Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

571 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 58

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - London Review of Books

Slavoj Zizek, unvermeidlich auch in der englischsprachigen Welt, liest Timothy Garton Ashs neues Buch "Free World: Why a Crisis of the West Reveals the Opportunity of Our Time" (mehr hier). Vier Grundübel der heutigen Welt macht Ash in dem Buch aus, referiert Zizek: den Islamismus, die Gefahr in einem China, das sich nur zögernd demokratisiert, den Nord-Süd-Gegensatz und ökologische Probleme. Aber Zizek wirft dem Autor vor, nicht die gemeinsame Ursache dieser Übel zu benennen: "Die vier Probleme sind deutlich in der Dynamik des heutigen Kapitalismus begründet. Bei den ökologischen Problemen und dem Nord-Süd-Gegensatz liegt diese Verknüpfung klar auf der Hand. Aber ist nicht auch der Aufstieg des Islamismus bedingt durch den Widerstand der muslimischen Zivilisation gegen die soziale Dynamik des Kapitalismus? Und liegt die seltsame Wende Chinas nicht in dem Fakt, dass ein kommunistischer Staat voll und ganz auf eine kapitalistische Wirtschaft umgeschwenkt hat? Die Frage muss darum auf einem allgemeineren Niveau gestellt werden, als Garton Ash es gerne hätte: Wie stehen wir zum globalen Kapitalismus?"

Perry Anderson ist der Meinung, dass die Franzosen nicht nur die meisten, sondern auch die besten Bücher über Frankreich schreiben. Heutzutage jedoch, seufzt er in Erinnerung an die glorreichen Sechziger, sind das leider Bücher über Frankreichs Niedergang (oder wie soll man das nennen, wenn Bernard-Henri Levy und Michel Houellebecq zu prominenten Denkern erklärt werden?).

Weitere Artikel: Leicht befremdet zeigt sich Christopher Tayler von den "verwelkten Adjektiven", mit denen sich Louis de Bernieres in "Birds without Wings" in die literarische Überlebtheit manövriert. In Short Cuts sinniert Thomas Jones über die olympische Disziplin des Stabhochsprungs. Und schließlich: "Schließ die Augen - was heißt das visuell?" Hal Foster erfreut sich an der Retrospektive, die das New Yorker Whitney Museum dem Fotografen Ed Ruscha widmet, sowie an den Notizen und Interviews des Künstlers, die als Buch erschienen sind ("Leave Any Information at the Signal").

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - London Review of Books

Andrew O'Hagan war zu Gast beim großen Parteitag der Demokraten in Boston und hat gelauscht, wo er nur konnte. Das Intelligenteste bekam er dabei nicht vom Rednerpult zu hören, sondern von der Drei-Sterne-Generalin Claudia Kennedy, die das Sicherheitsdenken der Bush-Regierung für primitiv und kontraproduktiv hält: "Wir brauchen eine viel feinere Körnung - wir müssen lernen, feinere Grauschattierungen zu sehen. Denn wir verstehen zwar etwas von 'hardware' - von Waffen - in diesem Land, aber wir verstehen nichts von den sanften Elementen der Macht, jene, die mit Ideen und dem kulturellen Verständnis von anderen Nationen zu tun haben. Wir müssen nach einem abstrakteren Weltbild Ausschau halten. 'Ein Krieg gegen...' ist weder eine subtile noch eine gute Art und Weise mit öffentlichen Angelegenheiten umzugehen: 'ein Krieg gegen Drogen, ein Krieg gegen Armut'. Wir brauchen eine neue Definition von nationaler Sicherheit in diesem Land. Und die Frage ist, ob wir überhaupt von nationaler Sicherheit reden können, wenn wir ein solch armseliges Bildungsniveau, solch armselige Rassenbeziehungen, solch armselige Ideen und überhaupt solche Armut haben. Ich denke, dass es nicht nur um Waffen geht, sondern darum, ein besseres Verständnis sowohl von Auslandsbeziehungen als auch von dem Leben zu Hause zu gewinnen. All das erhöht die Sicherheit und ist weitaus wichtiger als das Waffen-Budget."

Weitere Artikel: Ob "inbrünstige Zustimmung " oder "heftiger Widerspruch" - die Lektüre von Joseph Leo Koerners Studie über die Bilderstürmer der Reformation ("The Reformation of the Image") hat Eamon Duffy in einen angeregten Dialog verwickelt. Nachdem sie Toni Morrisons gerade erschienenen Roman "Love" (Leseprobe) gelesen und für wiederaufgewärmt und verkopft befunden hat, fühlt sich Eleanor Birne endgültig von ihrer Morrison-Verehrung geheilt. In einem Nachruf würdigt die Herausgeberin der London Review of Books Mary-Kay Wilmers ihren langjährigen Mitarbeiter Paul Foot als Enthusiasten der Empörung: "Er hatte Spaß an den Büchern, über die er schrieb. Und wenn er sie nicht mochte, hatte er auch daran Spaß." Und schließlich streift Paul Campbell durch die bunte Besuchervielfalt der Londoner Parks und kommt dabei - über recht abenteuerliche Gedankengänge - auf den viktorianischen Architekten John Nash zu sprechen.

Magazinrundschau vom 09.08.2004 - London Review of Books

Diäterfolg ist eine späte, moderne Heilsgeschichte, in der sich Natur und Kultur aufs Neue auflauern, wie Steven Shapin in einem hintergründigen Artikel über Esskultur und Selbstbild erklärt. Denn niemals gehe es nur ums Überleben, sondern einerseits um ein ideales Menschenbild (zum Beispiel Ausgeglichenheit) und andererseits um die Vision einer Nahrung, die diesem Ideal entspreche, und dessen Eigenschaft (Ausgeglichenheit) sich beim Essen auf den Menschen übertrage. Damit nehme augenblicklich die Kultur am Tische Platz. So auch beispielsweise bei der Atkins-Diät: "Das rationale Ich, das Dr. Atkins' Botschaft befolgt, kann das irrationale, Kohlehydrat-abhängige Ich schnell bezwingen, und dieses Ich, das daraus hervorgeht, ist sofort stoffwechseltechnisch gesund und moralisch geläutert. Die Atkins-Diät ist eine heutiges Theater des Handelns: Sein Stoffverbrennungs-Luxus stellt eine entschiedene Abkehr von der alten Diät-Tradition der Selbstdisziplin dar, während das hybride Selbst, mit dem es arbeitet, ganz in diese Tradition gehört, sowie in die andauernden Traditionen des praktischen und moralischen Denken."

Weitere Artikel: Frank Kermode begrüßt das gelungene Revival, das dem Außenseiter B.S. Johnson von Jonathan Coe und seiner Biografie "Like a Fiery Elephant: The Story of B.S. Johnson" beschert wird. Alex de Waal rollt die verwickelte Vorgeschichte des Darfur-Konfliktes auf. In Short Cuts bemerkt John Sturrock, dass der Bericht der Butler-Kommission die eigentliche wichtige Frage auslässt, nämlich wer die der Regierung zugedachten Geheimdienstberichte aufgemotzt hat. Und Peter Campbell wandert berauscht durch russische Landschaften des 19. Jahrhunderts (in der National Gallery).
Stichwörter: Luxus, Darfur, Coe,jonathan

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - London Review of Books

Rosie muss sterben, damit Gracie leben kann. David Wootton ist tief beeindruckt von Alice Dromurat Dregers Buch "Conjoined Twins and the Future of Normal", in dem sie anhand des medizinischen und juristischen Umgangs mit siamesischen Zwillingen die scheinbar grundsätzlichen und unveräußerbaren Begriffe der Menschlichkeit als nicht-hinterfragte, gedankliche Norm entlarvt. Beispiel: der Fall Gracie und Rosie Attard, die sich Herz und Lunge teilten, und die 2000 gegen den Willen ihrer Eltern getrennt wurden, weil zu befürchten war, dass sie andernfalls beiden sterben würden. Dies bedeutete, Rosie vorsätzlich zu töten, und es kam zum Gerichtsverfahren - das die Trennung für rechtmäßig erklärte: "Alle Richter waren stimmten darin überein, dass Trennung ein Gut an sich darstellt, weil sie Autonomie, Selbstbestimmung und Privatspäre ermögliche. Lord Justice Walker ging sogar so weit, zu argumentieren, dass es in Rosies größtmöglichem Interesse sei, sie zu töten, da ihr die Trennung 'die körperliche Integrität und die menschliche Würde' gebe, die ihr rechtmäßig zustehe."

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor beobachtet, wie panisch die israelische Öffentlichkeit den eigenen Opfermythos am Leben erhält, um das aggressive Handeln den Palästinensern gegenüber zu rechtfertigen: "Gräueltaten wurden schon immer gegen uns verübt. Doch je brutaler Israel wird, desto mehr braucht es unser Image als das ewige Opfer. Daher auch die Wichtigkeit des Holocausts seit dem Ende der achtziger Jahre (der ersten Intifada), und seine Rückkehr in die hebräische Literatur (David Grossmans "See under: Love"). Der Holocaust ist Teil des Opferbildes - was auch den Wahn der staatlich bezuschussten Schulfahrten nach Auschwitz erklärt. Das hat dann weniger damit zu tun, die Vergangenheit zu verstehen, als eine Umgebung zu schaffen, in der wir heute als Opfer dastehen können. Pendant dieses Opferbildes ist das Bild des gesunden, schönen und sensiblen Soldaten." Kein Wunder also, so Laor, dass die von israelischen West-Bank-Soldaten organisierte Refusenik-Ausstellung 'Breaking the Silence' geschlossen wurde und wichtige Ausstellungsstücke wie Videobänder mit den Aussagen junger Soldaten beschlagnahmt wurden. Laor hat die Texte der Aussagen ausfindig gemacht, und beschließt damit seinen Artikel.

Weiteres: Die höhere Mathematik lässt grüßen: Mit Hilfe von Keith Devlins Buch "The Millennium Problems" versucht A. W. Moore, mathematischen Laien die sieben mathematischen Rätsel vorzustellen, für deren Lösung das Clay Mathematics Institute eine Belohnung von einer Millionen Dollar ausgesetzt hat (darunter auch der Beweis der berühmten Riemannschen Hypothese über die Streuung von Primzahlen. Mit einiger Bitterkeit berichtet daraufhin Karl Sabbagh, dass, obwohl es dem zu Unrecht verhassten Mathematiker Louis de Branges gelungen sein könnte, den Beweis für die Riemannsche Hypothese zu erbringen, die mathematische Welt sich weigert, seinen 121-seitigen Beweis zu lesen. Und schließlich findet Thomas Jones es peinlich, wie einseitig und parteiisch John Lloyd in seinem Plädoyer für einen respektvolleren Journalismus ("What the Media are Doing to Our Politics", Constable) argumentiert (siehe auch Lloyds eigene Darstellung in Prospect).

Magazinrundschau vom 12.07.2004 - London Review of Books

Sibirien hat es nicht leicht, weder mit dem Klima noch mit seiner unfürsorglichen Regierung, und das weiß auch Russlandkenner James Meek. Doch der verächtliche und besserwisserische Ton, den Fiona Hill und Clifford Gaddy (beide vom amerikanischen Forschungsinstitut Brookings Institution) in ihrem Buch über Sibirien anschlagen, geht ihm entschieden zu weit. Besonders wenn die Autoren der russischen Regierung empfehlen, das unwirtschaftliche Sibirien und seine "Auslaufmodelle" aufzugeben und die Jugend in die wärmeren Provinzen umzulagern (während die Alten in Sibirien zurückbleiben dürfen), kann der Rezensent darüber nur staunen: "Was wäre gewesen, wenn sich ein Team von der Brookings Institution an Bord der Titanic befunden hätte? 'Junge, nichtbehinderte Männlein und Weiblein zuerst! Der Rest von Euch Auslaufmodellen, tanzt einfach weiter.' "

Irrtümer sind in der Wissenschaft nicht selten. Daher, erklärt Hugh Pennington, sind Widerrufe meistens - und zu recht - unspektakulär. Am Beispiel eines medizinischen Forschungsartikels jedoch, der in der renommierten Zeitschrift The Lancet veröffentlicht und später auf scheinheilige und selbstherrliche Art widerrufen wurde, zeigt Pennington, wie Götter in Weiß meinen, sich über den Ehrenkodex der wissenschaftlichen Forschung hinwegsetzen zu können.

Weitere Artikel: Der Text ist schlecht, die Bilder genial - Rebecca Solnit hat durch Sandow Birks Illustrationen von Dantes Inferno erkannt, was Los Angeles zur urbanen Hölle macht. Die zahllosen Marilyn-Monroe-Biografien (es soll etwa 600 davon geben!) lassen Andrew O'Hagan über die Bedeutungslosigkeit des Lebens im Vergleich zum Nachleben nachdenken. Und Peter Campbell spaziert nicht durch Gärten, sondern durch Bilder von Gärten (Art of the Garden).

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - London Review of Books

E. S Turner hat bei der Lektüre von Miranda Seymours Biografie "The Bugatti Queen" mit einer der rasantesten Frauen der Welt Bekanntschaft gemacht, nämlich mit der tollkühnen Rennfahrerin Helle Nice, die vom begeisterten Publikum auch "Hellish Nice" genannt wurde. Rasanz bewies Nice allerdings nicht nur auf der Rennbahn: "Sie warb für Lucky Strike-Zigaretten und Esso; und wenn das Geld ausging, waren reiche Freunde niemals knapp. 'Die Liste der Liebhaber', schreibt Seymour, 'ob aristokratische oder andere, die sich während der dreißiger Jahre mit Helle Nice einließen, ist fast so lang wie die Liste der Rennen, an denen sie teilnahm.' " Kein Wunder allerdings, starben ihr doch die meisten einfach weg - in den Überresten ihrer Rennwagen.

Weitere Artikel: Amit Chaudhuri lobt Dipesh Chakrabartys "Provincialising Europe", das die Moderne als kulturelle Spezifik des Westens reflektiert und damit erkennt, dass der "Warteraum der Geschichte", in den die anderen Kulturen geraten sind, weil sie noch keine Moderne produziert haben, gar kein Warteraum ist, sondern ein Abstellgleis. John Connelly tadelt Norman Davies' Studie ("Rising ཨ: The Battle for Warsaw") über die unnötig blutige Befreiung Warschaus im Zweiten Weltkrieg als romantisch und unkritisch. In Short Cuts entschuldigt Thomas Jones zynisch die erfolgsverliebten Verlage, die nur Schrott auf den Markt bringen: Schließlich sei es heutzutage schwer, einen talentierten Autor zu vermarkten. Und Peter Campbell lässt sich in der Londoner Tate Modern einspinnen von Edward Hoppers besonderer Art von Melancholie.

Magazinrundschau vom 07.06.2004 - London Review of Books

Michael Wood entdeckt in Gabriel Garcia Marquez' "Living to tell the tale" (deutsch "Leben, um davon zu erzählen") eine seltsam verquickte Liebesbeziehung zwischen Wirklichkeit und Erzählung. "Ein zentrales Kapitel betrifft die Ereignisse des 9. April 1948 in Bogota, als der radikale Politiker Jorge Eliecer Gaitan ermordet wurde und eine gewaltsamer Aufstand gewaltsam niedergeschlagen wurde. Die Liberalen wollten den Rücktritt des konservativen Präsidenten, und er weigerte sich, indem er ein historisches Epigramm aussprach: 'Ein toter Präsident ist für die kolumbianische Demokratie mehr wert als ein flüchtiger.' Nun ja, das ist was die Legende sagt. Garcia Marquez kommentiert: 'Keiner der Zeugen kann sich daran erinnern, diesen Satz von seinen Lippen oder von den Lippen eines anderen gehört zu haben. Mit der Zeit wurde er einer ganzen Reihe von Leuten zugeschrieben, und die Menschen haben sogar seinen politischen Verdienst und seine historische Gültigkeit in Frage gestellt, doch niemals seinen literarischen Glanz? Und so blieb der Satz in der Geschichte als der Satz, der von dem gesagt wurde, der ihn hätte sagen sollen, in einer verwüsteten Stadt, in der die Asche begann auszukühlen, und in einem Land, das nie wieder das selbe sein würde.' "

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor lenkt die Aufmerksamkeit auf einen ungesehenen Aspekt der Nahostkonflikts. "Als Jose Saramago im März 2002 nach Israel kam, vor der Invasion, bei der Israel die Gebiete erneut besetzte, sagte er, dass Israel zwei Probleme habe. Das erste, sagte er, ist, dass die Siedler die Armee brauchen. Alle stimmten zu. Das zweite ist, dass die Armee die Siedler braucht. Niemand stimmte zu. Und es hörte sogar niemand zu. Doch General Ya'alon weiß, dass er ohne die Siedler keinen Vorwand haben würde, im Gaza-Streifen zu patrouillieren. Verstehen die Israelis die Motive des Militärs? Nein. Viele Israelis, wahrscheinlich die Mehrheit, würde sich nur zu gerne von den Siedlern abwenden. Doch nicht vom Militär. Daher ist die gesamte politische Kampagne gegen die Rechtsextremen sinnlos. Hinter den Rechtsextremen lauert die 'gemäßigte Armee', und die Armee ist der einzige Akteur in der israelischen Gesellschaft, dessen Motive nie hinterfragt werden."

Weitere Artikel: Perry Anderson berichtet Buntes von der taiwanesischen Präsidentschaftswahl. Ein Schuss, ein verwundeter Kandidat, eine hauchdünne Mehrheit am nächsten Tag (dem Wahltag), und die Frage: "Wer hat das bestellt?" Andrew O'Hagan hat sich eingelesen in das Panorama der britischen Männermagazine und wird darüber ganz bestürzt. In Short Cuts hat Thomas Jones ein Buch gefunden, das alle politischen Führer dieser Welt auf ihrem Nachttisch haben sollten: Fik Meijers Studie über Kaisermorde in der Römerzeit ("Emperors Don't Die in Bed"). Und Peter Campbell folgt der Faszination von Bahnhöfen, Zügen und Eisenbahnbrücken.

Leider nur im Print zu lesen ist Slavoj Zizeks Text "Die Kultur der Folter".

Magazinrundschau vom 24.05.2004 - London Review of Books

Brauchen wir die Bilder der Toten? David Simpson denkt über den Umgang mit diesen Bildern nach und sieht Zusammenhänge zwischen den "Porträts der Trauer", die anlässlich des 11. Septembers in der New York Times abgedruckt wurden, und den Fotos derer, die im Irak gefallen sind. In beiden Fällen, so Simpson, handelt es sich eben nicht um Bilder der Toten, sondern um Bilder der Toten als sie noch lebten - im Fall der "Porträts der Trauer" - oder um Fotos von flaggenumhüllten Särgen im Fall der gefallenen Soldaten. Niemals jedoch gebe es tote Körper in ihrer erschreckenden Individualität zu sehen. "Jedes Gesicht hatte eine Geschichte, und die Geschichten waren fast alle lediglich Versionen ein und derselben Geschichte: Glückliche Menschen, die in ihrem Job aufgingen, Springbrunnen von Liebe und Barmherzigkeit, Stützen ihrer Familie und Gemeinschaft. Die zusammengestellten Miniatur-Biografien erzählten die Geschichte einer blühenden Zivilgesellschaft, in der Rasse, Geschlecht oder wirtschaftliche Lage gleichgültig waren. Jeder unter dem Dach der Twin Towers war glücklich und wurde immer glücklicher ... Die Wirkung dieser mehreren hundert Kurzbiografien war, über alle Details hinweg, ziemlich die gleiche wie die der flaggenumhüllten Särge, eine Wirkung von Gleichförmigkeit und einer sehr begrenzten Spanne von Unterschieden."

James Wood stellt leicht entnervt fest, dass Randall Stevenson in seiner Literaturgeschichte "The Oxford English Literary History, Vol. XII: 1960-2000: The Last of England?" auch noch die kleinste literarische Sardine erwähnt, und so jeder Art von Gewichtung aus dem Weg geht.

Weitere Artikel: Neal Ascherson fördert anhand von drei Biografien ein interessantes und ambivalentes Porträt Wladimir Putins zutage. In den Short Cuts amüsiert sich Thomas Jones über Peregrine Worsthornes Verteidigung der Aristokraten ("In Defence of Aristocracy") gegen die so ungerechten Klischees. Und schließlich findet Paul Myerscough es schwierig, vor Cy Twomblys Gemälden (die zur Zeit in der Londoner Serpentine Gallery ausgestellt sind) selbstsicher zu bleiben.

Magazinrundschau vom 10.05.2004 - London Review of Books

Aufgepasst, "hier spricht Ihr jüngeres Selbst", grinst Ian Sansom und zitiert schaudernd einige besonders wehleidige Stellen aus den Tagebüchern des Schriftstellers John Fowles ("The French Lieutenant's Woman"). Fowles werde nicht müde, seine eigene Überlegenheit darzulegen und sich über "die Kleinheit der kleinen Leute" zu mokieren. Lädt ihn ein benachbartes Ehepaar zum Scrabble-Spiel ein, vergilt er es mit Spott: "Die Armut der Geister, die ganze Abende damit verbringen können, solchen Schrott zu spielen... Die M's sind wunderbar langsam, wirklich; wie menschliche Schnecken, kaum zu glauben." Doch auch vor der eigenen Frau mache Fowles nicht halt: "Mehr Streit mit E... Es ist, als hätte sie eine Art Geisteskrebs. (...) Sie ist emotional zu so wenig zu gebrauchen wie ein Zugvogel vor dem Abflug." Zu einem jedoch, meint Sansom, sei Fowles zu gebrauchen: Die in den Tagebüchern verstreuten Rezepte seien ausgezeichnet.

Weitere Artikel: "Pessimismus und Jungs. Jungs und Pessimismus." Nicht die Jungs, meint Sheila Fitzpatrick, sondern der Pessimismus (will heißen die Kritik an Stalin) im Tagebuch der vierzehnjährigen Nina Lugowskaja ("The Diary of a Soviet Schoolgirl: 1932-1937") brachte diese in den Gulag. Peter Campbell ist ganz bezaubert von den Exponaten islamischer Kunst, die im Londoner Somerset House zu sehen sind und dankt heimlich der Ignoranz, die ihm den Sinn der verschlungenen Kalligrafien und Arabesken vorenthält und dafür ihre Formschönheit zur Geltung bringt. Für den israelischen Politikwissenschaftler Ilan Pappe steht fest, dass Israel geradewegs auf eine Katastrophe zusteuert - auch weil die USA scheinbar gewillt seien, alles von israelischer Seite zu akzeptieren, vorausgesetzt im Friedensplan kommt irgendwie das Wort "Rückzug" vor. Schließlich erinnert Jeremy Harding in den Short Cuts an Frankreichs unrühmliche Rolle in Ruanda. Nur im Print: eine Besprechung von Thomas Laqueurs Kulturgeschichte der Masturbation "Solitary Sex".

Magazinrundschau vom 19.04.2004 - London Review of Books

"Cute" - niedlich. So heißt die Mode, die Japans Frauen mit Zöpfchen und umgeschlagenen Söckchen durch die Welt laufen und Japans Männer in bubenhafte Schuluniformen schlüpfen lässt, erklärt uns Kitty Hauser. Doch was hat es mit dem "Cute" auf sich? Ist es das Vorspiegeln einer heilen Welt? Ist es lächerlich? Nicht ganz. "Der Cute-Stil idealisiert das Prä-soziale. In diesem Sinn ist Cute eine Art Rebellion, doch sein Rückzug in die Bilderwelt der Kindheit zeigt, dass es keine andere Alternative zur erwachsenen Welt gibt als eine vorsätzliche Regression zu diesem einzig übriggebliebenen Reich der Freiheit. So gesehen, ist der Cute-Stil trostlos: Er erlaubt keinen Blick nach vorn, weder den Individuen noch der Gesellschaft. In dieser Hinsicht ist er um vieles düsterer als Punk, dessen Energie und Wut Bewegung, wenn nicht sogar soziale Veränderung versprachen. Cute verkleidet seinen Pessimismus und seine politische Trägheit als gewinnende Art."

Insidercharme besitzt auch Jonathan Lethems Rückblick auf seine langjährige Comic-Leidenschaft, die vor allem um Jack Kirby und seine Kultfiguren kreiste. Aber es bleibt nicht beim Insidercharme: In Lethems Comic-Chronik zeigt sich, wie sehr die eigene Geschichte, Comics und Freundschaften zusammenhängen.

Weitere Artikel: Wo bleibt die Liebe? David Wootton hätte es vorgezogen, wenn Laura Gowing in ihrer Studie über die weibliche Nacktheit im England des 17. Jahrhunderts ("Common Bodies") auch die schönen Seiten des Berührens miteinbezogen hätte. Nacktheit hauptsächlich anhand von Prozessakten (etwa Vaterschafts- oder Vergewaltigungsklagen) erforschen zu wollen, so Wootton, liefert ein ähnlich düsteres und verzerrtes Bild wie Weihnachten aus Unfallstatistiken und Bildern aus der Notaufnahme zu erschließen. Paul Farmer überlegt, wer bei der Entmachtung Aristides seine Finger im Spiel gehabt haben könnte. Peter Campbell lobt die in der National Portrait Gallery ausgestellte Auswahl aus der fotografischen Sammlung Tom Phillips vor allem für ihre mysteriösen Fotopostkarten, die den Betrachter zum Geschichtenerzähler machen. Und schließlich reist Thomas Jones in Short Cuts mit Herges Comic-Legende Tim in die entlegenen Krisengebiete dieser Welt.