Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 07.03.2006 - London Review of Books

Ist Osama bin Laden ein Wahnsinniger, wie die amerikanische Regierung uns weismachen will? Keineswegs, glaubt Charles Glass nach der Lektüre von "Messages to the World: The Statements of Osama bin Laden", in denen Glass außer rhetorischer Gewandtheit und einer beherzten Prise Scheinheiligkeit keinerlei Anzeichen von geistiger Verwirrung erkennen konnte - ganz im Gegenteil. "Bin Ladens Ausgleich zwischen dem Westen und dem Islam deckt sich mit seiner Beanspruchung von Sendezeit in den weltweiten Medien. Im Internet wie auch im Fernsehen hat er Bush den Rang abgelaufen. Und im Gegensatz zu Bush kann er sich gewandt und stimmig artikulieren. Seine Begründung der Gewalt ist einfach: Ihr habt Muslime über das gesamte vergangene Jahrhundert hinweg angegriffen, und nun ist es an den Muslimen, den Krieg zu euch zu bringen."

Weitere Artikel: Paulus oder Odysseus - Wer war Johnny Cash? Ian Sansom vergleicht die Mythenbildung in Steve Turners Biografie "The Man Called Cash: The Life, Love and Faith of an American Legend" und in James Mangolds Filmbiografie "Walk the Line". Angeregt von John Burnsides überzeugend gruseliger Autobiografie "A Lie about My Father" denkt Hilary Mantel darüber nach, wie sich die Lügen der anderen, die eigenen Lügen und der autobiografische Gestus zueinander verhalten. "Neuigkeiten breiten sich im Internet wie Lauffeuer aus, allerdings nicht immer über die vorhersehbaren Kanäle", stellt Thomas Jones fest, nachdem er in einem Online-Rollenspiel auf Andeutungen über Dick Cheneys Jagd-Malheur gestoßen war, bevor dieses überhaupt öffentlich wurde. Und Hal Foster erfreut sich an der Ausstellung zum 100. Geburtstag des Bildhauers David Smith im New Yorker Guggenheim-Museum.

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - London Review of Books

Ist Google eine gute Sache? John Lanchester porträtiert den Internet-Riesen und kommt zu dem Schluss, dass sowohl seine Stärken (sein überquellender Innovationsgeist, nicht nur in technischer Hinsicht) als auch seine Schwächen (etwa sein unzureichendes Verantwortungsbewusstsein in Sachen Datenschutz) auf Googles Verankerung in der studentischen Nerd-Kultur zurückzuführen sind. Eins jedoch steht fest: Ob gut oder nicht, Google wird die Welt verändern. "Die beste geschichtliche Analogie für den Punkt, an dem sich Google heute befindet, stammt wahrscheinlich aus der Zeit, als das Eisenbahnnetz errichtet wurde. Jeder wusste, dass die Eisenbahn die Welt verändern würden, doch niemand hatte die Erfindung der Vorstädte vorhergesagt. Google, und der verstärkte Informationsstrom, auf dem es schwimmt und von dem es profitiert, ist die Eisenbahn. Und ich glaube nicht, dass wir schon die ersten Vorstädte erblickt haben."

Weitere Artikel: Mit großem Interesse - und einigem Grauen - hat Stephen Shapin Daniel Charles' Biografie des jüdischen und erz-deutsch-nationalen Chemikers Fritz Haber gelesen, die den Nobelpreisträger als zugleich genialen und skrupellosen Pionier der chemischen Kriegsführung porträtiert (auf den unter anderem das ursprünglich zur landwirtschaftlichen Schädlingsbekämpfung entwickelte Gas Zyklon B zurückgeht). Ed Harriman durchforstet die Berichte des US-amerikanischen Bundesrechnungshofes (GAO) sowie der Sonder-Generalinspektion (SIGIR) über die Gelderverwaltung innerhalb des Wiederaufbaus im Irak und sieht darin eine regelrechte "Kultur der Vetternwirtschaft und der Schmiergelder" dokumentiert. In den Short Cuts erklärt Thomas Jones die Memoiren ("A Life of Privilege, Mostly") von Gardner Botsford, dem langjährigen Herausgeber des New Yorker, zum absoluten Leckerbissen. Und schließlich streift Peter Campbell durch die Ausstellung "Dancing to the Music of Time", die die fiktionalen Gemälde der fiktionalen Maler in Anthony Powells Romanen zum Leben erweckt.

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - London Review of Books

Weihnachten ist ein Verbrechen an der Architektur, ruft Peter Campbell mit Blick auf den Neonlichter-Tingeltangel, der über sämtliche Fassaden schwappt. Warum gönnen wir unseren architektonischen Bauten keinen Schatten, in dem sich die Schönheit ihres Wesens entfalten könnte, so wie die in Dunkelheit drapierten japanischen Frauen, seufzt Campbell und beruft sich auf Junichiro Tanizakis wunderbares Buch "Lob des Schattens": "Unsere Vorfahren haben die Frau zu einem vom Schatten untrennbaren Wesen gemacht, wie mit Gold oder Perlmutt verzierte Lackarbeiten. Sie bannten so viel von ihr wie möglich in den Schatten, verbargen ihre Arme und Beine im Faltenwurf langer Ärmel und Röcke, so dass nur eines hervortrat - ihr Gesicht."

Weitere Artikel: Julian Barnes feiert zwei Bücher zur Malerei: Alex Danchevs bewundernswert präzise Braque-Biografie "Georges Braque: A Life" und der Katalog zur Ausstellung "Landscape in Provence 1750-1920" im Montreal Museum of Fine Arts. Nach der Wahl von Amir Peretz an die Spitze der israelischen Arbeiterpartei erklärt Ilan Pappe, warum Israel eine größere Revolution braucht als einen Premierminister Amir Peretz: "Darüber zu sprechen, die direkte Besetzung durch eine Form von lebenslänglicher Haft zu ersetzen, heißt letztendlich, überhaupt nicht von Frieden zu sprechen." Bruce Cumings stellt zwei Bücher über die Herrscher-Dynastie in Nordkorea vor: ein lesenswertes und einen bösen Traum. Hugh Penniston erklärt, inwiefern sich in der epidemischen Verbreitung des resistenten MRSA-Bakteriums die Geschichte wiederholt. Und schließlich wandert Daniel Soar durch die Londoner Tate Modern und starrt gebannt auf die übernatürlich detailbesessenen Fotos von Jeff Wall.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - London Review of Books

In einem Tagebuch aus Paris schreibt Jeremy Harding über die Revolte in den Vorstädten: "Wir sollten nicht immer erwarten, dass ein Krawall etwas zu bedeuten hat. Tatsächlich wehte ein Hauch von Karneval über der Zerstörung in Frankreich ... Die Frage schien jedoch vor allem zu sein: Ist irgendjemand da draußen? Würde irgendjemand, der nicht von maghrebinischen oder subsaharischen Immigranten abstammt und in erbärmlichen Umständen lebt, die Existenz dieser Umstände und der Menschen, die unter ihnen zu leiden haben, anerkennen? Doch damit ging eine bedrohliche Botschaft über missverstandene oder falsch zugewiesene Identität einher, die kurz die Städte erleuchtete wie ein Flutlicht auf einer Baustelle: 'Wir werden genau so werden, wir ihr glaubt, dass wir sind - ihr werdet schon sehen.' Das ist die defensiv-aggressive Strategie, die Sartre in Genets zur Schau gestellter Kriminalität erkannte."

Weitere Artikel: Wie konnte es in der irischen Diözese Ferns zu so zahlreichen Fällen von sexuellem Missbrauch durch Priester kommen? Der "Ferns Report" versucht dies zu klären. Colm Toibin befällt bei der Lektüre blankes Entsetzten. Denn der Bericht offenbare viel mehr als nur die Schwäche des Fleisches: die uneingeschränkte und selbstherrliche Macht der katholischen Kirche in Irland. Adam Philips liest Bret Easton Ellis' autobiografisch geprägten und bestrickenden neuen Roman "Lunar Park" als die Geschichte einer erlernten Vorliebe für Unwirklichkeit. Jenny Turner hält Jeff Brittings Biografie der Philosophin Ayn Rand für zu treuherzig. Und schließlich wehrt sich Craig Clunas gegen den allzu offensichtlichen Versuch der Ausstellung "The Three Emperors", den Nimbus der Vergangenheit dem modernen chinesischen Staat zunutze zu machen.

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - London Review of Books

Adam Phillips ist in Edmund Whites Autobiografie "My Lives" der Frage begegnet, ob man eigentlich mehrere Leben lebt, wie man so schön sagt, oder ob man am Ende das Leben eines Anderen gelebt hat. "Wie in allen herausragenden Autobiografien geht es in 'My Lives' nicht um jemanden, sondern um etwas. Und in der Tat gilt Whites Aufmerksamkeit, wie ein Großteil seines Werkes, dem Verrat: Ob es möglich ist, sich selbst zu verraten - ob es möglich ist, andere nicht zu verraten - und wie diese Dinge miteinander zusammenhängen - falls überhaupt."

Weitere Artikel: Ungemein spannend findet Sheila Fitzpatrick, wie Catriona Kelly den Sowjet-Mythos des Kamaraden Pawlik, der zum Märtyrer und Sowjet-Helden wurde, weil er seinen eigenen Vater denunzierte und daraufhin von seiner Familie ermordet wurde, einer gründlichen Prüfung unterzieht ("Comrade Pavlik: The Rise and Fall of a Soviet Boy Hero"). Offiziell kursiert über Gazas Zukunft das Märchen vom "Mittelmeer-Dubai". Doch Sara Roy findet für derlei rosige Aussichten keinerlei Anhaltspunkte. From Russia with Love - In den Short Cuts beobachtet Thomas Jones mit einigem Amüsement, dass der Fall des Eisernen Vorhangs nicht wenige amerikanische Schriftsteller, die es sich im Kalten Krieg gemütlich gemacht hatten, in arge Inspirationsnot gebracht hat. Und schließlich streift Hal Foster zutiefst verwundert durch das Guggenheim-Museum und seine megalomanische Ausstellung russischer Kunst, die ihm wie "eine inspirierende Reise in ein aus Kunst gefertigtes Potemkinsches Dorf" vorkommt.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - London Review of Books

Andrew Bacevichs Theorie des neuen amerikanischen Militarismus ("The New American Militarism: How Americans Are Seduced by War") kann Anatol Lieven nur zustimmen. Der euphorische Zuspruch, den die militärische Initiative im Irak unter Amerikanern genoss, "spiegelt einen - wirklichen oder angenommenen - Glauben in das wieder, was die Deutschen 'Soldatentum' zu nennen pflegten: die Vorrangstellung der militärischen Werte Mut, Disziplin und Selbstaufopferung, und die - ausdrückliche oder stillschweigende - Überzeugung der Überlegenheit dieser Tugenden gegenüber denen einer hedonistischen, verachtenswerten und unzuverlässigen Zivilgesellschaft und ihrer politischen Klasse. (?) Der wichtigste Widerspruch besteht jedoch zwischen der Quasi-Verehrung der Armee in weiten Teilen der amerikanischen Kultur und dem genauso verbreiteten Unwillen der meisten Amerikaner - gleich ob sie den Eliten oder den Massen angehören - in den Streitkräften zu dienen."

Weitere Artikel: Enttäuscht zeigt sich James Wood von John Bayleys Essay-Sammlung "The Power of Delight: A Lifetime in Literature: Essays 1962-2002", in der sich der eigentlich brillante Literaturkritiker bemühe, den Schein der Mühelosigkeit zu erwecken, und dadurch belanglos werde. Eric Hobsbawm entwirft eine kleine Geschichte der jüdischen Emanzipation und rühmt die Vorzüge der Diaspora. Für Ian Gilmour steht fest: Entweder die Tories machen Kenneth Clarke zu ihrem Parteichef oder sie haben endgültig das verloren, was zu einer "richtigen Partei" gehört - der Wille zur Macht. In den Short Cuts erklärt Thomas Jones anhand der These von Bat Ye'or zur Islamisierung Europas ("Eurabia: The Euro-Arab Axis"), wie man eine Verschwörungstheorie wirkungsvoll zusammenbraut. Und Peter Cambell begegnet Edward Munch von Angesicht zu Angesicht in dessen Selbstbildnissen, die zurzeit in der Royal Academy zu sehen sind und in denen "es scheint, als erkläre er sich sich selbst".

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - London Review of Books

Ganz und gar hingerissen verfolgt Frank Kermode die Spur, die von Zadie Smiths neuem Roman "On Beauty" zu E. M. Forsters "Howards End" führt. Auch wenn dem auf Anhieb nicht so scheinen mag: "Zadie Smith ist bereits bekannt dafür, mit beiden Beinen in der Welt zu stehen, deren Vielfalt zu kennen und zu lieben. Ihre Figuren sind bodenständig: Sie sind ungehobelt, fett, glatzköpfig, kurzsichtig, haben schiefe Zähne; sie sprechen ihre eigene Sprache und sind, um es kurz zu sagen, menschlich. Sie leben soviel sie können, weil es das einzige ist, was sie haben. Doch Smith befindet sich dennoch in Forsters Nähe, weil sie sich etwas aus Religion, Prophezeiung und Philosophie macht. Die größte Ähnlichkeit zwischen beiden Büchern geht weit hinaus über die Anspielungen innerhalb der Handlung, über die alle reden. Was beiden zugrunde liegt, ist die Vorstellung des Romans als das, was Lawrence das eine, strahlende Buch des Lebens nannte - eine Quelle der Wahrheit, der Jenseitigkeit und der Prophezeiung."

Weitere Artikel: Andrew O'Hagan liefert eine spannende und skurrile Reportage über Terry und Sam, die spontan im Truck von North Carolina in das vom Wirbelsturm Katrina verwüstete New Orleans gefahren sind, um zu helfen. Schlecht abgeschnitten hat bei Theo Tait Salman Rushdies neuer Roman "Shalimar the Clown": Er tue "viele verschiedene Dinge, in vielen verschiedenen Stilen, und letztlich nur wenige davon gut". Der Ökonom John Christensen kann Raymond Baker nur zustimmen wenn dieser in "Capitalism's Achilles Heel: Dirty Money and How to Renew the Free-Market System" darlegt, dass Auslandsmachenschaften großer Firmen nicht erst mit Enron, Worldcom und Parmalat, sondern schon zu Kolonialzeiten ihren Anfang genommen haben. In den Short Cuts labt sich Paul Laity an Worst-Case-Szenarien. Und Peter Campbell konnte am Tag des Offenen Hauses den langersehnten Blick hinter die Fassade des Gibbs Building in London werfen.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - London Review of Books

T. J. Clark, Professor für Kunstgeschichte in Berkeley, sieht in Malcolm Bulls Renaissance-Studie "The Mirror of the Gods: Classical Mythology in Renaissance Art", in der die Renaissance als regelrechte kulturelle Revolution inszeniert wird, ein wunderbar ketzerisches Werk. Für Bull vollziehe sich im verschobenen Verhältnis der Kunst zur Wahrheit - mit dem Aufkommen der "Idee einer brillanten Nicht-Wahrheit" - eine kopernikanische Wende in Kunst und Gesellschaft: "Fantasia, favola, poesia: Diese Begriffe, die in der Sprache der Kunstbeurteilung im 16. Jahrhundert allmählich Verbreitung finden, weisen auf ein im Wesen neues Territorium hin. (...) 'Die antike Welt und die christliche Zivilisation, die aus ihr hervorging, arbeiteten stark mit der Annahme, dass alle kulturellen Produkte wahr seien - und wenn nicht buchstäblich, dann auf irgendeiner anderen Ebene', schreibt Bull. Nun nicht mehr. Unmöglichkeiten, Lügengeschichten, überdehnte Fantasien, Bilder, an deren Gehalt niemand glaubte: All das wurde allmählich zu einer ganzen, für das gebildete Leben grundlegenden Kultur."

Weitere Artikel: Jacqueline Rose begegnet in Michael Cunnighams jüngstem Erzählband "Specimen Days" der vereinnahmenden Stimme von Walt Whitman und mit ihr der beunruhigenden Frage, "was es bedeutet in den Geist oder den Körper eines anderen einzudringen". David Runciman blickt auf einen grandiosen Cricket-Sommer zurück und versucht zu ergründen, was das Aufeinandertreffen der Supermächte England und Australien so besonders machte. In Short Cuts porträtiert Thomas Jones den beinharten BBC-Radiojournalisten John Humphrys, der sogar Tony Blair das rhetorische Handwerk legen konnte. Und schließlich wandelt James Davidson durch eine sehr persische Persien-Ausstellung im British Museum ("Forgotten Empire").

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - London Review of Books

Der Historiker und Publizist Eric Hobsbawm erklärt "Between Sex and Power", Göran Therborns umfassende und globale Analyse zur Entwicklung der Familie im 20. Jahrhundert, zur Pflichtlektüre. Wer weiß schon, dass die beiden Gegenspieler des Kalten Krieges, die USA und die UdSSR, auch die weltweit höchsten Scheidungsraten vorzuweisen hatten? Oder dass die sexuell aktivsten Abendländer die Finnen sind? Was Hobsbawm an diesem "tief beeindruckenden" Buch aber fehlt, ist der Zusammenhang von Wirtschaft und Familie in der jüngsten Zeit. "Als der Neoliberalismus in der Ökonomie triumphierte, konnten seine Unzulänglichkeiten nicht länger verborgen bleiben. Im Licht der Erkenntnisse dieses Bandes, muss man annehmen, dass wir diesen Punkt auch in der Ideologie des kulturellen Libertinismus erreichen."

Die aktuelle Biennale in Venedig gilt als konservativ. Der Literaturwissenschaftler Hal Foster ist ganz froh darüber. "Was das wirklich heißt, ist nicht sicher, vielleicht nur, dass diese Ausstellung nicht so chaotisch ist wie wie des Italieners Francesco Bonami im Jahr 2003. Dieser Konservatismus hat jedenfalls Vorteile: man kann verschiedene Tendenzen erkennen, die es einem erlauben, sich im sonst so inkohärenten internationalen Kunstgeschehen zu orientieren. So unterschiedlich sie auch daherkommt, ein Großteil der derzeitigen Kunst folgt vier oder fünf Formaten und Verfahren."

Außerdem bemerkt Andrew O'Hagan voller Wehmut, wie der auch in der Welt der Literatur nicht unbedeutende Tavistock Square nach dem Selbstmordattentat in Bus Nr. 30, da von der Polizei hermetisch abgeriegelt, mit einem Schlag aus dem öffentlichen Leben verschwand. In den Short Cuts verortet Thomas Jones das Internet.

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - London Review of Books

Sehr interessant und präzise findet Maya Jasanoff Gautam Chakravartys Monografie "The Indian Mutiny and the British Imagination" über den indischen Aufstand von 1857 und dessen Darstellung in der britischen Historiografie und Literatur. Besonders pikant erscheint Jasanoff dabei die Figur des als Inder verkleideten Briten, die der Autor mit dem britischen Selbstverherrlichungsdiskurs in Zusammenhang setzt. "Der 'kulturell verkleidete Spion-Held' schreit förmlich nach postkolonialistischer Analyse. Um diese Charaktere einzuschätzen, beruft sich Chakravarty auf Homi Bhabhas einflussreichen Essay 'Of Mimicry and Man', der davon handelt, wie kolonisierte Subjekte die Kultur ihrer Kolonisierer nachahmten oder annahmen. Doch während Bhabhas mimische Menschen die imperiale Autorität herausforderten, indem sie sie nachäfften, behauptet Chakravarty, dass die verkleideten Briten daran arbeiteten, die imperiale Macht zu stärken und eine 'Fantasie von Herrschaft und kolonialem Wissen' auszuleben. In die Haut der Inder zu schlüpfen ist die ultimative Bekundung der Herrschaft, nämlich sie besser zu kennen als sie es selbst tun."

Weitere Artikel: Enttäuscht stellt Tim Parks fest, dass Daniel Picks Versuch, Garibaldis zwanghafte Faszination für Rom psychohistorisch zu begründen ("Rome or Death: The Obsessions of General Garibaldi"), zum historiografischen Gemeinplatz gerät: Wie schon unter seinen Zeitgenossen werde Garibaldi von Pick einerseits als nationaler Held gefeiert und andererseits politisch nicht ernstgenommen. Sicher hat James Meek schon in früheren Werken das Seltsame zelebriert, schreibt Michael Wood. Doch die nüchterne Art von Seltsamkeit, die bei der Lektüre von "The People's Act of Love" - die Geschichte einer revolutionären tschechischen Kastraten-Gemeinschaft in Sibirien - zutage tritt, hat Wood völlig unvorbereitet getroffen. John Sturrock warnt die britische Regierung davor, die Londoner Bombenattentate als Vorwand zu einer noch strikteren Einwanderungspolitik zu benutzen. Und Peter Campbell stellt ein Potpourri von Londoner Ausstellungen zusammen, die zeigen, wie Architekten denken.