
Rosie muss sterben, damit Gracie leben kann. David Wootton ist
tief beeindruckt von
Alice Dromurat Dregers Buch
"Conjoined Twins and the Future of Normal", in dem sie anhand des medizinischen und juristischen Umgangs mit
siamesischen Zwillingen die scheinbar grundsätzlichen und unveräußerbaren Begriffe der Menschlichkeit als nicht-hinterfragte, gedankliche Norm entlarvt. Beispiel: der
Fall Gracie und Rosie Attard, die sich Herz und Lunge teilten, und die 2000 gegen den Willen ihrer Eltern getrennt wurden, weil zu befürchten war, dass sie andernfalls beiden sterben würden. Dies bedeutete,
Rosie vorsätzlich zu töten, und es kam zum Gerichtsverfahren - das die Trennung für rechtmäßig erklärte: "Alle Richter waren stimmten darin überein, dass Trennung ein Gut an sich darstellt, weil sie
Autonomie, Selbstbestimmung und Privatspäre ermögliche. Lord Justice Walker ging sogar so weit, zu argumentieren, dass es in Rosies größtmöglichem Interesse sei, sie zu töten, da ihr die Trennung 'die körperliche Integrität und die menschliche Würde' gebe, die ihr rechtmäßig zustehe."
Der israelische
Schriftsteller Yitzhak Laor beobachtet, wie panisch die israelische Öffentlichkeit den
eigenen Opfermythos am Leben erhält, um das aggressive Handeln den Palästinensern gegenüber zu rechtfertigen: "
Gräueltaten wurden schon immer gegen uns verübt. Doch je brutaler Israel wird, desto mehr braucht es unser
Image als das ewige Opfer. Daher auch die Wichtigkeit des Holocausts seit dem Ende der achtziger Jahre (der ersten Intifada), und seine Rückkehr in die hebräische Literatur (David Grossmans "See under: Love"). Der
Holocaust ist Teil des Opferbildes - was auch den Wahn der staatlich bezuschussten
Schulfahrten nach Auschwitz erklärt. Das hat dann weniger damit zu tun, die Vergangenheit zu verstehen, als eine Umgebung zu schaffen, in der wir heute als Opfer dastehen können. Pendant dieses Opferbildes ist das Bild des gesunden, schönen und
sensiblen Soldaten." Kein Wunder also, so Laor, dass die von israelischen West-Bank-Soldaten organisierte
Refusenik-Ausstellung 'Breaking the Silence' geschlossen wurde und wichtige Ausstellungsstücke wie Videobänder mit den Aussagen junger Soldaten beschlagnahmt wurden. Laor hat die
Texte der Aussagen ausfindig gemacht, und beschließt damit seinen Artikel.
Weiteres: Die höhere Mathematik lässt grüßen: Mit Hilfe von
Keith Devlins Buch
"The Millennium Problems" versucht A. W. Moore, mathematischen Laien die
sieben mathematischen Rätsel vorzustellen, für deren Lösung das
Clay Mathematics Institute eine Belohnung von
einer Millionen Dollar ausgesetzt hat (darunter auch der Beweis der berühmten
Riemannschen Hypothese über die Streuung von Primzahlen. Mit einiger Bitterkeit
berichtet daraufhin Karl Sabbagh, dass, obwohl es dem zu Unrecht verhassten
Mathematiker Louis de Branges gelungen sein könnte,
den Beweis für die Riemannsche Hypothese zu erbringen, die mathematische Welt sich weigert, seinen
121-seitigen Beweis zu lesen. Und schließlich
findet Thomas Jones es peinlich, wie einseitig und parteiisch
John Lloyd in seinem Plädoyer für einen
respektvolleren Journalismus ("What the Media are Doing to Our Politics", Constable) argumentiert (siehe auch Lloyds
eigene Darstellung in
Prospect).