Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

571 Presseschau-Absätze - Seite 50 von 58

Magazinrundschau vom 05.07.2005 - London Review of Books

Ungewöhnlich und lesenswert findet Hilary Mantel einen Roman über den 1933 nach Oxford, Graz und schließlich Irland emigrierten Physiker Erwin Schrödinger: "A Game with Sharpened Knives" (Weidenfeld) von Neil Belton: "Es ist Beltons großer Verdienst, in den unpräzisen und mehrdeutigen Worten, die alles sind, was wir zur Verfügung haben, ein überzeugendes Faksimile der inneren Welt eines Mannes zu schaffen, der in Symbolen denkt und diese in präzise Formeln übersetzt ... Es ist eine Binsenweisheit, dass Wissenschaft uns nicht lehrt, wie wir leben sollen, und auch Schrödinger weiß nicht, wie man leben soll. Er weiß, wie man Ausflüchte macht, wie man Kompromisse findet, wie man etwas hinausschiebt und wie man etwas verschleiert. Und das ist ein Versuchsgelände für jeden Schriftsteller. Denn wie Schrödinger selbst sagte: 'Es gibt einen Unterschied zwischen einem verwackelten oder unscharfen Foto und einem Schnappschuss von Wolken und Nebelschwaden.'"

Ed Harriman verfolgt die offiziellen Ermittlungen zu den versickernden Milliarden Dollar Irak-Hilfe und kommt zu dem bitteren Schluss, dass der Sturz Saddam Husseins keinen grundlegenden Wandel gebracht hat: "Sowohl Saddam als auch die USA haben während Saddams Herrschaft schöne Profite gemacht. Er kontrollierte das irakische Vermögen, während der Großteil des irakischen Öls an kalifornische Raffinerien ging, um den amerikanischen Wählern billiges Benzin zu liefern. Jene US-Firmen, die Saddams Gunst genossen, wurden reich. Heute ist das System nahezu das selbe: Das Öl geht nach Kalifornien, und die neue irakische Regierung räumt unbehelligt die Staatskassen leer."

Weitere Artikel: David Edgar, Sohn eines BBC-Allrounders der ersten Stunde, lobt Georgina Born ("Uncertain Vision: Birt, Dyke and the Reinvention of the BBC") für ihre klarsichtige Analyse des qualitativen Niedergangs der BBC und der Herausforderung, die sich sowohl der BBC als auch der britischen Regierung stellen. R. W. Johnson nimmt die Live8-Konzerte zum Anlass, um daran zu erinnern, dass die politischen Führer Afrikas nicht selten versäumen, den Machterhalt korrupter Nachbarregimes zu unterminieren. In den Short Cuts erklärt Thomas Jones den Unterschied zwischen Konjunktiv II und Indikativ und damit die Hinfälligkeit des jüngsten Skandaljournalismus der Sun, deren Reporter sich neuerdings darauf spezialisiert haben, Brotdosen und ähnliches in die Nähe von hochrangigen Persönlichkeiten zu schmuggeln und dann zu behaupten: "Ich hätte Prinz Harry hochgehen lassen können!" Und schließlich wandert Peter Campbell durch die Tate Britain, die eine Ausstellung zum Celebrity-Porträtmaler Joshua Reynolds präsentiert.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - London Review of Books

Von einer Zweckehe der besonderen Art weiß Patrick Whright auf sehr unterhaltsame Weise zu berichten. Eine neu erschienene Enzyklopädie der Tarnung ("DPM: Disruptive Pattern Material; An Encyclopedia of Camouflage: Nature - Military - Culture") hat ihn über die große Rolle aufgeklärt, die Maler und bildende Künstler bei der Entwicklung der militärischen Tarnung gespielt haben. Was für so manchen eine echte Überraschung war: "Ich erinnere mich gut an den Anfang des Krieges, schrieb Gertrude Stein 1938. Ich war mit Picasso auf dem Boulevard Raspail, als der erste getarnte Lastwagen vorbeifuhr. Es war Nacht, wir hatten schon von Tarnung gehört, aber noch nichts davon gesehen, und Picasso schaute verblüfft und rief: 'Das waren doch wir, die das geschaffen haben - das ist Kubismus!'"

In einem großartigen Porträt stellt uns Eliot Weinberger den chinesischen Dichter Gu Cheng vor. Geboren wurde er 1956 in Peking. Seine glücklichste Zeit erlebte er während der Kulturrevolution, als seine Familie zum Schweinehüten in die Salzwüste der Shandong Provinz geschickt wurde. Die Menschen dort sprachen einen Dialekt, den Gu Cheng nicht verstand, und in seiner Isolation wurde er aufgesaugt von der Natur: 'Die Stimme der Natur wurde die Sprache meines Herzens. Das war das Glück.'" Es hielt nicht, Gu Cheng, der unter anderem in Neuseeland und Berlin lebte, wurde verrückt. 1993 tötete er seine Frau und sich.

Weitere Artikel: Pankaj Mishra berichtet sehr ausführlich von den bürgerkriegsartigen Zuständen im Königreich Nepal, um dessen Herrschaft sich Royalisten und Maoisten streiten, und dies besonders heftig, seit die Königsfamilie dem Amoklauf von Prinz Dipendra zum Opfer gefallen ist. In den Short Cuts lässt sich Thomas Jones von William Arkins neuem Buch ("Code Names: Deciphering US Military Plans, Programmes and Operations in the 9/11 World") in die vertrackte und streng geheime Welt der Decknamen einweisen. Und schließlich hat Peter Campbell die Ausstellung "Views from Africa" besucht (die zur Zeit im British Museum zu sehen ist) und dort nicht nur entdeckt, was afrikanische Urlaubsmitbringsel über das Verhältnis von (afrikanischem) Macher und (europäischem) Käufer aussagen, sondern auch die wesenhafte Vergänglichkeit der Kunst.

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - London Review of Books

Auch wenn sich das Thema (die amerikanische Erbschaftssteuer) zunächst staubtrocken anhört, Michael Graetz' und Ian Shapiros "Death by a Thousand Cuts: The Fight over Taxing Inherited Wealth" ist für David Runciman "eins der interessantesten Bücher überhaupt über Politik, Macht und den Lauf der Welt". Die Autoren gehen der rätselhaften Frage nach, wie es sein konnte, dass eine Steuer, die nur die reichsten zwei Prozent der US-Bürger betraf, nach und nach so breiten Widerstand hervorrief, dass sie abgeschafft wurde? Die Antwort lautet: Politische Taktik statt Erklärungen. Denn "wer in der Politik erklärt, hat verloren". Dieses Buch ist "ein Märchen über die Macht von Erzählungen in der Politik, und über die zunehmende Leichtigkeit, mit der individuelle Geschichten zum A und O der politischen Diskussion gemacht werden können. Die neue Informationstechnologie, mit ihren Gerüchte-Strömen und ihrem grenzenlosen Absatz persönlicher Geschichten, erweist sich vorwiegend als Feind einer sachkundigen öffentlichen Diskussion. Angesichts der endlosen Bereitschaft, der unvermittelten Stimme der persönlichen Erfahrung Beachtung zu schenken, wird es immer schwieriger, den größeren Zusammenhang aufrechtzuerhalten, der zur glaubhaften Verteidigung einer progressiven Politik gebraucht wird. Und das verschiebt die Politik unaufhaltsam nach rechts."

Weitere Artikel: James Davidson ist schlichtweg begeistert von "The Friend", Alan Brays Kulturgeschichte der gleichgeschlechtlichen Beziehung, die Freundschaft endlich nicht mehr "als Euphemismus oder als zweitklassige Alternative zur wahrhaftigeren sexuellen Beziehung" hinstellt. Wyatt Mason hat fast nur Gutes zu berichten über "Extremely Loud and Incredibly Close", dem zweiten Roman von Jonathan Safran Foer, der davon erzählt, wie ein Junge seinen Vater am 11. September verliert und versucht über dessen Tod hinweg zu kommen. Sehr spannend findet Peter Campbell Phil Baines Bildband "Penguin by Design: A Cover Story 1935-2005", der sämtliche Penguin-Buchumschläge versammelt, und der bald im V&A als Ausstellung zu sehen sein wird. Und in Sachen Respekt hält es Thomas Jones lieber mit Rap-Komiker Ali G als mit der britischen Regierung.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - London Review of Books

Aus dem größtenteils kurdischen nördlichen Irak berichtet Patrick Cockburn über eine Ruhe, die keine ist. "In welche nordirakische Stadt ich auch ging, die - größtenteils kurdischen - Regierungsbeamten sagten alle dasselbe: Erstens, so schlimm es derzeit scheinen möge, sie seien vor drei Monaten weitaus schlechter dran gewesen, und zweitens sei die Lage weiter im Süden gefährlicher. In Kirkuk, das zwischen Kurden, Sunniten und Turkomanen aufgeteilt ist, fuhr ich zum schwer verteidigten örtlichen Hauptquartier der Kurdischen Demokratischen Partei. Der erste Beamte, dem ich begegnete, sagte, die Stadt sei ruhig. Während wir sprachen, spielte er mit einer Pistole auf dem Tisch herum. Ein Maschinengewehr war in Reichweite an der Wand befestigt. Als wir den Flur zu einem anderen Büro im selben Gebäude entlanggingen, steckte er die Pistole automatisch in seinen Gürtel."

Weitere Artikel: Der erste Teil von John Haffendens ausufernder Biografie des Dichters, Kritikers und Weltreisenden William Empson ("William Empson: Vol. I: Among the Mandarins") hat Frank Kermode große Freude bereitet. Als wahre Offenbarung eines Genies der Muster preist Peter Campbell die ungewöhnliche Matisse-Ausstellung in der Royal Academy, in deren Mittelpunkt Matisses umfangreiche und bislang ungesehene Textilsammlung steht. Gespalten äußert sich Partha Dasgupta über Jared Diamonds Buch "Collapse: How Societies Choose to Fail or Survive", das der Frage nachgeht, warum manche Kulturen überleben, während andere untergehen.Und schließlich klärt Thomas Jones uns auf, warum in einer politischen Polemik das Klischee der Dinner Parties nicht fehlen darf.

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - London Review of Books

Verstört wehrt sich Tom Nairn gegen die spirituelle Vereinnahmung, die in "Multitude", Michael Hardts und Antonio Negris jüngstem globalphilosophischen Essay, am Werk ist. "Wenn die Aussichten auf globale Demokratisierung wirklich so gut sind, wie diese Propheten es behaupten, hätte dann nicht ein empirischerer, sachlicherer Ton genügt? Statt dessen hören wir einen exaltierten und visionären Gesang, bis hin zum höchsten Ton der Verzückung". Dem Leser wird hier ein Radikalismus nahegelegt, der nichts anderes ist, als eine "sonderbare Art der Frömmelei", findet Nairn.

"Warum sich daran stören, dass die Deutschen ins Land einfallen - fallen Sie selbst dort ein, mit der U-Bahn und dem Bus" - James Meek hat in Christian Wolmars U-Bahn-Buch ("The Subterranean Railway: How the London Underground Was Built and How It Changed the City For Ever") nachgelesen, wie die Londoner U-Bahn ihre Krakenarme weit in die Vororte streckte (und die Londoner dazu ermutigte, den Stadtkern zu verlassen) und überblickt nun "142 Jahre, in denen völlig fremde Menschen zusammen in Behälter gequetscht und in Höchstgeschwindigkeit unter der Erde befördert werden und dabei versuchen, keinen Augenkontakt herzustellen".

Weitere Artikel: Für Daniel Soar hat sich mit der Lektüre von Svetislav Basaras Roman "Chinese Letter" bestätigt, dass "der sich selbst beobachtende und vom Zweifel geplagte Beobachter", in diesem Fall der zwanghaft imaginierende und paranoide Schriftsteller Fritz, die wohl literarisch potenteste Figur überhaupt ist. Thomas Jones kann es kaum erwarten, "The Hitchhiker's Guide To The Galaxy" im Kino zu sehen und ergeht sich in wilden Spekulationen über den noch nicht gesehenen Film - nur für den Fall, dass es die Erde bis zur angedachten Kinovorstellung nicht mehr gibt. Und schließlich erfreut sich Peter Campbell an der erfinderischen Amateurhaftigkeit von August Strindbergs kleinen Bildern, die zur Zeit in der Tate Modern zu sehen sind.

Magazinrundschau vom 19.04.2005 - London Review of Books

Eric Hobsbawm berichtet von einer unheimlichen Begegnung der postkommunistischen Art: das diesjährige Treffen des Weltpolitischen Forums in Turin, bei dem alles, was in den achtziger Jahren politischen Rang und Namen hatte, zugegen war. Inmitten dieser Versammlung "politischer Geister", die dem Historiker Hobsbawm im ersten Moment wie ein Treffer im Lotto der Erkenntnis erscheint, befallen ihn jedoch Zweifel: "In gewisser Hinsicht ist dies die Frage, die sich alle Historiker stellen: Wirft die rein persönliche Beziehung zu den Überresten der Vergangenheit Licht auf ebendiese Vergangenheit? So ist es, ja, doch wie, das wissen wir nicht. Fast immer sind es Orte, nicht Menschen, die wir im Gedächtnis haben. Topografie spricht, selbst ohne Menschen ... Ist das Turiner Treffen vergleichbar mit einem Erlebnis, an das ich mich erinnere, nämlich als ich an einem kalten Wintermorgen vor der nicht wiederaufgebauten Finnland Station in Leningrad stand? Habe ich viel mehr von diesem Treffen gelernt, als ich durch Bücherlesen oder in einem weniger grandiosen Kolloquium über die letzten Jahre der Sowjetunion hätte lernen können? Die Antwort auf beide Fragen lautet Nein."

Weitere Artikel: Jenseits der gängigen Klischees fragt sich das Autorenkollektiv Retort, inwiefern die amerikanische Invasion im Irak tatsächlich mit Öl zu tun hat. Tessa Hadley ist dem Ödipus auf den Leim gegangen und findet an Marilynne Robinsons zweitem Roman "Gilead" vor allem die leidenschaftlichen Konflikte verschiedener Männergenerationen gelungen. In den Short Cuts liefert Thomas Jones mit der politischen Skizze seines Geburtsortes Basingstoke eine Miniatur des britischen Wählerdilemmas. Und schließlich wandert Peter Campbell durch den Königlichen Botanischen Garten in Kew, wo das dritte "Alpine House" schon zu sehen ist, obwohl es noch gar nicht steht.

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - London Review of Books

Bald sind Wahlen in England. Labour wird dann acht Jahre regiert haben und aller Voraussicht nach weitere vier Jahre regieren. Für John Lanchester ist dies der Moment, sich seine bodenlose Enttäuschung einzugestehen: "Das ist eine Labour Regierung? Das ist es, worauf wir in 18 Jahren Tory-Herrschaft gehofft haben? Krieg, Studiengebühren, Hausarrest, totale Unterwerfung unter die amerikanische Außenpolitik, das kühl überlegte, manipulative Spiel mit der Angst, die Einführung von Personalausweisen, die Aussetzung von habeas corpus - und das waren die guten Jungs. Was ist passiert?" Lanchaster sucht eine Erklärung in Stephen Pollards Biografie über David Blunkett (mehr), einem Mann, der von 1980-87 Anführer der "Sozialistischen Republik von Süd-Yorkshire" war und einige Jahre später zum "rechtesten, autoritärsten Innenminister" in Lanchasters Erinnerung wurde. Doch leider, "Pollard erzählt uns was passiert ist, aber nicht, warum es passiert ist".

Weitere Artikel: Jenny Diski staunt über Piers Morgans Erinnerungen an seine Zeit als Chefredakteur der englischen Boulevardzeitung Daily Mirror. Was für ein unglaublicher Langweiler! Seine ganze Geschichte handelt davon, wie er von Leuten wie Elton John, Prinzessin Diana, Georgeh Micheael, Anthea Turner, Richard Branson etc. "ernst" genommen wurde. Sein Lieblingsmogul ist natürlich Rupert Murdoch. Morgan (mehr hier und hier) beschreibt die enervierende Art, mit der Murdoch "wie ein Geist" irgendwo erschien und seine Untergebenen zu Tode erschreckte - vor allem, wenn es sie auf dem Klo traf. "Ich meine, was zur Hölle sagt man, wenn der mächtigste Tycoon der Welt neben dir steht und dein Reißverschluss ist offen?" zitiert die Rezensentin Morgan. Diskis Vorschlag: "Ihr Penis ist so viel größer als meiner, Mr. Murdoch, sir, und ich würde Ihre Scheiße als Zahnpasta benutzen."

Weitere Artikel: Rory Stewart vergleicht einige Neuerscheinungen über den Irakkrieg mit seinen eigenen Erfahrungen dort. In den Short Cuts bedauert Thomas Jones den armen Michael Jackson: Jetzt ist es zu spät für ihn, jung zu sterben und eine Legende zu werden. Peter Campbell hat die Caravaggio-Ausstellung in der National Gallery besucht.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - London Review of Books

"Man kann 'Goodbye Lenin!' drehen, aber 'Goodbye Hitler!' ist undenkbar. Warum?" Das fragt sich Slavoj Zizek, nachdem - als Reaktion auf eine im EU-Parlament ausgesprochene Forderung zum radikalen Verbot sämtlicher Nazi-Symbole - die Forderung laut wurde, auch sämtliche kommunistischen Symbole zu verbieten. Zizek warnt davor, die Spezifizität des NS-Terrors zu vertuschen, indem man Nationalsozialismus und Stalinismus zu strukturell identischen Gebilden erklärt, die sich lediglich in der Besetzung ihres jeweiligen Feindbildes (Juden beziehungsweise Klassenfeind) unterscheiden. Zizek zeichnet den deutschen Historikerstreit nach und kommt zu dem Ergebnis: "Es ist notwendig, Partei zu ergreifen und den Faschismus als fundamental 'schlimmer' als den Kommunismus zu bezeichnen. Die Alternative, die Auffassung, es sei möglich, die zwei Totalitarismen rational miteinander zu vergleichen, legt - explizit oder implizit - die Schlussfolgerung nahe, dass Faschismus weniger schlimm war, eine verständliche Reaktion auf die kommunistische Bedrohung."

"Susan, verzweifelt gesucht", heißt es bei Terry Castle und gemeint ist Ihre Majestät Susan Sontag, der Castle eine regelrechte Liebeserklärung macht. In einer Welt, in der die sogenannten "Großen Männer" (respektive Frauen) aus der Mode gekommen sind, "war sie unsere ganz eigene Große Frau. Hätte es jemals ein 'Smart Woman Team' gegeben, hätte Sontag zugleich Kapitän und Bester Spieler sein müssen."

Weitere Artikel: Sean Wilsey hat sich von Robert Sullivans Leidenschaft für Ratten ("Rats: A Year with New York's Most Unwanted Inhabitants") auf sehr erheiternde Weise anstecken lassen. In den Short Cuts wundert sich Conor Gearty, warum die für die britische Geheimdienstarbeit für tauglich befundenen Mitschnitte von Telefongesprächen für eine Verwendung bei Gericht wiederum zu unsicher sein sollen. Schließlich begegnet Peter Campbell der leicht gealterten Modernität eines Joseph Beuys (in der Tate Modern) oder eines Jannis Kounellis (in der Modern Art Oxford). Und doch: "Die Botschaft verblasst, der Stil bleibt."

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - London Review of Books

Bernard Porter empfiehlt zwei "brillante, genau recherchierte und schockierende" Bücher, die darlegen, wie die Briten den Aufstand der Mau Mau in Kenia niederschlugen: David Andersons "History of the Hanged: Britain's Dirty War in Kenya" und Caroline Elkins' "Britain's Gulag: The Brutal End of Empire in Kenya". Anderson geht von 20.000 Menschen aus, die bei Kämpfen getötet wurden, Elkins schätzt, dass bis zu 100.000 Menschen in Internierungslagern ums Leben kamen. "Die Dinge gerieten ein wenig außer Kontrolle", erzählte ein Zeuge Elkins über ein Verhör. "Als wir ihm die Eier abschnitten, hatte er schon keine Ohren mehr und ein Augapfel, ich glaube es war der rechte, hing aus der Augenhöhle. Leider starb er, bevor wir viel aus ihm herauskriegen konnten."

Saree Makdisi schildert die Lage in der palästinensischen West Bank nach der Lockerung der israelischen Sicherheitsmaßnahmen. Dabei wird klar, dass zwischen "besser" und "gut" ein gravierender Unterschied besteht. "Als Hani und ich uns auf den Weg nach Kalkilia machten, befürchtete ich, dass uns die grünen West-Bank-Kennzeichen an unserem Auto Schwierigkeiten bereiten könnten. Einwohner von Jerusalem haben gelbe, israelische Kennzeichen. An Straßensperren ergeht es ihnen besser, und sie sind keinerlei Routinedurchsuchung der Armee ausgesetzt. 'Zur Zeit ist es nicht so schlimm', versichert mir Hani. 'Vor ein paar Monaten war die Lage schrecklich. Wir konnten uns nirgendwo hin bewegen. Doch die Armee hat vor kurzem ihren Griff gelockert. So machen sie es: Sie würgen dich so stark, dass du kurz vor dem Verrecken bist, dann lassen sie locker, bis es nur noch weh tut. Es gibt noch immer Checkpoints und Straßensperren, Durchsuchungen und Schikane, doch weil man irgendwie durchkommt, fühlt es sich nicht so schlimm an.'"

Weitere Artikel: Jenny Diski, mittlerweile selbst in die Jahre gekommen, nimmt Michael Bywaters Buch "Lost Worlds: What Have We Lost and Where Did It Go?" zum Anlass über das Phänomen der Altersnostalgie nachzudenken. In Short Cuts erregt sich Thomas Jones über Tony Blairs Rede auf dem Labour-Frühlingsparteitag, in der dieser das Verhältnis zwischen Regierendem und Regierten dem hochgradig fragwürdigen Vergleich mit einer Beziehung unterzogen hat, und stellt eines klar: Er will keine Beziehung mit Tony. Und schon gar keine asymetrische, in der Tony immer alles besser weiß. Schließlich kann Hal Foster nur den Kopf schütteln über das von Christo und Jean-Claude im New Yorker Central Park aufgebaute unpolitische und kitschige Happening "The Gates".

Magazinrundschau vom 15.02.2005 - London Review of Books

Die amerikanische Gerichtsbarkeit steht an einem Scheideweg, verkündet Bruce Ackerman angesicht der zunehmenden Vergreisung des Obersten US-Gerichtshofs. Zahlreiche Ernennungen stehen an, um die Richterstühle der auf Lebenszeit ernannten Richter nach deren Ableben neu zu besetzen. Ackerman fürchtet besonders die Neo-Konservativen, denn es sei ihr Anliegen, die "Exilverfassung" wiederherzustellen, wie sie vor den von Roosevelt durchgeführten radikalen Reformen existierte: "Die religiöse Agenda der Neo-Konservativen ist schlichtweg revolutionär. Der moderne Oberste Gerichtshof hat den Staat durchweg daran gehindert, sich in religiöse Angelegenheiten einzumischen, und er hat das Recht eines jeden Amerikaners geschützt, intime Entscheidungen über Sexualität, Kinderkriegen und Kindeserziehung zu treffen. Die Neo-Konservativen würden diese Prioritäten umkehren: Sie würden das in der Verfassung begründete Recht auf Privatsphäre abschaffen und die Politiker dazu ermächtigen, sich in endlosen theologischen Disputen zu ergehen."

Weitere Artikel: Die ultimative Robert-Louis-Stevenson-Biografie lässt zwar noch auf sich warten, findet Andrew O'Hagan, doch Claire Harmans Stärke liegt "in der Leichtigkeit, mit der sie seinen Hang zum abschiednehmenden Denken aufzeigt". Nicht recht überzeugt zeigt sich John Mullan von Francisco Goldmans historisch-biografisch-fiktionalem Roman "The Divine Husband" über die in Abenteuer und Exil verwickelte guatemaltekische Nonne Maria de Las Nieves. In den Short Cuts zeigt Thomas Jones am Beispiel der mysteriösen Vorfälle an Bord der Mary Celeste im Jahre 1872, wie Literatur die Wirklichkeit verdrängen - und damit erst zur Geltung bringen kann. Und für Peter Campbell weist die Ausstellung "The Triumph of Painting" den Kunstguru Saatchi als "Kenner der Transgression" aus.