde von selbst versteht: Wer das Werk von Jean-Luc Godard nicht kennt, der hat, nun, nicht das Recht, aber doch die Autorität verwirkt, über das Kino der Gegenwart zu urteilen. Schließlich würde keiner, der keine Ahnung von Picasso hat, auch nur eine Sekunde lang für im mindesten satisfaktionsfähig erachtet, wollte er sich über die Gegenwartskunst äußern. Und der derzeitigen überwältigenden kritischen Vorliebe für die populistischen Seiten des Mediums zum Trotz, gilt dasselbe auch fürs Kino - wenngleich diese Vorliebe ironischerweise auch von Godard und seinen ebenso Hollywood-begeisterten Freunden Francois Truffaut, Claude Chabrol, Jacques Rivette und Eric Rohmer erfunden wurde."

Lucy Beresford hat Patrick McGraths (Autor u.a. des von David Cronenberg verfilmten Romans "Spider") jüngsten Roman "Trauma" gelesen - als Vergnügen würde sie die Lektüre nicht bezeichnen, aber es ist ein faszinierendes Buch: "'Trauma' ist das ungeschönte Expose eines Lebens im Hinterland geistiger Gesundheit - es beschreibt eine Welt der Flashbacks, der Alpträume, des Alkoholmissbrauchs und der Depression."

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - New Statesman

Anlässlich der Fußballeuropameisterschaft erinnert Robin Stummer daran, dass Österreich vor gar nicht langer Zeit - neben England - eines der gefürchtetsten Teams im Weltfußball war und sich eines der besten Spieler der Welt rühmen konnte: Matthias Sindelar. An den erinnern sich die Österreicher offiziell nicht so gern. "Einige Sekunden körniger Wochenschauaufnahmen, eine handvoll alter Presseausschnitte, ein Straßenname, ein Grab. Das ist die magere Hiternlassenschaft von Matthias Sindelar - einem der größten Fußballspieler der Welt, dem Pele der Zwischenkriegsjahre, ein Sportgenie, dass nicht nur das Spiel in die moderne Zeit geführt hat, sondern ganz nebenbei auch noch Hitler brüskierte. Viele glauben, dass die Verachtung des Mittelfeldspielers für die Nazis ihn das Leben kostete. ... In einem kleinen Land, das nicht gerade von Weltklassesporthelden überflutet ist, von ausgewiesenen antifaschistischen Märtyrern mal ganz abgesehen, ist die Abwesenheit von Sindelar in Österreichs offzieller Geschichte und Gegenwart seltsam. Keine Statue, kein Stadionname, keine Poster. Keine Fußballakademie trägt seinen Namen; es gab nicht ein Biopic, keine Ausstellung, keine Gedenktafel, keine neuen Untersuchungen seines verdächtigen Todes."

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - New Statesman

"Ist Boris ein Fake", fragt das Magazin auf dem Titel. Boris Johnson kandidiert als Konservativer gegen Ken Livingston für das Amt des Londoner Bürgermeisters. Es sieht gut für ihn aus, und das nur deswegen, wie Brian Cathcart notiert, weil der flamboyante Johnson sich permanent selbst verleugnet. "Wie ein Mann, der sein Stottern überwindet, hat Johnson seinen fast pathologischen Hang überwunden, jeden aber auch jeden, mit dem er spricht, zu verwirren und zu schockieren. Immer wieder hat er deshalb Unsagbares ausgeplaudert. Zudem hat er es sich abgewöhnt, entweder zu spät oder gar nicht zu Terminen aufzukreuzen. Nicht nur der Kandidat strengt sich an, auch die Menschen um ihn herum geben das Letzte. Im Wahlkampfteam kursiert der Witz, dass Chefstratege Lynton Crosby bei jedem öffentlichen Auftritt Johnson im Visier eines Scharfschützengewehrs hat, bereit, ihn sofort auszuschalten, falls sein Mundwerk wieder mit ihm durchgeht."

In einem weiteren Artikel untersucht Sholto Byrnes die Biografie des Mannes, dessen Urgroßvater Ali Kemal der letzte Innenminister des Ottomanischen Reichs und dessen Ur-Urgroßmutter möglicherweise eine tscherkessische Sklavin war.

Die darstellende Kunst in China wird stagnieren, meint der chinesische Schriftsteller Xiaolu Guo nach einem Besuch der Ausstellung "China Design Now" im Londoner Victoria and Albert Museum, solange der Sozialismus verdrängt und der Konsumismus umarmt wird. "'Unschuldige' Menschen behaupten immer, Kunst könne und solle unbeeinflusst sein von den Schatten der Politik und der Geschichte. Aber als ich vor den Video-Clips von Wong Kar-wais Film 'In the Mood for Love' stand, die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt wurden, erschien es mir, als sei die wichtigste Aussage des Films Maggie Cheungs exotisches 'qipao'-Kleid. Ich ging weiter, ließ den melancholischen Soundtrack des Films hinter mir und fragte mich: Kann hier und jetzt kommerzielle Werbung die Hauptkunst einer ganzen Nation werden? Wenn ja, dann ist China diese Nation."

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - New Statesman

In dieser Spezialausgabe geht es um Gott. Der Fernsehjournalist Andrew Marr macht das im Vergleich zu Muslimen und Katholiken eher sanfte Auftreten der anglikanischen Kirche für die sich schnell leerenden Gotteshäuser Großbritanniens verantwortlich. "Dies ist ein wässriges, gemäßigtes Land mit einem langen und gutbegründen Misstrauen gegenüber dem Eifer. Abgesehen von Nordirland haben sich die Briten das letzte mal im im 17. Jahrhundert über Religionsfragen erhitzt." Marr bemerkt den Rückzug der Religion vor allem in der öffentlichen Kultur. "Man denke nur an das England der 40er und 50er. Man denke an den Einfluss religiöser Dichter (T.S. Eliot, der späte Auden), an religiöse Kunst und Architektur (der Wiederaufbau der Kathedrale von Coventry), an religiöse Musik (Brittens Hymnen, Missa Brevis und Weihnachtslieder) und an religiöse Autoren wie C.S. Lewis. Dann wird einem klar, dass das Christentum von einer zentralen kulturellen Position an den Rand gewandert ist."

Außerdem erklärt Sholto Byrnes die religiösen Wurzeln der säkularen Freiheiten, und Jeremy Rosen, William Dalrymple und Ziauddin Sardar beleuchten die recht unterschiedlichen Gottesbilder in der menschlichen Geschichte.

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - New Statesman

Der ukrainische Autor Andrej Kurkow war zu einer Lesung ins nordpolnahe norwegische Städtchen Kirkenes geladen und staunte nicht schlecht, dort auf eine ganze Menge Russen und vor allem Russinnen zu stoßen: "Tatsächlich sind von den 3900 Einwohnern von Kirkenes nicht weniger als 400 die russischen Ehefrauen norwegischer Männer. Ich habe die einheimischen Männer nicht gefragt, warum so viele von ihnen die Frauen ihres Landes verschmähen, aber das Muster scheint klar. Viele norwegische Männer denken erst über das Heiraten nach, wenn der vierzigste Geburtstag näherrückt. Die abenteuerlustigeren suchen sich dann in Murmansk oder Archangelsk eine Braut, die fauleren sehen sich im nahegelegenen russischen Städtchen Nikel um. Nicht dass die Norwegerinnen weniger zuverlässig wären; sie nehmen das Leben nur etwas ernster als die Russinnen und sie erwarten oft einfach mehr von ihren Männern."

Weitere Artikel: Als überaus schädlich für die Aussichten progressiver Politik betrachtet Matthew Taylor den Pessimismus in westlichen Gesellschaften, der schon deshalb erstaunlich sei, weil er sich meist auf die allgemeine, gar nicht so sehr auf die persönliche Situation bezieht. Helena Drysdale zeigt sich fasziniert von Nicholas Ostlers Biografie des Lateinischen mit dem optimistischen Titel "Ad Infinitum"

Magazinrundschau vom 18.12.2007 - New Statesman

"Ich muss doch sagen, dass ich lieber 'Frohe Weihnachten' als eine 'Frohe Feiertagszeit' wünsche", bekennt ausgerechnet der Ober-Atheist Richard Dawkins, der nichts von einem konsequenten Säkularismus wissen will: "Amerikaner wünschen sich schüchtern 'Frohe Feiertage', und geben eine Unmenge Geld für Feiertagsgeschenke aus. So weit ich weiß, singen sie auch Feiertagslieder um den geschmückten Feiertagsbaum. Der Feiertagsmann wurde bisher noch nicht gesichtet. Glücklicherweise ist dies nicht die einzige Wahl: Der 25. Dezember ist der Geburtstag von einem der wahrlich größten Männer, die je auf der Erde gelebt haben: Sir Isaac Newton. Seine Errungenschaften können zurecht gefeiert werden, wo immer seine Wahrheiten gelten. Und das heißt von einem Ende des Universums bis zum anderen. Happy Newton Day!"

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - New Statesman

Auch wenn Pekings boomende Kunstszene viele aufregende Künstler und das Ullens Centre for Contemporary Art (Ucca) hervorgebracht hat, mag Alice O'Keeffe nicht einstimmen in den großen Jubel. Die neue "Kulturrevolution" lässt noch auf sich warten: "Die rapide Kommerzialisierung der Kunstszene hat aber auch zur Suche nach ihrer Seele geführt. 'Ein Künstler zu sein, ist nicht mehr das gleich wie früher', sagt Dong Qiang, Kunstprofessor an der Pekinger Universität. 'Jetzt geht es nur noch darum, Geld zu verdienen.' Chinas Gegenwartskunst fehlt ein intellektuelles Fundament, das solide genug wäre, um dem warmen Regen standzuhalten, meint er. 'Für China ist das etwas ganz Neues. Die Leute wissen nicht zwischen guter und schlecher Kunst zu unterscheiden. Sammler sehen in ihr Dekoration, und die Künstler machen, was man ihnen sagt.' Ein Blick durch die Galerien in Dashanzi und anderswo in Peking bestätigt Professor Dongs Befürchtungen."

Weiteres: Flora Bagenal stellt die chinesische Rockband Snapline vor. Robert Turnfull besucht das neue, von Paul Andreu gebaute Nationaltheater in Peking und fragt sich, für wen hier gespielt werden soll.

Magazinrundschau vom 20.11.2007 - New Statesman

David Matthews untersucht die Beziehung afro-karibischer Briten zu den Konservativen. Im Augenblick stimmen bei Wahlen ca. 80 Prozent für Labour. Doch sobald sie die soziale Leiter etwas höher gestiegen sind, könnte sich das ändern, denn Afro-Kariben und Afrikaner sind "in vieler Hinsicht maßgeschneidert für die Tories", meint Matthews. "1962 kamen meine Eltern von British Guayana (heute Guayana) nach England. Sie waren klassische Immigranten: hart arbeitend, unabhängig, Hausbesitzer. Maßgeschneiderte Tories. Kulturell ist die Diaspora immer noch konservativ. Die Einstellung zu kindlicher Disziplin, Abtreibung und Homosexualität ist tief reaktionär. Vor ein paar Jahren zeigte eine Umfrage, dass 96 Prozent aller Jamaikaner gegen die Legalisierung der Homosexualität sind. Die afrikanische Diözese der Anglikanischen Kirche ist jetzt so rechts, dass sogar Gott sich fühlt wie ein schuldiger weißer Liberaler. Aber bedeutet sozialer und kultureller Konservatismus auch politischer Konservatismus?" Noch nicht, aber es könnte dazu kommen, denn nach über 50 Jahren, in denen er Labour gewählt hat, fragt sich zum Beispiel mancher schwarze Brite: Wo sind die schwarzen Parlamentarier auf den vorderen Labour Bänken?

Ein gewisser Neid erfüllt Kira Cochrane, wenn sie nach Schweden sieht: "Die Schweden scheinen ohne jede Anstrengung in praktisch allem, das erstrebenswert ist, auf den ersten Platz zu rutschen, stimmt's? Sie sind gesund - sie haben eine der längsten Lebenserwartungen in der Welt. Sie sind freundlich - sie wurden gerade als das beste Land in Europa genannt, wenn es darum geht, Immigranten zu begrüßen und ihnen zu helfen, sich niederzulassen. Sie sind intelligent - sie haben den höchsten pro-Kopf-Anteil an Nobelpreisträgern. Sie gaben uns Abba, die karaokefreundlichste Popgruppe aller Zeiten.... Und als ob das nicht genug wäre, wurden sie jetzt zum zweiten Mal als das Land ausgezeichnet, das am meisten für die Gleichberechtigung getan hat."

Weiteres: Besprochen werden die neue CD von Burial (hier ein paar Hörproben) und Thomas Schüttes Skulptur am Trafalgar Square.

Magazinrundschau vom 06.11.2007 - New Statesman

Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka beschreibt eine genuin mobile Kunstform, der man nicht nur in Afrika auf Schritt und Tritt begegnen kann - Kalligrafie und Malerei auf den Seitenwänden von Transport-Lastern: "Ich bezeichne dieses Genre oft als 'bewegliche Wandgemälde' oder wandernde Manuskript-Illuminationen - ein von den Mönchen des Mittelalters geborgter Begriff, die ihr Leben damit zubrachten, göttliche Manuskripte zur Erbauung der Gläubigen und zur Verführung der Ungläubigen oder Skeptiker auszuschmücken. Die meisten Afrikaner haben diese Malerei gesehen; eine ganze Menge sind sogar darin gereist. Ich nehme an, dass Sie nie von einem der Laster überfahren wurden, sonst würden Sie dies hier wohl kaum lesen. Es gibt diese Darstellungen auch in Lateinamerika. Sie sind oft rasch ausgeführt, krude, zeugen von wenig geschulter Zeichenkunst und beweisen ziemlich bizarre Farb-Vorlieben. Und doch sind sie scharfsinnige politische Statements, treffende Kommentare zu den Realitäten des Alltags, aber auch den Wünschen der Menschen."