Im Kino

Hier ist Aufatmen

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
28.05.2025. Aysun Bademsoys "Spielerinnen", Teil einer Serie von Dokumentarfilmen über ein türkisches Frauenfußballteam in Berlin Kreuzberg, erzählt schön und behutsam von Wirklichkeits-Zwischentönen. Und auch davon, dass sich in mancher Hinsicht in den letzten Jahrzehnten wenig geändert hat im Einwanderungsland Deutschland.

"Nichts hat sich geändert." "Vieles hat sich geändert." "Wir sind noch nicht angekommen", dies brauche noch "Jahrzehnte". Es sind solche oft nebenbei eingestreuten Anmerkungen, meist (aber nicht immer) resignative Feststellungen, in denen man in Aysun Bademsoys angenehm frei beobachtendem Dokumentarfilm "Spielerinnen" etwas zu fassen bekommt. Von den Ungleichzeitigkeiten gesellschaftlicher Entwicklungen, vom biografischen Abgleich, von Migrationsgeschichte in Deutschland, genauer: in Berlin-Kreuzberg (und benachbarten Vierteln).

Wer spricht da? Wer blickt zurück, wer zieht Bilanz? Im Wesentlichen eine Gruppe mittelalter türkischer Frauen sowie deren Töchter, die heute an der Schwelle zum Erwachsenenleben stehen. Im Kontext von Bademsoys dokumentarischen Schaffen sind die heutigen Mütter keine Unbekannten: In den Neunzigern, als sie so alt waren wie ihre Töchter heute sind (sogar noch etwas jünger), spielten sie in Kreuzberg Fußball - mit "Mädchen am Ball" (1995, hier dem Augenschein nach legal auf Youtube) und "Nach dem Spiel" (1997) drehte Bademsoy bereits zwei Filme über sie, 2008 kam noch "Ich gehe jetzt rein" hinzu. Und nun eben: "Spielerinnen".

Immer wieder schneidet Bademsoy das historische Videomaterial ein, kontrastiert es mit heutigen Statements und Beobachtungen. Unweigerlich zieht man Vergleiche: Wie sich das Altern in Gesichtern niederschlägt, in Körpern, Sprache und Auftreten. Drucksten die Mädchen in den Neunzigern manchmal noch herum ("Habt Ihr einen Freund?") oder gaben sich jugendlich vorlaut, sind sie heute gestandene Frauen, die das Leben kennen, wenn auch aus verschiedenen Blickwinkeln: Die eine ist Busfahrerin bei der BVG, die andere hat sich mit ihrem Mann ein ansehnliches gastronomisches Imperium in Berlin aufgebaut. Und die Wohnungen haben sich geändert: Zwischen den beengten, migrantisch-marginalisierten Wohnungen von einst und den lichteren, modernen, ganz gut ausgestatteten Wohnungen von heute liegt eine kleine Geschichte des zumindest moderaten Wohlstandsaufbaus - und die schon damals längst überfällige Anpassung zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft.


Eine historische Entwicklung zeigt sich auch im Abgleich der Töchter der einstigen Kickerinnen mit ihren Müttern im selben Alter: Mode, Make-Up, Auto, Studium - die Statussymbole und Selbstverständlichkeiten im Alltag haben sich geändert. "Spielerinnen" beginnt bereits mit einer Szene, in der eine Tochter in einem Insta-Live von den Dreharbeiten des Dokumentarfilms erzählt. Internet, Smartphone, Instagram - für die Müttergeneration wären das außerirdische Begriffe und Alltagsgewohnheiten gewesen. Vielleicht ist der jungen Generation auch einfach ein Stück Naivität der Jugend verloren gegangen, die in den Neunzigern noch selbstverständlich war. Das vorsichtige Herantasten ans eigentliche Leben, das Abfragen dessen, was vom Vorgefundenen wirklich von Belang ist, das stolpernde Zurechtfindenmüssen vollzog sich in der Elterngeneration der jungen Frauen noch deutlich welpenhafter. 

Und doch gibt es Parallelen. Auffallend oft kreisen Aysun Bademsoys (Nach-)Fragen ums Verhältnis zu Deutschland, spürbar ist ihr das ein Anliegen: Habt Ihr Kontakt zu Deutschen? Würdet Ihr einen Deutschen als Freund nehmen? Versteht Ihr Euch als Deutsche? In beiden Generationen sind solche Fragen prekär: Ja, schon, aber, hmm, nein - es kommt drauf an. Bademsoy überfrachtet die Antworten nicht mit einem eigenen gesellschaftspolitischen Anliegen, aber man meint doch, zwischen den Zeilen, zwischen den Bildern ein wenig Unbehagen zu spüren. War die einstige Fußballmädels-Truppe noch sehr dynamisch im Meinungsbild, zeichnet sich bei ihren Töchtern deutlich homogener eine Art Rückbesinnung ab: Zurück zum Unter-Sich-Bleiben-Wollen, zurück zur Religion. Was, wenn wir uns so weit anpassen, dass unsere Kultur verloren geht? Im Auftreten wird das Frausein deutlich mehr betont. Dass diese jungen Frauen hemdsärmelig ein Frauenfußball-Team in Kreuzberg auf die Beine stellen, wie das ihre Mütter noch gemacht haben? Eher unwahrscheinlich.

Die Türkei bleibt Sehnsuchtsort. Viele der älteren Frauen könnten sich gut vorstellen, dorthin zurückzukehren. Oder würden es ihren Eltern aus der ersten und zweiten Gastarbeitergeneration wünschen, ihren Lebensabend dort verbringen zu können. Die letzten Bilder dieses schönen, behutsamen Films, der einem viel erzählt von Wirklichkeits-Zwischentönen in Deutschland, die in den grellen Zuspitzungen von Social Media oft verloren gehen, sind tatsächlich in der Türkei entstanden. Erst jetzt fällt auf, wie geschäftig-gedrungen sich das Leben auf den Straßen Berlins oft abspielt. Wie belastet auch die Frauen immer wieder wirken. Hier ist Aufatmen. Vielleicht hat sich ja wirklich nichts geändert. Oder zumindest zu wenig. Zumindest was Deutschland in seinen Jahrzehnten als de facto Einwanderungsland betrifft.

Thomas Groh

Spielerinnen - Deutschland 2024 - Regie: Aysun Bademsoy - Laufzeit: 86 Minuten.