Im Kino
Den Geist fliegen lassen
Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
26.06.2024. Zwei Essayfilme beschäftigen sich mit der unverwüstlichen Dauer der Steine: Einer nutz Collagenform und Kaleidoskopeffekte, um eine wilde, assoziative Science-Fiction-Opera zu formen, der andere sucht den Rhythmus des eigenen Schaffens. Das Berliner Kino Arsenal zeigt in einem Doppelprogramm außergewöhnliche Arbeiten von Toshio Matsumoto und Deborah Stratman.
Ein von Kristallen durchzogener Gesteinsbrocken wird vor die Kamera gehalten. Dieser sei so alt wie das Universum und habe sich seitdem nicht verändert, erklärt eine Stimme aus dem Off. Die Zeitspanne seiner Existenz ist unvorstellbar. Dass auch seine Zusammensetzung über Milliarden von Jahren unverändert blieb, ist es noch mehr. Dieser Stein könnte einiges berichten - über den Urknall, das Universum, die Zeit - doch er hat keine Erinnerung, die er uns mitteilen könnte. Lediglich im Licht kann er funkeln, weshalb er leicht hin und her gedreht wird, damit er unaufhörlich blinkt. Es wirkt, als zwinkere er uns zu, als kokettiere er damit, seine Geheimnisse zu verraten, würde er nur lange genug untersucht und der richtige Schlüssel gefunden werden.
Das Bild entstammt Deborah Stratmans "Last Things", der am Sonnabend zusammen mit Toshio Matsumoto "The Song of Stone" im Zuge der Reihe "Animal, Mineral, Vegetable - Natur und Nichtmenschliches im Film" im Berliner Arsenal gezeigt wird. Ohne zu sehr in anthropomorph-esoterische Perspektiven abzugleiten, kann man doch sagen, dass in beiden Filmen die unverwüstliche Dauer der Steine im Mittelpunkt steht, gegen die die menschliche Komödie/Tragödie einem Wimpernschlag gleicht. Lachhaft kurz erscheint das menschliche Leben aus dieser Sicht.
Neben der stoisch-mineralischen Perspektive auf die Menschheit teilen sich beide Filme das Genre. Jeweils handelt es sich um Essayfilme mit Hang zum Kryptischen respektive Hypnotischen. Während der eine Wissenschaft, Collagenform und Kaleidoskopeffekte nutzt, um eine wilde, assoziative Science-Fiction-Opera zu formen, ist der andere eine persönliche Aufarbeitung des eigenen Schöpfungsprozesses. Wo der eine nach außen schaut und dort - im Kosmos - Unglaubliches und Sagenhaftes findet, Unvorstellbares, das die Fantasie beflügelt, kontempliert der andere und sucht den Rhythmus des eigenen Schaffens.
Matsumotos 25-Minüter ist der klarere der beiden Filme. Er besteht aus Fotografien. Auf ihnen ist das Dorf Aji abgebildet, das berühmt für seinen Granit ist. Die Fotos zeigen den Ort selbst, den Wald und die Berge darum herum, die Abbaustätten des Granits, die arbeitenden Steinmetze, ihre Produkte und vor allem den Stein und seine Struktur. Ein Off-Kommentar liefert einige wenige Informationen und erklärt, dass die Arbeit der Steinmetze einem Tötungsakt gleichkomme, der aber wieder neues Leben entstehen lässt. Hier der Fels (die Natur), aus der der Stein herausgeschlagen wird, dem damit Leid zugefügt wird. Da die Bearbeitung des Steins in eine Form, die ihm Bedeutung verleiht und deshalb wiederbelebt.
Nur dokumentiert Matsumoto mit seinen Fotografien nicht einfach, sondern macht sie zu seinem Stein, den er bearbeitet - nicht mit Klöpfel und Meißel, sondern mit Kamerafahrten und Schnitt. Die Bilder werden zum zu bearbeitenden Grund. Von Beginn weg gleitet die Kamera über die Fotos, die selten als Ganzes gezeigt werden. Sie werden abgesucht, verformt und dynamisiert. Der Schnitt hingegen bleibt lange unauffällig, wird aber zunehmend sinnhafter und expressiver, bis er mit der tröpfelnden Musik Kuniharu Akiyamas und den klopfenden Geräuschen der Steinmetze zu einem Sturm kulminiert. Schnell, im Rhythmus der Schläge, wird von Bild zu Bild geschnitten, bis die Bilderfolge kurz davor steht, zum Bewegtbild, zum Film zu werden. Aus der Fotografie, die einen toten Ausschnitt aus der Natur schlug, wird unter der Hand des Filmemachers/durch das Bewusstsein des Zuschauers etwas Lebendiges.

Im Gegensatz dazu ist es viel schwieriger, einzufangen, was in den 50 Minuten von "Last Things" passiert. Grob gesagt geht es um zwei Dinge. Erst wird die Dauerhaftigkeit des Gesteins etabliert, im Folgenden werden die Eindrücke gezeigt, die die Menschheit auf diesem hinterlassen hat. Höhlenmalereien auf sowie Tempel und Häuser im Stein gleichen Versuchen, sich der Dauerhaftigkeit des Materials zu bedienen und ihrer Habhaft zu werden, die aber nur noch die leeren Überbleibsel und das Erbe eines feuchten, vergänglichen Lebens zeigen. Im Grunde sind das gescheiterte Kristallisationen.
Zunächst ist da jedoch vor allem ein enormes Gewimmel. Wir sehen abstrakte Formen, Zeitrafferaufnahmen von Kristallisation, wissenschaftliche Abbildungen, Zeichnungen, anaglyphen 3D-Bilder (ohne dass wir eine rot-blaue 3D-Brille tragen würden), blinkende Minerale und Spiegel, symbolische oder auch banale Bilder und dokumentarische Aufnahmen. Farbe, Licht und Formen im stetigen Wechsel. Der Off-Kommentar ist ebenso heterogen. Er wechselt zwischen Englisch und Französisch und stellt ohne klaren Zusammenhang Aussagen von Wissenschaftlern oder Ausschnitte aus Werken von J.-H. Rosny gegenüber - einem der Begründer der Science-Fiction, der allerdings kein einzelner Schriftsteller war: tatsächlich ist Rosny das Pseudonym des Bruderpaars Joseph und Séraphin Boex. Fantastische Erkenntnisse stehen neben fantastischen Geschichten über Mineralienwesen. Beides soll das Unendliche greifbar machen - nur läuft der Film diesen Bestrebungen entgegen und verwandelt sie in die Splitter seines Kaleidoskops. (Die Quellenangaben im Abspann sind ein Taumel für sich.)
Eines der letzten Bilder in "The Song of Stone" zeigt einen Menschen von oben, der auf einem künstlichen, graniternen Untergrund steht. Deborah Stratmans Film verabschiedet sich von uns mit dem Eindruck einer Hand auf einem Felsen. Deutlich wird in diesen Schlussbildern, dass es eben nicht um Steine geht, sondern um eine Selbstbetrachtung, sowie um Verhältnismäßigkeiten. Das hier konzentrierte und dort wimmelnde Ergebnis ist, dass einerseits aus der Nichtigkeit etwas gewonnen werden kann oder dass andererseits gerade die eigene Flüchtigkeit im Angesicht des Steins als Chance begriffen werden kann, den Geist fliegen zu lassen.
Robert Wagner
The Song of Stone - Japan 1963 - OT: Ishi no uta - Regie: Toshio Matsumoto - Laufzeit: 24 Minuten.
Last Things - USA 2023 - Regie: Deborah Stratman - Laufzeit: 50 Minuten.
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