Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 19

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - La vie des idees

Über dreißig Jahre ist es her, dass der französische Soziologe Pierre Bourdieu sein Opus magnum "Die feinen Unterschiede" vorlegte. Zeit also, einmal zu überprüfen, ob seine Thesen zur Entstehung und Funktion des "Klassengeschmacks" sowie seine Konzepte und Begriffe auch heute noch Gültigkeit haben. "Klassifiziert kulturelles Kapital noch?" lautet denn auch die Überschrift von Igor Martinaches Besprechung eines Sammelbandes zum Thema in La vie des idées. Der Band beinhaltet auch aktuelle internationale Forschungsbeiträge, etwa zur Dominanz eines "traditionellen Geschmacks" der reichsten Einwohner von Sao Paulo, der jeglichen Avantgardismus ablehnt, oder "zu einem Vergleich zwischen Großbritannien und Dänemark, der sich unter anderem auch auf Forschungen in Serbien bezieht und zu zeigen versucht, dass in diesen sehr unterschiedlichen Kulturen nach wie vor eine wenn auch schwächer werdende legitime Wissenskultur existiert, mittels derer die Angehörigen der dominanten Gesellschaftsklassen sich weiterhin abgrenzen."

In einem flankierenden Gespräch bestätigt Herausgeber Philippe Coulangeon die erstaunliche Anpassungsfähigkeit von Bourdieus Analyseinstrumentarium auch an andere historische und kulturelle Kontexte. Natürlich könne man sagen, was in den Siebzigerjahren über soziale Positionen und gewisse Merkmale wie Geschmack, Lebensstil geschrieben wurde, heute nicht mehr funktioniere. Aber sie existierten immer noch, manifestierten sich allerdings nicht mehr in gleicher Weise. "Ich persönlich glaube, dass die Matrix absolut zutreffend und aussagekräftig ist, um gewisse Sachverhalte zu verstehen, auch wenn sich deren Erscheinungsformen stark verändert haben." Außerdem gefunden: eine Doku des Hessischen Rundfunks von 1981 über Bourdieu und die "feinen Unterschiede".

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - La vie des idees

Paul Gradvohl stellt ein neues Buch des polnischen Fotografen Tomasz Kizny und der Journalistin Dominique Roynette vor, das die Epoche des Großen Terrors respektive der gigantischen "Säuberungswelle" in der Sowjetunion in den Jahren 1937 und 1938 aufarbeitet. Es umfasst Textbeiträge unter anderem des russischen Historikers und Menschenrechtlers Arseni Roginski sowie des französischen Historikers Nicolas Werth, der schon 2009 eine historische Analyse (L'Ivrogne et la marchande de fleurs. Autopsie d'un meurtre de masse. 1937-1938) dieser Epoche vorgelegt hatte, vor allem jedoch lange unter Verschluss gehaltene Porträtfotos von Verhafteten, die das stalinistische Regime laut Kizny prinzipiell aufnahm, damit es bei späteren Exekutionen nicht zu "Verwechslungen" kam. "Häufiger jedoch wurden sie erst kurz vor der Erschießung aufgenommen, bevor sie in die Geheimarchive des NKWD wanderten. Mit ihrer Veröffentlichung gibt das Buch den Opfern ein starkes und einzigartiges Bild zurück, aus dem einfachen Grund, dass jede Fotografie eine ganze Seite einnimmt, und der Schwerpunkt auf einer Gegenüberstellung mit einer Reihe von Informationen aus Akten des NKWD liegt."

Richtungsweisend nennt Solenn Carof eine Studie der amerikanischen Soziologin Abigail Saguy, die den provozierenden Titel "Was spricht gegen Fett?" trägt ("What's Wrong with Fat?") und eine der ersten systematischen Untersuchungen der "Kollateralschäden des Kampfs gegen Übergewicht" (so der Untertitel) ist: "Sie zeichnet einige Debatten und Kontroversen nach, die seit etwa zwanzig Jahren Übergewicht auf die politische Agenda setzen. Und sie erinnert daran, wie der Diskurs über 'die Seuche Fettsucht' zwischen moralischem Kreuzzug oder politischer Zweckentfremdung von zahlreichen Akteuren dazu genutzt wurde, Finanzmittel, Anerkennung oder Medienpräsenz zu erhalten. Übergewichtige ihrerseits versuchten, gegen dieses Machtverhältnis durch eine konkretere, ja sogar forderndere Sichtweise anzukämpfen, indem sie sich nicht zuletzt an Bürgerrechtsbewegungen orientieren."

Magazinrundschau vom 19.11.2013 - La vie des idees

Jean-Marc Dreyfus liest die französische Übersetzung des Buchs "Soldaten - Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben" von Sönke Neitzel und Harald Welzer, das die Gewalt deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg aus der Gruppendynamik unter Soldaten erklärt - und ist irritiert: "Die Schlussfolgerungen des Werks sind weithin unerwartet (obwohl der Leser schon in der Einführung darauf vorbereitet wird). Demnach kann die Gewalt der deutschen Soldaten nicht als anders definiert werden als die Gewalt anderer Soldaten - und tatsächlich wird mit amerikanischen Soldaten in Vietnam oder dem Irak verglichen... Dieser Schluss der Autoren ist angesichts des Reichtums ihrer Analysen enttäuschend. Beunruhigend gar, weil er durch Verallgemeinerung womöglich das Risiko einer Relativierung der Naziverbrechen eingeht."

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - La vie des idees

"Fundiert und umfassend" findet Bertrand Guest eine Kulturgeschichte des Reisens, das sich seit den großen Entdeckungsreisen Ende des 18. bis zu den Anfängen des Massentourismus Anfang des 20. Jahrhunderts stark gewandelt habe. Sylvain Venayre fokussiere in ihrem "Panorama du voyage 1780-1920" vor allem auf die unterschiedlichen Formen und Reisetypen, denn Erforscher, Bildungsreisende, Kurgäste oder Pilger reisen eben nicht auf gleiche Weise, lernt Guest. So zeigt ihm das Buch, wie allmählich das Vergnügen in den Mittelpunkt des Reisens rückt: "Die Grenze zwischen medizinischer Strenge oder kirchliche Buße und diesem Verlangen nach Vergnügen verschwimmen. Zu genießen schließt weder aus, etwas zu lernen oder zu erfahren, noch zu beten oder sich um seine Gesundheit zu kümmern. Stattdessen reicht Genuss zunehmend aus, das Reisen als solches zu legitimieren - Kur und Wallfahrt inbegriffen."

Vorgestellt werden außerdem zwei neue Bücher über Marokko und Algerien, von denen Rezensent M'hamed Oualdi überzeugt ist, dass sie künftig Standardwerke über Frankreichs ehemaligen Kolonien sein werden: "Histoire de l'Algérie à la période coloniale (1830-1962)" von Abderrahmane Bouchene et al. und "Histoire du Maroc de Moulay Idris a Mohammed VI" von Daniel Rivet.
Stichwörter: Algerien, Marokko, Massentourismus

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - La vie des idees

Nicolas Picard liest Anne Carols Studie mit dem großartigen Titel "Physiologie de la Veuve", die die von den Ärzten Joseph-Ignace Guillotin und Antoine Louis aus humanitären Gründen erfundene Guillotine in die Geschichte medizinischen Denkens stellt. Denn seit dieser Zeit, so Picard, "braucht der Übergang vom Leben zum Tod eine Diagnose. Der 'gute Tod' wird laizisiert, es geht darum, schnell und ohne Leid zu sterben. Darum spricht sich Guillotin nicht nur als Schüler des Rechtsphilosphen Cesare Beccaria und Erneuerera des Strafrechts für eine Modernisierung der Exekution aus, auch seine Ausführunen zur 'Technik' spiegeln eine medizinischer Expertenschaft in der Frage des idealen Tods wider. Aus demselben Grund wendet sich die Constituante an Antoine Louis, den Autor des 'Briefs über die Gewissheit der Todesanzeichen', der dazu beitragen soll, einen plötzlichen und schmerzlosen Tod zu bieten."

Außerdem in La vie des idées: ein Essay des Philosophen José Luis Moreno Pestaña über die Bewegung der "Empörten" in Spanien.

Magazinrundschau vom 19.02.2013 - La vie des idees

La Vie des idees präsentiert ein höchst interessantes Dossier über Timothy Snyder und die Rezeption seines Buchs "Bloodlands", das inzwischen in viele - auch osteuropäische - Sprachen übersetzt ist. Jacques Semlin beschreibt die zahlreichen Reaktionen bekannter Historiker auf das Buch - kaum jemand hat nicht dazu geschrieben, und kaum jemand, so scheint es, lässt ein gutes Haar daran. Offenbar ein prägendes Buch! Einer der Gründe ist wohl, dass er von keiner nationalen Perspektive zu vereinnahmen ist: "Snyder gelingt diese intellektuelle und moralische Leistung, weil er viele osteuropäische Sprachen beherrscht und somit aus den Arbeiten von neuen Historikern dieser Länder schöpfen konnte, die nicht ins Englische übersetzt sind. Snyder ist also ein Wissensvermittler, ein außergewöhnlicher 'Weitererzähler' dieser Massenhinrichtungen. Er schafft eine neue erzählerische Synthese, daher der Eindruck des 'Neuen' bei seinen Lesern - auch solchen, die glaubten, mit diesen Tragödien vertraut zu sein."

Im Interview mit Thomas Grillot und Jacques Semlin geht Snyder ausführlich auf die Kritiken ein und findet auch viele kritische Worte für deutsche Historiker, die seiner Meinung nach viel zu oft nicht in der Lage sind, die Quellen im Original zu lesen. Den Historikerstreit sieht er unter anderem durch sein Buch als erledigt an: "Es war eine nationalistische Debatte, in der Nolte nach einer Entschuldigung für Deutschland suchte; aber die Leute auf der Gegenseite waren oftmals auch sehr nationalistisch, auch wenn sie in einem anderen Ton sprachen. Habermas' Position war: Wie auch immer die historische Wirklichkeit aussieht - und er kannte sie schlecht - das Ziel der Geschichte ist es, das deutsche Volk von heute zu belehren. Das hieß, dass er als Intellektueller die Macht hatte zu sagen, welche Geschichte nützlich sei und welche nicht."

Magazinrundschau vom 04.12.2012 - La vie des idees

Bestürzend liest sich, was Frédérique Leichter-Flack über Anatolij Kusnezow Dokumentarroman "Babij Jar" schreibt, der in Frankreich erstmals in unzensierter Fassung erscheint (in Deutschland hatte Matthes & Seitz das Buch erstmals 2001 in vollständiger Version herausgebracht). Der Autor hatte als Zwöfljähriger mitangesehen, wie über 30.000 Juden in der Schlucht bei Kiew erschossen wurden und Anfang der Sechziger das vorliegende Buch veröffentlicht, das von den Sowjets allerdings stark zensiert wurde. Unzensiert hat es Kusnezow erst in seinem Londoner Exil, Ende der sechziger Jahre, veröffentlicht. Besonders deutlich macht die französische Edition das Ausmaß der Holocaustleugnung in der zensierten sowjetischen Fassung des Buchs kenntlich: Zunächst waren es die Deutschen, die alles taten, um den "Ort des Massakers zu verschleiern (der Autor stützt sich hier auf die Erzählung eines ukrainischen Gefangenen, der daran mitarbeiten musste, als die Deutschen 1943 kurz vor der Aufgabe der Stadt standen). Und es setzt sich fort mit den sowjetischen Bemühungen, alle Spuren des Massakers zu tilgen und jedes kollektive Gedächtnis an die Stätte zu verhindern."

Magazinrundschau vom 20.11.2012 - La vie des idees

Der Kriminalroman, die Soziologie und die Paranoia sind das Thema der Studie "Enigmes et Complots" des Soziologen Luc Boltanski, die Nicolas Auray in einem hoch gelehrten Essay vorstellt. Darin untersucht Boltanski diese "drei Formen der Ermittlung", die alle am Ende des 19. Jahrunderts aufkamen und "Ausdruck der gleichen Unruhe" seien. "Luc Boltanskis These lautet, dass diese drei Formen des Skeptizismus, der Infragestellung der Realität und die seltsame Koinzidenz ihres Auftretens parallel zur Einführung der europäischen Nationalstaaten stehen." Auray bewertet die Studie abschließend als "Hinwendung zu einer Philosophie, um nicht zu sagen 'Methodologie' der Unordnung" und den Verweis auf die gesellschaftliche "Ambivalenz zwischen Institution und Kritik, zwischen dem Öffentlichen und dem Offizösen, zwischen Wirklichkeit und Welt".

Magazinrundschau vom 22.05.2012 - La vie des idees

Sophie Leclerc stellt das Buch "Pekin 798" des Anthropologen Marc Abeles vor, der darin mit dem Blick des Ethnologen das inzwischen weltberühmte Künstlerviertel 798 im Nordosten Pekings, ursprünglich eine alte Militärfabrik, beschreibt. "Das Buch handelt von der Art und Weise, in welcher der Ort, mal aufgeladen mit Geschichte, mal in einem extremen Verfallszustand an der Grenze zur Müllhalde, ein sensibler Erfahrungsraum für den Künstler ist, der ihn für seine Arbeit nutzt. Umgekehrt ist das Quartier nicht einfach nur die Summe der künstlerischen Ausdrucksformen, die es beherbergt - es wird selbst zu einem Artefakt. Mit den renommierten Künstlern, die den Ort nutzen, mit den Kunstwerken, die sich häufig mit der Archiktur vermengen, mit den bedeutenden Ausstellungen, die dort veranstaltet werden, und den Perfomances, die hier stattfinden, entsteht eine Geschichte."

Magazinrundschau vom 10.04.2012 - La vie des idees

Zu lesen ist die Kurzfassung eines Gesprächs, das David Bornstein mit einer tunesischen Zeichnerin führte, die ihre satirischen Kommentare auf die gegenwärtige gesellschaftlichen Umbrüche in ihrem Land unter dem Pseudonym Willis from Tunis veröffentlicht. Sie wünscht sich, dass endlich Schluss ist mit der Selbstzensur, der allgegenwärtigen Schere im Kopf. Sie genieße die neugewonne Freiheit und möchte nie mehr in die Zeiten der Einschüchterungen zurückfallen, unter denen man jahrzehntelang gelitten habe. Frei zu arbeiten empfindet sie als Katharsis und als ein Mittel, die Angst zu überwinden. "Zum Glück gab es Facebook, das Internet oder Twitter, um all das zu teilen. Heute, sogar nach den Wahlen, sogar nach den Ergebnissen, die uns alle ein wenig stören, sind es wichtige Kommunikationsinstrumente, viel wichtiger als das Fernsehen, Radio oder sonstige Medien. Sie sind das Hilfsmittel, um unsere Gedanken mit Tausenden von Menschen, egal ob dafür oder dagegen, auf eine maximale Weise zu teilen." Hier das vollständige Gespräch auf Video.
Stichwörter: Selbstzensur, Umbruch