Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 57

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - London Review of Books

Wer sich für die Geschichte der Frauenbewegung in Britannien interessiert, sollte sich nicht lange mit Philippa Lowthorpes oberflächlichem Film "Misbehaviour" aufhalten, meint Jenny Turner. Sie rät stattdessen zu Margaretta Jollys fantastischer Oral History "Sisterhood and After", ein epochales Werk, das strikt zwischen feministischer Theorie und sozialer Bewegung unterscheidet, besonders die "Aura des Augenblicks" betont und um die beiden spektakulärsten Momente der Bewegung kreist, die Proteste gegen Bob Hopes schmierige Miss-World-Wahlen 1970 und Greenham Common Women's Peace Camp in den Achtzigern. Sehr empfehlen kann Turner aber auch die wieder ausgegrabene und sehr bewegende Dokumentation "Nightcleaners" von 1975, in der das Berwick Street Film Collective vom heldinnenhaften Versuch Londoner Putzfrauen erzählt, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Ein echter Kontrapunkt zum liberalen Mittelklasse- oder Medien-Feminismus, meint Turner: "'Der Arzt hat mir geraten aufzuhören, sagt die in offenkundiger Erschöpfung rauchende und schwitzende Annie, 'ich glaube, mein Körper ist müde. Das geht aufs Gewicht und auf Herz.' Die Frauen müssen arbeiten, sagten sie, weil ihre Männer nicht genug verdienen. Sie konnten nicht zu Hause bei den Kindern bleiben, und eben weil sie Kinder hatten und Hausarbeit zu erledigen, mussten sie nachts arbeiten. 'Keine Frau putzt nachts, wenn sie es nicht wirklich muss', sagt Elsie. 'Es gibt viele kaputte Ehen unter den Putzfrauen, das haben Sie wahrscheinlich selbst schon rausgefunden. Wissen Sie, alle sind müde, aber sie wollen das nicht ihrem Mann sagen - sie wollen nur schlafen und ihre Ruhe haben.' Von Anfang an galt 'Nightcleaners' als abschreckend avantgardistisch: Jump Cuts, lange schwarze Pausen, eine große Schere zwischen Bild und Ton, Fetzen der 'Seeräuber Jenny' und Scott Joplins 'Maple Leaf Rag'. Alles ist schwer, unbequem und unangenehm, alle sind erschöpft und wissen, dass sie scheitern werden, wahrscheinlich selbst die Filmemacher, die ahnen mussten, dass ihre Arbeit für die Menschen, um die es ging, von keinerlei Nutzen war. Und trotzdem: Die Interview sind großartig und die Gesichter wunderschön. Annie, die so fertig und niedergeschlagen aussah, wird ein wenig später gezeigt, wie sie mit ihren Kindern einkaufen geht. Alle haben ein Lachen im Gesicht."

Wenn die Engländer die Union mit Schottland retten wollen, sollten sie nicht britischer werden, meint der Historiker Neal Ascherson in einem Abgesang auf die zentralistische Monarchie des 17. Jahrhundert, sondern im Gegenteil englischer: "Britannien ist ein eingebildetes Königreich, das in seiner Vorstellung über bloßen Nationalstaaten schwebt; England ist ein Land wie seine Nachbarstaaten. Britannien ist außergewöhnlich und denkt sich selbst in Superlativen (das weltbeste, weltweit führende, effizienteste Land auf dem Planeten); England ist ein mittelgroßes Land mit erstklassigen Wissenschaftlern und einem verkommenen Management. Britannien träumt davon, eine stolze, schwerbewaffnete Freibeutermacht zu werden, die allen internationalen Regeln trotzt; England ist eine bescheidene, skeptische Nation mit einem Faible für Satire und Demokratie."

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - London Review of Books

Immer wieder instruktiv die Texte von Tom Stevenson, der Welthandel und Realpolitik von links erzählt. Die Empörung über Nord Stream 2 kann er nicht teilen, sie werde von den USA geschürt, die aus rein hegemonialen Interessen Osteuropa gegen die europäisch-russische Energieallianz aufhetzten. Stevenson empfiehlt wärmstens Thale Gustafsons Geschichte der europäisch-russischen Energieallianz "The Bridge" zur vertiefenden Lektüre: "Amerikanische Strategen sahen in einer Energieallianz zwischen Westeuropa und der Sowjetunion wenig Nutzen für die USA. Aber sie schritten nicht ein bis 1982, als CIA-Direktor William Casey Ronald Reagan überzeugte, Sanktionen gegen Firmen zu erheben, die dem Bau sowjetischer Pipelines zulieferten. Die Sanktionen ging nach hinten los: Die UdSSR entwickelte einfach ihre eigene Röhren- und Kompressorenindustrie. Zehn Jahre später bot der Kollaps der Sowjetunion eine zweite Möglichkeit: Westliche Berater drängten auf die Zerschlagung und Privatisierung von Gasprom und den Rest der russischen Staatsindustrie. Aber selbst Jegor Gaidar, der Meisterdieb der Aasfresser-Ära unter Jelzin, wollte Gasprom zusammenhalten. Wie Gustafson resümiert, wurde das Unternehmen teilprivatisiert, aber der Großteil der Aktien von früheren Mitarbeitern gekauft. Als Putin zur Jahrtausendwende an die Macht kam, fiel es ihm nicht schwer, sie wieder einzusammeln und das Unternehmen unter Staatskontrolle zu bringen. Er feuerte den Gasprom-Chef Rem Wjatschirew und setzte an dessen Stelle seinen eigenen Berater Aleksej Miller und Dimitri Medwedew in den Aufsichtsrat. Zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Blütezeit der kapitalistischen Transformation, die die Unternehmensberaterfritzen verheißen hatten, nie kommen würde. Dem gängigen Narrativ zufolge zeigt Putins Zugriff auf Gasprom die Rückkehr zu einer aggressiven Politik à la Breschnew. Aber Energie ist immer ein Werkzeug der Staatsführung. Russlands aggressives Auftreten maskiert die Unsicherheit über die Brüchigkeit des Staates. Russlands Abenteuer in Syrien war zum Beispiel weniger ein Ausdruck russischer Macht als der Versuch, Macht zu demonstrieren. Er geht einher mit dem Rückgang an Erlösen aus Energieverkäufen, was den Haushalt belastet. In der Allianz mit Westeuropa war Russland immer pragmatisch. Es hat den Niedergang der sowjetischen Gasfelder bewältigt, in die schwierige Erschließung der Jamal-Halbinsel investiert und sich durch die Regulierungen der europäischen Energieindustrie navigiert. Europäer mögen sich über Gasprom beklagen, aber wenn es Gasprom nicht gäbe, müssten sie es erfinden."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - London Review of Books

Nathalie Sarraute hätte den Nobelpreis bekommen müssen anstelle von Claude Simon, meint Toril Moi ganz entschieden, schließlich war sie die große Pionierin des coolen Modernismus, lange bevor Simon, Michel Butor und Alain Robbe-Grillet ihre antipsychologischen, antirealistischen nouveau romans verfassten. Ganz hervorragend findet Moi auch Ann Jeffersons Biografie "A Life Between". Nur warum wird Sarraute dann heute nicht mehr gelesen? Warum nicht mehr gelehrt? "Ich selbst unterrichte sie auch nicht. Ich bin Feministin und auf Simone de Beauvoir spezialisiert und ich mag besonders gern Beauvoirs Roman 'Die Mandarine von Paris' von 1954, den Sarraute verabscheute... Sarrautes Verhältnis zum Feminismus ist kompliziert. In den dreißiger Jahren kämpfte sie zusammen mit der Sozialistin und Anwältin Maria Vérone für das Frauenwahlrecht (das 1944 gewährt wurde). Aber Sarraute hasste 'Identitätsgerede'. Ihr Schreiben untersuchte und pflegte das Unpersönliche, Anonyme, Antipsychologische, das Allgemeine im Gegensatz zum Besonderen. Allein die Idee, eine weibliche Autorin zu sein, war für Sarraute unvorstellbar. 'Es ist ein schwerwiegender Fehler', sagte sie einmal, 'besonders für Frauen, von Frauenliteratur oder Männerliteratur zu sprechen. Es ist Literatur, Punkt.' Als die écriture feminine 1984 auf dem Höhepunkt ihrer Popularität stand, fasste sie ihre radikal anti-identitätspolitische Haltung mit den Worten zusammen: 'Wenn ich schreibe, bin ich weder Mann noch Frau, weder Hund noch Katze.' Bei Sarraute geht es nie um Frauen, Weiblichkeit oder geschlechtliche Unterschiede. Wer für seine Literaturseminare eine späte Modernistin braucht, wird wahrscheinlich Marguerite Duras vorziehen. Kürzlich legte Annabel Kim in 'Unbecoming Language' nahe, Sarrautes Ablehnung der Identitätspolitik als ein Engagement für radikale Gleichheit zu lesen, auf eine Art, die den Feminismus einer Monique Wittig oder Anne Garréta antizipiert haben könnte."

Weiteres: Ian Penman zeigt sich ziemlich genervt vom Kult um Kraftwerk: "Ihre futuristische Vision sieht heute ziemlich blass aus: Die Roboter, die sie manchmal benutzen, um sich selbst auf der Bühne zu ersetzen, sind spürbar vordigital, und wir haben heute auch einen anderen Begriff von Bots und ihrer bösartigen Wirkung." Christian Lorentzen sucht nach Joe Bidens politischem Feuer.

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - London Review of Books

1849 musste Garibaldi mit seinen Anhängern aus Rom vor den französischen Truppen fliehen, die - ausgerechnet - den Vatikanstaat wieder unter die Kontrolle des Papstes stellen wollten. "Ich habe nur Hunger, Durst, Gewaltmärsche und die Gefahren des Krieges zu bieten. Wer die Liebe zu seinem Land nicht nur auf den Lippen, sondern auch im Herzen trägt, soll mir folgen", hatte er in seiner berühmten Rede zuvor erklärt. Heute reklamiert Italiens Rechte den Patriotismus für sich, seufzt Tim Parks, der sich irrsinniger Weise mit seiner Frau vorgenommen hatte, dem Weg des Revolutionärs von Rom in sheutige Porto Garibaldi zu folgen: "Wir hatten uns geschworen, die Strecke in derselben Zeit zurückzulegen wie die Garibaldini. Wir trugen Omni-Freeze-Shirts und Funktionsunterwäsche, Hightech-Rucksäcke und teure Wanderschuhe. Ihre roten Hemden und langen Hosen waren aus Wolle. Wir mussten unser Essen nicht um den Hals gebunden mit uns tragen, keine Brotlaibe oder gebratene Hühner, und wir mussten auch keine Herde Ochsen hinter uns herziehen und sie im Dunkeln schlachten. Sie trugen wertloses Papiergeld der ausgelöschten Römischen Republik; wir hatten Kreditkarten und Smartphones. Wir mussten nicht mit den örtlichen Behörden verhandeln, um Essen zu kaufen oder Mönche überreden, uns mit Wein zu versorgen. Diese Männer gehörten zu den letzten, die niemals motorisierten Transportmittel benutzt haben und sie waren im Gegensatz zu uns ans Laufen gewöhnt. Von der Hitze, den Hügeln und den steinigen Wegen erschöpft, stolperten wir die steilen Abhänge hinab in staubige Städtchen. Bei unserer Ankunft mussten die Sachen sofort gewachsen werden und vor Morgengrauen trocken sein, denn wir konnten nur einmal wechseln. Garibaldi bestand darauf, dass seine Männer die roten Hemden sauber hielten, selbst wenn das Wasser knapp war. Ihm war wichtig, wie eine reguläre Armee auszusehen, nicht wie ein ungeordneter Haufen. Aus demselben Grund kam es darauf an, die Männer vom Stehlen und Plündern abzuhalten. Wer dem zuwiderhandelte, wurde erschossen. Jenseits des Militärischen stand der Kampf um die Herzen und Köpfe, und hier war die Kirche der Hauptfeind, die Priester hatten die Bauern fest in ihrer Hand. In all den Jahren seines Feldzugs für ein geeintes Italien, sollte Garibaldi später erkennen, hatte sich nicht ein einziger Bauer freiwillig zum Kampf gemeldet."

Weiteres: John Lanchester stellt sich der unheimlichen Frage, warum er während des Lockdowns Cricketspiele so sehr vermisst hat: "Am Ende eines Spiels weiß ich nicht mehr als zu Beginn, außer was während des Spiels passierte."

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - London Review of Books

Adam Shatz empfiehlt dringend den kürzlich verstorbenen Albert Memmi zu lesen, der außerhalb Frankreichs wenig wahrgenommen wurde, dabei einer der bedeutendsten Autoren der Dekolonialisierung war. Er unterstützte Algerien und Tunesien im Kampf um die Unabhängigkeit, obwohl er wusste, das sie ihn - als Sohn tunesischer Juden - zur Emigration zwingen würde. Doch im Gegensatz zu Aimé Césaire oder Frantz Fanon konnte er nicht an die befreiende Kraft der Revolution glauben. Memmi hatte einen enormen Sinn für die Tragik, die dem antikolonialen Kampf innewohnte, meint Shatz: "Ihm war klar, dass es jenseits von Recht und Unrecht ausweglose historische Situationen gab. Gerade diese Ausweglosigkeit weigerten sich, wie er meinte, seine Genossen der tunesischen Linken - viele von ihnen Juden italienischer Herkunft und privilegierter als er selbst -  anzuerkennen. 'Die Linke setzt darauf, dass sich die neuen Nationalismen weder in einen fremdenfeindlichen Chauvinismus noch in Faschismus oder in Rassismus verwandeln werden... Das ist eine gefährliche Wette. Denn der Abstand zwischen Nationalismus und Faschismus ist geringer als der zwischen Nationalismus und Revolution.' Memmi sah darin jedoch keinen Grund, seine Unterstützung für die Befreiung der nordafrikanischen Muslime von französischer Herrschaft zurückzuziehen. Es sei unfair, von Menschen, die als Nicht-Europäer und Nicht-Christen abgelehnt wurden, zu verlangen, dass sie Nicht-Muslime und Nicht-Afrikaner in ihre Arme schließen.' Aber man dürfe sich keine Illusionen über den Preis eines solchen Engagements machen: Wir müssen den Nordafrikanern helfen, ihre Freiheit zu gewinnen, selbst wenn diese Freiheit uns nicht zugute kommen wird, uns sogar verwundbar macht. Historische Verantwortung und Interessen fallen nicht immer in eins. Alles andere wäre infantil.' Memmi, der sich im Umfeld der Kommunistischen Partei bewegte, aber selbst kein Kommunist war, erkannte das Paradox des Marxismus für linke arabische Juden: Während der proletarische Internationalismus sie den muslimischen Massen näher brachte, verstärkte er zugleich, als eine säkulare westliche Ideologie, ihre Europäisierung und damit ihre kulturelle Entfremdung."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - London Review of Books

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze diskutiert eine Reihe von Büchern, die Amerikas Auseinandersetzung mit China in den Blick nehmen. Tooze verhandelt nicht nur Donald Trumps irrlichternde Handelspolitik, sondern auch umfassend die Frage, ob und wie ein neuer Kalter Krieg mit China heraufziehen konnte und wer den Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen in der amerikanischen Industrie zu verantworten haben. War Bill Clinton zu lax bei den WTO-Verhandlungen mit Peking, wie Trump immer wieder betont? "Der Boom der chinesischen Exporte war nicht das Ergebnis eines Abkommens unter Freunden, sondern der außergewöhnlichen Mobilisierung von Kapital und Arbeit seit 1990. Dabei spielte das westliche Kapital eine entscheidende Rolle. Amerikas Linke wie auch die äußere Rechte stellt sich heute nicht die Frage, ob die Unterhändler naiv oder inkompetent waren, sondern wessen Interessen sie vertraten. Verhandelten sie im Auftrag des Durchschnittsbürgers oder der Unternehmen? Wie Bob Davis und Lingling Wei (in "Superpower Showdown: How the Battle between Trump and Xi Threatens a New Cold War") zeigen, betrieben die Wirtschaftspolitiker das Geschäft der amerikanischen Unternehmen genauso, wie dieses es von ihnen verlangten. Hersteller wie Boeing, General Electric und Pepso, Banken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley und JP Morgan oder der Versicherungsriese AIG, sie alle wollten den neuen Markt und sie wollten die billige Arbeit. 1994 gab die Regierung Clinton ihre harte Linie gegenüber Peking auf, die sie nach dem Massaker vom Tienanmen eingenommen hatte, die Stoßrichtung der Politik war, neue Märkte und Möglichkeiten zu eröffnen, auch gegen die starken Einwände der amerikanischen Gewerkschaften. Um das Abkommen im Kongress durchzubekommen, lancierten die Unternehmen die teuerste Lobby-Kampagne aller Zeiten. Die Firmen waren so erpicht darauf, als Anwälte Chinas aufzutreten, sie mussten ein Komitee bilden, um nicht übereinander zu stolpern. 1949 wurde das politische Establishment der USA von der Frage gequält: Wer hat China verloren? Siebzig Jahre Jahre später schwebt die Frage im Raum: Wie und warum hatte Amerikas Elite das Interesse am eigenen Land verloren?"

Weitere Artikel: William Davies denkt über die "Politics of Like and Dislike" nach. Neal Ascherson liest Résistance-Biografien. Anne Wagner porträtiert die Künstlerin Eva Hesse.

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - London Review of Books

Der Ekel vor üblen Gerüchen ist uns nicht angeboren, sondern anerzogen, lernt Keith Thomas aus Robert Muchembleds Kulturgeschichte des Gestanks "La Civilisation des odeurs". Aber dass damit Frauen dämonisiert werden sollten, nimmt Thomas dem französischen Historiker nicht ab. Es waren vielmehr die niederen Stände, die ab dem 17. Jahrhundert verabscheut wurden, seit sich der Adel Parfüms leisten konnte. Bis dahin stanken alle: "Im zehnten Jahrhundert erlaubte der walisische Herrscher Hywel Dda Frauen die Scheidung, wenn ihre Ehemänner Mundgeruch hatten. In späteren Jahrhunderten warnten Benimmbücher Leser davor, bei Tisch die Suppe pustend abzukühlen und so die Sitznachbarn mit ihren Atem zu behelligen. 1579 wurde der Erzdiözese eine Frau aus Essex gemeldet, die sich weigerte, in der Kirche ihren zugewiesenen Platz einzunehmen, weil ihr Nebenmann, einen 'strengen Geruch' hatte. Der Kaplan Königin Annes, der Frau von Jakob I., erklärte, dass 'von allen unangenehmen Gerüchen keiner so abstoßend und unerträglich ist wie der, der einem Männerkörper entströmt... Ganz zu schweigen von dem Schmutz, der aus seinen Ohren, seinen Augen, seinen Nasenlöchern, seinem Mund, seinem Nabel und seinen unsauberen Unterhosen dringt.' Selbst die jakobäischen Bienen reagierten empfindlich auf unangenehme Körpergerüche: Ein Kundiger warnte die Züchter davor, sich einem Stock mit einem stinkenden Atem zu nähern, etwa nach dem Verzehr von Lauch, Zwiebeln, Knoblauch oder Ähnlichem, auch wenn er hilfreich hinzufügte, dass der üble Geruch mit einem Becher Bier behoben werden könne."

Weiteres: Forrest Hylton berichtet mit drastischen Worten, aber etwas unsortiert vom Verschwinden Oppositioneller in Kolumbien, das wieder Ausmaße angenommen habe wie unter Alvaro Uribes Amtszeit zu Beginn der Nuller Jahre: "Die relativ aufgeklärten Eliten der urbanen Modernisierer in Finanz- und Immobilienwelt sind in diesem Horror ebenso zu Komplizen geworden wie die reaktionäre, narko-paramilitärische Gutsbesitzerfraktion in Kolumbiens herrschender Klasse." Pankaj Mishra sieht den Niedergang von "Anglo-Amerika" eingeleitet.

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - London Review of Books

Natürlich habe China in der Coronakrise nicht "offen, transparent und verantwortungsbewusst" gehandelt, aber Donald Trumps Gepolter gegen die WHO und Pekings angeblichen Einfluss verdecke die wahren Gräben, die sich durch die internationalen Gesundheitspolitik ziehen, befürchtet James Meek in einem sehr ausführlichen Report über die WHO: "Es gibt eine immer wiederkehrende Angst in Europa und Amerika vor Infektionskrankheiten aus anderen Teilen des Planeten und damit verbunden den Willen, sich dagegen zu verbarrikadieren. Auf dieses alte Muster stößt die amerikanische Furcht vor allem, was wie eine Weltregierung aussehen könnte, und eine Gesundheitspolitik, die zwischen zwei Idealen hin und her gerissen ist: Dem technischen Modell, bei dem Gesundheit aus einer Reihe von persönlichen Problemen besteht, die durch intensive, vorzugsweise einmalige wissenschaftliche Erfindungen behoben werden können (man muss nur den Gencode der Moskitos verändern und schon ist die Malaria ein für allemal ausgelöscht!), und dem kommunalen Modell, das Gesundheit für ein fortlaufendes, nicht abschließbares und universales Projekt sozialer Reformen hält, technologiearm, arbeitsintensiv und untrennbar verbunden mit Fragen des Wohnens, mit Bildung, Ernährung, Arbeit, Armut und Ungleichheit. Krankheit kennt keine Grenzen, wurde uns ein ums andere Mal erklärt, wir müssen zusammenarbeiten. Aber was heißt das? Kann die WHO der Weg sein, globale Anstrengungen zu dirigieren, oder ist sie dazu verurteilt, die Realität zu bemänteln, dass es zwischen den Nationen nur wenig Solidarität gibt? Trumps Intervention vom Mai war keine Hilfe für die WHO, und Amerikas Rückzug aus der Organisation wäre ein herber, aber nicht unerwarteter Schlag, aber etliche Regierungen dürften erleichtert gewesen sein, dass der amerikanische Präsident alle mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, die sonst vielleicht dem größeren Versäumnis gegolten hätte, dem Fehlen weltweiter Kooperation."

Amia Srinivasan räumt ein, dass sie von ihren verblendeten Eltern gelernt hat, es sei unhöflich, in Gegenwart einer Person nicht ihren Namen, sondern das Personlapronomen zu benutzen. Aber ihre Uni hat sie eines Besseren belehrt. Zuerst sollte in Seminaren nämlich die Frage geklärt werden, mit welchem Pronomen über jemanden gesprochen werden soll: Er oder sie? "Ich schickte meinen StudentInnen einen Entschuldigung. Sie akzektierten sie und wir diskutierten, wie ich in Zukunft diese Dinge besser handhaben kann. Ich werde nun jedes Semester damit beginnen, meine StudentInnen per E-Mail zu fragen, ob sie mir und den anderen Studierenden ihr bevorzugtes Pronomen nennen möchten. Es ist keine perfekte Praxis, aber ich hofffe, sie wird mir helfen, weitere Fehler zu vermeiden."

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - London Review of Books

Sollten sich die Amerikaner an den Deutschen in Sachen Vergangenheitsbewältigung ein Beispiel nehmen? Thomas Laqueur, selbst ein Kind aus der deutsch-jüdischen Diaspora, liest Susan Neimans entsprechenden Aufruf "Von den Deutschen lernen" mit großer Skepsis. Zum einen findet er die deutsche Wiedergutmachung gegenüber Juden und Israelkleinlicher und zögerlicher, als Neiman es darstellt. Aber selbst wenn es um Straßenumbenennung oder Denkmalsturz geht, scheint ihm die Aufgabe, das an Schwarzen begangene Unrecht zu kompensieren, eigentlich unmöglich: "Die Nazizeit war kurz und klar begrenzt. Der Weg zur deutschen Erlösung zeichnete sich schnell ab: Gesteht eure Sünden und bereut, leistet Wiedergutmachung und gelobt Besserung. Die Vergangenheit der USA aufzuarbeiten ist zeitlich eine andere Angelegenheit. Als Problem stellt sich die gesamte nationale Geschichte dar: Vor vierhundert Jahren kamen afrikanische Sklaven an diese Küsten, vor hundertfünfzig Jahre sprach der 13. Verfassungszusatz schwarze Amerikanern die vollen Bürgerrechten zu, vor sechzig Jahren erst endete das langlebigste, rechtlich abgestützte Rassistenregime der Weltgeschichte, dank Gerichtsurteilen und Gesetzgebung in den sechziger Jahren. Diese Geschichte verlangt von uns nicht nur, wie im deutschen Fall, zu erklären, wie wir einer Ideologie des Bösen erliegen konnten, sondern warum es so schwierig gewesen ist, das zu tun, was Lincoln in Gettysburg erhoffte: uns selbst dem Grundsatz zu verpflichten, dass alle Menschen gleich geschaffen sind ... Deutschlands unbestreitbare Niederlage im Zweiten Weltkrieg war grundlegend für seinen Versuch, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. Auch der amerikanische Süden verlor seinen Krieg. Aber er gewann den Frieden, in Folge seiner eigenen Anstrengungen, aber auch mit Zustimmung oder aus Indifferenz des restlichen Landes. Sein Sieg zeigte sich 1896, als der Supreme Court im Fall Plessy vs. Ferguson entschied, die Segregation unter dem Schlagwort 'Seperate but equal' zuzulassen."

Im Aufbegehren gegen Rassismus und Polizeigewalt sieht Adam Shatz - bei aller Sympathie - eher eine Welle des Protestes als eine neue Bewegung: "Die Proteste bieten einen unausgereiften Mix aus Marxismus, Antikolonialismus, Black-Power-Rhetorik, intersektionalem Feminismus, radikaler Achtsamkeit und (das ist schließlich Amerika) Anrufugungen von Jesus und anderen Propheten. Es ist eine Zeit des Handelns, und die Demonstranten arebiten ihre Ideen und Pläne auf den Straßen aus, ohne die charismatische Führer, die in den fünfziger und sechziger Jahren die  Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung prägten. Diese anfängliche Stärke kann sich, wie in der arabischen Revolte zu einer Schwäche wandeln kann."

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - London Review of Books

Auch John Lanchester gehört zu den Fans von Georges Simenon, und er kann noch nicht einmal sagen, welcher der 75 Maigret-Romane ihm am besten gefällt. Dass sie so präzise Milieus und Charaktere zeichnen, liegt daran, dass Simenon nicht an das Böse glaubte, weiß Lanchester. Dass sie alle gleich großartig sind, liege an Simenons origineller Arbeitsweise: "Ein Maigret-Roman kam über Simenon wie eine Krankheit: Er fühlt, wie sich der Druck einer Idee aufbaute, bis er keine andere Wahl mehr hatte als sie niederzuschreiben. In dieser Phase ging er für eine Kontrolle zum Arzt, um sich daraufhin in seinem Arbeitszimmer einzuschließen und seinen Roman runterzuschreiben, bis er fertig war. Das dauerte rund sieben Tage, plus zwei für die Korrektur. Jedes Buch ist ein Delirium, ein Schwitzkasten, ein Fluch. Bizarr ist, dass sie für Simenon eigentlich eine willkommene Lockerung und Verlangsamung des Tempos waren: Während seiner Zeit als Autor von Groschenromanen mit Anfang zwanzig schrieb er jeden Tag, bis er achtzig getippte Seiten fertig hatten. Dann übergab er sich. So schreibt man 150 Bücher in sieben Jahren."

Weitere Artikel: Susan Pedersen huldigt der britischen Autorin Shelagh Delaney, die so erfolgreich den marriage plot umschrieb in ein: "Boy meets girl. Boy gets stupid. Boy and girl live stupidly ever after." Eliot Weinberger fügt Beobachtungen aus Donald Trumps kopflosem Amerika zu einem unverändert deprimierenden Bild: Während seiner gesamten Präsidentschaft, lagen Trumps Zustimmungsraten um die vierzig Prozent (er ist der einzige Präsident, bei dem sie nie über fünfzig Prozent stiegen). Heute, zehntausenden Toten und Millionen Arbeitslosen zum Trotz, bekommt er noch immer eine Zustimmung von vierzig Prozent. Man dachte, dass die Menschen ihre Meinung änderten, nachdem er Bleiche als Mittel gegen das Virus empfohlen hatte, taten sie aber nicht."