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Im Kino

Hoch gehen sie doch

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer, Nikolaus Perneczky
20.04.2011. Sehr viel dümmer als die Polizei erlaubt - und trotzem eine Gefahr für sich und die Mitwelt - sind die islamistischen Helden von Chris Morris' brillanter Selbstmordattentäter-Komödie "Four Lions". Als weit vom Original entferntes Remake eines südkoreanischen Exzess-Kino-Klassikers hat dagegen Im Sang-Soos Thriller "Das Hausmädchen" schon im Cannes-Wettbewerb die Kenner erstaunt.


Omar kennt sich gut aus mit Überwachungskameras: Tagein und tagaus sitzt er vor den Monitoren, die die CCTV-Bilder zeigen und beobachtet die banale Alltäglichkeit der britischen Straßenwelt für den Fall, dass etwas aus ihrem Rahmen fällt. Wer das Böse freilich tatsächlich erkennen will in Christopher Morris? Selbstmordattentäter-Komödie "Four Lions", muss die Blickrichtung wechseln: Omar selbst ist der Mann, der als freundlicher Islamist von nebenan Anschläge plant und sich mit möglichst großen Kollateralschäden im Namen des Herrn und mitsamt dem Bart des Propheten in die Luft jagen will. Um sich geschart hat Omar eine Gruppe von drei (dann vier) ganz und gar nicht ausgeschlafenen Männern in einer Sleeper-Cell, die im Laufe des Films vor Augen führt, wie man sich bei der Vorbereitung und Ausführung eines Sprengstoffanschlags besser nicht anstellen sollte.

Neben Omar, dem (vergleichsweise, muss man sagen) smarten Familienvater mit dem gewitzten Sohn und der sehr attraktiven attentatssolidarischen Ehefrau sowie einem fundamentalislamischen, aber friedfertigen Bruder, sind da: Erstens Barry, ein urbritischer Konvertit, der seine mordlustige Vollpfosten-Beschaffenheit in anderen Zeiten auf beliebige andere terroristische Tätigkeitsfelder wenden würde, nun aber unter dem nom de bomb Azzam al-Britani gern eine Moschee in die Luft sprengen möchte, um auf diese agent-provocateur-hafte Weise den Zorn der Muslime zu entfachen. (Er holt sich dabei auf vielsagende Weise aber nur eine blutige Nase.) Zweitens Faisal, ein Bombenbastler, unter dessen Mütze nicht gerade viel los ist, jedoch unternimmt er ein lustiges Sprengstoff-Experiment mit einer Krähe, das sein eigenes Schafs-Haschee-Schicksal präfiguriert. Drittens Waj, ein Netter mit dem Herz am rechten Fleck (was immer er selbst darüber so denkt), jedoch ein außengeleiteter Mensch, wenn es je einen gab. Als Rapper mit Mut zu schwierigen Reimen gehört Hassan zur Truppe bzw. erweist sich nach Rückkehr zweier Mitglieder aus dem pakistanischen Trainingscamp (fragen Sie nicht...) als Neuzugang, der den Terror-Dilettanten gerade noch gefehlt hat.



"Four Lions" zerfällt in einzelne Sketche, in denen von Slapstick bis Wortwitz mit sehr schwarzem Humor und Sinn fürs Absurde Chris Morris und seine Drehbuchkoautoren viele Register ziehen, jedes davon sehr gekonnt. Manches davon ist nach dem beträchtlichen Erfolg des Films bereits als geflügeltes Wort unterwegs und lässt sich, positively pythonesk, in trauter Runde gut nachspielen, vom aus Versehen erschossenen Marathon-Wookie (ist ein Wookie ein Bär?) bis zur Verkleidung als Frau durch händisches Verstecken des Barts (Faisal!) beim Peroxidkauf. Erfreulich ist nicht nur, bis in welche verwickelten Extreme der Idiotie der Film seinen Helden folgt, dabei Denkfehler und Non Sequiturs zur Kunstform entwickelt und dass er in fast jeder seiner komischen Anstrengungen atemberaubend gut funktioniert. Erfreulich ist auch, dass er vor der Zuspitzung der Ereignisse im Gegenzug nicht zurückschreckt: Dumm bombt nicht gut, aber hoch gehen sie doch.

Gerade in ihrer Torheit sind die Dschihadisten hier Menschen - mit der Ausnahme vielleicht des angelsächsischen Möchtegern-Islamisten Barry, dessen destruktive Ideen - für ihn selbst eher nicht reflektierbar - verlässlich beinhart weit rechts landen. Ohne dass etwas an ihrem Denken und Tun zu verteidigen wäre, entwickelt man insgesamt dennoch etwas wie Mitgefühl mit der Bedröppeltheit der anderen vier. Man lacht über sie, ohne das Schreckliche ihrer Planungen und dann auch Taten dabei zu vergessen. Man möchte sie zugleich aber doch in Schutz nehmen vor ihrer totalen Verblendung. Omar, der Anführer, ist allerdings noch einmal ein Kapitel für sich. Die in der Figur steckende These, dass es auch gutaussehende, bestens integrierte Islamisten mit Sinn für Spritzpistolen-Albernheit geben mag, wird an diesem Sympathieträger so recht nicht plausibel.

Grundsätzlich steckt aber Wahrheit in der Behauptung, dass nicht die Koranauslegungssicherheit, sondern die bloße Willkür im Verbund mit Vorurteil, Hass auf dieses und jenes sowie der Wunsch nach Anerkennung in der Gemeinschaft von Freunden zur explosiven Dynamik einer Schläferzelle des Bösen führen. Nicht den Islam, sondern diverse Verzerrungsformen des Religiösen und zuvörderst die Unendlichkeit menschlicher Dummheit gibt Christopher Morris hier zum Abschuss frei. Auf den Schlips, bzw. den Bart getreten wird hier nur tatsächlichen Islamisten. Der Rest der Muslime des Ostens, des Westens, des Südens und des nördlichen England (in Sheffield wurde gedreht) darf sich beömmeln wie jeder andere auch. (Gelegenheit gab es bislang nur bedingt, wie der Blick auf die internationalen Startlisten zeigt.)

Ekkehard Knörer

***



Im Sang-Soos "Hanyo" ist ein Remake von Kim Ki-Youngs gleichnamigem B-Kammerspiel aus dem Jahr 1960 - und doch ein ganz anderer Film. Wo Kims verkantete Schwarzweißwelt von dem exzessiven Begehren ihrer Figuren aus der Balance geworfen wird, herrschen bei Im gedeckte Farben und gediegene Kamerafahrten vor, die nur gelegentlich, und mit Ausnahme des großartigen Finales stets sehr dezent, aus der Fassung geraten. Und wo die Vorlage sich getraut, eine abgeschlossene Welt zu setzen, die ohne Rekurs auf das Inventar filmischer Realismen etwas über die wirkliche aussagt, verliert die Neubearbeitung vereinzelt den Mut und öffnet ihren stilisierten Erzählraum auf das wirkliche, einigermaßen stereotyp in handkameradurchrüttelten DV-Bildern eingefangene Korea "da draußen". Man versteht, dass hier Anschluss an gesellschaftliche Diskurse gesucht wird, bleibt aber
wenn man von der Republik Korea so wenig Ahnung hat wie der Rezensent, im Ungewissen, ob die hinzeigende Geste ausreicht, um diesen Anspruch auch einzuholen.



Es ist nicht viel mehr als eine vage narrative Prämisse, die beide Filme verbindet: Eine Familie stellt ein Hausmädchen ein, das eine sexuelle Beziehung mit dem Hausherren anknüpft. Anno 1960 ist das Mädchen eine ausgemachte femme fatale samt exaltierter Sexualität und böser Absichten, im ein halbes Jahrhundert jüngeren Remake gerät es, wie eine andere Figur scharfsichtig bemerkt, zum heiligen Tor in der Nachfolge von Dostojewskijs Idioten, dessen Anwesenheit die feine (und weniger feine) Gesellschaft dazu bringt, ihr Wesen offen einzubekennen. Glücklicherweise entpuppen sich die Verhältnisse dann aber doch als etwas komplizierter als sie zunächst erscheinen. Das ist vor allem Jeon Do-Yeons subtiler Performance in der Titelrolle anzurechnen, die das Hausmädchen Eun-yi mit einem eigenen und eigentümlich unbestimmbaren Willen ausstattet, vermöge dessen es nie ganz in der Heteronomie seines Anstellungsverhältnisses aufgeht.



Jeons freies, spontanes Spiel steht in einem Gegensatz zu der formalen Selbstbeherrschung, die sich der Film ansonsten auferlegt. Lichtsetzung, Kamerabewegungen und Kadrage sind ebenso durchgestylt wie die perfekt zwischen Opulenz und Eleganz austarierten Interieurs des gutbürgerlichen Haushalts; ein film-gewordenes Wohnmagazin für Bessergestellte, die ihren Erbreichtum zwar signalisieren, aber nicht ausstellen mögen. Vielleicht soll die betont geschmackvolle Mise-en-scene das verinnerlichte comme il faut der Familienmitglieder nach außen kehren und Eun-yis Andersartigkeit im Kontrast dazu umso deutlicher hervortreten lassen. Aber noch in dem Wissen, dass es sich hierbei um inszenatorisches Kalkül handeln könnte, sehnt man sich nach den unverantwortlichen Exzessen des Originals.

Das heißt nicht, dass es mitunter nicht auch zur Sache geht: Der Sex in "Hanyo" ist eine überaus interessante Angelegenheit nicht so sehr nackter und verschwitzter Leinwandkörper, sondern er vermittelt sich auch und vor allem akustisch als explizite Saug- und, pardon, Flutschgeräusche, wie sie selten den phänomenalen Gesichtspunkt filmischen Geschlechtsverkehrs bilden. Allein, der Sex macht den sprichwörtlichen Braten nicht mehr fett, und auch dass Im seine Zurückhaltung ganz zuletzt aufgibt, um uns binnen weniger Minuten erst haltlos zu schockieren und dann in ein surreales Schlussbild zu entlassen, das andeutet, was "Hanyo" in den Händen eines mutigeren Regisseurs hätte werden können, ist, wofür das Englische eine so treffende Wendung bereithält: too little too late.

Nikolaus Perneczky

Four Lions. Großbritannien 2010 - Regie: Christopher Morris - Darsteller: Riz Ahmed, Arsher Ali, Nigel Lindsay, Kayvan Novak, Adeel Akhtar, Benedict Cumberbatch, Julia Davis, Craig Parkinson, Preeya Kalidas, Wasim Zakir, Ohammad Aqi

Das Hausmädchen. Südkorea 2010 - Originaltitel: Hanyo - Regie: Im Sang-soo - Darsteller: Jeon Do-yeon, Lee Jung-jae, Seo Woo, Ahn Seo-hyun, Youn Yuh-jung, Park Ji-young

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