Im Kino
Lose Kanone
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
11.06.2025. Zumindest am Anfang ist "Straw", Tyler Perrys neuer Netflix-Film, "kitchen sink"-Kino reinsten Wassers. Eine Banküberfallgeschichte, aber kein knallharter Großstadtthriller - Perrys Filme beginnen und enden im Zwischenmenschlichen.
Essensreste und angebrochene Medikamentenpackungen auf dem Nachttisch, durch die Wände schallt Hip-Hop, der Deckenventilator quietscht mehr, als dass er kühlt. Nicht allzu oft bekommt man im amerikanischen Mainstreamkino solche Wohnverhältnisse, die für viele Millionen Alltag sind, zu sehen. Auch Tyler Perry siedelt seine in den USA überaus populären, im Rest der Welt weitgehend ignorierten Komödien und Dramen ansonsten oft im - bei ihm stets schwarzen - Mittelklasseamerika an. Sein neuer Netflix-Film "Straw" jedoch beginnt as kitchen sink as it gets.
Und bleibt, einiger Perry-typischen erzählerischen Wendungen zum Trotz, auch im weiteren Verlauf einer working class-Lebenswelt und dem zugehörigen Ethos verpflichtet. Janiyah Wiltkinson (Taraji P. Henson), die zu Beginn unter dem quietschenden Ventilator schläft, ist eine allein erziehende Mutter, nach dem Aufstehen liefert sie ihre Tochter in der Schule ab und macht sich auf zu ihrer Arbeit als Supermarktkassiererin. Unterwegs weitere Anzeichen einer prekären Existenz: eine fällige Zahlungen einfordernde Vermieterin, ein obdachloser Mann im Rollstuhl, für den immerhin noch ein paar Kleingeldmünzen übrig sind, das Klapperauto funktioniert noch, aber wer weiß wie lange.
Praktisch jede zwischenmenschliche Interaktion, das gehört zur dargestellten Welt unbedingt dazu, ist überformt von Aggression, Genervtheit, Überforderung. Keine Zeit, kein Geld, kein Lächeln. Oder doch, immerhin ein Lächeln, Janiyah geschenkt von ihrer Arbeitskollegin im Supermarkt. Der Beginn eines Motivs, das später immer wichtiger werden wird: die Solidargemeinschaft schwarzer Frauen.
Aber erst einmal muss der Plot in Gang kommen. Die Tochter braucht Geld fürs Mittagessen. Eine weitere, ungeplante Autofahrt. Dann geht es Schlag auf Schlag. Ein wildgewordener weißer Polizist drängt Janiyah lebensbedrohlich von der Straße ab. Janiyah kommt zu spät zur Arbeit zurück. Job weg. Wohnung kurz darauf ebenfalls weg. Und wiederum kurz darauf hat Janiyah eine Pistole in der Hand und zwei Menschen sind tot.

Letzteres ist der Punkt, an dem der Sozialrealismus sich aus- und die Tyler-Perry-Erzählmaschinerie sich einklinkt. Einen ganzen Film lang nur kitchen sink-Tristesse, das geht nicht in Perry-Land. Auf einen knallharten Thriller will er mit "Straw" freilich erst recht nicht hinaus, obwohl sein Film alsbald in eine Banküberfall- und Geiselnahmegeschichte hinein schlittert, zeitweilig gar eine Bombendrohung im Raum steht, die Polizei, später auch das FBI auf der Bildfläche erscheinen. Mittendrin stets Janiyah, von der streckenweise völlig unberechenbar durch den Bildraum taumelnden Taraji P. Henson - eine lose Kanone mit loser Kanone in der Hand - gekonnt exaltiert und barock spielfreudig verkörpert.
Motivisch stehen hier und da durchaus Großstadt-Spannungsfilme wie "The Taking of Pelham One Two Three" und vor allem "Dog Day Afternoon" Pate. Die ihren speziellen Reiz jedoch aus einer Spannung ziehen zwischen der Einsamkeit individueller Handlungsmacht und einer systemischen Gewalt, die vom Einzelnen gerade absehen muss im Namen abstrakter Ziele. Eben diese Spannung lässt Perry nicht gelten.
Seine Filme beginnen und enden im Zwischenmenschlichen. Janiyah hatte einen beschissenen Tag, überhaupt ist sie, wie viele schwarze Frauen da draußen, verdammt müde, und genau das will sie der Welt klarmachen. Der Welt, also den Menschen. Es geht ihr, wird sie nicht müde zu betonen, nicht um die Waffe, die sie freilich dennoch nicht aus den Händen gibt, es geht ihr schon gar nicht um das Geld, das man nicht müde wird, ihr aufzudrängen. Sie will nur, was ihr zusteht. Vor allem will sie "gesehen werden".
Sie wird gesehen. Konkret von den Polizisten, die die unfreiwillige Geiselnehmerin umstellen und per remote-Kameras beobachten, bald gar von einer Fernsehöffentlichkeit, die - eine Art erweitertes Stockholm-Syndrom - für Janiyah Partei ergreift, nicht für die Menschen, die sich in Janiyahs Gewalt befinden. Noch konkreter wird sie von einer Reihe schwarzer Frauen gesehen, die sich allesamt, die einen mehr, die anderen weniger, in ihr wiedererkennen. Und daraus den Schluss ziehen: Was es hier braucht, ist keine systemische, sondern eine individuell-empathische Lösung.
Es geht in "Straw" durchaus auch um rassistische Polizeigewalt, darum, dass Frauen und das, was sie für den Zusammenhalt des Sozialen leisten, gering geschätzt werden, um unmenschliche Verhältnisse an gleich mehreren Arbeitsplätzen; aber es geht um all das eben nicht im Modus der Gesellschaftskritik. Vielmehr bricht der Film soziale Zusammenhänge herunter auf Probleme, die einzelne Menschen mit einzelnen Menschen haben. Darin liegen seine Grenzen, aber auch seine Schönheiten.
Schön ist "Straw" zum Beispiel stets dann, wenn Detective Kay Raymond ins Spiel kommt. Eine Glamour-Göttin, die denkbar radikal mit jedem Restrealismus bricht, wenn sie mit perfekt sitzender Frisur und kehliger Stimme zwischen anderen Uniformierten herumspaziert und sich von Anfang an bedingungslos mit Janiyah anstatt mit der Institution, der sie selbst angehört, solidarisch erklärt. Gespielt wird Kay Raymond von Teyana Taylor, hauptsächlich aktiv als Sängerin und Model und eher nebenbei als Schauspielerin. Dass Perry seinen Film ansonsten betont zurückhaltend inszeniert, bis kurz vor Schluss nur punktuell mit Filmmusik arbeitet und deutlich weniger als sonst auf hanebüchene Drehbuchwendungen setzt (eine besonders hanebüchene müssen wir kurz vor Schluss freilich dennoch durchstehen), unterstreicht die außerirdische Aura dieser Figur. Sie ist, was Amerika, die Welt, wir alle brauchen: eine Superheldin der Menschlichkeit.
Lukas Foerster
Straw - USA 2025 - Regie: Tyler Perry - Darsteller: Taraji P. Henson, Sherri Sehepherd, Teyana Taylor, Sinbad, Rockmond Dunbar - Laufzeit: 108 Minuten.
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