Im Kino
Vom Rand der Lichtung
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
11.06.2025. Lebendig und vielstimmig sind die Eindrücke, die Alice Diop in ihrem Dokumentarfilm "Nous" einfängt: Ihre Porträts von Menschen, die allein durch die Strecke des RER B vom Pariser Südwesten bis in den Nordosten verbunden sind, ergeben sie ein Bild der französischen Gesellschaft der Gegenwart.
Der Tag hat noch nicht richtig begonnen, als sich Ismael Soumaïla Sissoko aus dem Lieferwagen schält, in dem er wohnt, und in einen zerbeulten PKW wechselt. Kurz darauf sitzt er mit müden Augen in einer Bar und rührt mit einem Holzspatel in einem Plastikbecher mit Kaffee. Später schraubt er mit zwei Kollegen unter freiem Himmel an Autos. Direkt neben der Freiluftwerkstatt fährt eine Regionalbahn. Die französische Regisseurin Alice Diop porträtiert in ihrem Dokumentarfilm "Nous" ("Wir") Menschen entlang des RER B, der die Île-de-France vom Südwesten bis zum Flughafen Charles de Gaulle im Nordosten durchquert. 2021 lief der Film in der Sektion Encounters auf der Berlinale und gewann dort den Hauptpreis. Aktuell ist der Film Teil der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung.
Diop wurde 1979 in Aulnay-sous-Bois im Norden von Paris geboren. Ihre Eltern waren in den 1960er Jahren aus dem Senegal nach Frankreich übergesiedelt. Sie studierte Geschichte und visuelle Soziologie und wandte sich dann mit einem Studium an der Pariser Filmhochschule La Fémis dem Dokumentarfilm zu. 2022 realisierte sie ihren ersten Spielfilm "Saint Omer", der im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig seine Weltpremiere feierte.
Wie beiläufig markiert "Nous" in seinem Panorama von Lebenswirklichkeiten in der Umgebung von Paris gesellschaftliche Bruchlinien und Konflikte. Während Sissoko an einem der Autos schraubt, telefoniert er per WhatsApp mit seiner Mutter in Mali und erzählt ihr von seinem Leben in Frankreich. "Sie sind gemein zu uns, obwohl wir nur hier sind, um zu arbeiten." 20 Jahre war er nicht mehr in Mali, jetzt kann er es nicht erwarten, bis er wieder hinkommt. Der frühmorgendliche Bahnhof Sevran-Beaudottes im Nordosten von Paris und die Passagiere, die auf den ersten Zug warten, wecken in der Regisseurin Erinnerungen an ihre verstorbene Mutter Rokhaya, die als Putzfrau frühmorgens aus dem Haus musste, bevor sie selbst wach war. Ein kurzes Familienvideo evoziert das Familienleben in einer Zeit, als die Mutter noch am Leben war.

Der Kontrast dieser Realitäten könnte nicht größer sein zu einigen der anderen Szenen des Films. Zu Beginn starrt eine weiße Familie von einem Rand der Lichtung zum anderen und lauert auf Tiere - immerhin findet die Jagd einstweilen nur mit Fernglas und Kamera statt. In der Kathedrale von Saint-Denis, in der seit dem 10. Jahrhundert französische Könige begraben wurden, erinnert ein Gottesdienst an Louis XVI., der im Zuge der Französischen Revolution 1793 hingerichtet wurde. Das Publikum bei dieser Feier des katholisch-monarchistischen Frankreichs der Vergangenheit ist fast ausnahmslos weiß, der Kleidung nach zu urteilen mehr oder weniger wohl situiert und umfasst alle Generationen - auch wenn Menschen fortgeschrittenen Alters deutlich in der Mehrheit sind. Zwischen den Menschen, die "Nous" zeigt, liegen Welten. Und doch sind sie nicht nur durch die Strecke des RER B verbunden, sondern auch allesamt Teile eines Gemeinsamen, der Gesellschaft des Frankreichs der Gegenwart.
Diop verschränkt ihr Panorama der französischen Gesellschaft mit ihrer Familiengeschichte. Neben den Videoaufnahmen ihrer Mutter, gibt es später auch noch Aufnahmen ihres Vaters. Nach Aussage der Regisseurin ihre ersten Filmaufnahmen, die ihren Weg als Filmemacherin prägen sollten. Eine der Szenen zeigt den Vater in einem Sessel im Wohnzimmer. In seinen Händen hält er das Schiffsticket, mit dem er 1966 aus dem Senegal nach Marseille kam.
"Nous" ist ein äußerst lebendiger und vielstimmiger Film, der das Leben in der Umgebung von Paris in großer Vielfalt dokumentiert. Viele der Szenen zeigen menschliches Miteinander - ob in der Zufallsgemeinschaft der Fahrgäste des RER B, beim monarchistischen Gottesdienst, in Diops eigenen Familienvideos oder in einer Szene in einem Pflegeheim etwa in der Mitte des Films. Nur die Räume der Gedenkstätte für das Sammellager Drancy, von wo aus über 60.000 französische Jüdinnen und Juden in deutsche Vernichtungslager deportiert wurden, sind in dem Film komplett leer. Hier legen nur die Stimmen aus den Monitoren der Ausstellung Zeugnis ab.
Fabian Tietke
Nous - Frankreich 2021 - Regie: Alice Diop - Laufzeit: 115 Minuten.
Hier in voller Länge auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung.
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