Im Kino
Von einem Biber-Sherlock-Holmes verfolgt
Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
12.02.2025. Computerspiele und Trickfilme stehen Pate für einen Amateurfilm, wie er im Buche steht. Mike Chesliks "Hundreds of Beavers" beweist mit viel Kreativität, mit wie wenig Geld man inzwischen außergewöhnliche Filme drehen kann.
Das 18. Jahrhundert in den unbesiedelten Weiten Nordamerikas: Die Apfelfarm und Schnapsbrennerei Jean Kayaks (Ryland Brickson Cole Tews) geht in Flammen auf. Überall liegt Schnee, er besitzt nichts mehr außer den Sachen auf seinem Leib. Wie er auf sich gestellt zu Verpflegung und einer sicheren Feuerstelle gelangt, muss er schmerzhaft lernen. Nur langsam kommt er voran und beginnt, sich ein neues Standbein als Trapper aufzubauen. Mit jedem Biberer, Hasen oder Waschbären, den er erlegt und in Besitz ummünzt, kommt er seinem wichtigsten Ziel näher: die Tochter (Olivia Graves) des Fellhändlers (Doug Mancheski) zu heiraten. Wären da nicht die Biberer, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollen.
So ließe sich die Handlung von "Hundreds of Beavers" zusammenfassen, und doch ist damit noch nichts über den Film gesagt. Die Handlung ist hier nämlich so wichtig wie die groben Plotgerüste, die Computerspielen wie "The Secret of Monkey Island", "Day of the Tentacle" oder "Super Mario Bros." mitgegeben wurden. Erfülle die obskuren Wünsche von Voodoopriesterinnen und Gebrauchtschiffhändlern, um Pirat zu werden. Hindere Tentakel daran, die Weltherrschaft zu übernehmen, indem du Nudeln auf den Kopf einer Mumie platzierst. Rette die Prinzessin, indem du als Klempner auf Schildkröten springst. Es braucht ein Ziel und einen Weg dahin, damit der Spieler unterwegs vor wahnwitzige und kreative Herausforderungen gestellt werden kann.
Nach dem feuchtfröhlichen Intro, an dessen Ende der Brand steht, der Jean all seines Besitzes beraubt, dreht er sich als menschlicher Eiszapfen aus einer hohen, unberührten Schneeschicht. Die Spielfigur ist bereitgestellt, Level 1 beginnt. Er hat Hunger. Hasen laufen herum, Fische schwimmen im Fluss. Irgendeinen Weg muss es geben, diese zu fangen, ihm bleibt jedoch nur Trial und Error, um den Weg zum Ziel der Welt zu entlocken, einer sadistischen Welt, die es liebt, einem kurz vorm Ziel doch noch aus unerwarteter Ecke einen Stock in die Beine zu werfen. Wiederholt entwächst der gescheiterte Jean dem Schnee wie beim ersten Mal und startet von vorne.

Wie in einem Point-and-Click-Adventure muss er die absurden Wege finden, die zum Erfolg führen, wie in einem Jump 'n' Run muss er im Fluss von Holzblock zu Holzblock springen und ähnliches. Diese Computerspielemulation fühlt sich aber nie wie ein "Let's Play" an, also wie ein Video, in dem man jemand anderem beim Gamen zuschauen kann, sondern ist sichtlich nicht nur von Spielen, sondern auch von Slapstick-Komödien und "Roadrunner"-Cartoons inspiriert. Unsere Hauptfigur bringt - abgesehen von einem "Pardon?" - nur Ahs und Ohs über die Lippen. Seine Aufgaben erhält Jean über Zwischentitel und Anzeigetafeln. Gerade zu Beginn wirkt er wie eine bärtige Version von Wile E. Coyote. Wilder Plan wird auf wilden Plan gepackt, um ein Tier zu fangen, und doch scheint alles zum Scheitern verurteilt. Wobei die Niederlagen als Running Gags und absurde Variationen des ewig Gleichen vollzogen werden. Jean bildet den perfekten Avatar für einen Gamer, der bei einem neuen Spiel bei den ersten Gehversuchen ordentlich durchfrustriert wird, und "Hundred of Beavers" wird zur Komödie über die bittere Erfahrung, sich alleine durch die Trostlosigkeit eines absurden Lebens schlagen zu müssen.
Was der Film macht vermittelt aber nur unzureichend, was ihn ausmacht. Das Wie ist genauso wichtig. Und das artikuliert sich erst einmal durch Hemmnisse. Das Budget liegt im unteren sechsstelligen Dollarbereich. Die Postproduktion allein zog sich über zwei Jahre. Die Kostüme sind von der Stange bestellt und dann per Hand umgearbeitet. Die treibenden Kräfte, Hauptdarsteller und Drehbuchautor Tews und Langfilmregiedebütant Mike Cheslik, ziehen ohne Anbindung an die Filmindustrie ihre Projekte durch - die sie dann selbst vertreiben müssen.
"Hundreds of Beavers" ist ein Amateurfilm wie er im Buche steht. Wie nebenher beweist er aber auch, dass es einfacher denn je ist, einen preiswerten Film zu machen - man muss nur die Möglichkeiten, die es gibt, entsprechend ausnutzen. Cheslik und Tews erschaffen einen unverwechselbaren, atemberaubend schönen Stil. Das Schwarzweiß ist rauschig und warm. Die Bilder sind fast durchgängig aus unterschiedlichsten Ebenen von Fotos, Zeichnungen, groben Stop-Motion-Animationen und Filmaufnahmen montiert, die ineinandergeschoben wurden. Das Ergebnis sieht wie ein Computerspiel der frühen 1990er aus, wie ein Comic, wie eine Collage. Alle Tiere werden zudem von Menschen in besagten DIY-Kostümen dargestellt. Die Schönheit von "Hundreds of Beavers" ist keine ätherische, sondern eine von gnadenloser Verspieltheit.
So liebevoll die Optik, so versponnen die Gags. Selbst wenn der Film oft kaum vorwärtskommt und in den immer selben Situationen festzustecken scheint, selbst wenn er, exzessiv selbstverliebt, gar nicht erst versucht, dramaturgische Ermüdungserscheinungen abzuwenden, selbst wenn die Spielzeit von fast zwei Stunden bei der Eindimensionalität des Geschehens geradezu exzessiv wirkt: Die schiere Kreativität mit der unser Trapper im Schnee begraben, durch die Gegend geschossen, von Wölfen gejagt, von meterhohen Eiszapfen bedroht, von einem Biberer-Sherlock-Holmes verfolgt, durch einen Steampunk-Jump-n-Run-Bibererbau gejagt, von den sexuellen Avancen der Tochter eines flintenschwingenden Vaters gequält, von zurückschlagenden Fallen getnervt wird, tröstet über all das locker hinweg.
Robert Wagner
Hundreds of Beavers - USA - Regie: Mike Cheslik - Darsteller: Ryland Brickson Cole Tews, Olivia Graves, Doug Mancheski, Wes Tank, Luis Rico u.a. - Laufzeit: 108 Minuten.
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