Im Kino

Nichts ohne Etwas

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
21.07.2010. Drei Männer in Istanbul aus drei Gesellschaftsschichten spielen sich selbst: Asli Özge macht es sich in ihrem Spielfilmdebüt "Men on the Bridge" nie zu einfach. Viel Lärm um Nichts veranstalten Cameron Diaz, Tom Cruise und ein kleines Energiewunder im Sommerblockbuster "Knight & Day".

Der aktuell größte Hollywood-Star spielt in "Knight & Day" gar nicht mit: der sonst allgegenwärtige Kerl namens 3 D. Auch der übelste Rüpel, gerade per Tonband von seiner Ex als rassistischer Frauenprügler gerichtsnotorisch gemacht, fehlt: Mel Gibson. Immerhin Seine Unmöglichkeit Tom Cruise ist dabei: Sofahüpfer, Dianetik-Prophet, Schirrmachers Held. Auf dem Flughafen guckt er sich eine dem Publikum gut bekannte Blondine aus, Cameron Diaz. Er rempelt sie an, einmal und zweimal, erst viel später wird uns als Zuschauern begreiflich gemacht, warum genau er das tut. Erst mal ist es nur rätselhaft. Rätselhafter noch allerdings das Flugzeug, in das die Blondine wegen angeblicher Überbuchung zunächst nicht und dann doch darf. Der Held, der Roy Miller heißt (wenngleich eigentlich noch einmal anders) bandelt über Drinks mit ihr, dann, als sie sich frisch machen geht, mit den sehr wenigen anderen Flugzeuginsassen an. Sie überlebt, die anderen nicht. Beginn einer wundersamen Beziehung.

"Knight & Day" ist ein Container für allerlei: Diaz & Cruise, Jäger & Gejagte, möglicherweise Gute & zum Schein Böse, Autoverfolgungsjagden mit Schuss, Südseeinselromantik, Kampf zwischen Stier & Motorrad, robuste Scherze, Gefechte sonder Zahl, Schauplatzwechsel wie Bewusstseinsverluste galore. Aus dem Mystery-Anfang pellt sich allzu schnell die ActionRomCom heraus, als die sich der Film angestrengtestens versucht. Einräumen mag man, dass das angestrengte Versuchen insbesondere des Unangestrengten das Metier keines anderen Stars so sehr ist wie das des Tom Cruise. Insofern ist die Besetzung geglückt. An der Leichtigkeit, die eine so gewagte Genre-Mixtur gut brauchen könnte, fehlt es dann allerdings an allen Ecken und Enden.


Das eigentliche Problem aber ist, dass der Mix nicht gelingt. Für die RomCom ist die Action hier irgendwie nicht der richtige Unterbrecher. Der Widerstand, der das Glück des Paars dem Genre entsprechend verzögern muss, sollte anderer Art sein als immer nur Zwischendurchkampf und/oder Betäubungstrunk. So kommt die Action ungut dazwischen, ohne für sich originell oder spannend genug inszeniert zu sein, um mehr als das Minimum an Adrenalinausstoß zu bewirken. Kompliziert sind die rund um den absurden McGuffin entfalteten Spionageverwicklungen. Wen kümmert's, wer jetzt gerade gegen wen und warum intrigiert. Dass der Plot kein ernstzunehmender ist, steht dem Film in Schweißperlen auf die Stirn geschrieben. Trotzdem windet und wendet er sich weiter und weiter.

Staunen muss man auch über die post-ironisch-post-feministische, vulgo: einfach nur reaktionäre Genderverteilung in Sachen aktiver Kampfkraft und passiv bewunderndem Augenaufschlag: Der Mann als undurchsichtiger Held, während die sein Handeln und Können entsetzt-begeistert bequietschende Blondine gerne in Ohnmacht fällt. Gegen Ende hin emanzipiert sie sich etwas als rückwärts schießendes Cowgirl auf dem Motorrad und in müder Bekleidungsscherzumkehrung im Schlusspointenmoment. Zu wenig, zu spät. ActionRomCom ist natürlich von vorneherein die Alternativbezeichnung für ein Genre des Namens "Viel Lärm um nichts". Der Lärm macht in "Knight & Day" (bescheuerter Titel, übrigens) nur gelegentlich Spaß. Und dem Nichts fehlt das gewisse Etwas.

Ekkehard Knörer

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Zwei große Autobrücken überspannen den Bosporus und verbinden den asiatischen und den europäischen Teil Istanbuls miteinander. Beide Brücken sind chronisch überfüllt und werden für einen nicht geringen Teil der Stadtbevölkerung für einige Stunden täglich zu einem Teil des eigenen Lebensraums.

"Men on the Bridge", der erste lange Kinofilm der seit einigen Jahren in Berlin lebenden Türkin Asli Özge, nimmt seinen Anfang auf einer der beiden Brücken und entwickelt ausgehend von diesem Ort drei Figuren, beziehungsweise Figurenkonstellationen: Zunächst ist da Fikret, der früh die Schule abgebrochen hat, in einem der ärmsten Stadtteilen der Metropole wohnt und mit einem Freund auf der Brücke Rosen an Autofahrer verkauft. Der Verkehrspolizist Murat ist aus einer konservativen Kleinstadt in Zentralanatolien nach Istanbul gekommen und vermag dort nicht so recht Fuß zu fassen, vor allem nicht bei den Frauen. Lieber telefoniert er mit seiner Mutter. Schließlich gibt es noch Umut, einen Sammeltaxifahrer, der nicht genug verdient, um seine Frau Cemile zufrieden zu stellen. Gemeinsam besichtigen sie immer neue Wohnungen, die sie sich doch nicht leisten können.

Es gibt kurze, zufällige Begegnungen zwischen diesen drei jungen Männern, aber diese Begegnungen sind nicht der Punkt in "Men on the Bridge". Es geht dem Film nicht um schicksalsschwangere Überschneidungen der, sondern um strukturelle Parallelen und Differenzen zwischen den drei Handlungssträngen. Drei Arbeitsplätze, drei Wohnungen, drei Gespräche mit Freunden über Sex etc. Der gemeinsame Nenner der drei Lebenswelten, die der Film in unrpätentiösen, oft quasidokumentarischen Bildern entwirft, ist ebenso simpel wie einleuchtend: Es fehlt an Geld. Aber natürlich fehlt das Geld in der unteren Mittelklasse auf eine andere, subtilere Weise als im Elendsviertel der Rosenverkäufer.

Analog dazu sind die Ausschluss- und Selbsteinschließungsmechanismen in allen drei Gesellschaftsschichten unterschiedlich beschaffen. Fikret kann von einem Ladenbesitzer kurzerhand aus dem Geschäft geworfen werden, weil dieser auf den ersten Blick sieht, dass sich der Siebzehnjährige kein Handy leisten kann, während die Immobilienmaklerin Umut und Cemile nicht so einfach los wird. Und warum Murat bei seinen im Internet aufgegabelten Dates - die Chat-Szenen sind bezaubernd - keine größeren Erfolge feiert, lässt der Film offen. Die Kreditkartenschulden dürften eine Rolle spielen.


"Men on the Bridge" ist eine ehrliche, vielschichtige Sozialstudie, die aus der Tatsache keinen Hehl macht, dass die meisten Menschen aus der sozialen Schicht, in die sie hineingeboren werden, zeitlebens nicht mehr hinausfinden; egal, ob sie es versuchen, wie Fikret und Cemile, oder ob sie den Versuch bereits aufgegeben haben, wie Murat und Umut. Der Film verweigert sich falschen Hoffnungen, nämlich solchen, die nichts weiter als Hoffnungen des Films, Konventionen eines rosa-neorealistischen Arthauskinos wären. Es gibt nicht den einen, der stellvertretend für alle anderen aus dem System ausbricht.

Statt dessen gibt es immer wieder Großaufnahmen der schweigenden, ruhig nach vorne blickenden Gesichter. Junge, in vieler Hinsicht noch ungeformte Gesichter sind das, fast ausschließlich Gesichter von Laiendarstellern, die mehr oder weniger und ausnahmslos sehr überzeugend sich selbst spielen im Film (nur echte Polizisten durfte die Regisseurin Asli Özge nicht filmen). In den Großaufnahmen scheint der Film die Gesichter formen, oder zumindest deren Formung präfigurieren zu wollen. Denn der Gegenschuss, der auf diese Großaufnahmen unweigerlich folgt, ist immer wieder die Welt mit ihren kleinen und großen Demütigungen.

Durchzogen werden die drei Handlugsstränge von nationalistischen Diskursen: Das Feuerwerk zum Tag der Republik, eine Militärparade, Solidaritätskundgebungen nach Auseinandersetzungen der türkischen Armee mit der PKK. Die drei Figuren verhalten sich zu diesem Nationalismus auf unterschiedliche, aber letztlich allesamt affirmative Weise. Auch hier verzichtet "Men on the Bridge" darauf, das zu tun, was fast jeder andere Film tun würde: Er etabliert keine Außenperspektive - die das Dargestellte automatisch relativieren würde -, sondern bleibt seinem streng analytischen Programm auf bewundernswerte Weise treu. Ausgerechnet der Bezug auf die Nation, ihre Symbole und ihre Paranoia, ist das einzige, was Fikret, Murat und Umut verbinden könnte.

Lukas Foerster

Men on the Bridge. Deutschland / Türkei / Niederlande 2009 - Originaltitel: Köprüdekiler - Regie: Asli Özge - Darsteller: Fikret Portakal, Murat Tokgöz, Umut Ilker, Cemile Ilker

Knight & Day. USA 2010 - Regie: James Mangold - Darsteller: Tom Cruise, Cameron Diaz, Peter Sarsgaard, Viola Davis, Paul Dano, Jordi Molla, Maggie Grace, Marc Blucas, Olivier Martinez, Falk Hentschel, Liam Ferguson, Jerrell Lee