Im Kino
Die weiten Himmel Pennsylvanias
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
17.09.2025. In Damian Harris' "Brave the Dark" lernt ein junger Mann, dass es auf die Dauer nicht möglich ist, vor dem eigenen Leben davon zu laufen. Ein Film wie eine Flaschenpost aus der Mitte Amerikas.
Aus einem kleinen Jungen, der vor etwas - fast könnte man meinen: vor der Kamera, die hinter ihm her fährt - wegrennt, in die stockfinstere Dunkelheit hinein, wird, ganz am Anfang des Films, in einem einzigen Schnitt, ein junger Mann (Nicholas Hamilton). Auch der junge Mann rennt, aber sein Rennen ist keine Flucht, zumindest auf den ersten Blick nicht, sondern Training. Die Kamera ist jetzt vor ihm platziert. Vermeintlich selbstsicher läuft er nicht mehr vor unserem Blick fort, sondern auf uns zu. Nate heißt er, und er lebt im ländlichen Pennsylvania, wo er die örtliche High-School besucht. In der Schule gehört er zwar zu den Coolen, aber seine Nächte verbringt er in einem Auto. Wohungslos in einer Kleinstadt. Kein leichtes Leben.
Der Film spielt in den 1980ern, geht mit seinem zeithistorischen Setting allerdings nicht hausieren. Keine "ikonischen" needle drops, kein Schaulaufen vergessener Modescheusslichkeiten. Auf den Fluren der High-School, in der große Teile des Films spielen, reden die Schüler über Miami Vice statt über TikTok-Stars, das war's auch schon. Mit der allgegenwärtigen Nostalgiewelle hat "Brave the Dark" nichts zu schaffen. Der Abstand zur Gegenwart und vor allem die weitgehende Abwesenheit von Digitalem machen dennoch etwas mit dem Film. Der Umgang der Schüler untereinander ist einigermaßen rauh-körperlich, noch nicht durch Unterhaltungselektronik mediiert. Die regelmäßigen Rückblenden in Nates Kindheit werfen uns in eine noch einmal schroffere, fast schon vormoderne Welt, in eine Welt, in der man Angst haben muss, nicht wieder aus dem Maisfeld, das hinter dem Haus beginnt, zu finden, wenn man sich einmal hinein gewagt hat.
Nate hat es geschafft, nicht im Mais verloren zu gehen, der Rückblendenwelt in Richtung Zivilisation zu entkommen. Aber nur gerade mal so. Die Haare, die ihm verwegen in die Stirn fallen, und die James-Dean-Gedächtnis-Lederjacke bezeichnen ihn als einen Rebell. Beziehungsweise als einen derer, die, in der James-Dean-Tradition, nicht wissen, was sie tun. Nates Aufbegehren ist eine Blindheit dem eigenen Leben gegenüber. Der Film ist zwar mit Nate, aber nicht mit seiner Rebellion solidarisch. "I'm not a bad guy" ruft er seiner ausgesprochen hübschen Freundin (Sasha Bhasin) zu, während die Polizei ihn abführt. Nate hat Scheiße gebaut. Das ruft Stan Deen (Jared Harris) auf den Plan.

Stan ist einer, der zu Hause ungesunde Mahlzeiten einsam vor dem Fernseher verzehrt und bei der Arbeit rebellischen Jungs Schokolade zusteckt. Später holt er Nate aus dem Knast, nimmt ihn bei sich auf. Ein schrulliger, zwar im Ort beliebter, aber sozialunsicherer Mann, dessen Annäherungsversuchen an einen gutaussehenden jungen Mann, der wiederholt mit nacktem Oberkörper zu sehen ist, man in den meisten anderen Filmen misstrauen würde. In "Brave the Dark" hingegen besteht von Anfang an kaum ein Zweifel daran, dass wir es keineswegs mit einem Schokoladenonkel der abgründigen Sorte zu tun haben. Vielmehr: mit einem Menschen, der gelernt hat, die eigene Nichtperfektion zu akzeptieren. Der gelernt hat, dass zu sich selbst zu finden nicht notwendigerweise heißt, sich im eigenen Narzissmus zu verkriechen.
Nate und Stan, das ist die Beziehung, die den Film interessiert, alles andere, selbst die Rückblenden, bleibt Staffage. Sie misstrauen sich, streiten sich, raufen sich wieder zusammen, feiern gemeinsam Weihnachten. Außerdem lässt Stan Nate bei einer Schultheatervorführung, die er produziert, mitwirken. Aber nicht auf, sondern hinter der Bühne, als Set-Dekorateur. Die Gesten, auf die es ankommt, sind klein, sie exponieren nicht das Selbst, sondern orientieren sich hin zur Gemeinschaft.
Prosoziale kinematografische Seelenklempnerei, angetrieben von handwerklichem Ethos. Angeblich nur 200.000 Dollar hat der Film gekostet, ganz glauben kann man das kaum. Kameramann Julio Macat etwa, der unter anderem "Kevin allein zu Haus" fotografierte, wird nicht für Taschengeld zu haben sein. Tatsächlich schaut der Film teils ziemlich toll aus, insbesondere wenn er die weiten Himmel Pennsylvanias ins Bild rückt. Low-Budget-Charme im besten Sinne wiederum versprühen einige Nebendarsteller, insbesondere Will Price als Nates linkischer Freund Johnny - eine toll derangierte Coolnessperformance.
Die produzierende Firma, Angel Studios, ist vor allem für sogenanntes faith based cinema bekannt, also für Filme mit im Weiteren Sinne religiösen Themen und einer gewissen didaktischen Schlagseite. Auf "Brave the Dark" passt beides nicht so recht, und doch ist der Film meilenweit entfernt von all dem, was die Produktion der großen Studios derzeit prägt: schriller Hochglanzstil, Popkulturemphase und eskalierende Selbstverwirklichungsrhetorik. Preachy ist er nicht, auf eine altmodische Art uplifting hingegen sehr wohl. Ein Film wie eine Flaschenpost aus einem Ort, den es angeblich nicht mehr gibt: der Mitte Amerikas.
Lukas Foerster
Brave the Dark - USA 2023 - Regie: Damian Harris - Darsteller: Jared Harris, Nicholas Hamilton, Jamie Harris, Will Price, Sasha Bhasin - Laufzeit: 112 Minuten.
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