Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 20

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - New Statesman

Wo ist die obszöne Dichtung des 17. Jahrhunderts? Wo Nashe und Wilmot? Wo Philipp Larkins Ode auf die Masturbation "Annus Mirabilis"? Sehr lückenhaft findet Germaine Greer New Statesman Sophie Hannahs Anthologie "The Poetry of Sex". Überhaupt ist Poesie immer sexuell, meint Greer: "Dichtung ist ebenso ein sexuelles Phänomen wie Vogelgezwitscher. Typischerweise ist sie eine männliche Darstellung, deren Kunst eher darauf zielt, andere Männchen zu entmutigen und aus dem Feld zu schlagen als das selbstvergessene Weibchen zu verführen, sei es nun ein ungebildeter Mensch oder eine Futter suchende Henne. Die männliche Zurschaustellung ist sexuell, aber es geht ihr nicht um den Sex, sie möchte eine fundamental alltägliche und vorübergehende Interaktion durch Kunstfertigkeit und Erfindungsgabe verfeinern. Wenn sie durchgedrungen ist, fällt Schweigen - über den Vogel und den Dichter."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - New Statesman

Anlässlich der Olympischen Spiele in Sotschi erinnert eine Ausstellung in Lausanne daran, dass die Bolschewiken viele Jahre von Olympia nichts wissen wollten. Sie gründeten nach der Revolution die Arbeiter-Spartakiade, erstmals 1928 veranstaltet, die sportliche Leistungen ohne Wettkampf zeigten, erzählt Michael Prodger. "Um die Botschaft zu verbreiten, dass mens sana in corpore sano das neue sowjetische Ethos war, wurden Künstler hinzugezogen. Es war eine gute Kombination. Wenn Sport Modernität repräsentierte, dann war die Wiederschaffung der modernen Welt die treibende Kraft hinter der Kunst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, des Zeitalters der 'ismen'. Sie lag dem Kubismus und dem Futurismus zugrunde ebenso wie den russischen Bewegungen des Konstruktivismus und Suprematismus. Künstler wie Alexander Rotschenko, Varvara Stepanowa, Kasimir Malewitsch und El Lissitzky waren enthusiastische Verkünder des Images vom sowjetischen 'neuen Mann' (und der 'neuen Frau', denn anders als im Westen waren die Frauen im russischen Sport gleichgestellt.)."

Magazinrundschau vom 27.01.2014 - New Statesman

Was Kafka im "Prozess" vorweggenommen hat, waren nicht die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts, nicht Terror und Verfolgung, meint sein Biograf Reiner Stach in einem lesenswerten Essay (hier auf Deutsch), sondern der moderne Überwachungsstaat, der vor allem dank seiner willigen Helfer so glatt funktioniert: "Kafka beschrieb nicht nur, wie aus Menschen Opfer wurden, sondern zeigte auch, in welchem Maß die Macht auf die Komplizenschaft ihrer Opfer angewiesen ist. Das Phänomen geht über das Politische hinaus und berührt die Erkenntnise der Psychoanalyse. Wenn ein Sohn seinem Vater auch noch lange nach dessen Tod gehorcht, heißt dies, dass er die Knute, die ihn einst niederhielt, in die eigene Hand genommen hat... Für Kafka war das Problem nicht die Maschinerie, - die Bürokratie selbst ist nicht schuld, sie ist kein aktiver Agent. Die Schuld trifft uns."

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - New Statesman

Julia Copus erinnert an die heute nahezu vergessene Dichterin Charlotte Mew, die von ihren Zeitgenossen sehr bewundert wurde, nicht zuletzt weil sie wie eine französische Marquise aussah, aber offenbar recht derben Slang sprach: "1896 in eine vornehme viktorianische Mittelklassefamilie geboren, von einer dominanten Mutter, die um jeden Preis den Schein waren wollte, war Mew erstaunlich wenig unterdrückt. Sie ging, wohin sie wollte, ohne Begleitung, und rauchte ihre eigenen selbstgedrehten Zigaretten. Als ihr Vater 1898 starb, sah sich Mew gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und begann ernsthaft, Geschichten zu schreiben, um sie zu veröffentlichen. Man hätte niemals sehen dürfen, dass sie Geld verdiente, und ihre Mutter hätte das auch niemals zugelassen; das Schreiben war der Weg, diese Demütigung zu umgehen. Aber ihre Erzählungen waren nur ein Mittel zum Zweck und es dauerte beinahe zwanzig Jahre, bis sie ihren ersten Gedichtband 'The Farmer's Bride' zustande brachte."

Fin de Fête
von Charlotte Mew

"Sweetheart, for such a day
One mustn't grudge the score;
Here, then, it's all to pay,
It's Good-night at the door.
 
Good-night and good dreams to you,-
Do you remember the picture-book thieves
Who left two children sleeping in a wood the long night through,
And how the birds came down and covered them with leaves?
 
So you and I should have slept,-But now,
Oh, what a lonely head!
With just the shadow of a waving bough
In the moonlight over your bed."

Magazinrundschau vom 19.03.2013 - New Statesman

Der Historiker Brendan Simms blickt auf die Geschichte Deutschlands in Europa zurück, das über Jahrhunderte entweder zu schwach oder zu mächtig war. Seit fünf Jahren, meint Simms, ist das europäische Gefüge aus dem Gleichgewicht: "Heute ist Deutschland zu stark und zu schwach, oder zumindest zu unengagiert. Es sitzt mit Unbehagen im Herzen einer EU, die vor allem dazu geschaffen wurde, Deutschlands Macht einzudämmen, die aber stattdessen dazu beigetragen, diese zu vergrößern; und schließlich hat ihre fehlerhafte Konstruktion unbeabsichtigt viele Europäer ihrer Souveränität beraubt, ohne ihnen eine demokratische Beteiligung in der neuen Ordnung zu gewähren. Nun stehen wir vor der Frage: Wie kann die Bundesrepublik, die wohlhabend und sicher ist wie niemals zuvor, überzeugt werden, die politische Initiative zu ergreifen und die notwendigen ökonomischen Opfer zu bringen, um das Werk der europäischen Einigung zu vollenden?"

Magazinrundschau vom 26.02.2013 - New Statesman

Die Autorin Jeannette Winterson singt ein Hohelied auf Virginia Woolfs Roman "Orlando", der lehre "nichts auszulassen und alles zu fordern" und Zeit wie Geschlecht irrelevant mache: "Woolf glaubte, dass der kreative Geist androgyn ist. Sie war Expertin in elisabethanischer Literatur. Sie liebte die Weite und die Gewissheit des Renaissance-Denkens. Shakespeare, der seine Sonette mit derselben Leidenschaft an Jungen wie an Frauen richtete, der die Männlichkeit eines Soldaten so gut verstand wie die Intensität einer Nonne, Shakespeare schien für sie zu sein, wie wir alle sein könnten - größer, weiter und befreit von allen Konventionen und Heucheleien."

So ein "grandioser Verteidiger der Werte der Aufklärung, des Säkularismus und Internationalismus" würde der britischen Linken zur Ehre gereichen, meint George Eaton, kann aber nach der Attacke "The Trial of Christopher Hitchens" des Hamas-Unterstützers Richard Seymour gut verstehen, warum Hitchens mit dieser nichts mehr zu tun haben wollte. Und Richard Holloway findet in John Grays neuem Buch "The Silence of Animals" einen Schatten von Hoffnung für die Menschheit: "gottloser Mystizismus" kann uns zwar nicht retten, aber helfen, eine Art "kontemplative Dankbarkeit für das einzige Leben zu entwickeln, das wir haben".

Magazinrundschau vom 27.11.2012 - New Statesman

Julian Assange versteht viel vom Netz, aber wenig von Menschen, stellt die Kolumnistin und Autorin Laurie Penny nach Lektüre von Assanges neuem Buch "Cypherpunks" fest. Wenn er vom Überwachungsstaat schreibt, der uns mit Google, Facebook und den Geheimdiensten droht, gibt sie Assange recht, die Lösung aber liegt ihrer Ansicht nach nicht in einer besseren Verschlüsselung, solange wir freiwillig unsere persönlichsten Dinge online ausbreiten: "Niemand hat Ihnen ein Messer an die Gurgel gehalten. Sie haben diesen Teil Ihrer selbst aus freien Stücken preisgegeben, weil Sie fürchteten, dass Sie nicht mehr dazugehören, wenn Sie es nicht tun; und solange nicht jemand kommt und Ihnen freundlich und verständnisvoll eine Hand auf Ihren Arm legt, werden Sie weiter und weiter alles von sich herausgeben, bis es keinen Teil Ihres Privatlebens mehr gibt, der nicht verkauft werden kann. Wenn die 'globale totalitäre Überwachungsgesellschaft', die Assange vor Augen hat, wahr wird, dann wird sie von dem angetrieben werden, was sie schon hervorgerufen hat: Nicht Angst vor Gewalt, sondern ein gruseliger Konformismus."

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - New Statesman

Der New Statesman hat bekanntlich Ai Weiwei gebeten, eine Ausgabe für ihn zu betreuen. Am besten gefällt uns seine Aktion "A little bird told me". Ai hat die Chinesen per Twitter gefragt, wie sie die Zukunft ihres Landes sehen. Die meisten der zitierten Antworten sind so pessimistisch wie die von Zhang Hali (@zhhl93): "Auf die chinesische Demokratie zu warten ist wie pinkeln zu müssen, während das eigene Haus brennt. Und es bleibt einem nichts übrig als auf einen Regenguss zu warten." Aber es gibt auch optimistische Statements wie das von Xiangfeng Ziyou Chui (@sun22382001) : "Kein Chinese hätte die Geburt von Twitter voraussagen können. Twitter und Weibo sind Gottesgeschenke für das chinesische Volk und werden die Aufklärung im Land vorantreiben. China wird dem Rest der Welt ebenbürtig und nicht mehr abseits stehen. Auch wenn der Weg steinig sein wird und viele Menschen schon aus China geflohen sind, werde ich bis zu meinem Tod bleiben."

Die Pakistanerin Mukhtar Mai, die 2002 entgegen aller Traditionen, die Männer angezeigt hatte, die sie vergewaltigt hatten, und die jetzt eine Mädchenschule führt, sieht im Interview trotz des Attentats von Taliban auf die 14jährige Schüleraktivistin Malala Yousafzai "große Hoffnung. Die Zukunft ist heller. Frauen haben eine Stimme. Sie nutzen sie, um in der Öffentlichkeit ihre Rechte einzufordern. Sogar ein Kind wie Malala hat die Courage, sich zu wehren. Es gibt Gefahren, aber gegenüber der Notwendigkeit etwas zu erreichen, sich auszudrücken, ist die Bedrohung klein. Wir müssen vorwärts gehen."

Außerdem: Sophie Elmhirst bringt uns in einem lesenswerten Porträt auf den neuesten Stand über Ai Weiwei, der selbst ein Editorial beisteuert. Online findet sich auf den Seiten des New Statesman überdies ein langes Porträt über die doppelte Booker-Prize-Trägerin Hilary Mantel.

Magazinrundschau vom 16.10.2012 - New Statesman

Auch Experimente haben ihre Grenzen, konstatiert Comic-Ikone Chris Ware, der im Interview mit Alex Hern über seine "Building Stories" spricht. Ein Teil von ihnen erschien zuerst als Tablet-App (mehr hier) für Dave Eggers Magazin McSweeney's: "Ich fand die Vorstellung richtig aufregend, Zeichnungen in etwas Tastbares zu verwandeln und die Vorteile dieser neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen. Ich schrieb darüber, wie physische Berührung in einer Beziehung von Zuneigung in Aggression übergehen kann. Zugleich hatte (und habe) ich große Bedenken gegenüber der Idee, den Comic in ein Medium zu übertragen, das ganze Filme genauso leicht abspielt wie einzelne Bilder... Ich fühle mich nicht wohl dabei, Geld für etwas Immaterielles zu verlangen, und auch wenn ich den Strip extra so entwarf, dass man ihn berühren und manipulieren konnte wie die Figuren, von denen er erzählt, ziehe ich grundsätzlich das Solide vor, Papier, die unplugged Version, die man auch noch in fünf Jahren lesen kann, was ich bei der E-Pub-Version bezweifeln würde."

Magazinrundschau vom 30.10.2012 - New Statesman

"James Joyce wollte selbst in seinen hintergründigsten Passagen seine Leser bezaubern", Beckett fiel das im Traum nicht ein, lernt Christopher Reid bei der Lektüre der Gedichte Becketts, besonders der frühen, in den 30er Jahren entstandenen. "Der Beckett dieser Periode schien entschlossen, so rätselhaft zu sein wie die Narrenszenen der elisabethanischen Dramen, mit ihrem Rotwelsch und ihren dahingeworfenen Anspielungen. Nur ist der Argot hier eine sorgfältig bearbeitete Kostbarkeit und die Anspielungen beziehen sich meistens auf Aspekte in Becketts Leben, über die nur er Bescheid wusste. Die Anmerkungen der Herausgeber sind besonders in dieser Hinsicht erhellend." Am besten fand Reid das letzte Gedicht, ein 53-Zeiler von großer Musikalität, der so beginnt:

"folly -
folly for to -
for to -
what is the word -
folly from this -
all this -
folly from all this -
..."