Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 01.02.2005 - London Review of Books

Unter dem Titel "Was ich über den Irak hörte" versammelt der Publizist Eliot Weinberger Hunderte von Originalzitaten zu einem beeindruckenden Panoptikum des Irrsinns im Irak, im Krieg und in der Politik. "Ich hörte einen amerikanischen Soldaten, der neben seinem Humvee stand, sagen: 'Wir haben den Irak befreit. Jetzt wollen uns die Leute hier nicht haben, und wissen Sie was? Wir wollen hier auch nicht sein. Also warum sind wir noch hier? Warum bringen sie uns nicht nach Hause?' Ich hörte Colin Powell sagen: 'Wir hatten nicht erwartet, dass es so lang so intensiv werden würde.' Ich hörte Donald Rumsfeld sagen: 'Wir stehen hier vor einem Test unseres Willens.'"

Steven Shapin stellt seiner Besprechung von drei neuen Weinführern, darunter zwei aus der Feder von Robert Parker, eine kleine Kulturgeschichte des richtigen Geschmacks voran, die im amüsanten Leitmotto der Weindemokraten endet, die einen leicht veränderten Ausspruch Noam Chomskys zu ihrer Maxime erkoren haben. "Der effektivste Weg, Demokratie einzuschränken liegt im Transfer der Entscheidungsgewalt aus der öffentlichen Sphäre hin zu nicht rechenschaftspflichtigen Institutionen: Königen und Prinzen, Parteidiktaturen oder professionellen Weinkritikern." David Wootton hält Steven Sharpes Biografie des legendären Räubergentlemans Dick Turpin für "bewunderungswürdig" in den selbst gesetzten Grenzen; warum Turpin aber nachträglich zum Helden des Volkes umgedichtet wurde, entgehe Sharpe leider gänzlich. In den Short Cuts kommentiert Thomas Jones die Schleifung des antiken Babylons durch die archäologisch unsensiblen Koalitionstruppen. Peter Campbell schlendert etwas schrullig durch das Londoner Technikmuseum und bestaunt Flugzeugmotoren.

Leider nur im Print liest man Thomas Nagels Besprechung von Niccola Laceys Biografie des Rechtsphilosophen H.L.A. Hart oder Rashid Khalidis Diskussion der Handlungsmöglichkeiten, die den Palästinensern offen stehen.

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - London Review of Books

Weniger eine Besprechung als eine Hymne schreibt Stefan Collini auf das schon im September erschienene, riesige Oxford-Biografielexikon. Es hilft enorm, so Collini, die englische Gesellschaft zu durchschauen: "Grob gesagt gibt es sieben soziologische Hauptschichten. Zuallererst sind da jene, die in der Abbey begraben sind: Könige, Staatsmänner, Prälaten. Als nächstes die Land-und-Ehre-Meute: viele Hektar sein eigen zu nennen und viele Ausländer erschlagen zu haben war schon immer eine der zuverlässigsten Eintrittskarten zu Ruhm im englischen Leben. Dann gibt es da den Athenaeum Club: Richter, Schreiber, Beamte, Wissenschaftler, Professoren. Als nächstes kommt das Institut der Direktoren: Die Herrscher des Kapitals und überhaupt die Chefklasse. Danach die Hallo!-Gang: die Berühmten, die Berüchtigten, die Neureichen, die ewig Schamlosen. Dann haben wir die historischen Seltsamkeiten: die sehr Alten, die sehr Verrückten, die sehr Unwahrscheinlichen. Und schließlich diejenigen, 'die auf eine Gartenparty im Buckingham Palace eingeladen worden wären': lokale Bekanntheiten, die besten Krankenschwestern, die Gonghalter."

Weitere Artikel: Colin Burrow unterstellt dem Autor der neuen Shakespeare-Biografie Stephen Greenblatt schnöde finanzielle Interessen. Anders kann er sich die Veröffentlichung des Buches, das keine der Erwartungen des Rezensenten erfüllt, kaum erklären. Richard Rorty bespricht Scott Soames Geschichte der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts (Band 1, Band 2) recht wohlwollend, auch wenn er sie ein wenig anders erzählt hätte. Trotzdem ein "energiegeladenes, nachhaltiges und lobenswertes Buch", in dem Rorty besonders die Frage fasziniert, wieviele Sandkörner einen Haufen ausmachen. Und Peter Campbell besucht das Modellstädtchen Port Sunlight außerhalb von Liverpool, das einst der Seifenbaron William Hesketh Lever neben seiner Fabrik errichten ließ. Außerdem hat dieser eine recht "substantielle" Kunstsammlung zustande gebracht, meint Campbell, die ebenfalls in Port Sunlight zu sehen ist.

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - London Review of Books

Nach der Lektüre seines neuen Romans "I am Charlotte Simmons" diagnostiziert Theo Tait bei Tom Wolfe gleich dreierlei Leiden: Informationszwang (den Leser mit großen Theorien zu bombardieren), Wiederholungszwang (Wörter zwanghaft zu wiederholen, um ihnen Nachdruck zu verleihen) und Homomanie. Wohin Wolfe "auch schaut, sieht er den Kampf um männliche Vorherrschaft, sieht er Wettstreit, sieht er Männer, die wie Hirsche aneinanderstoßen." Jedoch, lenkt Tait ein, kann man Wolfe die überzeichnete Stereotypisierung seiner Charaktere nur teilweise zum Vorwurf machen. Denn "das ist es, was in Wolfes Romanen passiert: Menschen finden sich mit der Tatsache ab, dass sie typisch sind". Charlotte Simmons "fällt über die Fleischtöpfe der modernen Universität her und erkennt (wenn auch etwas ungern): Sie will auch? einen Star? ficken."

Weitere Artikel: Frank Kermode beurteilt Michael Radfords Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" als zufriedenstellendes Mittelmaß, nimmt sie jedoch zum Anlass, um über Shakespeares ungewöhnliche Darstellung des Juden Shylock und über die seltsame Traurigkeit, die über dem ganzen Stück hängt, nachzudenken. Nach Lektüre des "Arctic Climate Impact Assessment" (hier als pdf-Datei erhältlich), das von 300 führenden Klimaforschern verfasst wurde, bekommt es Michael Byers mit der Angst zu tun, gerade weil er es für unwahrscheinlich hält, dass die Großen dieser Welt sich der Umweltfrage ernsthaft annehmen werden. Und schließlich sieht sich Peter Campbell beim Spaziergang durch die Ausstellung "Faces in the Crowd" veranlasst, jenen Porträtkünstlern zu danken, "die es nicht aufgegeben haben (und die es um nichts in der Welt aufgegeben hätten), uns zu erzählen, wer wir sind".

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - London Review of Books

Wie ein Schlag ins Gesicht hätte das neue MoMA sein müssen, trauert der Kunstprofessor Hal Foster, auf den das neu eröffnete Museum durchaus modern, aber nicht zeitgenössisch wirkt. Dazu rieche es einfach zu sehr nach stilvoll gehaltenem, didaktischem Sendungsbewusstsein, noch dazu mit dem obligatorischen Kniefall vor Adornos Auschwitz-Zitat: "Zwischen dem fünften und dem vierten Stockwerk wird die Chronologie im Jahr 1940 unterbrochen, so wie es in fast allen Lehrbüchern über das 20. Jahrhundert der Fall ist. Diese Unterbrechung zeugt davon, dass die Lücke von Faschismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust - Repression, Exil und Tod - stillschweigend akzeptiert wird, und die Broschüre im vierten Stock zitiert Adorno und die regelrechte Unmöglichkeit lyrischer Dichtung nach Auschwitz."

Weitere Artikel: James Wood lobt David Bezmozgis ("Natasha" and Other Stories?) dafür, dass er nicht im Fahrwasser von Tschechow ersäuft. In Short Cuts erfährt Thomas Jones alles, was er schon immer über Engel wissen wollte. David Elgar
hat in Stuart Christies Erinnerungen "Granny Made Me an Anarchist" ein fröhlich bilderstürmendes Pendant zum orthodoxen Leninismus gefunden. Und Peter Campbell ist begeistert von der Art, mit der Zaha Hadid den Betrachter ihrer Gebäude an eine "weitgreifendere, nicht geradlinige Welt" gewöhnt und empfiehlt eine Ausstellung von Bildern, mit denen Hadid ihre Architekturideen festhielt.

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - London Review of Books

Womit genau haben wir es zu tun, wenn Laurence Sternes Tristram Shandy unschuldig fragt, 'Sollen wir ewig neue Bücher so anfertigen wie Apotheker neue Mixturen zubereiten, indem wir nur von einem Gefäß ins andere schütten?', und dabei fast wörtlich Robert Burtons "Anatomie der Melancholie" (mehr hier und hier) zitiert, genauer genommen eine Passage, in der Burton literarische Nachahmer aufs Heftigste attackiert? Mark Ford versucht zu ergründen, wo genau beim Zitat die Liebe endet, und wo der Diebstahl anfängt, und erinnert sich dabei an eine Anekdote um Bob Dylan, dessen Album " 'Love and Theft' " (in Anführungszeichen wohlgemerkt) nach dem Titel einer Musikstudie von Eric Lott benannt ist: "Bei einer Pressekonferenz 1965 in San Francisco war Dylan überrascht, einmal nicht gefragt zu werden, ob er noch immer ein Folksänger oder ein Protestsänger oder die Stimme seiner Generation sei, sondern ob er glaube eines Tages als Dieb gehängt zu werden. Die Frage kam von Allen Ginsberg, und Dylan - dessen liebende Diebstähle aus einem ganzen Aufgebot von musikalischen und literarischen Quellen bis heute Heere von Dylan-Forschern beschäftigen - konnte nur kichernd antworten: 'Das solltest du doch nicht sagen.'"

Weitere Artikel: Für Neal Ascherson ist und bleibt Isaac Deutschers 1954 erstmals erschienene mehrbändige Trotzki-Biografie (mehr) ein Meisterwerk. James Davidson nimmt Michael Woods Studie über Orakel ("The Road to Delphi: The Life and Afterlife of Oracles") zum Anlass, uns über Poeten, Propheten und Seher aufzuklären. In den Short Cuts begeistert sich John Sturrock für das Fußball-Lexikon von Leigh und Woodhouse ("Football Lexicon"), das einen erfrischend trockenen "Klischeebummel" bereithält. Und schließlich muss Peter Campbell bis ins 19. Jahrhundert und zu Daumier zurückgehen, um auf so starke Opferbilder zu stoßen wie bei Paula Rego, der die Tate Britain zur Zeit eine Ausstellung widmet.

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - London Review of Books

Jenny Diski denkt nach der Lektüre von Thomas Blass' Biografie "The Man who shocked the World" darüber nach, was die legendären Experimente, mit denen Stanley Milgram erforschen wollte, wie weit Individuen gehen können, uns lehren. Dabei sieht sie folgendes Problem: Die Experimente weisen zwar auf einen Tatbestand hin und fördern ihn zutage, doch obwohl wir wissen, was wir daraus lernen sollten, wissen wir bis heute nicht, wie wir daraus lernen sollen. Erschütternd bleiben die Protokolle trotzdem: "Das Folgende ist ein Zitat aus dem Protokoll. Die Testperson hat dem unsichtbaren Lerner gerade einen - wie sie meint - 300 Volt starken Stromstoß verabreicht. Lerner: [Agonieschreie]. Testperson: Ich, ich kann das nicht mehr tun. [Stuhlgeräusch] Lerner: Ich weigere mich absolut, weiterhin zu antworten. Bringen Sie mich hier raus. Sie können mich nicht hier festhalten. Bringt mich raus. Lasst mich gehen. Testperson: Ich kann das nicht mehr. Es tut mir Leid. Ich merke, dass Sie versuchen, etwas zu erreichen. Versuchsleiter: Der Versuch verlangt, dass Sie fortfahren. Testperson: Ja, ich weiß. Aber ich bin nicht die Art Mensch, die in der Lage ist, jemand anderem Schmerz zuzufügen, zumindest mehr Schmerz als ich fühle. Ich habe das Gefühl, dass ich schon viel zu weit gegangen bin. Versuchsleiter: Es ist absolut notwendig, dass Sie fortfahren. Bitte fahren Sie fort. Testperson: [Stuhlgeräusch] Wissen Sie, ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich jeden Stoß mit ihm fühle. [Seufzer] Das nächste ist GRÜN: Gras, Hut, Tinte, Apfel... Die Seufzer gingen weiter, und es gab lange Pausen vor jedem erneuten Stoß, doch die Testperson war völlig folgsam und legte alle Schaltstufen bis 450 Volt um."

Weitere Artikel: Wyatt Mason verteidigt David Foster Wallaces (homepage) neuen und kompromisslos komplexen Erzählband "Oblivion" gegen den Vorwurf des Hermetismus. Für Corey Robin erbringt Greg Grandins Buch "The Last Colonial Massacre: Latin America in the Cold War" den längst fälligen Beweis, dass Lateinamerika - und allen voran Guatemala - ein ebenso großes Schlachtfeld des Kalten Krieges war wie Europa. In Short Cuts hat Thomas Jones die wundersame Webseite tinyurl.com entdeckt, die lange Webadressen in kurze verwandelt, und spielt damit herum. Schließlich steht Peter Campbell in der Londoner Royal Academy vor den beredten Bildern des schweigsamen William Nicholson.

Magazinrundschau vom 01.11.2004 - London Review of Books

"Wie steht man letzten Endes für sein Leben und seinen Namen ein?" Diese Frage, die Jacques Derrida in seinem letzten Interview mit der Zeitung Le Monde stellte, gibt Judith Butler ihm nun zurück und hat in Derridas eigener Beschäftigung mit verstorbenen Freunden und Denkern erkannt, wie man um ihn trauern sollte: indem man seinen Namen nennt. Hier ein Zitat für Liebhaber: "Der Akt des Trauerns wird so zum einem fortgesetzen Gespräch mit dem anderen, der gegangen ist, obwohl er gegangen ist, und gerade weil er gegangen ist. Wir müssen jetzt 'Jacques' sagen, um denjenigen zu nennen, den wir verloren haben, und in diesem Sinne wird 'Jacques Derrida' der Name unseres Verlusts. Und doch müssen wir damit fortfahren, seinen Namen zu sagen, nicht nur um uns sein Hinscheiden zu vergegenwärtigen, sondern weil er derjenige ist, an den wir uns mit dem, was wir schreiben, richten; weil es für viele von uns unmöglich ist zu schreiben, ohne uns auf ihn zu berufen, ohne mit ihm und durch ihn zu denken. 'Jacques Derrida' als Name für die Zukunft unseres Schreibens."

Weitere Artikel: Michael Wood zeigt sich zutiefst erstaunt von Philip Roths wilder Gegengeschichte "The Plot against America", in der erschütterte jüdische Familien in einem nicht ausreichend erschütterten Amerika bestehen müssen. Theo Tait lobt V. S. Naipauls "Magic Seeds" als schreckliches Buch, das dem Leser sogar physische Leiden bereitet, ihn aber dafür mit "schwingenden Bildern, heimtückischer Klugheit und dem entfernten Cousin eines Sinns für Humor" entlohnt. Jacqueline Rose vergleicht zwei sehr unterschiedliche Bücher über Selbstmordattentäter: eine moderne Historie (Christoph Reuters "My Life Is a Weapon") und einen reichlich romantisierten Erzählband (Barbara Victors "Army of Roses"). Thomas Jones besieht sich das gefallene TV-Idol Robert Kilroy-Silk, der Ambitionen auf den Vorsitz der britischen EU-Gegnerpartei Ukip hegt. Und Peter Campbell stellt voller Verwunderung fest, dass Bruce Nauman es mit "Raw Materials" geschafft hat, aus der Turbinenhalle der Tate Modern einen Ort des Lauschens zu machen.

Magazinrundschau vom 18.10.2004 - London Review of Books

John Lanchester scheint es, als ob sich mit Ferdinand Mounts Buch "Mind The Gap" eine geistige Sauerstoffquelle erschlossen hätte, denn Mount - "eine Art Tory-Marxist" - beleuchtet auf eindrückliche Weise den kulturellen Niedergang der britischen Arbeiterklasse und macht dafür einen in aller Heimlichkeit ausgetragenen Klassenkampf veranwortlich. Bemerkenswert daran findet Lanchester, wie Mount die scheinbare Einbeziehung der Arbeiterklasse in die politische Diskussion als Instrumentalisierung enttarnt. Schon die Verschwommenheit der Begrifflichkeiten liefere ein Anzeichen dafür: "Zur Zeit ist die Diskussion über Armut, Ungleichheit und Klasse so verkommen, dass es noch nicht einmal einen einfachen Maßstab dafür - oder einen Konsens darüber - gibt, was Armut überhaupt ist. Armut bedeutet, kein Geld zu haben. Ungleichheit bedeutet, weniger Geld als andere zu haben. In Großbritannien werden im Allgemeinen diejenigen als arm definiert, die von 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens leben. Was jedoch überhaupt kein Maßstab für Armut sein kann, da eine ganze Gesellschaft von einem Dollar pro Kopf und Tag leben könnte, ohne dass jemand nach dieser Definition als arm bezeichnet werden könnte. Tatsächlich ist dieser Maßstab für Armut ein Maßstab für Ungleichheit."

Weitere Artikel: Schluss mit der Philosophie im Lehnstuhl fordert Jerry Fodor nach der Lektüre von Christopher Hughes' Buch "Kripke: Name, Necessity and Identity" und liefert den Beweis, dass Saul Kripke (mehr hier und hier) die Philosophie des 20. Jahrhunderts nicht etwa revolutioniert hat, sondern mit seinem Begriff der "metaphysischen Notwendigkeit" nur einen Schleichweg über andere, mögliche Welten gegangen ist. Hilary Mantel hat verschiedene Bücher über Frauenschicksale in Ghana gelesen (zwei Bücher von John Chernoff - "Hustling Is Not Stealing: Stories of an African Bar Girl" und "Exchange Is Not Robbery: More Stories of an African Bar Girl" - und Chimamanda Ngozi Adichies "Purple Hibiscus") und schätzt es, dass Adichie - im Gegensatz zu Chernoff - nicht über die tatsächliche Opferposition der Frau hinwegtäuschen will. Für Nicholas Penny handelt es sich bei der Ausstellung "The Age of Titian" in der Royal Scottish Academy um das Beste, was seit Jahren aus dieser Epoche zu sehen war. Und Thomas Jones liebt es, wie Bob Dylan in seinen "Chronicles" über seine musikalischen Helden schreibt. Zum Beispiel Roy Orbison: "Bei ihm ging es eigentlich nur um Fett und Blut? Auf einmal sang er seine Stücke in drei oder vier verschiedenen Oktaven, so dass man am liebsten mit dem Auto über die nächste Klippe gerast wäre. Er sang wie ein Berufsgangster."

Magazinrundschau vom 04.10.2004 - London Review of Books

Es passt, findet Adam Shatz, dass Algeriens bekanntester Schriftsteller der letzten zehn Jahre Kriminalromane schreibt - und dazu noch unter dem lange Zeit mysteriösen weiblichen Pseudonym Yasmina Khadra. Denn eigentlich sei das Algerien des letzten Jahrzehnts, mit all seinen Ermordeten und Vermissten, mit einem einzigen großen "murdery mystery" vergleichbar. Shatz interessiert aber in erster Linie, was Khadra zum islamistischen Terrorismus zu sagen hat. "'Binnen kurzem', schreibt Khadra, 'begannen die Leute zu glauben, spektaktuläre Attacken hätten Klasse und die Mörder eine geradezu aufregende Rücksichtslosigkeit.' Religiöse Prinzipien oder Ideologien sind nicht die treibende Kraft. Hier geht es um das Begleichen einer Rechnung und eine berauschende Ödipale Wut - um die Rache der Unterdrückten. In Ghachimat, wo 'das kollektive Gedächtnis den Groll nährt', sind die glühendsten Befürworter der islamischen Aufrührer entweder die Söhne der Harkis (Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg auf der Seite der französischen Armee kämpften), die die Verfolgung ihrer Eltern rächen, oder einfach junge Männer, die gegen die Älteren, die 'das Gesicht verloren haben' aufbegehren."

Weitere Artikel: A. L. Kennedy versteht es zu zeigen, "wie zwei Menschen hin- und hergerissen werden zwischen ihrem Bedürfnis geliebt zu werden und ihrer Angst, die Möglichkeit der Liebe aufs Spiel zu setzen, indem sie einander missverstehen oder - schlimmer noch - völlig verstehen", schreibt Thomas Jones. In Kennedys jüngstem Roman "Paradise" (Leseprobe) hat er mit einer neuen Variante dieser Situation Bekanntschaft gemacht - dem Alkohol. Tom Paulin erzählt uns etwas langatmig, unter welchen Umständen er Dean Godsons Biografie des nordirischen Freiheitskämpfers und Friedensnobelpreisträgers David Trimble ("Himself Alone") gelesen hat - und schließlich auch, was er darin gelesen hat. Angesichts einiger jüngst vor Gericht verhandelter Fälle, in denen das Münchhausen Syndrom by proxy zu einer Art Erklärungs-Zauberformel wurde, ermahnt John Sturrock den Ärztestand, sich nicht den "Idolen des Marktplatzes" hinzugeben, sondern der Vielfalt an Krankheitsbildern, die sich hinter einem modischen Krankheitsnamen verbirgt, Rechnung zu tragen. Und in der Tate Britain steht Peter Campbell staunend vor zwei Porträts desselben Modells, die bezeugen, wie sehr sich die Malerei der Geschwister Augustus und Gwen John voneinander unterscheidet: Hier ist Dorelia "stärker und exotischer", da "gewöhnlicher und interessanter".

Magazinrundschau vom 20.09.2004 - London Review of Books

Andrew O'Hagan war auf dem Parteitag der Republikaner in New York - und ihm ist gar nicht wohl. Voller Entsetzen schildert er, was er bezeugen musste, ob am Rednerpult oder auf den billigen Plätzen. "Die Muslime hassen uns doch bloß für unsere Freiheitsliebe, sagt eine Frau aus Iowa mit einem Stoffelefanten (dem Symbol der Republikaner) auf dem Kopf. 'Die haben überhaupt keine Kultur, und sie hassen uns dafür, dass unsere großartig ist. Und sie hassen die Bibel."
- 'Ach ja?, sage ich. 'Die Irakis hatten eine Kultur, noch tausende von Jahren bevor Jesus überhaupt geboren wurde.'
- 'Was sagen Sie?'
- 'Ich sage, dass Muslime schon Tempel bauten als New York noch ein Sumpf war.'
- 'Sind Sie für die Irakis?'
- 'Nein.'
- 'Sind Sie dafür, dass unschuldige Menschen auf der Arbeit umgebracht werden? Menschen, die aus dem Fenster springen müssen?'
- 'Sie hören mir nicht zu.'
- 'Nein, mein Freund. Sie sind derjenige, der nicht zuhört. Diese Leute, für die Sie sind, versuchen unsere Kinder in ihren Betten zu töten. Und wo sind Sie überhaupt her, von der New York Times?'

An Perry Andersons Ansicht, dass die Franzosen nicht nur die meisten, sondern auch die besten Bücher über Frankreich schreiben, hat sich seit der letzten Ausgabe nichts geändert. Diesmal widmet er sich in einer sehr lesenswerten Geschichte des intellektuellen Frankreich seit 1981 all jenen, die sich gegen Frankreichs Normalisierung wehren - worunter Anderson den Abschied von den in Frankreich so lange so virulenten totalitären Versuchungen meint. Aber bedeutet die Normalisierung auch eine Banalisierung? Anderson will's nicht hoffen und zitiert zum Schluss einen Satz Raymond Arons: "Dieses scheinbar ruhige Land ist immer noch gefährlich."

Weitere Artikel: Als politischen Roman von seltener Qualität lobt Andy Beckett David Peaces "GB84", der den britischen Bergarbeiter-Streik von 1984 und dort ebenso genüsslich wie gekonnt die feine Mechanik der Versammlungen beschreibt. In Short Cuts meldet Thomas Jones Zweifel an, ob die Kurzgeschichten, die Floyd Horowitz in alten literarischen Zeitschriften gefunden hat und jetzt als Henry-James-Geschichten veröffentlicht, ("The Uncollected Henry James: Newly Discovered Stories") auch tatsächlich von des Meisters Hand sind. Und die in der National Portrait Gallery ausgestellten Modefotografien von Norman Parkinson verleiten Peter Campbell dazu, ein Stockwerk hochzugehen und die Posen auf den älteren Porträtgemälden genauer zu betrachten.