
Wer sich für die
Geschichte der Frauenbewegung in Britannien interessiert, sollte sich nicht lange mit
Philippa Lowthorpes oberflächlichem Film
"Misbehaviour" aufhalten,
meint Jenny Turner. Sie rät stattdessen zu
Margaretta Jollys fantastischer Oral History
"Sisterhood and After", ein epochales Werk, das strikt zwischen
feministischer Theorie und sozialer Bewegung unterscheidet, besonders die "Aura des Augenblicks" betont und um die beiden spektakulärsten Momente der Bewegung kreist, die Proteste gegen Bob Hopes schmierige Miss-World-Wahlen 1970 und Greenham Common Women's Peace Camp in den Achtzigern. Sehr empfehlen kann Turner aber auch die wieder ausgegrabene und sehr bewegende Dokumentation
"Nightcleaners" von 1975, in der das Berwick Street Film Collective vom heldinnenhaften Versuch
Londoner Putzfrauen erzählt, sich
gewerkschaftlich zu organisieren. Ein echter Kontrapunkt zum liberalen Mittelklasse- oder Medien-Feminismus, meint Turner: "'Der Arzt hat mir geraten aufzuhören, sagt die in offenkundiger Erschöpfung rauchende und schwitzende Annie, 'ich glaube,
mein Körper ist müde. Das geht aufs Gewicht und auf Herz.' Die Frauen müssen arbeiten, sagten sie, weil ihre Männer nicht genug verdienen. Sie konnten nicht zu Hause bei den Kindern bleiben, und eben weil sie Kinder hatten und Hausarbeit zu erledigen, mussten sie nachts arbeiten. 'Keine Frau putzt nachts, wenn sie es nicht wirklich muss', sagt Elsie. 'Es gibt viele kaputte Ehen unter den Putzfrauen, das haben Sie wahrscheinlich selbst schon rausgefunden. Wissen Sie, alle sind müde, aber sie wollen das nicht ihrem Mann sagen - sie wollen nur schlafen und ihre Ruhe haben.' Von Anfang an galt 'Nightcleaners' als
abschreckend avantgardistisch: Jump Cuts, lange schwarze Pausen, eine große Schere zwischen Bild und Ton, Fetzen der 'Seeräuber Jenny' und Scott Joplins 'Maple Leaf Rag'. Alles ist schwer, unbequem und unangenehm, alle sind erschöpft und wissen, dass sie scheitern werden, wahrscheinlich selbst die Filmemacher, die ahnen mussten, dass ihre Arbeit für die Menschen, um die es ging, von keinerlei Nutzen war. Und trotzdem: Die Interview sind großartig und
die Gesichter wunderschön. Annie, die so fertig und niedergeschlagen aussah, wird ein wenig später gezeigt, wie sie mit ihren Kindern einkaufen geht. Alle haben ein Lachen im Gesicht."
Wenn die Engländer die
Union mit Schottland retten wollen, sollten sie nicht britischer werden,
meint der Historiker
Neal Ascherson in einem Abgesang auf die zentralistische Monarchie des 17. Jahrhundert, sondern im Gegenteil englischer: "Britannien ist ein
eingebildetes Königreich, das in seiner Vorstellung über bloßen Nationalstaaten schwebt; England ist ein Land wie seine Nachbarstaaten. Britannien ist außergewöhnlich und denkt sich selbst in Superlativen (das weltbeste, weltweit führende, effizienteste Land auf dem Planeten); England ist ein mittelgroßes Land mit erstklassigen Wissenschaftlern und einem verkommenen Management. Britannien träumt davon, eine stolze,
schwerbewaffnete Freibeutermacht zu werden, die allen internationalen Regeln trotzt; England ist eine bescheidene, skeptische Nation mit einem
Faible für Satire und Demokratie."