Im Kino
Spontane Schlau-Dummheit
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
27.11.2025. Ein Gefängnisausbrecher wird zum Phantom der Oper der örtlichen Toys "R" Us-Filiale, bevor er den Versuch unternimmt, eine neue bürgerliche Identität anzunehmen. Derek Cianfrances "Der Hochstapler - Roofman" überzeugt als Schauspielerkino - und als Liebeserklärung an die gefährdete Gattung "Filmstar".
"Er ist ein ungeheuer schlauer Typ, vielleicht gar ein Genie. Gleichzeitig ist er ein kompletter Idiot". So ein Gefängniswärter in einer Szene über Jeffrey Manchester (Channing Tatum), die Hauptfigur in "Der Hochstapler - Roofman". Das hört sich paradox an, der Clou dieser Beschreibung besteht jedoch darin, dass Klugheit und Dummheit sich in Wahrheit gar nicht gegenseitig ausschließen, keine zwei einander entgegengesetzten Pole auf einem Kontinuum namens Intelligenz sind, sondern als zwei qualitativ unterschiedliche Eigenschaften gedacht werden müssen. Die sich unter Umständen sogar gegenseitig verstärken. Auf Jeffrey Manchester - den es wirklich gibt; die Filmhandlung basiert, aber das ist das Uninteressanteste an ihr, auf einer wahren Geschichte - jedenfalls trifft das zu: Je schlauer er sich bei seinen Versuchen anstellt, den Gesetzeshütern ein Schnippchen nach dem anderen zu schlagen, desto hoffnungsloser manövriert er sich in eine reichlich dumme Lage.
Konkret: Jeffrey ist schlau genug, eklatante Mängel im Sicherheitskonzept von Fast-Food-Filialen zu erkennen und für seine Zwecke auszunutzen. Keineswegs ist er jedoch schlau genug, zu erkennen, dass seine Karriere als Burgerbratbuden überfallender Gentleman-Ganove auf die Dauer nicht kompatibel sein wird mit seinem Leben als braver Familienvater. Später ist er dann schlau genug, mit wenig logistischem Aufwand und komplett gewaltfrei aus dem Gefängnis auszubrechen; aber ganz und gar nicht schlau genug, sich auf die kategorische Einsamkeit vorzubereiten, die ein Leben jenseits einer gefestigten bürgerlichen Identität mit sich bringt.
Stattdessen, und hier beginnt "Der Hochstapler - Roofman" nach einer etwas überhastet anmutenden Anfangsphase erst wirklich, tauscht Jeffrey seine alte Identität gegen eine neue aus. Es beginnt mit einer Regression ins Kindliche, fast schon einer Wiedergeburt. Frisch aus dem Knast getürmt, besucht Jeffrey kurz vor Ladenschluss eine Filiale der Spielwarenkette Toys "R" Us; und nistet sich dauerhaft in ihr ein, zunächst im Lüftungsschacht, später in einem Kabuff hinter einem Raumteiler, das er mithilfe von Luftmatratzen, Spider-Man-Devotionalien und jeder Menge Süßigkeiten - andere Lebensmittel bietet Toys "R" Us nicht an - zu einer Art Anarcho-Kinderzimmer ausbaut.

Als Phantom der Oper im Reich der Plüschtiere und Modellbausätze tobt er fortan nachts ungestüm zwischen den Regalen herum; und auch tagsüber bleibt er nicht untätig, da er bald Wege findet, die Überwachungstechnologie des Geschäfts gegen dieses selbst zu wenden. Selbst unentdeckt, belauscht er die Gespräche der Angestellten, entwickelt eine veritable Abneigung gegen den tyrannischen, kleinwüchsigen Boss Mitch (Peter Dinklage) - und, vor allem, starke Sympathien für die blonde Angestellte Leigh (Kirsten Dunst). Der folgerichtige nächste Schritt: Jeffrey unternimmt erste, vorsichtige Schritte aus seinem zweiten Kinderzimmer heraus mit dem Ziel, selbst wieder Teil des bürgerlichen Lebens, des Lebens jenseits des Raumteilers, zu werden.
Charmant und linkisch wirken Jeffreys erste Annäherungsversuche an Leigh. Wie ein Teenager beim ersten Date, und es ist womöglich das Unfertige, Riesenbabyhafte an diesem mysteriösen, großgewachsenen Fremden, das Leigh schnell für Jeffrey einnimmt. Der sich jetzt nicht mehr Jeffrey nennt, sondern - eine weitere dieser schlau-dummen Ideen, die er andauernd hat - John Zorn. Immer gründlicher involviert er sich ins Leben Leighs und ihrer beiden Töchter, die ebenfalls nicht allzu lange Widerstand leisten gegen John/Jeffreys Charme-Daueroffensive; das Herz der Jüngeren gewinnt er bereits mit den ersten Computerspiel-Geschenkpaketen, die skeptischere Ältere, die in ihm durchaus den Weirdo erkennt, der er ist ("Ich hoffe, der Sex ist es wert", meint sie zu ihrer Mutter), lässt sich erst durch eine waghalsige Mutprobe überzeugen.
Ein Gaunerfilm ist "Der Hochstapler - Roofman" zu diesem Zeitpunkt und überhaupt über weite Strecken nur pro forma. Natürlich bleibt das Wissen um John/Jeffreys prekäre Situation stets präsent, aber Spannungsdramaturgien a la "Wie wird er wohl diesmal wieder entkommen?" interessieren Regisseur Derek Cianfrance kaum; auch das Überlebensgroß-Mythische, das in seinen älteren Filmen wie "The Place Beyond the Pines" mitschwang, ist diesmal weitgehend abwesend, oder höchstens als Kontrastfolie relevant. Stattdessen macht sich sein neuer Streich komplett mit der enthusiastischen Dumm-Schlauheit seiner - schon irgendwie mythischen, aber eben nur im Sinne eines heiligen Narren - Hauptfigur gemein, ist albern und enthemmt in den nächtlichen Supermarkteskapaden, spielerisch rührselig in den Familienszenen, tapsig-romantisch in den intimen Momenten mit Leigh. Zwischendurch schleichen sich regelmäßig und doch stets überraschend düsterere Töne in den Film, eine Melancholie der existentiellen Hilflosigkeit, die sich mal in einem beide Seiten überfordernden Blickwechsel zwischen John und Leigh, mal in der isolierten Großaufnahme eines sinnlos vor sich hin kichernden Kuscheltiers manifestiert.
Solange der Film diesen Schwebezustand eines Make-Believe, das seine eigene Unmöglichkeit nicht wahrhaben will, hält, ist er ziemlich phänomenal. Und zum Glück hält Cianfrance ihn ziemlich lang durch, so lang, dass das dicke Ende, in dem sich Realitätsprinzip auf arg konventionelle Weise wieder in sein Recht setzt, nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Soweit "Der Hochstapler - Roofman" funktioniert, funktioniert er zuallererst als Schauspielerkino. Kirsten Dunst zum Beispiel erhält jede Menge Gelegenheit, ihre Rolle jenseits bloßer Plotfunktionalität auszubauen; kein bloßes Love Interest ist ihre Leigh, vielmehr eine Frau, die die unerwartete Liebesgeschichte, die in ihr Leben einbricht, selbst als ein Spiel mit offenem Ausgang betrachtet. Kennedy Moyer wiederum, die Leighs jüngere Tochter spielt, kann man nach diesem phänomenalen Auftritt nur eine lange, reichhaltige Filmkarriere wünschen.
Vor allem jedoch ist "Der Hochstapler - Roofman" eine Channing-Tatum-Show. Ähnlich wie zuletzt Richard Linklaters "A Killer Romance" ist Cianfrances neuer Film eine hochreflexive Liebeserklärung an die vom Aussterben bedrohte Gattung "Filmstar". John/Jeffrey verdreht nicht nur Leigh den Kopf, sondern wickelt praktisch alle anderen Figuren im Film und natürlich auch uns im Publikum mit seinem Charme ein, und zwar so gründlich, dass bald niemand mehr auf oder vor dem Leinwand nach dem Warum und dem Wie soll das überhaupt funktionieren fragt. Filmhelden sind Gestalten, denen alles, was sie tun, leichter fällt als uns Normalsterblichen - und zwar gerade weil die Unmittelbarkeit ihrer Präsenz, ihre spontane Schlau-Dummheit nicht durch so etwas Prosaisches wie Selbstidentität gedeckt ist.
Lukas Foerster
Der Hochstapler - Roofman - USA 2025 - Regie: Derek Cianfrance - Darsteller: Channing Tatum, Kirsten Dunst, Peter Dinklage, Uzo Aduba, Kennedy Moyer u.a. - Laufzeit: 126 Minuten.
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