Im Kino

Ja, und dann wieder nein

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
11.11.2025. Eine Art Zauberberg im Harz ist Schauplatz von "Formen moderner Erschöpfung", einem Hybrid aus Dokumentarfilm und Fiktion. Am stärksten ist Sascha Hilperts Untersuchung historischer Formen des Umgangs mit psychischen Problemen in vermeintlich nebensächlichen Beobachtungen.

Geradezu zeitenthoben liegt das Sanatorium Dr. Barner inmitten des schneeverhangenen Harzgebirges - ein im frühen 20. Jahrhundert nach der Art weitläufiger Grand Hotels erbauter Gebäudekomplex, unweit des nahe gelegenen Brocken, zu dessen Füßen es sich als Erholungsangebot mit einer pittoresken Dampflok reisen lässt. Die Klinik hätte einen zum Verfassen des "Zauberbergs" inspirieren können, schrieb der Schriftsteller Hans Erich Nossack, einst ein Patient, über den Ort. Wenn das Buch nicht bereits schon existieren würde.

Auch zahlreiche andere prominente Gäste, seien es Paul Klee, Walter Kempowski oder Loriot, besuchten die Klinik. Beispielhaft bilden Nossacks Briefe einen der vorgelesenen Paratexte von "Formen moderner Erschöpfung". Darin nähert sich der Regisseur Sascha Hilpert dem bis heute fortbestehenden Sanatorium - einer deutschen Gesundungsinstitution vom Kaiserreich hin zur Weimarer Republik und später BRD, die mittlerweile ein privates Krankenhaus für Psychosomatik und Psychotherapie beherbergt - in der Form eines im Dokumentarischen verankerten Spielfilms. Ein kleiner Kreis von Patienten wird von Schauspieler*innen verkörpert: Nina (Birgit Unterweger) arbeitete, bevor sie unter Rivalitätsdruck ausbrannte, im Management einer Werbeagentur. Henri (Rafael Stachowiak) wollte einst Opernsänger werden, konnte aber den erhöhten Leistungsanforderungen im Studium nicht standhalten und klagt nun über Schwindelanfälle diffusen Ursprungs.

"Ja, und dann wieder nein", antwortet er auf die Frage einer Therapeutin, ob sich sein Zustand seit seinem Aufenthalt verbessert habe. Wie alle tatsächlichen Mitarbeitenden der Klinik, Ärzte und Reinigungskräfte, Psychiater und Kochpersonal, reagiert sie ohne Drehbuchanweisungen auf die erfundenen Patienten. Das ist die Versuchsanordnung des Films: durch kleine, fiktionale Interventionen wird die Klinik als vergangenheitssattes Gebäude und zugleich als zeitgemäße therapeutische Einrichtung sichtbar gemacht.


Schwerelos gleitet die Kamera durch die weitverzweigten Räume des Sanatoriums. Im Mitteltrakt bewohnen Henri und Nina Zimmer, deren Jugendstileinrichtung vom Sekretär zum Kanapee und der mit gewundenen Blumenmustern verzierten Tapete über unzählige Dekaden hinweg erhalten geblieben ist. Bei der Liegetherapie im Freien wird einem auf Wunsch noch die althergebrachte Wärmeflasche auf den Bauch gelegt.

Das Vergangene bergen und bewahren möchte auch die Historikerin Sarah Bernhard, eine Doktorandin an der Charité in Berlin, die in den Kellergewölben des Archivs über die mehr als ein Jahrhundert umspannende Geschichte der Klinik forscht. Sie spricht im Film ausführlich über die Entwicklung der Institution vom selbsternannten "Rekonvaleszentenheim für die gehobenen Stände" hin zur modernen psychosomatischen Klinik. Im langsamen Wechsel von den Ruhekonzepten des Bürgertums im frühen 20. Jahrhundert hin zum gegenwärtig dominierenden Achtsamkeitstopos spiegelt sich auch ein veränderter Blick auf die Auslöser menschlicher Erschöpfung: Versuchten Ärzte einst den durchs Großstadtleben geschädigten Menschen mithilfe rigoroser Einschränkung äußerer Reize ruhig zu stellen, konzentrieren sich gegenwärtige Ansätze ganz auf die inneren Ursachen von Nervosität und Unruhe.

So ganz mag "Formen moderner Erschöpfung" die Verschränkung von Dokumentarischem und Fiktion nicht immer gelingen. Zu offensichtlich illustrativ bedient sich Hilpert seiner Figuren, um unterschiedliche Therapiebausteine (pädagogische Waldspaziergänge, kunsttherapeutische Sitzungen und vieles mehr) beobachten und demonstrieren zu können. Ganz reizend ist der Film hingegen in vielen nebensächlichen, unverbundenen Details, die er im Vorübergehen einfängt. Dem Alkoholverbot innerhalb des Spitals trotzen die eingebildeten Patienten in einer Szene etwa damit, dass sie sich in die nahe Ortschaft Braunlage davonstehlen. Die dortige Gaststätte lockt mit einer alten, seit Jahrzehnten scheinbar direkt die Klinikflüchtigen adressierenden Leuchtinschrift, an der sich ablesen lässt, dass zum therapeutischen Heilsversprechen des Sanatoriums Dr. Barner auch traditionell der beherzte Regelbruch gehört: "Betreutes Trinken".

Kamil Moll

Formen moderner Erschöpfung - Deutschland 2025 - Regie: Sascha Hilpert - Darsteller: Birgit Unterweger, Rafael Stachowiak, Wolf List, Sarah Bernhardt u.a. - Laufzeit: 119 Minuten