Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 17.03.2015 - La vie des idees

Mit einem Mittel wie dem in Frankreich diskutierten "Verlust der nationalen Würde" kann man dem Dschihadismus nun wirklich nicht beikommen, argumentiert François Saint-Bonnet in einem Essay. Ein solches Urteil sei unwirksam, weil Dschihadisten keine klassischen Kriminellen seien. "Sie fürchten keine mögliche "nationale Unwürde", sondern erhoffen eine "dschihadistische Würde". Nationale Unwürde wird als ein sanftes Urteil angesehen, als Alternative zu Tod und Gefängnis, das für Kriminelle bestimmt ist, denen man ihre Nationalität nicht aberkennen kann, weil es aufgrund der internationalen Verpflichtungen Frankreichs unmöglich ist, Staatenlose zu schaffen. Es ist äußerst zweifelhaft, dass jemand, der ewigen Ruhm durch seinen Tod sucht, mit diesem ziemlich "irdischen" Bescheid sanktioniert werden könnte."

Außerdem stellt Julie Saada zwei Publikationen vor, die sich mit Laizismus und Toleranz in der Demokratie beschäftigen, Marc-Antoine Dilhacs "La tolérance, un risque pour la démocratie?" und "Pourquoi tolérer la religion?" (Originaltitel: Why tolerate Religion?) von Brian Leiter.

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - La vie des idees

Am herzlichsten ist doch immer noch der Rassismus innerhalb einer Gruppe in den USA, schreibt Marie Mallet in La Vie des Idées, nachdem sie in drei Großstädten entsprechende Studien mit Blick auf die Latinos durchgeführt hat: "Manche Faktoren, die die Solidarität zwischen Latino-Gruppen beeinträchtigen, können ihre Ursache in der besonderen Behandlung haben, die gewisse Nationalitäten wie Kubaner und Puerto Ricaner genießen. Ihr Status verleiht diesen beiden Nationalitätsgruppen gewisse Privilegien, von denen andere Latinos nicht profitieren, und ist Ursprung der Spannungen zwischen den Latino-Gemeinschaften - Spannungen, die durch das Ressentiment nicht-kubanischer und nicht-puertoricanischer Latinos verursacht werden."
Stichwörter: Rassismus, Kuba, Privilegien, Latinos

Magazinrundschau vom 23.09.2014 - La vie des idees

In Frankreich hat man sich angewöhnt, die schwierigen Beziehungen zwischen Juden und Muslimen des Landes als Widerspiegelung des Nahostkonflikts anzusehen, aber es gibt auch wichtige historische Faktoren, sagt die Historikerin Maud Mandel im Gespräch mit Jean-Philippe Dedieu von La Vie des Idées. Der wichtigste ist die Dekolonisierung und der Algerienkonfilkt. Ein wesentlicher Riss entstand, "als die französische Regierung den Juden Anfang der sechziger Jahre erlaubte, die französische Staatsbürgerschaft, die ihnen 1870 durch die Loi Crémieux verliehen worden war, zu behalten und sich in Frankreich als Bürger des Landes niederzulassen. Zu gleicher Zeit erkannte sie den algerischen Muslimen die Staatsbürgerschaft ab und machte aus ihnen faktisch Immigranten. Die Juden wurden in die Gruppe der Europäer aufgenommen oder wieder aufgenommen, und die Muslime in Immigranten verwandelt, obwohl die französische Politik doch über ein Jahrhundert behauptet hatte, sie seien Teil der französischen Gesellschaft."

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - La vie des idees

Im August hält die Weltgeschichte an, zumindest in Frankreich. La Vie des Idées macht bis zum 25. zu. Hier einer der letzten Artikel. Anne Steiner bespricht Juliette Rennes" Buch "Femmes en métier d"hommes", für das die Autorin Bildpostkarten der Belle Epoque sichtete, die das Frauenbild der Zeit reflektieren und häufiger auch Frauen in Männerberufen zeigen: "Zu jener Zeit schaffen die Verleger Serien wie "Die emanzipierte Frau" oder "Die Frau der Zukunft", um in scherzhafter Weise Soldatinnen aller Dienstgrade, Försterinnen, Fechtmeisterinnen, Journalistinnen oder Politikerinnen zu zeigen, meist mit großzügiger Oberweite und in Kostüme gepresst, die ihren Körperformen widersprechen, oder in koketten Verkleidungen, die mit ihren Helmen und Dienstmützen kontrastieren. Aus dem Missverhältnis zwischen Berufskleidung und weiblichen Formen wird die mangelnde Eignung der Frauen für diese Tätigkeiten abgeleitet. Das schalkhafte Lächeln der Emanzipierten beißt sich mit dem Ernst der dargestellten Funktionen und versichert den Adressaten der Postkarten, dass all dies nur eine Maskerade sei."

Magazinrundschau vom 15.07.2014 - La vie des idees

Lucie Campos unterhält sich mit der französischen Soziologin Gisèle Sapiro über über die Wissensproduktion und -verbreitung auf den sich zunehmend globalisierienden Veröffentlichungsmärkten. Sie hat dazu eine Studie vorgelegt, in der die Bedingungen für die Übersetzung von Arbeiten aus den französischen Geistes- und Sozialwissenschaften in andere Sprachen untersucht wurden, vornehmlich im englischen, nordamerikanischen und argentinischen Markt. Sapiro beschreibt darin auch die zahlreichen Hindernisse, die eine Verbreitung französischer Wissenschaft erschweren. Neben ökonomischen Gründen seien auch kulturelle Hemmnisse zu beobachten, weil viele Themen als zu "regional" angesehen würden. "Auch der Schreibstil wird mitunter als Hindernis genannt. Ein englischer Verleger etwa stellte den "strukturalen Schreibstil" französischer Wissenschaftler der eher "narrativen" Form gegenüber, die in der angelsächsischen Wissenschaftslandschaft vorherrscht. Kulturelle Hindernisse betreffen jedoch auch Verhandlungssachen, Vertragssprache, verlegerische und juristische Traditionen, etwa Copyright versus Urheberrechte, ganz zu schweigen von den Problemen des Übersetzens."

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - La vie des idees

"Hat Musik eine Farbe?", überschreibt Sara Le Menestrel ihren Essay aus Anlass der Pariser Ausstellung "Great Black Music", in dem sie der Frage nachgeht, ob man überhaupt von schwarzer Musik sprechen könne, ohne ins Horn des Essenzialismus zu stoßen. Die Ausstellung präsentiere zwar in enzyklopädischem Ausmaß Schätze aus einem Jahrhundert Musikgeschichte, biete aber keine klare Antwort auf eine Frage, die sie gleichwohl aufwerfe. Denn kann man den 1967 von Lester Bowie geprägten Begriff der schwarzen Musik "wirklich übernehmen, ohne Grenzen zu anderen, sogenannten weißen Musikrichtungen zu ziehen, ohne die Verknüpfung einer "rassischen" und/oder "ethnischen" Identität und einem bestimmten Klang aufrechtzuerhalten? Von der Beschreibung dieser Musikrichtungen zu ihrer Ästhetisierung ist es nur ein Schritt, was gewisse, im Lauf der Ausstellung häufig vorkommende Qualifizierungen durchscheinen lässt und im Katalog explizit zum Ausdruck gebracht wird: "Schwarze Musik stammt zwar aus dem kolonialen Raum der Plantagen. Doch was sodann zählt, ist zu verstehen, wie es schwarzen Musiker gelang, in diesem Kontext die schönsten Musikformen zu schaffen, und wie diese in die ganze Welt ausschwärmten."

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - La vie des idees

Sarah Labelle und Aude Seurrat untersuchen in einem Essay den zunehmenden Einsatz sogenannter "Serious Games" durch Unternehmen. Der Konzern l"Oréal etwa setzt ein Spiel namens "Reveal" ein, das ein an einer Stelle Interessierter im Internet vollständig zu Ende spielen muss, um überhaupt eingeladen zu werden. "Der Spieler schlüpft darin in die Haut eines jungen Managers, der zu l"Oréal kommt. Er trifft mehrere Projektmitarbeiter, die ihm Aufgaben stellen und ihm Informationen und schriftliches Material geben. Die Aufgaben sind auf mehrere Bereiche aufgeteilt: Finanzen, Marketing, Forschung & Entwicklung, Logistik, Geschäftsenwicklung und Cafeteria. Im Verlauf dieser unterschiedlichen Aufgaben ... wird der Spieler dazu gebracht, "seine Talente zu offenbaren" ... Wenn "Reveal" offensichtlich die Kenntnis über die Tätigkeitsfelder von l"Oréal und vor allem seine Unternehmenskultur in den Mittelpunkt stellt, ist die Spieldimension doch fragwürdig. Denn es findet, wie bei serious games recht häufig der Fall, eine Verwechslung zwischen dem Spielerischen und dem Virtuellen statt."

Magazinrundschau vom 16.05.2014 - La vie des idees

Ausführlich und sehr kenntnisreich beschreibt die Historikerin Sylvia Chiffoleau das Business und die Bürokratie der Pilgerfahrten nach Mekka. Erst 1957 erhalten die Saudis nach der Phase des Kolonialismus die volle Oberherrschaft über den Hadsch. Seitdem steigt der demografische und darum der polizeiliche und der gesundheitspolitische Druck gewaltig - denn die Pilgerfahrt ist seit je ein gefürchteter Brutplatz für Seuchen. Im letzten Jahr wurden die Kontingente für die islamischen Länder, die bisher jährlich ein Tausendstel ihrer Bevölkerung schicken durften, um 20 Prozent reduziert, unter anderem wegen des Mers-Virus. Der politische Druck bleibt beständig. Von Beginn an musste die Dynastie der Saud, die überdies nicht vom Propheten abstammt, beweisen, "dass ihr Zugriff auf die Provinzen der Halbinsel keine Privatisierung der heiligen Orte nach sich zieht, die als Allgemeinerbe der Sunna angesehen werden. Überdies berufen sich die Saudis auf die marginale Doktrin des Wahabismus, die sie den heiligen Orten zwangsweise auferlegt haben, vor allem durch eine strikte Kontrolle der Sitten und eine Schleifung von Heiligengräbern, die vielen der Pilger teuer waren."

Magazinrundschau vom 25.04.2014 - La vie des idees

Völkerrechtlich lässt sich die Annexion der Krim durch Wladimir Putin nicht rechtfertigen, sagt der Rechtsprofessor Yann Kerbrat aus Aix/Marseille in einem ausführlichen Gespräch mit Florent Guénard: "In seiner externen Dimension, das heißt als Recht auf Sezession, ist das Völkerrecht in eingem Zusammenhang mit der Entkolonisierung konstruiert worden. Es wurde keineswegs als ein Recht auf die Destabilisierung von Staaten konzipiert, das jedem Volk oder jeder Minderheit mit einem Willen zur Unabhängigkeit in die Hände spielt. Formuliert duch mehrere aufeinanderfolgende Resolutionen in der Generalversammlung der Vereinten Nationen, ist dieses Recht eindeutig nur für Völker festgelegt worden, "die unterjocht sind oder unter fremder Herrschaft oder Ausbeutung leiden". Das heißt für Völker unter kolonialer Herrschaft."

Magazinrundschau vom 04.04.2014 - La vie des idees

Deutet sich ein Paradigmenwechsel beim Begriff der Rasse an, fragen Claude-Olivier Doron und Jean-Paul Lallemand-Stempak und sichten zur Einordnung mehrere - interdiziplinäre - Beiträge zum Thema. Bei Juristen, Anthropologen und Soziologen sei jedenfalls seit einigen Jahren ein Anstieg von Untersuchungen zur Rückkehr des biologischen Rassekonzepts in der medizinischen, rechtsmedizinischen oder genealogischen Forschung zu verzeichnen. Und oft werde die Neudefinition von den Minderheiten selbst betrieben, betonen die Autoren: "Catherine Bliss zeigt, dass diese Logik der freiwilligen Inklusion in der Medizin und Genetik von engagierten Forschern ausgeht, die aus den Minderheiten kommen und ihre Forschung mit einem politischen Engagement verbinden, um gesundheitliche Nachteile auszugleichen, unter denen ihre Gruppen leiden. Auf diese Weise erscheinen die Begriffe "Rasse" oder "Ethnie" nicht mehr als negative Begriffe und Vehikel der Hegemonie, sondern "positive" strategische Instrumente, die es erlauben Ungleichheiten anzuprangern und zu bekämpfen."