La Vie des idees präsentiert ein höchst interessantes Dossier über
Timothy Snyder und die Rezeption seines Buchs
"Bloodlands", das inzwischen in viele - auch osteuropäische - Sprachen übersetzt ist. Jacques Semlin
beschreibt die zahlreichen Reaktionen bekannter Historiker auf das Buch - kaum jemand hat nicht dazu geschrieben, und kaum jemand, so scheint es, lässt ein gutes Haar daran. Offenbar ein prägendes Buch! Einer der Gründe ist wohl, dass er von
keiner nationalen Perspektive zu vereinnahmen ist: "Snyder gelingt diese intellektuelle und moralische Leistung, weil er viele
osteuropäische Sprachen beherrscht und somit aus den Arbeiten von neuen Historikern dieser Länder schöpfen konnte, die nicht ins Englische übersetzt sind. Snyder ist also ein Wissensvermittler, ein außergewöhnlicher 'Weitererzähler' dieser Massenhinrichtungen. Er schafft eine
neue erzählerische Synthese, daher der Eindruck des 'Neuen' bei seinen Lesern - auch solchen, die glaubten, mit diesen Tragödien vertraut zu sein."
Im
Interview mit Thomas Grillot und Jacques Semlin geht Snyder ausführlich auf die Kritiken ein und findet auch viele kritische Worte für
deutsche Historiker, die seiner Meinung nach viel zu oft nicht in der Lage sind, die Quellen im Original zu lesen. Den
Historikerstreit sieht er unter anderem durch sein Buch als erledigt an: "Es war eine
nationalistische Debatte, in der Nolte nach einer Entschuldigung für Deutschland suchte; aber die Leute auf der Gegenseite waren oftmals auch sehr nationalistisch, auch wenn sie in einem anderen Ton sprachen.
Habermas' Position war: Wie auch immer die historische Wirklichkeit aussieht - und er kannte sie schlecht - das Ziel der Geschichte ist es, das deutsche Volk von heute zu belehren. Das hieß, dass er als Intellektueller die Macht hatte zu sagen, welche Geschichte nützlich sei und welche nicht."